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Chapter 6 by Reyhani Reyhani

Wofür entscheidet sich Theresa?

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Theresa hatte sich entschlossen, die Zeit zu nutzen und noch ein wenig den Zettelkasten zu erkunden. Melinda schien nicht böse darüber. Sie habe eh noch etwas zu erledigen, sagte die Bibliothekarin, und hielt dabei einen tragbaren Kassettenrekorder hoch, mit dem sie aus dem Direktionszimmer zurückgekommen war. Dabei zwinkerte sie Theresa zu, als wolle sie sagen: "Na dann, viel Spaß uns beiden!" Als Theresa wieder allein war zog den nächsten Brief aus dem Schubkasten: 7. März 1764, Brief an Cousine Maria Johanna Franziska Hyacintha Walburgis; Diebstahl im Damenstift


Geliebte Cousine,

endlich ist das Stift wieder zur Ruhe gekommen dank unserer Tante, der Äbtissin, die mit fester Hand eine Kabale der Sappho-Jüngerinnen unterdrückt hat. Ihr werdet es kaum glauben, daß auch wir nicht von den Ränken verschont werden, die sonst nur von Hofe bekannt sind. Waren diese auch beunruhigend für mich – es ging um nichts weniger, als meine neu erworbene Stellung unter den angesehensten Damen im Stift zu untergraben –, so habe ich sie doch wenigstens als Lehrstunden in den politischen Künsten und der Philosophie für sehr nützlich befunden.

Die ganze affaire drehte sich um den mir zur Obhut übertragenen Hort besagter Instrumente, von denen ich Euch in meinem letzen Brief so ausführlich berichtet habe. Eines Abends, als ich ein mir besonders liebgewonnenes Exemplar für den nächtlichen Gebrauch entnehmen wollte, fand ich den bekannten Kasten leer vor. Zunächst glaubte ich an ein Versehen, aber als auch die Befragung des Zimmermädchens keine Aufklärung in der Sache brachte, war évident, daß uns übel mitgespielt worden war. Meine liebe Freundin, Frau von C…, wusste keinen anderen Rat, als die Gräfin Sophie, das Oberhaupt unseres geselligen Kreises, zu benachrichtigen, von der ich mir bittere Vorwürfe anhören musste, wie ich das kostbare, mir anvertraute Gut so nachlässig verwalten könne. Die Lage war um so ernster, als für den Abend eine soirée jeux angekündigt war, die abzusagen sich die Gräfin genötigt fühlte.

Den gesamten Tag über war ein Kommen und Gehen im appartement von Frau von C…, wo meine Räume gelegen sind. Encore et encore musste ich mein Mißgeschick erzählen und mir wohlfeile Ratschläge anhören. Als eine der Besucherinnen schließlich darauf bestand, unter meinem Bett und im Kasten des bidets nachzuforschen, brachte das meine contenance so sehr ins Wanken, daß ich in Tränen ausbrach. Selbst meine Freundin schaffte es trotz zärtlichster Anstrengungen nicht, mich zu beruhigen, und ich schlief bald erschöpft ein.

Am nächsten Tag wurde meine Stellung in dem Maße prekärer, wie die Stimmung unter den Gesellschafterinnen gereizter wurde. Alle zählten die Tage bis zur nächsten soirée d'amitié, die Dienste der Kavaliere sehnlichst erwartend. Der Verbleib unserer Schätze blieb indessen unbekannt, woran auch die Sonntagspredigt nichts änderte: Die Äbtissin sprach zum Siebenten Gebot und Schwester Agnes, mit fast achtzig Jahren die älteste Stiftsdame, erinnerte an die Gottgefälligkeit der Keuschheit. Das feine Lächeln der Greisin stand in visibler Opposition zu den langen Mienen der Mitglieder meiner Kartenrunde. Ich selbst aber war so eingeschüchtert von den stechenden Blicken, mit denen ich bedacht wurde, daß ich erneut mit den Tränen ringen musste.

Erst am Abend wurde ich schließlich aus meiner peinlichen Lage erlöst, als ich zur Äbtissin gerufen wurde. Ich fand sie in ihrem salon ins Zwiegespräch mit einer Ehrfurcht gebietenden, hageren Dame vertieft, die mir als Baronin Maria Theresia von B... vorgestellt wurde. Daneben standen zwei junge Stiftsdamen, die sich mit sorgenvoller Mine umarmten, sowie sich hinter ihnen versteckend eine trotzig dreinblickende Dienstmagd.

