Chapter 5
by
Reyhani
Worum geht es im nächsten Brief?
Gemüse
10 . Februar 1764, Brief an Cousine Maria Johanna Franziska Hyacintha Walburgis; Mariannes gesellschaftlicher Aufstieg im Stift
Geliebte Cousine,
mein Versprechen, Euch einen Einblick in meine hiesigen Lebens-Verhältnisse zu gewähren, will ich nun endlich einlösen. Unterdessen ich auf eine Vakanz warte, wurde mir ein Zimmer im appartement von Madame de C... im Westflügels des Haupthauses zugeteilt. Meine Mentorin tut alles, um sich mir als gute Freundin und mütterliche Ratgeberin zu empfehlen, indem sie mich in die Gesellschaft des Stiftes einführt. Ich begleite sie auf ihren täglichen Spaziergängen im Park sowie zu den Ausfahrten in die Umgebung. Doch am meisten hat mich ihr Anerbieten geehrt, mich ihren Kartenfreundinnen, einer Handvoll der hochrangigsten unter den alteingesessenen Stiftsdamen, vorzustellen.
Mein début fand bei einem diner in den Gemächern der Gräfin Sophia von S...-T... statt, der ich – wenn Du mir verzeihst, daß ich die offenen Worte meiner Mentorin wiederhole – recht gehörig in ihren breiten Arsch kroch. Da man offenbar Gefallen an mir fand, wurde ich in die Runde aufgenommen und an den Spieltisch gebeten, wo wir bis Mitternacht Kurzweil trieben. Bei der allgemeinen Verabschiedung eröffnete mir die Gräfin, daß mir als jüngstem Mitglied der Kartengesellschaft als eine besondere Ehre das Hofamt einer ecuyère des légumes verliehen werde. Ich dankte allen artig und gelobte, das mir übertragene Amt mit Eifer und Sorgfalt auszuüben. Allerdings sei ich in Verlegenheit, da ich über die Aufgaben und Pflichten einer solchen Pagin nicht unterrichtete sei. Darauf eröffnete mir die Gräfin vom Throne ihres poufs, daß man mir den Inhalt der Gemüsekiste anvertraue, für dessen Vorbereitung und Verteilung ich fürderhin zuständig sei.
Du kannst dir meine Verwunderung vorstellen, denn meines Wissens waren die Küchenmägde und Köchinnen für die Verpflegung im Stift zuständig. Von Bereitschaft und Vermögen hatten sie bereits viele Male Beweis abgelegt. So sehr ich die gesellige Runde meiner Mentorin schätzte und nicht mehr missen wollte, sollte ich in Zukunft meine Zeit damit verschwenden, Gemüse zu putzen?
Doch meine Zweifel wurden augenblicklich verstreut, als die Gräfin einen kostbar verzierten Kasten aus Ebenholz als besagte Gemüsekiste präsentierte. Mein Staunen über den Inhalt ließ mich das Kichern der hohen Damen im auserlesenen Kreis überhören, in dem Kasten fand sich nämlich eine wundersame Sammlung von Gemüsen der verschiedensten Arten. Es schimmerten rote Karotten und Radieschen neben weißen Pastinaken, grünem Lauch und einer langen, gewundenen Gurke. Allen diesen Köstlichkeiten war gemein, daß sie aus buntem Glas gearbeitet waren, so daß sie im Kerzenlicht verführerisch funkelten.
Einige Stücke wohlwollend begutachtend gemahnte mich Gräfin Sophia, die Instrumente nach Gebrauch immer in einem solch tadellosen Zustand zurück in die Kiste zu geben. Wenn eines der Mitglieder des Kreises eine Entleihung zu machen wünsche, sei es meine Aufgabe, den Namen in das kleine Buch einzutragen, das obenauf lag. Für den heutigen Abend und um meinen Eintritt in die Gesellschaft gebührlich zu feiern, überreichte sie mir als Prunkstück die Gurke. Nachdem die anderen Damen gewählt und ich ihre Namen niedergeschrieben hatte, zogen wir uns in unsere Wohnungen zurück.
