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Chapter 6
by
Reyhani
Wofür entscheidet sich Theresa?
Pause
Melinda, die mit einem Kassettenrekorder in der Hand aus dem Büro des Direktors aufgetaucht war, freute sich, dass Theresa mitkommen wollte. Sie schlug vor, zuerst einmal in der Sammlung vorbeizuschauen, bevor es zum Kaffee ging. Die historische Sammlung war zusammen mit der Orangerie im anderen Seitenflügel des Schlosses untergebracht. Theresa folge Melinda durch das vordere, repräsentative Treppenhaus, bevor sie in den Flügel abbogen. Sie betraten einen Saal, der das Pendant zum Lesesaal der Bibliothek war, aber anstatt mit Bücherregalen mit übermannshohen Vitrinenschränken bestückt war.
Melinda öffnete einen der Schränke und erklärte, dass sie es war, die zur Zeit die Sammlung kommissarisch betreute. Nach dem Ausscheiden des alten Kustos sei die Gräfin immer noch auf der Such nach einer neuen Kraft. Währenddessen betrachtete Theresa staunend den Inhalt des Schrankes, der mit prachtvollen Pokalen und Kelchen teils mit Golddekoration oder eingeschnittenen Wappen, Kristallgläsern, Konfektschalen, Flakons, Tassen und Kannen aus Milchglas oder kobaldblauem Glas, einer Sanduhr in einem kostbar geschnitzten Gestell, einer ganze Reihe von Balsam- und Apothekerfläschchen und sogar einer Retorte, die noch Spuren ihrer Benutzung aufwies, vollgestopft war.
Mit sicherem Griff zog Melinda ein Heft heraus und öffnete, nachdem sie kurz darin geblättert hatte, eine der Schubladen in der Mitte des Schrankes. Theresa, die sich schon auf das Schlimmste gefasst gemacht hatte, atmete erleichtert auf, als sie auf schwarzem Samt gebettet eine Reihe realistisch gearbeiteter Früchte aus buntem Glas erkannte: eine Zitrone am Zweig mit zwei wunderbar gefertigten Blättern, ein kleiner, gestreifter Zierkürbis, eine Orange.
"Abteilung Glasfrüchte, frutti cristallini. Hat man früher gerne als Tischdeko benutzt. Hier müsste auch das sein, was du suchst", präsentierte Melinda den Inhalt der Schublade und fing sofort an, die einzelnen Stücke zurechtzurücken. Sie nahm die Zitrone heraus und gab sie Theresa in die Hand, die ein anerkennendes Geräusch machte und Farben und Textur der Frucht bewunderte.
"Hmmm. Ein paar Stücke scheinen als Dauerleihgabe bei der Gräfin zu sein. Eine Karotte und eine Gurke. Was sie wohl damit will?", wunderte sich Melinda, während sie auf einen vergilbten Zettel starrte, den sie aus der Schublade gefischt hatte.
Theresa nahm noch weitere Früchte in die Hand und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie hätte Schwierigkeiten gehabt zu erklären, was das alles mit dem Verweis im Zettelkasten zu tun hatte. Aber Melinda fragte nicht, sondern schlug nach einiger Zeit vor, zum Kaffee überzugehen. War sie ganz ahnungslos oder wusste sie im Gegenteil ganz genau, was es mit den fehlenden Stücken auf sich hatte? Theresa musterte sie genau aber mehr als eine gepflegte Dame mit lachenden Augen konnte sie nicht erkennen. Das Angebot zum Kaffeetrinken nahm Theresa dankbar auf, und sie gingen gemeinsam über den Schlosshof in die Bibliothek.
Auf der Eckbank in der kleine Teeküche saß schon Müller, der Majordomus, und rührte in seinem Kaffeebecher.
"Taucht doch noch jemand auf? Hab mich schon mal mit Kaffee versorgt. Bleibt wohl heute self service, oder übernimmt das Fräulein jetzt?", knurrte er unwirsch und musterte Theresa herausfordernd.
Melinda überspielte seine muffelige Art mit ihrer ganzen Freundlichkeit: "Wir sind spät dran. Ich habe Theresa grade etwas in der Sammlung gezeigt. Sie kennt sich ja noch gar nicht aus. Wie nett, dass Sie schon Kaffee gekocht haben. Wissen Sie, im ganzen Schloss machen Sie es am besten. Unter ihrer rauen Schale steckt doch eine aromatische Bohne."
Melinda legte ihren Kasettenrekorder auf den Tresen, füllte für sich und Theresa eine Tasse Kaffee und schlängelte sich dann neben Müller auf die Bank. Der wirkte gleichzeitig geschmeichelt und genervt, aber er beeilte sich beflissentlich, Melinda den Zucker zu reichen, als sie ihn darum bat.