Die Äbtissin begrüßte mich herzlich und führte mich in den Kreis der Versammelten ein. Sofort ergriff die Baronin meine Hand und sprach, daß sie wohl wisse, welches Ungemach mir widerfahren sei, aber daß sich nun, Gott sei's gedankt, die verlorenen Gegenstände wieder eingefunden hätten. Die Freifrauen Charlotte und Anette, die seit ihrem Eintritt im vergangenen Jahr unter ihrer Obhut stünden, hätten sich die vermissten Gegenstände zum persönlichen Gebrauch ausgeliehen. Ihre Magd Marieke hätte es verabsäumt, der Gräfin Sophie eine Nachricht zu übermitteln, woraus der Mißverstand des Diebstahls resultierte. Mit der allfälligen Bestrafung der nachlässigen Magd werde das mir entstandene Unrecht getilgt.

So wurde die als Schuldige ausgemachte Marieke angewiesen, sich auf eine als Richtblock zweckentfremdete voyeuse zu knien, die vom Spieltisch in die Mitte des Zimmers gestellt worden war. Sodann wurden ihre Röcke hochgesteckt, so daß zuerst die Äbtissin, dann die Baronin ihr als Bestrafung ein paar Schläge mit der Hand auf den blanken Hinteren geben konnten.

Als regierende Fürstin an ein solches Strafamt gewöhnt, führte die Äbtissin die Schläge mit ruhiger und fester Hand schnell und ohne großes Aufsehen aus. Die Baronin hingegen legte in allem eine größere Leidenschaft an den Tag, die ich ihr nicht zugetraut hätte. Waren ihre Schläge zunächst feuriger, so wechselten sie sich mit allerlei Schmeicheleien ab, durch die sie Marieken zu besänftigen suchte.

Zum Schluß war die Reihe an mir, die Statuierung des Exempels zu komplettieren. Zwar war ich erfreut, daß die affaire hiermit ihr offizielles Ende finden sollte, konnte jedoch keineswegs auf vollständige satisfaction hoffen. Immerhin war die mir präsentierte Rückansicht Mariekens von einer Fülle und Wohlgestalt, daß sie auch einem Götterbild durchaus zu Ehren gereicht hätte. Darunter streckte keck ihre Mauze das Köpfchen hervor, das mit einem zarten Vlies bedeckt waren. Unmöglich konnte ich diesem armen Sündenbock mehr Schmerzen als nötig zufügen. Das gemahnte mich die Erziehung zur Gerechtigkeit, die ich von meiner seligen Mutter erfahren hatte. Also bedachte ich Mariekens Ärschlein mit einigen sanften Klapsen, um die Zeremonie zu einem schnellen Abschluss zu bringen.

Ich will Euch nicht verhehlen, daß die Berührung der heiß strahlenden Haut und das Zucken der roten Bäckchen mir einen unbekannten Kitzel verschafften. Jedoch suchte ich, mir das Vergnügen, das mir meine Aufgabe bereitete, nicht anmerken zu lassen, sondern schaute mit recht strenger Mine ein ums andere mal zu den eigentlich Schuldigen, den Freifrauen Charlotte und Anette, hinüber. Ich meine, sie verstanden meine Botschaft wohl, daß hier ihre eigenen hochwohlgeborenen postèrieurs gemeint waren, denn beide erröteten und senkten schamhaft ihre Blicke.

Nachdem Gerechtigkeit getan und die Instrumente restituiert worden waren, wurde bald auch meine Ehre wiederhergestellt. In trautem Beisammensein priesen die Damen der Kartenrunde die glückliche Fügung der Ereignisse und versicherten, daß sie zu keiner Zeit an meiner Redlichkeit und meinem Pflichtbewußtsein gezweifelt hätten. Auch gab es ein allgemeines Gemurmel, daß man solche Spaltung der gesellschaftlichen Einigkeit des Stiftes wohl von der kleinen Schar um die Baronin erwartet hätte.

