What's next?

Kompliziert muss nicht schlecht sein

Die nächsten zwei Stunden auf der Couch dehnten sich wie zäher, goldener Sirup.

Die Drinks wurden leerer, der Bass aus den Boxen drückte tiefer in die Polster, und die Unterhaltungen glitten in dieses rauchige, ungefilterte Spätabend-Geflüster ab. Loona und Timo waren zusammengerückt. Sie lehnte mit dem Rücken halb an seiner breiten Brust, lachte über seine derben Witze, strich ihm beiläufig über den Oberschenkel und ließ sich von ihm einschenken. Sie spielte den Part der begehrten Frau mit einer Eleganz, die mich vollkommen den Verstand kostete. Jedes Mal, wenn Timo seine Finger in ihre Taille grub oder ihren Hals küsste, schnürte es mir die Kehle zu – aber nicht vor Eifersucht. Es war pure, atemlose Faszination. Ich himmelte sie an. Sie war atemberaubend schön in ihrer lockeren, fast unantastbaren Souveränität. Dass sie diesen arroganten Kerl vor meinen Augen an der Nase herumführte, dass sie seinen Körper gleich als Werkzeug benutzen würde und ich der Einzige im Raum war, der das wahre Fundament dahinter kannte, erfüllte mich mit einem berauschenden, demütigen Stolz. Ich war ihr Cuckold, ihr loyaler Schatten, und ich liebte jede Sekunde davon.

Gleichzeitig brannte neben mir ein völlig neues Feuer.

Nadja war näher herangerutscht. Ihre nackte Schulter streifte die meine, ihre Beine lagen angewinkelt auf dem Sofa, und bei jeder Bemerkung warf sie mir ein Lächeln zu, das viel zu warm, viel zu intim für eine bloße Bekannte war. Sie lachte über meine leisen Kommentare, berührte im Gespräch ganz beiläufig mein Knie und sah mich mit ihren dunklen, funkelnden Augen so an, dass mein Puls ins Bodenlose raste. Sie war wunderschön – weltgewandt, humorvoll, verführerisch. Jeder Instinkt in mir schrie danach, mich weiter zu ihr zu drehen, ihre Hand zu nehmen, den Flirt zu erwidern.

Und genau da packte mich die bittersüße, verruchte Realität: Ich konnte nicht.

Unter dem weichen Stoff meiner Hose saß der eiserne Ring, das Schloss, das kühle Silikon. Meine gesamte Sexualität, jeder Funke männlicher Potenz, lag nicht mehr in meiner Hand. Sie gehörte Loona. Ich durfte Nadja nicht berühren, durfte nicht weitergehen, konnte gar nichts beginnen – es sei denn, Loona würde es mir eines Tages gnädig erlauben und den winzigen Schlüssel im Schloss drehen. Diese Gewissheit schnürte mir den Atem ab. Die bloße Unmöglichkeit, mit dieser hinreißenden Frau auf der Couch mehr als harmlose Worte auszutauschen, weil mein Körper das absolute Eigentum der Frau schräg gegenüber war, trieb mich in einen Zustand fast ekstatischer Verzweiflung. Ich musste höllisch aufpassen, dass meine Knie Nadjas Beine nicht zu fest berührten, dass sie das starre Profil des Gehäuses nicht an ihrem Oberschenkel spürte. Diese ständige Gratwanderung – der Drang nach ihrer Nähe und die panische, geile Angst vor Entdeckung – machte mich im positivsten Sinne vollkommen wahnsinnig.

Gegen kurz nach zwei stellte Loona ihr leeres Glas mit einem leisen, hellen Klacken auf die Glasplatte des Couchtischs.

Die Bewegung war so beiläufig wie endgültig. Der Raum schien schlagartig stiller zu werden, obwohl die Musik noch lief.

Loona stand auf, strich sich die knappe Shorts glatt und sah Timo an. Ihre Augen waren dunkel, der Blick schwer von Alkohol und unverhohlener Einladung.

„Mir reicht’s hier draußen“, sagte sie leise, ihre Stimme samtig und rau. „Kommst du mit nach drüben, Timo?“

Timo starrte sie an, als hätte er im Lotto gewonnen. Sein breites, selbstgefälliges Grinsen kehrte zurück, er stellte sein Glas hastig ab und rappelte sich vom Sofa auf. „Musst du mich nicht zweimal fragen.“

Bevor sie sich umdrehte, glitt Loonas Blick zu mir.

