More fun
Want to support CHYOA?
Disable your Ad Blocker! Thanks :)

Chapter 7 by Reyhani Reyhani

Um wen geht es in diesem Brief?

Gretchen

4 . April 1764, Brief an Frau von C... in M..., Marianne fragt um Rat bzgl. eines Frankfurter Mädchens


Geliebte Freundin,

meine Reise nach Frankfurt ist gut verlaufen, die Krönungsfeierlichkeiten sind in vollem Gange und dank meines Herrn Vater, der vom neuen König am gestrigen Tage seinen Ritterschlag erhalten hat, werden wir überall aufs herzlichste empfangen. Wenn ich zurück in M... bin, werde ich Euch en détail von den gesellschaftlichen Ereignissen erzählen, nicht zuletzt von dem jungen Grafen L..., der mir auf dem Empfang zu Ehren der Erhebung meines Vaters vorgestellt wurde. Diese Dinge entwickeln sich zu meiner und meiner **** vollster Zufriedenheit. Heute will ich Euch nur kurz in einer delikaten Angelegenheit um Euren geschätzten Rat ersuchen, der mir bisher so ein sicherer Führer durch das verwirrende Reich der Venus gewesen ist.

Um mich zu einem der Bälle aufzuputzen, die anlässlich der Feierlichkeiten in der ganzen Stadt in nicht enden wollender Folge abgehalten werden, holte ich bei einer Galanteriehändlerin sogenannte italiänische Blumen. Sie werden in Klöstern gemacht, sind klein und niedlich. Myrten besonders, Zwergröslein und dergleichen fallen gar schön und natürlich aus. Ich dachte letztere würden dem Dekolleté des Anzugs aus himmelblauem Taft gut anstehen.

Ich ging in den Laden, welcher ganz nah bei unserem Quartier gelegen ist. Kaum war ich hineingetreten und hatte die Eigentümerin begrüßt, als ich im Fenster ein Frauenzimmer sitzen sah, das mir unter einem Spitzenhäubchen gar **** und hübsch und unter einer seidnen Mantille sehr wohl gebaut schien. Ich konnte leicht an ihr eine Gehilfin erkennen, denn sie war beschäftigt, Band und Federn auf ein Hütchen zu stecken. Die Putzhändlerin zeigte mir den langen Kasten mit einzelnen mannigfaltigen Blumen vor; ich besah sie und blickte, indem ich wählte, wieder nach dem Frauenzimmerchen im Fenster: aber wie groß war mein Erstaunen, als ich eine unglaubliche Ähnlichkeit mit unserer Magd Marieke gewahr wurde.

Ich trat zu der Gehilfin hin und tat so, als besehe ich ihre Arbeit. Nach ihrem Namen fragend, stellte sie sich als Grete vor. Sofort verwickelte ich sie in ein lebhaftes Gespräch, welches trotz des Unterschiedes im Stande ganz vertraulich verlief, denn sie war nur wenig jünger als ich. Als sie aufstand, um mir aus dem Hinterzimmer noch eine weitere Auswahl an Blumen herauszusuchen, vertiefte sich der liebreizende Eindruck, den sie bei mir hinterlassen hatte. Ihre Gestalt war von der Rückseite fast noch zierlicher. Das Häubchen saß so nett auf dem kleinen Kopfe, den ein schlanker Hals gar anmutig mit Nacken und Schultern verband. Alles an ihr schien auserlesen, und man konnte der ganzen Gestalt um so ruhiger folgen, als die Aufmerksamkeit nicht mehr durch die stillen treuen Augen und den lieblichen Mund allein angezogen und gefesselt wurde.

Ich muß zugeben, daß mir sofort mein Zusammentreffen mit Marieke vor Augen stand, von dem ich Euch bereits ausführlich erzählt habe. War es ungebührlich, mir vorzustellen, Gretchen unter ähnlichen Umständen zu begegnen? Doch nicht um strafend meine Hand gegen sie zu erheben, wie ich es im Fall unserer Magd **** war zu tun. Nein, es war einzig allein die Schau-Lust, der Wunsch, diese Bildnis der Natur, wie es ein Künstler anmutiger nicht hätte schaffen könnte, in seiner unverhüllten Form genießen zu können, die mir diese Idee einpflanzte. Im Gegensatz zum stinkenden Gedränge des Pöbels, dem ich hier in der überfüllten Stadt beständig ausgesetzt bin, erschien mir Gretchen rein, duftend und zerbrechlich.