So saßen sie eine Zeitlang und unterhielten sich, während Müller einsilbig in seinem Kaffeebecher rührte. Doch seine Miene hellte sich schlagartig auf, als durch das geöffnete Fenster aus einiger Entfernung das Kläffen eines Hundes zu hören war. Auch Melinda hatte es gehört und stand abrupt auf:
"Ich denke, wir müssen dann mal weitermachen. Theresa, ich bring dich schnell nach draußen. Und Sie, Müller, kommen hinterher kurz mit in mein Büro. Direktor Human hat mir eine Sache aufgehalst, bei der Sie mir zur Hand gehen müssen."
Müllers Gesicht reagierte wie die Aprilsonne, die von einer Schauerwolke verdeckt wurde. "Tschuldigung aber muss jetzt auch gehen. Hab noch ein paar wichtige Dinge zu erledigen", presste er zwischen seinen Zähnen hervor.
"Müller, Sie wissen doch, dass es Ihre Pflicht ist, das wissenschaftliche Personal in jeglicher Hinsicht zu unterstützen", ließ die Bibliothekarin sich nicht beirren und blickte ihn streng über ihre Brillengläser an, worauf Müller hörbar ausatmete und auf der Bank zusammensackte.
"Verzeih, dass ich dich so brüsk hinauskomplimentiert habe", sagte Melinda, als sie mit Theresa an der Hinterpforte der Bibliothek angelangt war, "aber ich habe wirklich noch etwas Wichtiges zu erledigen. Geh doch Lulu entgegen und sag ihr, dass sie sich ihren Kaffee woanders besorgen muss. Sie ist dir sicher dankbar, wenn du sie warnst." Damit schloss Melinda die Tür und Theresa hörte, wie sie von innen zusperrte.
Hinter dem Schloss erstreckte sich eine große, gemähte Wiese, die dann in einiger Entfernung am Rande eines Waldes endete. Von dort rannte ihr schon bellend Rex entgegen, dahinter folgte Lulu in gemächlichem Tempo. Theresa ging Lulu entgegen und beide ließen sich auf der Wiese nieder, während Rex aufgeregt um sie herumrannte und Theresa zum spielen aufforderte.
"Gut, dass du mich abfangen konntest", bedankte sich Lulu. "Ich war tatsächlich auf dem Weg zu euch, einen Kaffee schnorren. Das ist am Nachmittag oft eine ganz lustige Runde in der Bibliothek. Bis auf Müller ... Der hat mal versucht, seine Stellung auszunutzen, und sich von mir bedienen zu lassen. Seitdem gehe ich ihm lieber aus dem Weg."
"Was meinst du denn mit bedienen?", frage Theresa unsicher. Die ganze Zeit hatte sich schon so ein ungutes Gefühl und traute sich jetzt endlich nachzufragen.
"Na ja, Kaffee kochen, servieren und so ... Müller steht auf Hierarchien, das ist sein Leben. Aber er denkt, nur weil er die Oberhoheit über Haus und Kammer hat, wäre ich ihm unterstellt, wenn Kaffee im Spiel ist. Dabei weiß er doch eigentlich viel besser, dass nur die Gräfin weisungsbefugt ist. Meine Reaktion war vielleicht ein bisschen zu krass. Ich habe mir das Halsband von Rex umgelegt, bin vor ihm auf die Knie gegangen und habe ihn angehechelt. Die anderen haben sich köstlich amüsiert, nur er fühlte sich ans Bein gepinkelt und ist beleidigt abgezogen. Trotzdem guckt er mich jetzt immer so komisch an. Weiß auch nicht ..."
"Da verstehe ich, dass du ihm aus dem Weg gehen willst", erwiderte Theresa nachdenklich. So ganz konnte sie die Situation immer noch nicht einschätzen, was ein unbefriedigendes Gefühl bei ihr zurückließ. "Was will Melinda wohl von Müller. Zwischen den beiden waren eben so ganz komische vibrations zu spüren", fügte sie mehr zu sich selbst hinzu.
"Geh doch einfach mal nachsehen", warf Lulu ein. "Melindas Büro ist ja quasi der Lesesaal. Wenn du um die Ecke des Gebäudes gehst, kannst du direkt hineinschauen. Vielleicht ist sogar ein Fenster offen."
Theresa wollte nicht spionieren, das war gar nicht ihre Art. Sie benötigte lediglich mehr Informationen, um diesen Kosmos, in den sie hineingeraten war, besser zu verstehen. Das könnte man ihr ja wohl nicht als übermäßige Neugier auslegen. Die Fenster des ebenerdigen Lesesaals lagen im tiefen Schatten des Gebäudes. Vom Weg aus konnte Theresa nur einige der Lesepulte in der Mitte erahnen. Wenn sie ganz nahe herantreten würde, könnte sie vielleicht einen Blick auf Melindas Schreibtisch am Kopf des Saales erhaschen. So gut es ging, schlängelte sie sich um die Rosenbüsche im Beet vor der Front herum und lugte schräg in das erste der bodentiefen Fenster hinein.
