Die Busreise
Angelika fährt mit dem Bus
Du bist Angelika. Drei Wochen nach deinem achtzehnten Geburtstag ist dein Vater auf der Arbeit tot umgefallen. Tragisch, oder? Es wird schlimmer. Der liebe alte Dad war ein toller Typ, aber schlecht mit Geld, was bedeutet, dass du nicht nur deinen Dad verlierst, sondern auch dein Haus und so ziemlich alles andere.
Wenn du ein paar Stipendien bekommen hättest, hättest du vielleicht aufs College gehen können, aber diese schicken Unis dachten nicht, dass du kein College-Typ bist. Nicht, dass du nicht schlau bist, du hast dich einfach nie richtig aufs Lernen konzentriert.
Dein Job als Kellnerin in einem McDonalds Restaurant wird die Rechnungen nicht bezahlen. Deine einzige Hoffnung ist, zu deiner weit entfernden Mutter zu ziehen. Nach Dresden. Du hast sie seit fast zehn Jahren nicht gesehen und seit fünf Jahren nicht mit ihr geredet.
„Klar, du kannst bei mir bleiben, Angi. Tut mir so leid zu hören, dass dein Vater gestorben ist“, war absolut nicht das, was deine Mom, die Schlampe, gesagt hat.
„Tot?“ sagt sie und flucht weg vom Telefon. „Was bedeutet das, muss ich zur Beerdigung kommen?“
„Das war vor ein paar Wochen“, sagst du und versuchst, die Tränen zurückzuhalten. „Die Sache ist, ich brauch einen Platz zum Bleiben. Ich verlier das Haus und ich verdien nicht genug Geld, um über die Runden zu kommen.“
Stille am anderen Ende.
„Ich hab gerade das Gymi fertig“, fügst du hinzu.
„Also bist du achtzehn?“ sagt deine Mutter. „Du bist nicht fett geworden, oder?“
Du schaust runter auf deinen wohlgeformten Körper. Nicht fett, kein bisschen, aber du bist definitiv vom Kind zur Frau geworden. Deine strammen D-Cups füllen ein Crop-Top aus und deine Jeans-Shorts umarmen eine breite Hüfte und einen festen, runden Arsch. Deine langen Beine kriegen im McDonalds viel Aufmerksamkeit. Eine der Mädchen hat dir gezeigt, wie man den Bund der Uniform hochrollt, damit der Rock viel höher ist. Mehr Trinkgeld so.
„Nein, Mom“, sagst du. „Die Leute sagen mir, ich bin hübsch.“
„Du kommst nach mir“, sagt deine Mutter.
Sie hat recht. Rote Haare, blaue Augen, fast model-schön, aber ein bisschen Hillbilly ist in dein Blut geraten. Du hast volle Lippen und Sommersprossen, die du manchmal mit Makeup versteckst. Nicht die Wangenknochen eines Runway-Models. Eher wie eines der Mädchen aus einem schmutzigen Film.
„Okay“, sagt deine Mom. „Ich schätze, du kannst bei Markus mit uns in der Wohnung bleiben.“
Markus, der Mann deiner Mom seit etwa drei Jahren, ist ein kräftiger, bärtiger Trucker-Typ. Du hast ihn nie getroffen, aber deine Mom hat dir mal ein Bild geschickt. Er sah aus wie einen halben Schritt von einem Hell’s Angel entfernt.
„Ich verbring die meisten Nächte auf der Ranch“, fährt deine Mutter fort, „also musst du dir einen Job suchen. Ich kann dir einen finden. Muss dich von Markus fernhalten, sonst ist er hinter dir her.“
Es ist lustig, sich vorzustellen, dass deine Mutter auf einer Ranch arbeitet. Sie hat nie wie ein Farm-Mädchen auf dich gewirkt. Die Idee von ihr mit Makeup und perfekt gestylten Haaren, wie sie Pferdemist schaufelt oder Schafe einfängt oder so, bringt dich zum Lächeln. So ein Leben könnte dir aber passen. Du warst nie gegen harte Arbeit.
„Alles klar, Mom“, sagst du. „Wir sehen uns in ein paar Tagen.“
Du hast gerade genug Geld für ein Busticket. Der Bus fährt fast um eins in der Nacht vom Busbahnhof ab. Viele zwielichtige Gestalten sind nachts unterwegs. Du ziehst deinen Mantel eng um dich und schiebst deine Taschen auf den Schoß.
Zum Glück kommt der Bus bald. Du verstaust dein Gepäck bis auf deine Handtasche und steigst mit dem Ticket die Stufen hoch. Wenn du von vorne nach hinten im Bus schaust, siehst du nur zwei freie Sitze. Einer ist neben einem kahl werdenden weißen Typen in einem billigen Anzug, der zu schlafen scheint. Der andere, ganz hinten im Bus, ist neben einem jungen nerdigen Typen, der gerade in sein Phone vertieft ist. Er trägt eine Windjacke, ein T-Shirt von irgendeiner Bar in Miami und blaue Jeans.
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