Doch ich will Euch nicht belügen, es war nicht allein der Schönheitssinn, der mir solche Gedanken einflößte. Auch vermisse ich den trauten Umgang in unserer Spiel-Runde umso mehr, als mein Gemüt allzeit neuen Eindrücken ausgesetzt beständig erhitzt ist. Seit ich hier bin, stehe ich unter ständiger Aufsicht meines Vaters, der aus Angst um meine Tugendhaftigkeit selbst meine engste Vertraute, meine Cousine, von mir fernhält. Nicht einmal allein vermag ich, meinem gewohnten divertissement nachzugehen, da mir die Gräfin Sophia nicht erlaubt hat, für meinen Urlaub eine längere Entleihung aus der Gemüsekiste zu machen. In ganz Frankfurt ist kein anständiger Glashändler aufzutreiben, der sich auf solche Gerätschaften, wie Ihr sie mir zuerst ans Herz gelegt habt, feilzubieten hätte.

Ihr werdet mir Recht geben, daß die Bekanntschaft mit einer kleinen Galanteriewarengehilfin unter diesen Bedingungen von Vorteil sein könnte, da sie keinerlei Verdacht erregen würde. Wie gerne würde ich etwas von den Fertigkeiten, die Ihr mich gelehrt habt, an Gretchen weitergeben. Nicht allein um meines eigenen Pläsiers willen, sondern auch um die Erziehung unter den bürgerlichen Ständen zu heben. Sie mögen vorne an sein mit ihren Lateinschulen, Wissenschafts-Akademien und Ökonomischen Lehranstalten. Doch fehlt besonders ihren Frauenzimmern eine gründliche Erziehung in der école des filles, ja, ihre allgemeine Kenntnis vom Umgang mit Menschen empfinde ich als höchst unterentwickelt.

Ich mußte noch oft über das nachdenken, was Ihr mich über die natürliche Religion gelehrt habt. Und wenn dieser eine natürliche Wissenschaft zur Seite stünde, die sich vorrangig der Erforschung unserer Begierden widmete, so wäre ihre vorzüglichste Akademie in M... und ich schätzte mich glücklich ihre Lehrsätze am Fuße Eures Katheders und aus Eurem Munde zu empfangen. Aber ist es nicht gerade das, was wir in unserem Geselligen Kreis unternehmen? Ich muss mich entschuldigen, liebe Freundin, daß dieser kurze Brief zu einem philosophischen Traktat sich entwickelt hat. Ich sollte mich hüten, zu einer jener gelehrten Weiber zu werden, die große Ansprüche auf Schöngeisterey, oder gar auf Gelehrsamkeit machen, wo doch unser Ansinnen ein ganz anderes ist.

Ich will es nicht verschleiern, es geht darum die spitze Brüstchen und die festen Bäckchen dieses liebreizenden Wesens zu enthüllen und ihre roten Lippen für den Dienst an meiner Venusmuschel zu begeistern. Doch ach, wie soll ich Gretchen mein Ansinnen auf schickliche Weise übermitteln? Ich muss gestehen, meine ganze Überredungskunst, der Bilderreichtum meiner Sprache und die Signale und Erkennungszeichen meines Körpers, die ich eingesetzt habe, scheinen nicht den geringsten Eindruck bei ihr hinterlassen zu haben.

Zum Schluss versuchte ich, auf eine andere Art ihre Sympathie zu erringen, indem ich ihr zum Dank für ihren Dienst meinen Fächer als Geschenk überreichte. Den wollte das bescheidene Ding aber partout nicht annehmen, was mir zum Vorwand gereichte ihr das Versprechen abzunötigen, mir an den nächsten Tagen einen Besuch abzustatten, damit ich mich anders erkenntlich zeigen könnte. Mit bebendem Herzen und glühenden Schoß verließ ich den Laden, allerdings in der Hoffnung schon bald meine von den vielfältigen Eindrücken der Stadt und der Krönungsfeierlichkeiten überreizte Phantasie im freundschaftlichen Umgang mit Grete beruhigen zu können.