Zuerst sah sie Müller, der seitlich an Melindas Schreibtisch stand. Er bewegte sich ruckartig und hielt sich dabei an zwei Frauenbeinen fest, die an seinen Schultern lagen. Theresa brauchte einen Augenblick, um die Beine mit dem rücklings auf dem Schreibtisch liegenden Körper in die korrekte anatomische Verbindung zu bringen. Auch der nächste Erkenntnisschritt, dass es Melinda war, dauerte eine Weile. Das lag daran, dass sich die sonst so distinguierte Bibliothekarin in einem Zustand zunehmender Auflösung befand: Ihr grauer Rock wurde immer weiter von Müllers Bauch hochgeschoben, die weiße Bluse war weit aufgeknöpft, die auffällige Brille war hochgerutscht und steckte in ihrer Frisur, aus der sich schon einige Haarsträhnen gelöst hatten.
"Oh mein Gott, er nagelt sie", erschrak Theresa und wunderte sich gleichzeitig, woher dieses die Situation so treffend beschreibende Wort auf einmal angeflogen gekommen war. Brauchte ihre Freundin Hilfe? Aber bei genauerem Hinsehen sah Melinda nicht grade unzufrieden aus. Ihre Augen waren geschlossen, der Mund leicht geöffnet und Theresa bildete sich ein, von Zeit zu Zeit ein tiefes Stöhnen zu hören, das durch das geöffnete Oberlicht des Fensters drang. Mit einer Hand hielt sich Melinda an der Tischkante fest, mit der anderen streichelte sie ihre Brüste und zog gelegentlich an ihren aufgestellten Brustwarzen. Ihr ganzer Körper war in Schwingung, was sich am deutlichsten an ihrem wogenden Busen zeigte. In Müllers Takt wippend quollen ihre Brüste aus dem heruntergezogenen, schwarzen Mieder und der geöffneten Bluse wie zwei bleiche Puddinghügel.
Der Taktgeber selbst sah wenig entspannt aus. Offenbar schwitzte er stark in dem schwarzen Anzug, den er auch heute trug, so dass sein Gesicht bereits rot angelaufen war und seine sonst so ordentlich frisierten Haare naß an seiner Stirn klebten. Musste man sich vielleicht um ihn Sorgen machen? Er war ja sicher auch nicht mehr der Jüngste und wer wusste schon, wie es mit seinem Herzen ... Doch unbeirrt fuhr Müller in seinem monotonen Rhythmus fort und zeigte trotz der sichtbaren Anstrengung keine Anzeichen, das Tempo zu verringern.
Die Szene hatte etwas Hypnotisches. Nach ihrer anfänglichen Überraschung war Theresa jetzt vollständig in ihren Bann gezogen. Was hier eigentlich passierte, verstand sie freilich immer noch nicht. Aber losreißen konnte sie sich von dem Schauspiel auch nicht. Da fuhr sie plötzlich erschrocken zusammen, als etwas Kaltes, Nasses ihre Hand berührte. Als sie hinunter in Rex' dunkle Augen blickte, verflog der Schreck. Sie ging zu ihm in die Knie, hielt ihm am Halsband und fasste ihn um seine Schnauze. Nicht, dass er sie noch verriet. Dann kehrte sie mit ihm auf die Wiese zu Lulu zurück, der sie achselzuckend verkündetet, dass sie nichts herausgefunden habe.
Sie brachen gemeinsam auf, Lulu musste Rex zurück zur Gräfin bringen und Theresa wollte in ihr Zimmer. Als sie auf dem Rückweg wieder an der Bibliothek vorbei mussten, schaute Theresa vorsichtig durch die Fenster, aber aus dieser Perspektive war nichts zu erkennen. In der Sonne des späten Nachmittags erschien ihr ihre Beobachtung wie ein Traum. Sie musste sich dringend zurückziehen und in Ruhe ihre Gedanken ordnen.
Wo findet Theresa Zeit zum Nachdenken?
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Der Zettelkasten
Eine erotische Familienchronik
Theresa ist aufgeregt, als sie bei den Recherchen zu ihrer Doktorarbeit auf den Zettelkasten der Schlossbibliothek stößt. Doch anstatt ihr ihre wissenschaftlichen Fragen zu beantworten, geben die Karteikarten ihr einen ungewollten Einblick in die histoire érotique der gräflichen . Theresa verstrickt sich immer tiefer in das historische Dickicht aus Klostereskapaden, Hurenfron und Franzosenfrevel. Wird sie aus diesem vergangenen Labyrinth der Lust wieder in unsere nüchterne, moderne Welt finden?
Updated on Apr 9, 2025
by Reyhani
Created on Mar 5, 2024
by Reyhani
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