Mitten im Raum hielt sie kurz an, trat an das Sofa heran und beugte sich zu mir hinab. Ihr Duft – Mandeln, Gin und ihre warme, vertraute Haut – wickelte mich ein wie eine schwere Decke. Vor den Augen von Nadja und dem ungeduldig wartenden Timo legte sie mir ganz sanft zwei Finger an die Wange, strich mir über das Kinn und gab mir einen zarten, vollkommen friedlichen Kuss auf die Schläfe.

„Sei lieb zu Nadja, John“, flüsterte sie dicht an meinem Ohr, so leise, dass die Worte im Beat der Musik verschwammen. „Und denk an unser Versprechen.“

Ein eiskalter, heißer Strom schoss durch mein Rückgrat. Das Fleisch im Käfig spannte sich mit aller Macht gegen das dämpfende Silikon auf, pulsierte dumpf und fordernd.

Loona richtete sich auf, schenkte Nadja ein knappes, vielsagendes Nicken und verschwand mit geschmeidigen Schritten im Flur. Timo warf mir noch ein schnelles, verschwörerisches Zwinkern zu, klopfte mir derb auf die Schulter und hastete ihr hinterher.

Wenige Sekunden später fiel die schwere Tür des Schlafzimmers mit einem dumpfen, satten Klacken ins Schloss.

Stille. Nur der Bass.

Ich saß wie festgewachsen auf dem Polster, klammerte meine feuchten Hände um mein Glas, während neben mir Nadja die Beine noch etwas bequemer anwinkelte, mich von der Seite her musterte und ein leises, amüsiertes Lächeln auf ihren Lippen aufblühte. Aus dem Flur drang das erste leise Quietschen der Bettfedern herüber.

Das Holz des Altbaubodens schien die Vibrationen direkt in meine Knochen zu leiten. Aus dem Flur drang das rhythmische, dumpfe Poltern des Bettgestells gegen die Wand, begleitet von Timos rauem, kehligen Stöhnen und den helleren, fast melodiösen Lauten von Loona.

Jeder einzelne Laut brannte wie flüssiges Wachs auf meinen Nerven. Mein Atem ging flach, das Fleisch unter der Jogginghose pochte mit erbarmungsloser Wucht gegen die Schale des Edelstahls. Das weiche Silikon fing die schärfsten Kanten ab, doch der unnachgiebige Druck schnürte mir die Kehle zu – eine erstickende, zersetzende Mischung aus Unterwerfung, Neid und hemmungsloser Geilheit. Sie tat es wirklich. Sie ließ sich von ihm nehmen, direkt hinter dieser dünnen Holztür, und ich saß hier draußen, verwahrt, versiegelt und vollkommen handlungsunfähig.

„Scheint ja nicht lange gefackelt zu haben, der Gute“, murmelte Nadja leise.

Ihre Stimme schnitt so sanft durch die stickige Luft, dass ich zusammenzuckte. Sie hatte ihr Glas auf dem Tisch abgestellt und sich vollends zu mir gedreht. Ein Bein hatte sie auf das Polster gezogen, ihr Knie war nur wenige Zentimeter von meinem Oberschenkel entfernt. Sie trug dieses feine, amüsierte Lächeln zur Schau – das Gesicht einer wunderschönen Frau, die die Nacht genoss und die Dinge nahm, wie sie kamen.

„Timo war… schon immer ziemlich direkt“, brachte ich mühsam hervor. Meine Stimme klang viel zu heiser, viel zu belegt, und ich räusperte mich hastig, um die Fassade nicht einstürzen zu lassen.

Nadja lachte leise, ein warmes, rauchiges Glucksen. Sie musterte mein Profil, während drüben das Bett ein besonders lautes Knarren von sich gab, gefolgt von einem feuchten Klatschen von Haut auf Haut. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel.

„Und du?“, fragte sie leise, neigte den Kopf zur Seite und sah mich mit ihren dunklen Augen an, die im Halbdunkel funkelten. „Bist du immer so gelassen, John? Ich meine… die meisten Kerle würden die Krise kriegen, wenn die eigene Stiefschwester sich einfach den besten Kumpel schnappt und direkt nebenan die Bude abreißt. Ist das für dich nicht irgendwie… schräg mitanzuhören?“

Die Hitze schoss mir bis in die Haarspitzen. Der doppelte Boden ihrer Worte war atemberaubend gefährlich. Für sie war ich nur der Stiefbruder, der scheinbar cool danebensitzen und das Liebesleben seiner Stiefschwester mit dem gemeinsamen Kumpel ertragen musste. Sie wusste angeblich nicht – oder durfte nicht wissen –, was wirklich zwischen Loona und mir lief und dass mein Körper längst nicht mehr mir gehörte.

