Kapitel 10
Stunde der Wahrheit
Ferdinand erwachte mit einem Ruck.
Das Licht, das durch die Vorhänge fiel, war das blasse, kalte Grau eines Wintermorgens. Katharina schlief neben ihm, die Haare über das Kissen gebreitet, das Gesicht entspannt und offen auf eine Art, die er bei ihr im Wachzustand noch nie gesehen hatte.
Er betrachtete sie einen Moment länger als nötig.
Dann fiel es ihm ein.
Die Statue.
Er schlüpfte aus dem Bett, zog sich leise an und schlich durch den Flur zurück in sein Gästezimmer im Westflügel.
Die Kommode stand einen Spalt offen.
Ferdinand erstarrte.
Er riss die Schublade auf. Das Leinentuch lag noch da – säuberlich zusammengefaltet. Aber darunter?
Nichts.
Die Venus-Statuette war weg.
Er stand regungslos da, sein Gehirn arbeitete fieberhaft. Wer wusste, dass die Statue hier war? Nur Katharina. Und er hatte ihr erst letzte Nacht davon erzählt – kurz bevor…
Er schüttelte den Gedanken ab und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Die Tür hatte er nicht abgeschlossen – ein Fehler, der ihm im Nachhinein wie Dummheit vorkam. Das Fenster war geschlossen, aber nicht verriegelt.
Dann sah er es.
Auf dem Boden neben der Kommode: ein einzelner, langer schwarzer Faden. Synthetisch. Kein Wolle, kein Baumwolle – Polyester, billig, der Stoff, den man in Arbeitskleidung findet.
Und daneben: ein winziger, getrockneter Blütenblatt. Rosa. Verbena oder ähnliches. Das gleiche Parfüm, das er gestern Abend im Korridor wahrgenommen hatte.
Nicht bei Magdalena. Nicht bei Brigitte.
Bei Olga.
Ferdinand setzte sich auf die Bettkante und ließ alles durch seinen Kopf laufen. Jeden Moment des vergangenen Abends. Jede Aussage. Jede Lüge.
Und plötzlich ergab alles einen Sinn.
„Guten Morgen.”
Katharina stand in der Tür, frisch angezogen, Kaffeebecher in der Hand, die Haare noch leicht feucht. Sie sah ihn an – und las seinen Gesichtsausdruck sofort.
„Was ist passiert?”
„Die Statue ist weg.”
Sie schluckte. Keine Panik, keine Hysterie – ihre Staatsanwältinnen-Maske schob sich sofort vor ihr Gesicht. „Wer?”
„Ich weiß es.” Ferdinand stand auf. „Versammle alle im großen Salon. In dreißig Minuten. Jeden einzelnen.”
Katharina musterte ihn einen langen Moment. „Bist du sicher?”
„Ich bin sicher.”
Sie nickte einmal, kurz. Dann verschwand sie.
Ferdinand blieb zurück, ordnete seine Gedanken, legte die Puzzleteile übereinander.
Das Gummischnipsel im Weinkeller.
Der Bilderrahmen in Brigittes Tasche.
Die falsche Statue.
Die Einstichwinkel.
Der Schrei auf Polnisch.
Cornelius’ Wunde.
Das Testament.
Olgas Parfüm.
Und Helena – Helenas merkwürdig trockene Augen trotz der hysterischen Geste. Helena, die immer genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war.
Alles ergab ein glasklares Bild.
Der große Salon war schweigsam wie eine Kirche, als Ferdinand eintrat. Edmund stand an der Wand, die Hände auf dem Rücken, das Gesicht ein einziger langer Vorwurf an die Welt. Magdalena saß mit übereinandergelegten Beinen im besten Sessel und rauchte – trotz Katharinas demonstrativem Husten. Brigitte und Cornelius hockten nebeneinander auf dem Sofa, er mit einem weißen Verband um den Kopf, sie mit geröteten Augen. Markus stand neben dem Kamin, das Gesicht aschfahl, seit Stunden schon wie ein vergessenes Requisit. Olga saß in der Ecke, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick auf den Boden gerichtet.
Und Helena.
Helena saß in der Mitte des Raums, in einem cremefarbenen Morgenmantel, eine Tasse Tee in der Hand, die sie nicht trank. Ruhig. Fast zu ruhig für eine Frau, deren Hochzeitstag zu einem Mordfall geworden war.
Katharina lehnte an der Wand neben Ferdinand. Ihr Schulter berührte seine – kaum merklich, aber er spürte es.
