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Chapter 3
by
Reyhani
Was soll es für Theresa sein?
Kammerjungfer
Theresa blickte kurz in die Runde. Der Direktor runzelte skeptisch seine buschigen Augenbrauen, während die Bibliothekarin mit einem stillen Lächeln zu Boden blickte.
"Na ja, ich weiß nicht ...", begann sie zu stottern, "Bin ich denn überhaupt als Kammerjungfer qualifiziert? Es wäre natürlich schön den Zettelkasten zu sehen, aber ..."
"Also dann ist es abgemacht!", unterbrach sie die Gräfin brüsk. "Wir können auf keinen Fall auf Ihre Erkenntnisse über unsere glorreiche Ahnin verzichten, aber pro forma müssen Sie Teil des Haushalts werden. Mit der Anstellung bekommen sie unbegrenzten Zugang zur Bibliothek und freie Kost und Logis im Schloss. Um den Dienst müssen Sie sich keine Sorgen machen, dafür haben wir Lulu. Betrachten Sie es als sinecure."
Theresa kam nicht einmal dazu, zu protestieren, bevor die Gräfin schon die Bibliothekarin angewiesen hatte, sich um alles Weitere zu kümmern. Dann trat sie an Theresa heran, zog ihren Kopf zu sich herunter und küsste sie auf die Stirn, was Rex mit Bellen und enthusiastischem Schwanzwedeln quittierte. Als Hund und Herrin das Büro verließen, ertappte sich Theresa, wie sie in einen unbeholfenen Knicks ging. Sie fühlte sich wirklich sehr überrumpelt. Hoffentlich war dieser Zettelkasten das alles wert.
Theresas Stimmung stieg allmählich, als sie Melinda wieder durch die verwinkelten Korridore des Schlosses folgte. Die Bibliothekarin hatte angefangen, sie zu duzen, so sehr war sie aus dem Häuschen, dass sie es geschafft hatten, dem Direktor eins auszuwischen. Gleichzeitig schwärmte sie in höchsten Tönen von der Gräfin. Theresa musste ihrer neuen Freundin versprechen, sie möglichst oft in der Bibliothek zu besuchen. Vielleicht wollte sie ja auch bei der Frühstücksrunde dabei sein, aber auf jeden Fall Nachmittags zum Kaffee.
Sie machten einen Abstecher zurück in die Bibliothek, um den kleinen Koffer, mit dem Theresa angereist war, abzuholen. Sie hatte vorgehabt, sich in einer billigen Pension in der Stadt einzumieten. Aber das war ja nun nicht mehr notwendig. Dann ging es zu Müller, dem Majordomus. Er war ein kleiner, dicker Mann in einem schwarzen Anzug, der nicht viel sprach. Er hörte sich von Melinda die ganze Geschichte an und knurrte hier und da kurz.
"So, so, Kammerjungfer ohne Dienst. Da wird Lulu ja begeistert sein über so eine Zimmergenossin. Aber das müssen die Fräuleins unter sich ausmachen. Da misch ich mich nicht ein", brummte er, während er Theresas Namen in ein großes Buch eintrug.
Melinda verabschiedete sich und Müller führte Theresa in ihr Zimmer, das wie sein Büro und die Küche im Erdgeschoss des alten Teils des Schlosses gelegen war. So spartanisch eingerichtet erinnerte es Theresa an ein Zimmer in einer Jugendherberge oder an eine Klosterzelle. Die einzige Ausnahme war ein ausladender, roter Sessels mit verschnörkelten Beinen, der unter dem Fenster stand. Offenbar war er woanders ausrangiert worden und hatte den Weg hierher gefunden. Als der major domus gegangen war, setzte sie sich mit einem Seufzer auf eines der beiden schmalen Betten. Es war frisch bezogen aber unbenutzt, während auf dem Bett an der gegenüberliegenden Wand ein Haufen Kleidung und einige Modezeitschriften lagen und am Bettpfosten eine Handtasche baumelte.