„Wir… wir lassen uns da gegenseitig unsere Freiheiten“, log ich, während meine Finger krampfhaft das feuchte Kristallglas umklammerten. „Loona ist erwachsen. Sie nimmt sich, was sie will. Und ich… ich habe kein Problem damit.“

„Tatsächlich?“, raunte Nadja.

Sie rückte noch ein Stück näher. Ihre nackte Schulter berührte meinen Oberarm, die feine Seide ihres Tops raschelte leise, und ihr Parfüm – dieser schwere, blumig-herbe Duft – benebelte meine Sinne vollkommen. Sie streckte ganz langsam die Hand aus und legte ihre Finger auf meinen Unterarm. Ihre Haut war kühl, ihre Berührung zart und fordernd zugleich.

„Das macht dich aber ziemlich besonders, weißt du das?“, flüsterte sie, und ihr Blick glitt von meinen Augen hinab zu meinen Lippen. „Die meisten Männer wären in so einer WG-Konstellation total verklemmt oder eifersüchtig auf den Kumpel. Aber du sitzt hier, völlig entspannt, und siehst verdammt gut dabei aus.“

Mein Puls explodierte. Mein ganzer Körper schrie danach, mich zu ihr zu drehen, meine Hand in ihren Nacken zu legen und diesen verflucht verlockenden Mund zu küssen. Sie bot es mir auf dem Silbertablett dar. Eine bildschöne Frau, allein mit mir auf der Couch, während drüben das Stöhnen meiner Stiefschwester Loona immer lauter und hemmungsloser wurde.

Doch als ich mich minimal bewegte, stieß das starre Metallgehäuse hart gegen den Stoff meiner Hose.

Die eiserne Realität riss mich mit brutaler Klarheit zurück: Ich war verschlossen. Der Schlüssel lag bei der Frau im Schlafzimmer, die sich gerade unter Timo aufbäumte. Ich durfte nicht. Selbst wenn ich wollte, selbst wenn Nadja mich nackt ausziehen würde – sie würde auf ein Vorhängeschloss stoßen. Meine Sexualität war enteignet. Ich war Loonas Eigentum, ihr kleiner, eingesperrter Cuckold, der nur atmen durfte, wenn sie es erlaubte.

Und das Perverseste daran war: Es machte mich so unbeschreiblich scharf, dass mir fast schwarz vor Augen wurde. Zu wissen, dass Nadja mich begehrte, ich sie aber nur berühren durfte, wenn Loona mir eines Tages die Erlaubnis erteilte, trieb mich an den Rand des Wahnsinns.

Ich zog vorsichtig, fast unmerklich mein Knie ein paar Zentimeter zurück, um bloß zu verhindern, dass sie das starre Rohr durch den Stoff ertastete.

„Danke, Nadja“, flüsterte ich mit zitternder Stimme, hielt ihren Blick fest und spürte, wie meine Handflächen schwitzten. „Aber… manche Dinge sind eben komplizierter, als sie aussehen.“

Ein wissendes, beinahe lauerndes Blitzen trat in Nadjas Augen. Sie zog ihre Hand nicht zurück, sondern strich mit den Fingerspitzen langsam an meinem Arm hinab bis zu meinem Handgelenk.

„Kompliziert muss ja nicht schlecht sein“, hauchte sie, während drüben im Schlafzimmer ein heiserer Aufschrei von Loona durch das Holz drang, gefolgt von einem tiefen, erschöpften Keuchen Timos. „Manchmal sind die komplizierten Dinge genau die, die am meisten Spaß machen… meinst du nicht auch, John?“

Nadjas Daumen zeichnete kleine, quälend langsame Kreise auf der empfindlichen Innenseite meines Handgelenks. Ihr Atem roch nach süßem Gin und Minze, und für zwei Sekunden schloss sie die Augen, als lausche sie ganz bewusst auf den Rhythmus, der drüben die Bettfedern malträtierte.

„Er gibt sich ja richtig Mühe“, flüsterte sie mit einem leisen, fast spöttischen Glucksen, öffnete die Augen wieder und bohrte ihren Blick tief in meinen. „Aber sag mal ehrlich, John… lässt du dich immer so leicht an die Seite schieben? Ein gut aussehender Typ wie du, allein auf dem Sofa, während die anderen ihren Spaß haben… Das wirkt fast so, als würdest du es genießen, nur zuzusehen. Oder zuzuhören.“

Die Worte trafen mich wie Stromschläge. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Glaubte sie das wirklich, oder tastete sie sich an den Kern der Wahrheit heran? Unter meiner Hose rebellierte der Stahl. Jeder Pulsschlag trieb mein Fleisch gegen die glatte Barriere, das Silikon presste sich in meine Haut, und ich musste mich mit der freien Hand krampfhaft in das Polster der Couch krallen, um kein heiseres Keuchen von mir zu geben.