„Ich danke Ihnen”, begann Ferdinand, „dass Sie alle hier sind. Ich weiß, es ist früh, und die letzten Stunden waren für alle außergewöhnlich belastend. Aber ich glaube, es ist Zeit, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Über Johannas Tod. Über die Venus-Statuette. Und über die Ereignisse dieser Nacht.”
Schweigen.
„Fangen wir mit dem Fundament an”, sagte Ferdinand und schritt langsam durch den Raum wie ein Dirigent vor seinem Orchester. „Johanna von Blaustein wurde erstochen. Die Tatwaffe – ein antiker Brieföffner aus ihrer eigenen Sammlung – wurde in ihrem Rücken gefunden. Die Einstichwinkel zeigten, dass der Täter oder die Täterin mindestens 1,75 groß sein musste. Das scheidet Olga aus – sie misst 1,60. Und Brigitte, die 1,63 groß ist, hat knöcherne Arthritis in beiden Handgelenken. Die Kraft, einen Brieföffner mit dieser Präzision zuzustoßen, hätte sie nicht aufgebracht.”
Brigitte japste empört, aber Ferdinand hob nur leicht die Hand.
„Das bedeutet nicht, dass Sie uninvolviert sind, Brigitte. Dazu kommen wir noch.”
Er blieb vor dem Fenster stehen, draußen lag der Schnee glatt und makellos wie ein weißes Leintuch.
„Die Venus-Statuette. Johanna wollte sie verkaufen. Illegal, für drei Millionen Euro, an einen russischen Kunsthändler namens Ivan Kuznetsov. Ich habe die E-Mails gestern Abend auf ihrem Computer gefunden.” Ein kurzer Blick zu Katharina, die unbeweglich an der Wand stand. „Diese Information ändert alles. Denn sie beweist, dass Johanna die Statue selbst loswerden wollte – was bedeutet, der Diebstahl war keine spontane Tat.”
„Was soll das bedeuten?” fragte Markus.
„Es bedeutet, dass jemand von dem Deal wusste. Jemand, der verhindern wollte, dass das Geld aus dem Haus verschwindet.” Ferdinand wandte sich Cornelius zu. „Cornelius. Sie waren bankrott. Hochgradig verschuldet. Und Ihr Sohn heiratet in eine der reichsten Familien Münchens. Johanna, Ihre zukünftige Schwiegermutter gewissermaßen, besaß ein Anwesen und eine Kunstsammlung im Wert von mehreren Millionen. Eine hübsche Konstellation.”
Cornelius’ Gesicht wurde grau. „Ich habe diese Frau nicht umgebracht!”
„Nein”, stimmte Ferdinand zu. „Das haben Sie nicht. Aber Sie wussten von dem Kuznetsov-Deal. Brigitte hat es Ihnen erzählt, nachdem sie es in Johannas Unterlagen entdeckt hatte – als sie im Schlafzimmer herumschnüffelte. Deshalb war sie dort. Nicht wegen Aspirin.”
Brigitte öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
„Sie wollte Beweise finden. Beweise, dass Johanna Vermögen ins Ausland schaffte – Vermögen, das nach Johannas Tod an Katharina und Helena gegangen wäre. Und damit auch an Ihren Sohn Markus, durch seine Ehe mit Helena.” Ferdinand verschränkte die Arme. „Das erklärt den Bilderrahmen. Sie haben ihn gestohlen, weil darin ein Foto von Johanna und Kuznetsov steckte. Ein Beweis für ihre Beziehung.”
Brigitte schluckte hörbar.
„Aber Sie haben Johanna nicht umgebracht. Sie wollten sie unter Druck setzen. Erpressen, vielleicht. Das Foto als Hebel benutzen.”
„Das ist… das ist eine bodenlose Unterstellung—”
„Der Bilderrahmen liegt noch in Ihrer Tasche”, sagte Katharina kalt. „Ich habe heute früh nachgesehen.”
Totenstille.
Brigitte brach in Tränen aus. Cornelius stierte auf seine Hände.
„Weiter”, sagte Magdalena trocken und zog an ihrer Zigarette.
Ferdinand nickte. „Kommen wir zu Ihnen, Magdalena.”
Die Gräfin hob eine perfekte Augenbraue.
„Sie wurden gefesselt im Weinkeller gefunden. Mit einer gefälschten Statue neben sich. Das sah aus wie eine Falle – jemand wollte Sie beschuldigen.” Ferdinand pausierte. „Und genau das war es auch. Eine Falle. Aber nicht die, die Sie denken.”