Theresa überlegte, ob es sich für sie überhaupt lohnte, den Inhalt ihres Koffers in den Kleiderschrank zu räumen. Wenn der Zettelkasten nichts brachte, würde sie gleich morgen wieder abreisen. Dieser Ort und seine Bewohner waren zu skurril und machten ihr ein bisschen Angst. Da ging plötzlich die Tür auf und herein schwebte eine blaue Wolke:
"Hallöchen, habe schon gehört, dass du da bist. Ich bin Lulu. Eigentlich Ludovika Franziska Maria, aber alle nennen mich Lulu. Bin schwer beeindruckt, dass unser Tantchen dich vom Dienst befreit hat. Die hat wohl was ganz Besonderes mit dir vor. Erst dachte ich, du wärst die Verstärkung aber so ist es vielleicht noch besser. Kennst du etwa das Geheimnis, wie ich die ganze Prozedur hier abkürzen kann? Ich langweile mich schrecklich in diesem Nest, muss dringend zurück nach Hause."
Während die junge Frau Theresa mit ihrem Redeschwall überschüttete, begann sie sich hastig auszuziehen. Die weißen Pumps hatte sie schon an der Tür stehen gelassen, als nächstes flog die Haube aufs Bett, unter der kurze, blondierte Haare zum Vorschein kamen. Dann fiel ihre Röcke aus hellblauer Seide zu Boden und sie trat mit ihren langen Beinen, die in weißen Seidenstrümpfen steckten, aus ihnen heraus. Theresa hatte Lulu gleich wiedererkannt: Sie waren sich eben auf dem Weg ins Direktionszimmer begegnet.
"Hallo, ich bin Theresa. Ich werde ein paar Tage in der Bibliothek arbeiten. Weiß auch nicht, wie ich hier reingeraten bin. Die Gräfin hat sich irgendwie für meine Forschung interessiert. Bedingung für ihre Unterstützung war, dass ich bei diesem Kammerjungfer-Ding mitmache. Weißt du vielleicht, was das soll?"
Lulu, die sich inzwischen des Oberteils ihres Kleides entledigt hatte und an der Schnürung des Korsetts nestelte, sah misstrauisch auf. Ihre blauen Augen hatten mit einem mal etwas Hartes, das nicht zu ihrer Stubsnase passen wollte und auf ihren mit einem grell-pinken Lippenstift geschminktem Mund gefror das Lächeln.
"Heißt das, du bisst nicht ****? Ich hatte mich so gefreut, mal eine Cousine zu treffen, die das alles schon hinter sich hat ... Aber hey, herzlich willkommen. Für die paar Tage werden wir uns schon vertragen, bis ich wieder alleine bin. Hatte wirklich gehofft, dass es jetzt endlich einmal dauerhaft lustig wird."
Zum Schluss hatte sich eine Resignation in Lulus Stimme geschlichen, die auch Theresa nicht entgangen war. Die junge Frau, die ungefähr so alt wie sie selbst sein musste, tat ihr Leid und Theresa hatte das Gefühl, dass sie etwas wiedergutzumachen hätte.
"Ich muss mal sehen, wie ich in der Bibliothek mit dem Zettelkasten vorankomme. Wenn ich Zeit habe, kann ich dir ja vielleicht helfen. So eine Schlossführung würde ich vielleicht auch noch hinkriegen. Wäre vielleicht sogar lustig, sich dafür ein bisschen zu verkleiden."
"Schlossführung ... ?", Lulu blickte sie kurz ratlos an, dann lachte sie los. "Ach so, nee lass mal, das ist ein bisschen zu speziell. Das würde dich nur von deiner Arbeit abhalten. Höchstens, wenn du dich entschließt, eine echte Kammerjungfer zu werden. Für mich ist das Teil des Familienpraktikums. Und sooo langweilig ist das auch nicht. Tantchen denkt sich immer was Neues aus."
"Klar, kein Problem", sagte Theresa erleichtert. "Aber wenn es irgendwas anderes gibt, mache ich das wirklich gerne. Komm ich helf dir mal mit den Schüren."
Nachdem sie das Korsett aufgehakt hatte, rollte sich Lulu hastig die Strümpfe von den Beinen und zog sich zu guter Letzt das Hemd über den Kopf. Mit einem Seufzer der Erleichterung streckte sie ihren schlanken, sportlichen Körper, bevor sie sich rückwärts aufs Bett fallen ließ. Therese nahm noch wahr, dass Lulu nahtlos braun war, bevor sie ihren Blick verschämt senkte. Sie traute sich erst wieder zu gucken, als sie aus den Augenwinkeln gesehen hatte, dass Lulu in ihren Trainingsanzug geschlüpft war.