„Ich… ich weiß einfach, wann ich mich raushalten muss“, presste ich hervor.

„So brav“, raunte sie und lehnte sich noch ein winziges Stück vor, sodass die Spitzen ihrer dunklen Haare über meinen Unterarm strichen. „Schon fast unheimlich brav.“

Genau in diesem Moment zerriss ein langgezogener, spitzer Laut von Loona die stickige Stille im Flur – ein Geräusch vollkommener, ungezügelter Hingabe, das sofort in einem tiefen, rasselnden Knurren von Timo erstickte. Ein letztes, hartes Schlagen des Bettrahmens gegen die Fußleiste hallte durch die Wand. Dann: abruptes Schweigen.

Nur noch das schwere, dumpfe Atmen zweier Körper drang gedämpft durch das Holz.

Nadja hielt inne. Ein wissendes, amüsiertes Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus. Sie löste ihre Hand von meinem Handgelenk, klopfte mir zweimal sanft auf den Oberschenkel – wobei ihre Handfläche nur Zentimeter am starren Zylinder vorbeiglitt – und griff nach ihrem Glas auf dem Tisch.

„Sieht so aus, als wäre die Show vorbei“, sagte sie gelassen und leerte den letzten Schluck.

Es dauerte keine zwei Minuten, bis die Türklinke des Schlafzimmers leise heruntergedrückt wurde.

Timo schlurfte in den Flur. Er trug nur noch seine verwaschene Jeans, barfuß, der Oberkörper glänzte von einem feinen Schweißfilm, und sein Gesicht war dunkelrot angelaufen. Auf seinen Lippen lag dieses unerträglich breite, schmierige Siegergrinsen eines Mannes, der glaubte, gerade die Welt erobert zu haben.

Er schlenderte ins Wohnzimmer, stützte sich mit einer Hand am Türrahmen ab und musterte uns beide mit schweren, trägen Augen.

„Boah, Alter…“, murmelte er heiser, kratzte sich am Bauch und stieß ein mattes Lachen aus. „Ich bin offiziell tot. Wenn ich mich jetzt nicht hinlege, klappe ich mitten auf dem Teppich zusammen.“

„Große Klappe, wenig Kondition, was?“, neckte ihn Nadja vom Sofa aus, vollkommen ungerührt, während sie ihre Beine ausstreckte.

„Glaub mir, die Kondition hat gereicht“, grinste Timo dreckig und sah zu mir herüber. Er klopfte mir mit der flachen Hand auf die Schulter, ein schwerer, derber Schlag. „Schlafzimmer gehört wieder euch. Ich bin drüben auf der Couch im Arbeitszimmer… weckt mich bloß nicht vor zwölf.“

Er drehte sich schlurfend um, wankte den Flur hinunter, und kurz darauf fiel die Tür des Arbeitszimmers ins Schloss.

Eine lastende, fast greifbare Ruhe senkte sich über die Wohnung.

Nadja stellte ihr Glas ab, gähnte kurz hinter vorgehaltener Hand und sah mich mit einem unergründlichen Ausdruck an. „Ich glaube, für mich wird es auch Zeit. Halb drei… ich bestell mir ein Uber.“

Sie stand auf, strich ihr Seidentop glatt und wandte sich zur Garderobe. Ich erhob mich mechanisch, folgte ihr in den Flur und half ihr in die Lederjacke. Das Metall an meinem Körper war glühend heiß geworden, die Spannung im Becken kaum noch zu ertragen.

Als sie sich an der Wohnungstür umdrehte, legte sie beide Hände flach auf meine Brust, sah mir fest in die Augen und drückte mir einen Kuss auf die Wange – langsam, intensiv, ihr Mund verharrte einen Wimpernschlag zu lange an meiner Haut.

„War ein faszinierender Abend mit dir, John“, hauchte sie mir ins Ohr. „Schlaf gut.“

Die Tür fiel ins Schloss.

Ich stand allein im Halbdunkel des Flurs, zitternd, den Schlüssel im Schloss verriegelt.

Am Ende des Korridors stand die Schlafzimmertür einen Spalt breit offen. Ein schmaler Lichtstreifen fiel auf die Dielen.

„John“, erklang Loonas Stimme aus dem Zimmer. Sie klang rau, tief, vollkommen erschöpft und doch unendlich herrschaftlich. „Komm rein. Und schließ hinter dir ab.“

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