„Ich verstehe nicht”, sagte Magdalena.
„Sie wurden gefesselt, ja. Aber nicht von dem Mörder. Sie wurden gefesselt, weil Sie etwas gesehen haben. Etwas, das Sie nicht sehen sollten. In dieser Nacht, als Sie ankamen, sind Sie nicht direkt zu Edmund gegangen, oder? Sie sind durch die Hintertür ins Haus, wie Sie es immer getan haben – Sie kennen dieses Anwesen seit Ihrer Kindheit.”
Magdalena zückte die Augen zusammen, sagte aber nichts.
„Und dabei haben Sie jemanden im Weinkeller gesehen. Jemanden, der dort nicht hätte sein sollen. Und dieser Jemand hat Sie neutralisiert, bevor Sie schreien konnten.”
„Ich… ja.” Magdalenas Stimme war ungewohnt leise. „Ich habe ein Gesicht gesehen. Im Dunkeln. Nur kurz, bevor der Schlag kam.”
„Und dieses Gesicht”, sagte Ferdinand, „gehörte dieser Person.”
Er drehte sich um.
Und zeigte auf Olga.
Ein kollektives Einatmen im Raum.
Olga hob den Blick vom Boden. Ihre Augen – vorher stets schüchtern, stets gesenkt – waren plötzlich anders. Ruhig. Berechnend.
„Olga”, sagte Ferdinand auf Englisch, „spricht kein Deutsch. Das hat sie uns glauben lassen. Aber Olgas Englisch ist ausgezeichnet, wie ich gestern Nacht zufällig feststellen konnte, als ich durch die Flure schlich und sie leise telefonieren hörte. Auf Englisch. Mit einem Akzent, der deutlich weniger polnisch war als ihr gespieltes Kauderwelsch.”
Olga bewegte sich nicht.
„Sie heißen nicht Olga”, fuhr Ferdinand fort. „Ihr richtiger Name ist Agnieszka Kowalczyk. Sie sind keine Pflegerin. Sie sind Kunstsachverständige, spezialisiert auf osteuropäischen Schwarzmarkthandel. Sie arbeiten für Ivan Kuznetsov.”
Das Schweigen im Raum wurde physisch spürbar.
„Kuznetsov schickte Sie hier her, getarnt als Pflegerin, um sicherzustellen, dass der Deal reibungslos läuft. Um die Statue zu begutachten, ihre Echtheit zu bestätigen, und sie bei Gelegenheit selbst rauszuschaffen – falls Johanna kalte Füße bekommen sollte.”
Katharina trat vom der Wand weg. „Und die Fälschung?”
„Die Fälschung haben Sie mitgebracht”, antwortete Ferdinand, ohne Olga aus den Augen zu lassen. „Um die echte Statue gegen die Fälschung auszutauschen, sobald der Moment kam. Dann wäre der Diebstahl erst Wochen später aufgefallen – wenn überhaupt. Aber dann ist etwas schiefgegangen. Johanna hat den Plan durchschaut oder…”
Er machte eine Pause.
„…oder jemand anderes hat eingegriffen. Jemand, der schneller war.”
Nun wandte er sich langsam um.
Und sah Helena an.
Die Braut in ihrem cremefarbenen Morgenmantel hatte aufgehört, ihren Tee zu halten. Sie saß sehr still. Ihr Gesicht war eine Maske – aber hinter der Maske arbeitete es.
„Helena”, sagte Ferdinand. „Ich möchte dir etwas zeigen.”
Er griff in seine Jackentasche und zog einen kleinen Gegenstand heraus: Das Stück schwarzen Polyesterfadens vom Boden seines Zimmers.
„Der gleiche Fadenstoff wie dein schwarzes Negligé, das du gestern Nacht getragen hast. Das ich kurz gesehen habe, als du und Markus nach dem… Lärm aus eurem Zimmer kamt.”
Markus erbleichte.
Helena rührte sich nicht.
„Du warst in meinem Zimmer”, sagte Ferdinand ruhig. „Du hast die Statue gestohlen. Heute Nacht, zwischen zwei und vier Uhr, während alle schliefen.”
„Das ist lächerlich”, sagte Helena. Ihre Stimme war perfekt kontrolliert.
„Ist es das?” Ferdinand trat näher. „Helena. Lass mich dir erzählen, was wirklich passiert ist. Nicht das Theaterstück, das wir alle gestern erlebt haben. Die Wahrheit.”
Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken, genau wie er es in der Bibliothek in Budapest beobachtet hatte, wo ein alter Ermittler ihm einmal gezeigt hatte, wie man Menschen unter Druck setzt.
„Du wusstest von Tante Johannas Reichtum. Du wusstest auch, dass sie nicht ewig leben würde – sie war 79, kränklich, zunehmend dement. Du wusstest, dass Helena und Katharina die natürlichen Erbinnen wären.”
Er ließ eine kurze Pause entstehen.
„Aber dann hörtest du, dass Johanna das Testament geändert hatte. Und dass der Löwenanteil an Katharina geht – nicht an dich. Du, die ältere Schwester, die seit Jahren auf dieses Erbe gewartet hatte. Du, die Markus von Felsenstein geheiratet hatte – einen Mann aus einer hoch verschuldeten Familie. Du brauchtest das Geld dringender als Katharina.”
„Das ist Spekulation”, sagte Helena.
„Ist es das?” Katharina trat jetzt selbst vor, und Ferdinand trat einen Schritt zurück. Die Staatsanwältin in ihr hatte übernommen, und sie war gefürchteter als alles, was er je inszenieren konnte.
„Helena”, sagte Katharina, die Stimme wie Eis. „Du hast von Olgas Deal gewusst. Wann hast du es rausgefunden?”
Stille.
„Vor drei Monaten”, sagte Olga plötzlich.
Alle Köpfe fuhren zu ihr.
Die Frau, die bisher kein Wort Deutsch gesprochen hatte, legte den Kopf schief und sagte in akzentfreiem Hochdeutsch: „Helena hat mich zufällig beim Telefonieren mit Kuznetsov belauscht. Vor drei Monaten, als sie zu Besuch hier war. Sie ist danach zu mir ins Zimmer gekommen und hat mir einen Gegenvorschlag gemacht.”
Markus stieß ein kehliges Geräusch aus.
„Sie würde schweigen”, fuhr Olga fort, „wenn sie zwanzig Prozent des Verkaufserlöses bekommt. Sechshunderttausend Euro. Kuznetsov hat zugestimmt. Es war billiger als Ärger.”
„OLGA!” Helenas Stimme brach.
„Entschuldige, Helena”, sagte Olga – und klang dabei völlig unentschuldigt. „Aber ich sitze nicht ins Gefängnis wegen dir.”
Ferdinand nickte. „Der Plan war also folgender: Johanna stirbt eines natürlichen Todes – früher oder später –, die Statue wird vorher durch die Fälschung ersetzt und nach Russland geschmuggelt. Und Helena bekommt ihren Anteil. Aber dann änderte Johanna das Testament.”
Er ließ einen Moment verstreichen, ließ das Gewicht des Augenblicks auf die Versammelten drücken.
„Das hat alles auf den Kopf gestellt. Denn wenn Johanna jetzt stirbt und das Testament gilt, bekommt Katharina alles – nicht Helena. Und wenn die Statue verschwunden ist, erbt Katharina nur das Anwesen. Keine Venus, keine drei Millionen. Das Erbe wäre halbiert.”
„Helena brauchte Johanna lebend”, warf Katharina ein, „um das Testament wieder zu ihren Gunsten zu ändern.”
„Genau. Oder—”
„Oder sie brauchte sie sofort tot”, sagte Ferdinand, „bevor ein Notar das neue Testament formal registrieren konnte.”
Im Raum wurde es so still, dass man das Knistern der Kaminglut hören konnte.
„Das neue Testament wurde per E-Mail verschickt”, fuhr Ferdinand fort. „Dr. Grimmstein hat es vor drei Tagen ausgestellt. Aber Johanna hatte es noch nicht unterschrieben und zurückgeschickt. Es war rechtlich noch nicht bindend.”
Katharinas Atem stockte hörbar.
„Das alte Testament – in dem Magdalena alles erbte – war das letzte formal gültige. Aber Magdalena ist enterbt, seit sie vor sieben Jahren die Familiensilber verschleudert hat, und jeder weiß, dass Johanna sie nie wieder einsetzen würde.” Ferdinand wandte sich Helena zu. „Wenn Johanna stirbt, bevor das neue Testament unterschrieben wird, und das alte Testament angefochten werden kann, dann geht das Erbe gesetzlich an die nächsten Angehörigen. Die Töchter der Schwester. Katharina und Helena. Zu gleichen Teilen.”
