Kapitel 5

Zerrissene Stoffe, zerrissene Kontrolle

Chapter 5 by Hammersbald

Die Dunkelheit im Pavillon war erdrückend. Ferdinand leuchtet mit seinem Handy die Wände ab – Glas, überall Glas. Der viktorianische Winterpavillon war offenbar Tante Johannas persönlicher Rückzugsort gewesen, komplett mit schmiedeeisernen Verzierungen und Buntglasfenstern, die im Handy-Licht gespenstisch glühten.

„Die Tür ist von außen verriegelt“, stellte Katharina fest und rüttelte am Griff. Ihre nassen Haare klebten an ihren Schultern, Wassertropfen liefen ihren Hals hinunter, verschwanden im Ausschnitt ihres Kleides.

Ferdinand versuchte krampfhaft, nicht hinzusehen. Versuchte es. Scheiterte grandios.

„Es muss noch einen anderen Ausgang geben“, murmelte er und ging in die Hocke, leuchtete den Boden ab. „Diese Geheimgänge… sie verbinden sich normalerweise wie ein Spinnennetz.“

„Wie praktisch, dass Sie das wissen.“ Katharinas Stimme triefte vor Sarkasmus. „Als ob Sie Erfahrung mit… Geheimgängen hatten.“

Mehr als du ahnst, dachte er, während sein Finger über die kalten Steinplatten tastete. Dort – eine kaum sichtbare Ritze im Boden.

„Hier!“ Er drückte gegen die Platte. Sie gab nach, hob sich leicht. Darunter: eine schmale Treppe, die in die Dunkelheit führte.

„Oh, fantastisch“, seufzte Katharina. „Noch ein gruseliger Gang. Als wäre dieser Tag nicht schon beschissen genug.“

Sie trat neben ihn, beugte sich vor, um in die Öffnung zu leuchten – und Ferdinand hatte für einen herzstillenden Moment den perfekten Blick direkt in ihr Dekolleté. Nasser Satin, der an ihrer Haut klebte. Die Rundung ihrer Brüste. Der Ansatz ihres BHs, schwarz, Spitze, wahrscheinlich französisch und definitiv zu teuer für seine geistige Gesundheit.

Sein Schwanz meldete sich sofort wieder zum Dienst.

„Nach Ihnen, Hauptkommissar“, sagte Katharina mit einem spöttischen Lächeln.

Ferdinand nickte stumm und stieg in die Öffnung. Die Treppe war steil, rutschig von Feuchtigkeit. Er hörte Katharina hinter sich – ihre Schritte, ihr leises Fluchen, als sie mit den Händen die Wand abtastete.

„Hätte ich gewusst, dass Helenas Hochzeit so wird, hätte ich vernünftige Schuhe angezogen“, murrte sie.

Der Gang war noch enger als der vorherige. Ferdinand musste sich bücken, und hinter ihm spürte er Katharinas Atem in seinem Nacken, warm, schnell.

Denk an Edmund. Denk an Brigittes Schminkgesicht. Denk an die Tote Johanna. Denk an…

„Autsch! Verdammt!“

Katharina war gegen ihn gestoßen, ihre Brüste gegen seinen Rücken gepresst.

„Entschuldigung“, keuchte sie. „Ich hab die Stufe nicht gesehen.“

Ferdinand konnte nicht antworten. Sein Mund war zu trocken. Seine Hose zu eng. Sein Gehirn hatte den Dienst quittiert.

Der Gang führte weiter, machte eine scharfe Biegung – und plötzlich öffnete er sich zu einem breiteren Raum. Ferdinand leuchtet umher. Alte Weinfässer, verstaubte Kisten, ein paar antike Möbel.

„Das muss unter dem Haupthaus sein“, sagte Katharina. „Wenn wir—“

RRRIIIIISSSS.

Ein lautes, unverkennbares Geräusch von zerreißendem Stoff.

„Scheiße!“ Katharina steht stocksteif da.

Ferdinand drehte sich um – und erstarrte.

Ihr Kleid hatte sich an einem hervorstehenden Nagel eines alten Holzregals verfangen. Ein langer Riss zog sich von der Hüfte bis schnell zum Saum. Und durch diesen Riss… oh Gott… war ihre komplette rechte Seite sichtbar. Die Rundung ihrer Hüfte. Der schwarze G-String. Ein Stück ihres perfekt flachen Bauches.

„Das… das war ein Designerkleid“, stammelte sie und starrte fassungslos auf den Schaden. „Dreieinhalbtausend Euro. DREIEINHALBTAUSEND!“

Ferdinand stand da wie versteinert, das Handy in der Hand, der Lichtstrahl direkt auf… nein, weg da, du Idiot!

„Ich… äh…“ Seine Stimme funktionierte nicht.

Katharina versuchte verzweifelt, den Stoff zusammenzuhalten, aber es war aussichtslos. Bei jeder Bewegung rutschte das Kleid weiter auf, drohte komplett den Dienst zu versagen.