Die beiden setzten ihre Unterhaltung fort, während Theresa ihre wenigen Habseligkeiten in den Schrank räumte. Dann brachen sie zusammen auf, Lulu, um mit Rex Gassi zu gehen und dabei im Schlosspark die Sonne zu genießen und Theresa, um endlich einen Blick auf den Zettelkasten zu werfen. Am Fuß der Treppe verabschiedeten sie sich und Theresa stieg in bester Stimmung hoch zum Direktionszimmer. Jetzt war sie aber wirklich gespannt.
Als sie ins Vorzimmer trat, wäre Theresa fast mit Direktor Humann zusammengestoßen, der aus seinem Büro stürmte und mehr darauf konzentriert war, beim Gehen seinen Mantel anzuziehen, als auf die Umgebung zu achten. Sie erklärte, dass sie gekommen sei, um schon mal einen schnellen Blick in den Zettelkasten zu werfen und ob es da irgendwas zu beachten gäbe.
"Die untere Reihe umfasst die Abteilungen, die Borowskis angelegt hat", sagte der Direktor mürrisch. "Es müsste mit einem Index anfangen. Aber ich flehe Sie an, lassen Sie die Finger von den oberen Kästen. Wenn Sie die durcheinanderbringen, ruinieren sie mein Orgasmuswerk. Da verstehe ich keinen Spaß, da kann Ihnen die Gräfin auch nicht mehr helfen ..."
Theresa musste sich zusammennehmen, nicht gereizt die Augen zu verdrehen.
"Sie kommen schon zurecht. Wenn Sie Fragen haben, ich bin morgen wieder für Sie da", sagte der Direktor etwas versöhnlicher. "Jetzt muss ich dringend gehen, habe einen Beischlaftermin mit meiner Frau."
"Wohl Teil der Orgasmusstudie", rutschte es Theresa heraus.
"Nein, nein, es ist nur die institutionalisierte Routine, die unsere Erwartungserwartungen in Schach halten soll. Ich trenne strikt Berufliches von Privatem", sprachs und verschwand.
Theresa schüttelte innerlich nur den Kopf und war froh, dass sie endlich allein war und sich in Ruhe dem Zettelkasten widmen konnte. Die untere Reihe also. Sie trat an die Tische heran, auf denen die Kästen aufgestapelt waren, und öffnete den links unten. Tatsächlich fand sie am Anfang einige Zettel mit einer Art Index von Personen und Orten. Das machte bei einer Familienchronik Sinn. Schnell hatte sie den Namen von Gräfin Marianne gefunden, unter dem sich eine Liste von komplizierten Nummer, jeweils eine mehrstellige Kombination von Zahlen und Buchstaben, befand. Das mussten die Signaturen der einzelnen Zettel sein.
Die Einträge unter Mariannes Namen waren offenbar nach Jahren gruppiert. Sie musste einfach ein paar der aufgeführten Zettel ansehen, um zu verstehen, was sich dort für Material fand. Sie interessierte sich für Herrschaftspraktiken – also würde sie mit einem Zettel aus der Zeit von Mariannes Regentschaft anfangen, also nach 1775 als ihr Mann starb. Oder sollte sie besser chronologisch vorgehen?
Welches Jahr schaut Theresa sich zuerst an?
Der Zettelkasten
Eine erotische Familienchronik
Theresa ist aufgeregt, als sie bei den Recherchen zu ihrer Doktorarbeit auf den Zettelkasten der Schlossbibliothek stößt. Doch anstatt ihr ihre wissenschaftlichen Fragen zu beantworten, geben die Karteikarten ihr einen ungewollten Einblick in die histoire érotique der gräflichen . Theresa verstrickt sich immer tiefer in das historische Dickicht aus Klostereskapaden, Hurenfron und Franzosenfrevel. Wird sie aus diesem vergangenen Labyrinth der Lust wieder in unsere nüchterne, moderne Welt finden?
Updated on Apr 9, 2025
by Reyhani
Created on Mar 5, 2024
by Reyhani
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