„Eine Million und ein Anwesen”, murmelte Magdalena. „Nicht schlecht für einen Abend Arbeit.”
„SCHWEIG!” Helena sprang auf.
Der Raum hielt den Atem an.
Helena stand da, die Fäuste geballt, das Gesicht gerötet, und alle Kontrolle brach ab wie eine Staumauer. „Ihr wisst nicht, wie das ist! Jahrelang habe ich gewartet! Jahrelang! Katharina mit ihrer Karriere, ihrem Titel, ihrem verdammten Selbstbewusstsein – und ich? Ich habe einen Mann geheiratet, der beim Hochzeitsempfang keine Getränke bezahlen kann! Ich habe Johanna jahrelang besucht, ihr zugehört, ihre alten Geschichten ertragen – und dann? DANN verschreibt sie alles an Katharina! An Katharina, die sich nie die Zeit genommen hat, überhaupt—”
„Helena.” Katharinas Stimme war so leise und so scharf, dass Helena sofort verstummte. Die Schwestern sahen sich an. Etwas Altes und Schmerzhaftes stand zwischen ihnen.
Dann: „Hast du Johanna getötet?”
Ein langer Moment.
„Sie hat mich damit konfrontiert”, flüsterte Helena. Ihre Stimme war ein anderes Register – kleiner, gebrochener. Wie ein Geständnis, das schon lange darauf gewartet hatte, gesagt zu werden. „Sie hatte es rausgefunden. Olga hatte ihr von dem Deal erzählt – um ihre eigene Haut zu retten, natürlich.” Ein giftiger Blick zu Olga. „Johanna hat mich in den Wintergarten bestellt. Am Abend, während die anderen beim Empfangscocktail waren. Sie sagte, sie würde mich aus dem Testament streichen. Komplett. Mich und meinen Mann. Sie würde alles an einen Tierschutzverein geben, bevor sie mir auch nur einen Euro hinterlässt.”
„Und dann?” fragte Ferdinand.
„Ich habe den Brieföffner genommen”, sagte Helena. Ganz einfach. Ganz ruhig. „Er lag auf dem Beistelltisch. Ich… ich habe nicht nachgedacht. Es war ein Moment. Nur ein Moment.”
Markus sackte auf dem Sofa in sich zusammen.
„Und dann hast du Olga gerufen”, sagte Ferdinand. „Und Olga hat dir geholfen. Den Tatort verlassen. Eine Geschichte konstruieren. Die Fälschung platzieren. Mich in den Pavillon locken.”
Olga zuckte mit den Schultern. „Ich hatte keine Wahl. Sie wusste zu viel über mich.”
„Und dann habt ihr die echte Statue aus meinem Zimmer gestohlen”, sagte Ferdinand. „Weil ihr wusstet, dass ich das Original hatte. Ihr wolltet heute Nacht verschwinden, oder? Beide. Mit der Statue.”
Olga schwieg – was Antwort genug war.
„Wo ist die Statue jetzt?” fragte Katharina.
„In meiner Reisetasche”, sagte Olga gleichmütig. „Im Keller. Hinter dem zweiten Fass links.”
Zwanzig Minuten später.
Edmund hatte mit dem einzigen funktionierenden Festnetztelefon des Hauses – einem antiken Apparat im Keller, den Johanna offenbar aus Nostalgie behalten hatte – die Polizei gerufen. Der Schneesturm ließ langsam nach, die ersten Wagen würden in einer Stunde da sein.
Olga und Helena saßen nebeneinander im Salon, bewacht von einem Edmund, der zum ersten Mal an diesem gesamten Abend echte Gefühle zeigte – nämlich triumphierende Empörung.
„Dreißig Jahre”, murmelte er kopfschüttelnd, „habe ich dieser Familie gedient. Dreißig Jahre.”
„Edmund”, sagte Katharina, „wo waren Sie eigentlich, als Johanna ermordet wurde?”
Der Butler richtete sich auf. „Ich habe die Weinkarte sortiert. Alleine, leider. Kein Alibi. Aber mein Fingerabdruck ist nicht auf dem Brieföffner.”
„Nein”, stimmte Ferdinand zu. „Der ist auf dem des Täters. Beziehungsweise der Täterin.”
Er sah zu Katharina, die neben ihm stand und die Statue in der Hand hielt – die echte, schwere, bronzene Göttin, kalt wie der Winter draußen.
„Du hast das sehr gut gemacht”, sagte Katharina leise.