Bitte, liebe Freundin, sagt mir, wie ich Gretchen gewinnen kann, wie ich ihre Neugier auf die natürliche Wissenschaft wecken kann, ohne sie zu verschrecken. Ich fühle, daß sie noch ganz unberührt von solchen Dingen ist. Schreibt mir recht bald, ich werde noch bis zur Ostermesse in Frankfurt weilen und habe so Zeit, euren Schlachtplan entsprechend umzusetzen.

Ich verbleibe mit einem dreifachen VIVAT JOSEPH Eure Marianne.


Theresa rieb sich den Nacken. Auch dieser Brief hatten ihr ein ganz anderes Bild der Reichsgräfin Marianne gezeigt, als das altbekannte der fürsorglichen Landesmutter. Offenbar hatte sie ihre Jugend voll ausgekostet vor ihrer Hochzeit, der Geburt der **** und der anschließenden Regentschaft, die sie für ihren minderjährigen Sohn angetreten hatte, nachdem ihr Mann verstorben war. Mariannes Briefe enthielten so viele unbekannte historische Fakten. Theresa musste zugeben, dass sie das irgendwie erregte auch wenn sie wusste, dass sie dieses Material wahrscheinlich nicht für ihre Dissertation benutzen konnte.

Marianne war einen tolle Frau! Das hatte Theresa schon gewusst, als sie sich noch auf die Herrschaftspraktiken konzentriert hatte und es bestätigte sich, je mehr der Zettelkasten über sie preisgab. Neben der Reichsgräfin fühlte sich Theresa selbst wie eine graue Maus, eben eines dieser gelehrten Weiber. Als sie das in Mariannes Brief gelesen hatte, hatte sie lachen müssen. Aber es war ein nervöses Kichern gewesen, denn sie fühlte sich ertappt und auch ein wenig herabgesetzt, denn sie spürte, dass Marianne diese Bezeichnung durchaus negativ gemeint hatte.

Bestimmt hätte Marianne sie nicht als Spielzeug ausgewählt so wie das ach so liebreizende Gretchen. Was alle nur immer an diesen Nymphchen fanden. Wenn Theresa eins nicht war, dann zierlich oder niedlich. Durch ihre runde Brille und die zu einem Bob geschnittenen aschblonden Haare, versuchte sie seriös zu wirken. Ihre ihrer Meinung nach zu kleinen Brüste versteckte sie unter einem unförmigen Blazer, die dicken Oberschenkel in einer Jeans.

Lulu war da anders: sexy, sportlich, selbstbewusst. Und sicher hatte sie auch die 'natürlichen Wissenschaften' eingehender studiert als sie selbst, dachte Theresa wehmütig. Bis auf einen abgelegten Freund auf der Schule und einigen kurzen Liebeleien auf der Uni, hatte sie keine nennenswerten Forschungen auf diesem Gebiet vorzuweisen.

Draußen dämmerte es bereits. Über der Lektüre hatte Theresa ganz die Zeit vergessen. Sie nahm die Zettel mit der Abschrift des Briefes und ordnete sie in den Kasten ein. Bevor sie ihn wieder schloß, fuhr sie mit dem Zeigefinger über die Ränder der Hunderte von Blättern. Ihr wurde ganz heiß, wenn sie daran dachte, was für Indiskretionen noch darin verborgen waren. Und was wollte sie selbst aus diesem seltsamen Zettelkasten ziehen? Sie würde heute Nacht intensiv darüber nachdenken. Sicher würde Lulu wegen ihres anstrengenden Dienstes früh schlafen gehen, sodass sie sie nicht stören würde, wenn sie länger wach blieb. Doch jetzt musste Theresa erst einmal Schluss machen, denn ihr Magen meldete sich lautstark.

Wer kann Theresas Hunger stillen?

Comments

      Want to support CHYOA?
      Disable your Ad Blocker! Thanks :)