Auch in dieser Angelegenheit erwies sich Frau von C... als getreue Lehrerin zum Gebrauch des Instruments, das mir bald so lieb wurde, daß ich es nur noch mit Widerwillen zurück in die Kiste legen wollte. Meint Ihr es wäre zu Hause etwas ähnliches zu beschaffen, wenn ich Euch hoffentlich bald einmal besuche? Ich bitte Euch, holt doch Erkundigungen bei einem der Kaufleute ein, wenn ihr wie üblich zur Frühjahrsmesse nach Frankfurt reist.
Meine Mentorin wusste auch meine anfängliche Sorge wegen meiner Jungfernschaft aufs vorzüglichste zu zerstreuen. Wie sich ein Knappe mit dem Holzschwert auf den Ritterstand vorbereite, so könne man auch uns Weibspersonen ein vergleichbares Übungsmittel bei der Vorbereitung auf den Ehestand nicht verwehren. Die eine oder andere Schramme sei zu vernachlässigen, ja, hätte gradezu als Ausweis der Bereitschaft zu gelten, das Handwerk einer Ehefrau von Stand gewissenhaft zu lernen. Im Übrigen würde das ganz Stift für meine vollständige Ehrbarkeit und Unberührtheit bürgen.
Was mir Übung und Vorbereitung auf meinen vorbestimmten und erhofften Lebensweg war, war den Freundinnen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr auf eine Verheiratung hoffen konnten, die Überbrückung bis zur nächsten soirée. Die hohen Damen der Kartenrunde luden dazu ihre Herzensfreunde ein, um sich zusammen in Ausschweifungen verschiedenster Arten zu ergehen. Daß dazu auch diejenigen der Liebe gehörten, hatte ich schon bei meiner Mentorin beobachten können, als ich eines Abends unabsichtlich durch einen Türspalt beobachtete, wie ... aber davon will ich Euch ein andermal erzählen.
Ihr werdet meine Verwunderung verstehen, als auch ich von Gräfin Sophia zu einer nämlichen soirée d'amitié geladen wurde. Meinen Einwand, ich hätte keinen Kavalier und so etwas sei in meiner Stellung auch wohl wenig schicklich, wischte sie streng beiseite. Es gehe um die Ausübung meiner Amtspflicht, nicht um mein Vergnügen. Meine anfängliche Scheu überwindend kam ich der Aufforderung nach und bekam so eine vorzügliche Lehrstunde erteilt: Ich konnte aus nächster Nähe den cultivierten Umgang zwischen Herrn und Damen von Adel und Geblüt beobachten.
Wie zu erwarten, wussten die Offiziere gewandt ihre Degen zu führen, und auch der junge Abbé T..., der Galan meiner Mentorin, stand ihnen als angehender Geistlicher in Nichts nach, so daß der salon, wo wir uns nach dem diner versammelt hatten, bald einem Fechtboden glich. Zum Glück wussten die Damen die ungestümen Stöße geschickt zu parieren. Bei all dem fehlte es nicht an galanten Worten, Schmeicheleien und Neckereien, mit denen sich die Paare gegenseitig und untereinander bedachten.
Auch für meine Person gab es nichts als Complimente, hatte man mich doch in die einfache aber reizende Tracht eines Bauernmädchens gesteckt. In einem Weidenkorb und auf Stroh gebettet hielt ich die Gemüseernte feil. Aber wenn Ihr annähmet, daß ich meine Ware wie sauer Bier hätte ausbieten müssen, so täuschtet Ihr Euch. Etliche der hohen Damen verlangten danach, um sich gebührend auf den Kampf vorzubereiten, während die vorsichtigen unter den Herren trachteten, sich für das anstehende pêle-mêle mit einem zweiten Degen oder Dolch zu bewaffnen.
Die erstaunlichste Lektion erhielt ich von meiner Mentorin, die mich heranwinkte und ein Radieschen aus dem Korb nahm, das sie ihrem Freund dem Abbé in die Ackerfurche einpflanzte. Meine Entsetzensmine, die mich als unwissendes Bauernmädel entlarvte, wurde bald von den Entzückenslauten des Abbés beschwichtigt. Er war von dem Gemüsegenuss so enthusiasmiert, daß auch Frau von C... davon profitierend bald in höchsten Tönen jubilierte.
