What's next?
Die Frau des Direktors
Direkt vor dem Schuleingang stand eine dunkelblaue Limousine am Straßenrand. Die aufgeputzte großgewachsene Blondine, die rauchend an dem Wagen lehnte, sah irgendwie nach der Ehefrau des Direktors aus.
„Guten Tag. Mein Name ist Samira Mutwalli.“
Die Frau löste sich von ihrem Wagen und musterte sie interessiert.
Samira wäre am liebsten im Boden versunken. Die Stille begann sie zu belasten. Wie konnte sie nur in aller Öffentlichkeit rauchen? Und ihre blonde Mähne so zur Schau stellen? Sie war bereits zwei Jahre in diesem Land und konnte diese schamlosen Frauen immer noch nicht verstehen.
„Soso. Du bist das also“, kam es endlich von der Frau, die aus der Nähe betrachtet deutlich jünger wirkte als ihr Mann.
Sie öffnete die Beifahrertür und nickte ihr freundlich zu.
Samira hörte, wie hinter ihr die ersten Schüler zum Rauchen in den Hof kamen und flitzte zum Auto. Sie schloss den Schlag und versuchte, in den Autositz zu versinken.
Die Frau Direktor ließ sich alle Zeit der Welt. Nach einer gefühlten Ewigkeit schnippte sie die Zigarette achtlos auf die Straße und setzte sich in den Fahrersitz. Längst umrundeten neugierige Mitschüler den Wagen.
„Ziemlich stickig hier herinnen, findest du nicht?“, meinte sie.
Lautlos glitt die Scheibe neben Samira nach unten. Mit einem Schlag hörte sie den Lärm des Schulhofs. Wie üblich standen die Schüler in Grüppchen zusammen. Es war nichts Ungewöhnliches, dass alle auf ihre Smartphones starrten. Heute allerdings konnte Samira unschwer erraten, wen oder was sie so eingehend betrachteten.
Schon deuteten die Ersten auf den Wagen. Sie hatten erkannt, wer sich da zu verstecken versuchte.
„Möchtest du dich vielleicht von deinen Kollegen verabschieden?“, fragte sie Samira mit unschuldigem Unterton.
„Nein. Ich … könnten wir bitte fahren?“
Sie startete den Wagen und fuhr los. Samira atmete auf. Schweigend flitzten sie durch die Stadt. Sie fuhren durch ein Gartentor, das sich automatisch öffnete, und parkten auf dem gekiesten Vorplatz einer vornehmen Altbauvilla.
Die Frau des Direktors wandte sich ihr zu und hielt ihr die Hand hin.
„Also, ich bin die Monika. Du gehörst ja jetzt praktisch zur Familie.“
Samira schüttelte die angebotene Hand.
‚Meinen Namen kennt sie ja bereits‘, dachte sie und wunderte sich einmal mehr über die seltsamen Rituale dieser Kultur.
Höflichkeits- und neugierhalber blickte sie ihrer Gastgeberin ins Gesicht. Sie schätzte die Frau auf Mitte 30, höchstens 40. Kaum Falten, allerdings ziemlich geschminkt. Geschickt betonten die Lidschatten die grünlichen Augen. Die Nase schien irgendwie zu symmetrisch. Die üppigen Lippen vielleicht aufgespritzt. Allerdings sehr dezent. Nichts an dieser Frau machte einen billigen Eindruck. Es hätte die goldene Uhr und die massive Halskette gar nicht gebraucht, um ihren Status, ihren Platz in der Gesellschaft zu betonen.
„Dann lass uns diesen Versuch starten, meine Liebe“, meinte sie mit einem Lächeln, das Samira frösteln ließ.
Monika voraus, Samira einige Schritte hinter ihr, erklommen sie die wenigen Stufen der majestätischen Treppe, die zur massiven zweiflügeligen Tür aus gediegener Eiche führte.
Samira erklärte sich die Gitter vor den Fenstern und die hohe Mauer, die das großzügige Grundstück umgab, mit dem Sicherheitsbedürfnis der Familie des Direktors. Voller Vorfreude dachte sie an all die Bilder, alten Möbel und sonstigen Schätze, die so einem prächtigen Gebäude entsprachen.
Nachdem die Direktorin umständlich ihren riesigen Schlüsselbund aus der Handtasche geholt und aufgeschlossen hatte, betraten die beiden Frauen das schummrige Innere.
Samira drehte sich erschrocken um, als die Tür mit einem lauten Klicken ins Schloss fiel.
Erstaunt bemerkte sie, dass es an der Innenseite der Tür keine Klinke, sondern lediglich einen Messingknopf gab.
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