„Haben Sie vielleicht… irgendwas… womit ich…?“ Sie sahen ihn an, und zum ersten Mal an diesem Abend sah er echte Verlegenheit in ihren Augen.

Ferdinand riss sich zusammen. „Mein Jackett.“

Er zog es aus – das verdammte Jackett, das ihn den ganzen Abend gerettet hatte – und reichte es ihr.

Aber Katharina musste beide Hände benutzen, um es zu nehmen. Das bedeutet: Sie ließen das zerrissene Kleid los.

Für einen Moment – ​​einen einzigen, endlosen, ewigen Moment – ​​rutschte der Stoff komplett zur Seite.

Ferdinand sah alles.

Ihre Brüste, perfekt rund, fest, die Brustwarzen hart von der Kälte. Den flachen Bauch. Die Kurve ihrer Taille. Den schwarzen Spitzen-BH, der eigentlich fast nichts verdeckte, aber alles versprach.

Seine Welt steht still.

Sein Atem stockte.

Sein Schwanz wurde so hart, dass es schmerzte.

Katharina schnappte das Jackett, hielt es sich vor die Brust, ihre Wangen plötzlich knallrot. „Haben Sie gerade… haben Sie gerade geglotzt?!“

„Ich… nein! Ich meine… unabsichtlich… das Licht…“ Er stolperte über seine eigenen Worte wie ein Teenager.

„Drehen Sie sich um!“ Deine Stimme war schrill.

Er hörte sofort, drehte sich zur Wand, sein Herz hämmerte wie eine Dampfmaschine.

Hinter ihm hörte er Rascheln, Fluchen, dann: „Okay. Sie können sich umdrehen.“

Ferdinand drehte sich vorsichtig um.

Katharina trug jetzt sein Jackett – viel zu groß, die Ärmel hingen über ihre Hände, aber es bedeckte nur das zerrissene Kleid. Deine Beine waren immer noch nackt, endlos lang, aber immerhin…

„Kein Wort“, zischte sie. „Kein einziges Wort über das, was Sie gerade gesehen haben.“

„Ich habe nichts gesehen“, meldet sich automatisch.

„Lügner.“ Aber ein winziges Lächeln zuckerte um ihre Lippen. „Kommen Sie. Suchen wir den Ausgang, bevor ich mich noch mehr blamiere.“

Sie gingen weiter, diesmal nebeneinander. Katharina zog das Jackett enger um sich, und Ferdinand versuchte verzweifelt, das Bild ihrer nackten Brüste aus seinem Kopf zu verbannen.

Erfolglos.

Absolut erfolglos.

Der Gang führte zu einer weiteren Treppe – diesmal nach oben.

„Das müsste zum Haupthaus führen“, murmelte Ferdinand.

Sie stiegen hinauf. Die Treppe endete an einer Tür. Ferdinand drückte dagegen – sie öffnete sich mit einem leisen Knarren.

Sie stehen in einem kleinen, dunklen Raum. Regale voller Bettwäsche. Ein Wäscheschrank.

„Wir sind im Haus“, flüsterte Katharina.

Ferdinand öffnete vorsichtig die nächste Tür – und sie standen im Flur des ersten Stocks. Alles war immer noch. Nur das leise Ticken einer Standuhr.

„Die Statue“, sagte Katharina plötzlich. „Wir haben sie im Pavillon gelassen!“

„Jemand wollte, dass wir sie finden“, antwortete Ferdinand. „Das war eine Falle. Um uns aus dem Haus zu locken.“

„Aber warum?“

„Um währenddessen… etwas anderes zu tun.“

Ihre Blicke trafen sich.

Gleichzeitig rannten sie los – den Flur entlang, die Treppe hinunter, zum Salon.

Die Tür steht offen.

Drinnen: Chaos.

Alle Verdächtigen durcheinander. Edmund stand bleich an der Wand. Olga schreit auf Polnisch. Helena heulte. Markus versuchte sie zu beruhigen. Brigitte und Cornelius flüsterten hektisch miteinander.

Und in der Mitte des Raums, auf dem Boden, mit einer blutigen Wunde am Kopf:

Cornelius von Felsenstein.

Bewustlos.

„Scheiße“, murmelte Ferdinand.

Katharina, immer noch in seinem viel zu großen Jackett, mit zerzaustem Haar und verschmiertem Make-up, sah aus wie eine rachsüchtige Göttin.

„Alle bleiben, wo sie sind“, befahl sie mit eiskalter Stimme. „Ab jetzt redet niemand mehr, ohne dass ich es erlaube.“

Ihr Blick wanderte zu Ferdinand.

Und in diesem Blick lag eine Frage: Vertraue ich dir? Oder bist du der Täter?

Ferdinand wusste die Antwort selbst nicht mehr.

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