Es war späte Nacht geworden, bis ich alle Instrumente wieder eingesammelt und von den Spuren des Kampfes gesäubert hatte, so daß ich mich selbst zu Bett begeben konnte, um mir das Gelernte noch einmal vor Augen zu führen. Ihr seht, es ist für das jüngste und unbedeutendste Glied in einer solch illustren Gesellschaft oft keine Schleckerey. Trotz des schweren Dienstes will ich mich nicht beklagen, habe ich doch in der kurzen Zeit in M... bereits so vieles erfahren, was mir im späteren Leben durchaus nützlich und von Vorteil sein kann.
Ich hoffe, meine Beschreibungen können Euch für ein Leben als Stiftsdame begeistern und Euch über meinen Fortgang hinwegtrösten. Bald will ich Euch mehr schreiben aber zunächst verbleibe ich Eure Euch stets liebende Cousine Marianne.
P.S.: Bitte vergesst nicht, Angebot und Preis der Glaswaren zu recherchieren.
P.P.S.: Wenn eine Gurke aufzutreiben wäre ...
Theresa wurde vom Geräusch der Tür aus ihrem Tagtraum gerissen. Obwohl sie längst am Ende des Briefes angelangt war, saß sie immer noch an dem Tisch vor dem Zettelkasten und starrte auf das Blatt vor sich. Schnell drehte sie sich um und sah die Bibliothekarin das Vorzimmer betreten.
"Na, schon was gefunden? Wenn du irgendwelche Fragen hast ...", zwitscherte Melinda Theresa freundlich an und trat an ihren Arbeitstisch heran.
"Ja, wirklich interessantes Material, das der alte Direktor da gesammelt hat. Vielleicht nicht ganz zu meinem Thema aber ... ungewöhnlich auf jeden Fall. Ich lese mich grade ein bisschen ein", erwiderte Theresa leicht verlegen.
Als Melinda ihr über die Schulter guckte, legte Theresa instinktiv einen Hand auf den Zettel.
"Wenn ich später eine Frage habe", stotterte sie weiter, "komme ich auf dein Angebot zurück. Ach, vielleicht doch was ... hier unten auf dem Zettel ist so ein komischer Verweis: 'Ss G, Abt. frut. crist.'? Die Nummer eines anderen Zettels ist das nicht, aber was könnte es sonst sein?"
Die Bibliothekarin warf einen kurzen Blick auf die Signatur, dann gab sie Auskunft, dass SS Sondersammlung bedeute und G für Glas stehe. Mit dem Rest wüsste sie ad hoc auch nichts anzufangen, aber wenn Theresa Zeit hätte, könnte sie jetzt gleich mitkommen, dann würden sie zusammen in der Sammlung nachsehen.
"Weisst du, mit den Glassachen kenne ich mich nicht so gut aus. Das wissen die Praktikantinnen besser, die immer zum Putzen abgestellt werden. Aber zur Zeit haben wir leider niemanden. Ich hoffe, die Stücke, die du suchst, sind nicht zu verstaubt", seufzte sie.
Dann verschwand die Bibliothekarin im Büro des Direktors und Theresa überlegte, ob sie weiterlesen und sich so die peinliche Begehung der Glassammlung ersparen sollte. Sie ahnte schon, auf was die Signatur unter dem Brief verweisen sollte. Andererseits wäre eine Pause auch nicht schlecht. Bei einem Kaffee könnte sie sich endlich einmal ausführlich bei Melinda bedanken.
Wofür entscheidet sich Theresa?
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Der Zettelkasten
Eine erotische Familienchronik
Theresa ist aufgeregt, als sie bei den Recherchen zu ihrer Doktorarbeit auf den Zettelkasten der Schlossbibliothek stößt. Doch anstatt ihr ihre wissenschaftlichen Fragen zu beantworten, geben die Karteikarten ihr einen ungewollten Einblick in die histoire érotique der gräflichen . Theresa verstrickt sich immer tiefer in das historische Dickicht aus Klostereskapaden, Hurenfron und Franzosenfrevel. Wird sie aus diesem vergangenen Labyrinth der Lust wieder in unsere nüchterne, moderne Welt finden?
Updated on Apr 9, 2025
by Reyhani
Created on Mar 5, 2024
by Reyhani
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