Später eröffnete mir mein Freundin, Frau von C..., daß diese Schar in Nachahmung der Sappho in der Liebe ihresgleichen den Vorzug vor den Männern gebe. Ich hatte schon von solchen Abirrungen gehört und gab meinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß die Äbtissin dies zulasse und nicht kraft ihrer Autorität sanktionierte. Doch meine Freundin klärte mich auf, daß die Äbtissin einerseits politisch klug sei, denn die Baronin Maria Theresia sei eine mächtige Dame, die sich in vielfältiger Weise für das Wohl des Stiftes eingesetzt und seinen Besitz nicht unerheblich gemehrt habe. Andererseits sei die Äbtissin weise und wie viele der gebildeteren unter den Stiftsdamen eine Anhängerin der natürlichen Religion.

Meine Freundin erklärte mir, daß gemäß dieser Lehre wir Menschen nicht frei seien, sondern unser Handeln von unseren Leidenschaften ausgelöst würden. Mitnichten seien uns diese Leidenschaften vom Teufel eingeflüstert, wie es noch der in Verblendung und Corruption verharrende Teil der Kirche lehre. Auch sei es verhüllend, sie als Teil der Natur zu bezeichnen, wie es der neuesten Mode gemäß die philosophes täten. Vielmehr hätten wir anzuerkennen, daß hinter dieser so-genannten Natur in jedem Falle Gott stehe.

Ihre philosophische Lehrstunde abschließend merkte Frau von C... an, daß die vernünftige Religion uns lehre, unsere Leidenschaften nicht zu verteufeln gleich wovon sie ausgelöst würden. Vielmehr sei darauf zu achten, daß wir ihnen nicht zum Nachteil des Gemeinwohls folgten, denn Gott habe stets das Glück aller im Blick. Dieser Maxime gemäß übe auch die Äbtissin ihr Regiment für das gedeiliche Zusammenleben im Stift aus.

Ihr könnt Euch vorstellen, daß mir die beschriebenen Ereignisse in vielerlei Hinsicht Anlass zum Nachdenken gegeben haben. Je länger ich hier verweile, desto dankbarer bin ich, daß ich, obgleich schon lange erwachsen, unter der Obhut unserer Frau Tante meine Erziehung vervollständigen kann. Geliebte Cousine, ich will nicht an die Vergangenheit denken, in der jugendliche Unwissenheit und schlechte Ratgeber uns eine falsche Vorstellung von unseren Leidenschaften vermittelt haben. Vielmehr hoffe ich auf die Zukunft, wenn ich Euch einmal von Angesicht zu Angesicht die Lehrsätze der vernünftigen Religion lehren kann.

Bis dahin verbleibe ich ...


Theresa legte den Zettel beiseite, stand auf und streckte sich. Der einfache Holzstuhl, auf dem sie saß, war nicht sehr bequem. Schon die ganze Zeit war sie darauf hin- und hergerutscht. Sie machte ein paar Schritte durch den Raum, knetete dabei **** ihren Po und blieb vor dem Gemälde an der gegenüberliegenden Wand neben dem Eingang zu Humanns Büro stehen. Ein kleines Schild am Rahmen bestätigte Theresas Verdacht: Die streng dreinblickende Aristokratin auf dem Bild stellte Marianne dar.

Das war die Marianne, die sie ursprünglich gesucht hatte: Sie thronte auf einem prachtvoll geschnitzten Sessel in einer ausladenden rubinroten Robe mit schwarzem Besatz. Am auffälligsten war ihre gepuderte Turmfrisur, die mit einem filigranen Spitzenschleier verziert war, der bis auf ihre Schultern herabfiel. In der rechten Hand, die in einem langen, weißen Handschuh steckte, hielt sie einen silbernen, zusammengefalteten Fächer. Das Porträt der jungen Gräfin, die allerhöchstens dreißig sein konnte, strahlte Pracht und Eleganz aus. Es musste Marianne als junge Ehefrau des Grafen zeigen.

Theresa musste grinsen. War dieser Fassade zu trauen, nach allem was sie aus dem Zettelkasten gelernt hatte? Sie kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück und wollte schon den nächsten Zettel hervorziehen, da fiel ihr unten auf der Seite, die sie grade gelesen hatte, ein Verweis auf. Offenbar gab es bei den folgenden Briefen einen, der in direktem Zusammenhang mit den grade gelesenen Ereignissen stand.

Um wen geht es in diesem Brief?

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