What's next?
Ein denkwürdiger Arztbesuch
Die beiden Frauen saßen wieder im Auto. Samira mit ihrer notdürftig verbundenen Hand. Monika warf immer wieder besorgte Blicke auf die roten Flecken auf dem dicken Verband.
„Du blutest immer noch sehr stark! Hast dich ja ganz schön geschnitten!“
Samira saß bleich und schweigend da und hing wie ein Häuflein Elend in ihrem Gurt. Sie mochte kein Blut. Am allerwenigsten ihr eigenes. Im Moment wurde sie allerdings von Monikas Kleidung, bzw. dem weitgehenden Mangel einer solchen abgelenkt. Sie hatte sich wieder in den beigen Mantel geworfen. Darunter das Negligé, darunter – nichts. Die blanke Spalte ihrer Gastgeberin ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Auch der Rubin im Arsch blinkte von Zeit zu Zeit durch ihre Fantasie.
Weshalb faszinierte sie der Intimbereich dieser Frau derart? Sie hatte viele weibliche Unterleibe gesehen. Die Frauen ihrer Familie gingen ungezwungen miteinander um, wenn sie unter sich waren.
Dennoch war es irgendwie anders. Erotischer? Samira war über das Auftauchen dieses Wortes in ihren Gedanken entsetzt. Es war böse und hatte nichts mit ihrer Welt als unverheiratete Frau zu tun. Durfte nichts damit zu tun haben. Sie war immer diejenige gewesen, die ihre Schwestern gemaßregelt hatte, wenn sie sich kichernd und gackernd über präsumtive Sexualpartner unterhielten. Samira war erleichtert gewesen, dass es sich bei den herbeifantasierten Galanen um Schauspieler und Sänger, keine Schulkollegen oder andere reale männliche Wesen aus ihrem Umfeld, handelte.
Endlich beim Arzt angekommen, eilte Monika sogleich zur Arzthelferin am Empfang, um für ihren blutenden Gast schnelleres Drankommen zu sichern. Samira setzte sich inzwischen in den halbvollen Warteraum. Ängstlich blickte sie sich um. Keine Kopftücher. Nur bleiche Gesichter. Seit dem Aufkommen der Hipster-Mode war es zwar mitunter schwierig, zwischen Fundis und jungen Trendfolgern zu unterscheiden, die glattrasierten Bleichgesichter boten aber sicherlich keinerlei Anlass zur Sorge. Niemand würde sie hier erkennen.
Kaum hatte sie sich beruhigt zurückgelehnt, da …
„Samira!“
Die Arzthelferin hatte den Warteraum betreten und starrte sie entgeistert an.
„Fatima!“, entgegnete Samira kleinlaut.
Ihr stand ausgerechnet die einzige Frau aus ihrer Familie gegenüber, die, kaum galt sie nach den Gesetzen dieses Landes als erwachsen, das Kopftuch abgelegt hatte. Samira hatte im Familienkreis keinen Hehl aus ihrer Verachtung gemacht. Irgendwann war Fatima einfach aus ihrem Leben verschwunden. Ausgerechnet jetzt musste sie wieder auftauchen.
Der Abscheu war dem rundlichen Gesicht ihrer Cousine derart deutlich anzusehen, dass Samira jede Hoffnung, sie hätte von dem Video noch nichts mitbekommen, fahren lassen musste.
‚Das ist jetzt ihre Gelegenheit, es mir heimzuzahlen!‘, dachte Samira.
Dabei hatte sie gar nichts getan. Man hatte ihren Ruf mit einem manipulierten Video zerstört. Fatima aber hatte aus freien Stücken ihr Kopftuch abgelegt, was Samira nach wie vor verurteilte.
Sie erhob sich und ging auf die zierliche Gestalt in ihrem weißen Mantel zu. Fatima war kleiner als sie und weniger fraulich, dennoch war sie auf burschikose Weise hübsch. Die zu einem Pagenkopf geschnittenen Haare unterstrichen diesen Eindruck noch.
Fatima blieb zunächst stehen, wollte sie auf Abstand halten, vielleicht sogar anfahren, trat dann aber ohne weitere Worte zurück in den Gang. Samira folgte ihr in eine kleine Teeküche. Eine Kollegin, die sich eben gemütlich in eine Klatschzeitung vertieft hatte, wurde von Fatima mit einer knappen Geste samt ihrer dampfenden Kaffeetasse verscheucht.
Sie schloss die Tür hinter sich. Da Fatima keine Anstalten machte, sich zu setzen, blieb auch Samira stehen.
„Fatima, ich wollte dir sagen, dass …“
„Was? Was willst du mir sagen? Dass es dir leid tut? Dass du Schande über uns alle gebracht hast? Dass Du das Leben für uns Mutwalli Frauen noch ein bisschen schwerer gemacht hast?“
„Fatima, das Video ist gefälscht! Ich war das nicht! Ich würde nie …“
„Behaupten sie das nicht alle? Ich habe dich in den Armen dieses Typen gesehen!“
„Das war ich nicht! Hast du dir denn niemals überlegt, weshalb nur sein Gesicht verpixelt ist?“
„Was weiß ich? Das ist doch oft so bei diesen Videos. Wahrscheinlich willst du eine Karriere als Pornoflittchen starten. Da wäre es doch blöd, dein hübsches Gesichtchen zu verbergen.“
Samira war verzweifelt. Es hatte keinen Sinn. Sogar das liberalste Mitglied ihrer Familie hatte sie abgeschrieben. Sie versuchte verzweifelt, ihre Tränen vor ihrer selbstgerechten Cousine zurückzuhalten.