„Agatha Christie gelesen”, antwortete Ferdinand.
„Für einen Dieb.”
„Für einen Dieb”, bestätigte er.
Sie sah ihn an – lange, nachdenklich. „Was passiert jetzt mit dir?”
„Das liegt an dir.”
Katharina stellte die Statue ab, verschränkte die Arme. Nachdachte. Er konnte buchstäblich sehen, wie die Staatsanwältin in ihr gegen etwas anderes ankämpfte – etwas, das keine juristische Kategorie hatte.
„Die Statue”, sagte sie schließlich, „wird von mir als Beweismittel sichergestellt. Sie wird danach an die Erbengemeinschaft zurückgegeben.” Eine kurze Pause. „Du hast sie nie gestohlen. Du hast sie… sichergestellt. Als BKA-Undercover-Ermittler.”
Ferdinand blinzelte. „Ich bin kein—”
„Ich weiß, was du bist.” Ihre Stimme war leise, aber bestimmt. „Aber ich weiß auch, was du heute Nacht getan hast. Du hättest verschwinden können. Mit der Statue, durch den Geheimgang, in den Schnee. Niemand hätte dich aufhalten können.”
„Ja.”
„Aber du bist geblieben.”
Er schwieg.
„Warum?”
Ferdinand sah sie an. Dieses Gesicht, das in einer Nacht sein ganzes sorgfältig gebautes Leben eingerissen hatte wie ein Erdbeben.
„Weil ich wissen wollte, wer es war”, sagte er.
„Nur deshalb?”
„Nein.”
Katharina nickte langsam. Dann drehte sie sich weg, sah aus dem Fenster auf den Schnee, der jetzt sachte fiel – nicht mehr sturmgepeitschte, sondern ruhig, fast zärtlich.
„Ich werde meinem Bericht schreiben”, sagte sie, „dass ein anonymer Hinweisgeber aus der Kunstszene entscheidend zur Aufklärung beigetragen hat. Name unbekannt. Gesicht unbekannt.”
Ferdinand trat neben sie. „Das könnte deiner Karriere schaden.”
„Meine Karriere”, sagte Katharina trocken, „hat schon Schlimmeres überlebt.”
Von drinnen hörten sie Helenas unterdrücktes Schluchzen, Markus’ leises, gebrochenes Murmeln, Brigittes hysterische Selbstgespräche.
Und Magdalena, die ganz allein in ihrem Sessel saß, eine neue Zigarette anzündete und zum ersten Mal in diesem ganzen Abend nichts sagte.
„Mama”, rief Katharina. „Tut mir leid. Wegen des Erbes.”
Magdalena blies eine perfekte Rauchwolke aus. „Liebling. Ich habe selbst genug Geld. Ich brauchte Johannas Millionen nie.” Eine kurze Pause. „Ich wollte nur, dass sie mich um Verzeihung bittet. Bevor sie stirbt.”
Das Schweigen danach war das schwerste der ganzen Nacht.
Als die Polizei eine Stunde später das Anwesen stürmte, stand Ferdinand bereits im Flur, den Mantel an, die Reisetasche in der Hand.
Katharina stand fünf Meter entfernt.
„Du gehst”, sagte sie.
„Ja.”
„Bevor sie dich sehen.”
„Ja.”
Sie sah ihn an. „Ferdinand Baumann ist also nicht dein echter Name?”
„Doch. Das war das Einzige, das ich dir nicht gelogen habe.”
Ein kleines Lächeln zuckte um ihre Lippen. „Dann findet man dich. Irgendwie.”
„Wenn man es genug will.”
„Ich bin Staatsanwältin”, sagte Katharina. „Ich finde jeden.”
Er trat näher, nahm ihr Gesicht in beide Hände, küsste sie – kurz, fest, auf eine Art, die nach Versprechen schmeckte.
Dann war er weg.
Durch den Flur, die Hintertür, hinaus in den Schnee, der alles bedeckte und alles verbarg.
Katharina stand an der Tür und sah ihm nach, bis seine Silhouette im Weiß verschwunden war.
Hinter ihr hörte sie Edmunds trockene Stimme: „Die Polizei möchte Sie sprechen, Fräulein von Blaustein.”
„Natürlich.” Sie räusperte sich, schob die Maske zurück ins Gesicht, wurde wieder Staatsanwältin, Tochter, Schwester.
Aber ihre Finger lagen auf ihren Lippen.
Und sie lächelte.
ENDE
Ende band 1
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