„Fatima, würdest du bitte Frau Mutwalli in Behandlungszimmer 1 bitten?“, erklang eine sonore Stimme aus einem Lautsprecher.
„Lassen wir das. Du bist hier als Patientin. Komm mit.“
Der Arzt war um die vierzig Jahre alt. Noch recht jung für so eine große Praxis, wie Samira fand. Er war etwas kleiner als sie, hatte ein kleines Bäuchlein und einen ungepflegten Dreitagebart, den so manche attraktiv finden mochte. Er lächelte beide Frauen freundlich an.
„Mutwalli. Fatima, seid ihr etwa verwandt?“
„Nein, das ist ein häufiger Name, da, wo wir herkommen.“
Fatimas Ton war etwas schroff für eine Angestellte. Noch erstaunter war sie, als sie den ungeduldig tadelnden Blick ihrer Cousine sah, mit dem sie ihren Vorgesetzten bedachte.
‚Merkwürdige Sitten herrschen in dieser Praxis‘, wunderte sich Samira, als sie die Reaktion des Arztes sah.
Dieser duckte sich förmlich unter Fatimas giftigem Blick weg und ging in den Behandlungsraum. Samira folgte ihm. Der Arzt betrachtete die Wunde, die sich quer über ihre Handfläche zog, kopfschüttelnd.
„Ich werde ein paar Klammern setzen und die Wunde ordentlich verbinden. Haben sie große Schmerzen?“
„Nein. Es geht.“
„In Ordnung. Dann fangen wir an.“
Er gab ihr zwei Spritzen, wartete etwas und verschloss dann die Wunde. Fatima unterstützte ihn geschickt und verband anschließend die Hand. Die beiden waren ein gutes Team.
Fatima würdigte sie keines weiteren Blickes, während sich Samira beim Arzt bedankte und den Raum verließ. Kaum hatte sie die Tür verschlossen, hörte sie Arzt und Helferin streiten. Sie verstand nicht, was gesagt wurde, bemerkte aber, wie die Lautstärke zuerst anschwoll, dann verstummte.
Monika hatte auf Samira gewartet und betrachtete kritisch den Verband.
„Sieht ganz gut aus. Schon bemerkenswert, dass die beiden nebenbei auch noch für ihre Jobs Zeit haben“, meinte sie laut mit einem Schmunzeln in Richtung der immer noch verschlossenen Tür zum Behandlungsraum.
Vorbei an der zuvor verscheuchten zweiten Helferin, die mit hochrotem Kopf im Flur stand, gingen die beiden Frauen zur Tür. Im Warteraum machte sich indes ungeduldiges Murmeln bemerkbar.
Als sie das Haus verließen, brauchte Monika zunächst eine Zigarette. Sie betrachtete Samira, die mit verschränkten Armen an der Hauswand lehnte.
„Die hast sie gekannt, oder? Die Arzthelferin? Faaatima?“
Die Art, wie Monika den süßlich flötenden Tonfall des Arztes nachahmte, machte Samira schmunzeln.
„Ja. Sie ist meine Cousine väterlicherseits.“
„Und sie hat dich einfach verleugnet, diese heuchlerische Kuh?“
‚Was meint sie bloß mit heuchlerisch?‘, fragte sich Samira.
„Na, hast du das nicht bemerkt? Die beiden haben was miteinander!“, beantwortete Monika die unausgesprochene Frage.
Samira starrte sie ungläubig an. Das mit dem Kopftuch war schon schlimm genug, aber …
„Unmöglich! Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder!“, entfuhr es Samira, die sich sicher war, einen Ehering am Finger des Arztes gesehen zu haben.
Ehe Monika antworten konnte, wurde die Tür aufgestoßen.
„Gut, dass ich euch … äh sie … noch erwische! Sie kriegen noch die Rechnung für die Krankenkasse. Auf diesem Zettel steht der Termin zum Ziehen der Klammern.“
Mit diesen Worten hielt ihnen Fatima einige Zettel entgegen.
Samira starrte sie fassungslos an. Ihr weißer Kittel war falsch zugeknöpft, ihr kurzes Haar zerrauft, der verschmierte Lippenstift nur unzureichend abgewischt. Den Knutschfleck auf dem Hals konnte nicht einmal die Frömmste missverstehen. Das weiße Zeug auf ihrer Wange war sicher keine Sahne.
Monika hatte Mühe, die Papiere entgegenzunehmen, so sehr wurde sie von Lachkrämpfen geschüttelt.
Fatima machte kehrt, wollte nichts wie zurück ins Haus.
„Ciao Fatima! Und richte bitte Mohamed und den Kleinen liebe Grüße aus!“, konnte sich Samira nicht verkneifen, ihrer Cousine nachzurufen.
Zufrieden grinsend folgte sie Monika zum Auto.
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