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Chapter 4
by
Reyhani
Welches Jahr schaut Theresa sich zuerst an?
1780
Theresa entschied sich aufs Geratewohl für das Jahr 1780, fünf Jahre nachdem Mariannes Mann gestorben und sie die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn angetreten hatte. Es war gar nicht so leicht, eine der unter diesem Jahr aufgeführten Signaturen zu lokalisieren. Was mussten diese Nummern auch so kompliziert sein, ein wirres Gemisch von Zahlen und Buchstaben.
Endlich hatte Theresa den richtigen Zettel in der Hand, der in einer kleinen und engen aber dennoch gut leserlichen Handschrift beschrieben war. Es schien sich um die Abschrift eines Briefes zu handeln, die der alte Bibliothekar angefertigt hatte. Ganz oben gab es eine knappe Zusammenfassung: "17. November 1780, Brief an Kurfürstin Elisabeth Augusta; Mariannes Ehrenmitgliedschaft in der Physikalisch-ökonomischen Gesellschaft zu L...". Das könnte durchaus interessant sein, dachte Theresa. Die Förderung von Kunst und Wissenschaft war ja ein klassisches Feld absolutistischer Repräsentation.
Durchleuchtigste Churfürstin, Liebste Freundin,
Heute ist die nächstkünftige Ausgabe des Hof- und Staatskalenders angekommen, die Ihr so zuvorkommend ward, mir zu schicken. Mit größter Genugtuung sehe ich meinen Namen unter den Ehrenmitgliedern der Physikalisch-Ökonomischen Gesellschaft verzeichnet, als deren höchste Protectorin Ihr auftretet. Seid versichert, daß ich die hohen Gunst, die Ihr mir durch die Aufnahme in diese gelehrte Gesellschaft erwiesen habt, zu schätzen weiß und gestattet mir, mir Eure wohltätige Förderung der Wissenschaft zu meinem leuchtenden Vorbilde zu nehmen.
Seid desgleichen versichert, dass ich die Arbeit der Physikalisch-Ökonomischen Gesellschaft durch alle mir zur Verfügung stehenden Mittel unterstützen werde, spiele ich doch selbst mit dem Gedanken, hier in B... eine ebensolche, wenn auch in ihrer Strahlkraft viel bescheidenere, einzurichten. Fehlt in unserer kleinen Residenzstadt auch eine Hohe Schule, deren Lehrer den Grundstock der versammelten Gelehrsamkeit bilden könnten, so hat das neue Schloß doch mit einer umfangreichen Bibliothek und einer beachtlichen Naturalien-Sammlung an Mineralien, Conchilien und Korallen aufzuwarten.
Ich hoffe, bald einmal in persona für eine Sitzung der Gesellschaft nach L... kommen zu können. Bis dahin bilde ich mir ein Urteil von ihrer Arbeit durch das Studium ihrer publizierten Berichte, die mit gleicher Post eingetroffen sind. Es scheinen mir wertvolle Erkenntnisse in diesen Blättern verborgen, die einer Landesherrin zur vielfältigen Inspiration und Anschauung gereichen können, wie das Leben ihrer Untertanen zu meliorieren und ihre Wohlfahrt zu mehren sei. Auch in diesem puncto werde ich Euch als leuchtendem Vorbild nacheifern. Für meinen eigenen Haushalt habe ich bereits den neuesten botanischen Berichten folgend den Hofgärtner angewiesen, eine süße Pomeranzenstaude aus Italien für das Glashaus kommen zu lassen.
Wenig verwundert bin ich, daß auch bei uns in Deutschland und unter den Mitgliedern der hiesigen Gesellschaft die Mode des Physiokratismus allenthalben Verbreitung gefunden hat. Nun ist dem Lehrsatz unbedingt zuzustimmen, daß einzig die Natur und die rohen Produkte des Landes Quelle allen positiven Reichtums sein könne. Aber was nützt es, wenn der Hausvater oder die Hausmutter, denn sie sind die grundlegendsten Ökonomen, unverschuldet in wirtschaftliche Not geraten sind? Muß dann nicht auch ein Auge auf den Handel und den Gewerbefleiß geworfen werden? Mich däucht, nur zusammen können rohe Produkte, Fleiß und Erfindungsreichtum gepaart mit festen ökonomischen Prinzipien die Wohlfahrt sowohl des Haushaltes als auch des Staates in Zeiten des Mangels und der Not erhalten.
Dieser ökonomischen Einsichten bin schon als junge Frau vor fast fünfzehn Jahren während unseres Aufenthaltes in Frankfurt anlässlich der Kaiserkrönung gewahr geworden und habe sie seitdem treu befolgt. Durch den **** meiner lieben Frau Mutter stand ich dem Haushalt vor, während wir für die Feierlichkeiten in der Reichsstadt Quartier bezogen. Von abertausenden von Besuchern überschwemmt – hohen Herren, Lakeien wie niederes Volk – war dort eine Teuerung ausgebrochen, so daß uns die Versorgung selbst mit den allernotwendigsten Gütern schwer drückte. Von den Frankfurter Bäckern bis zu den Frankfurter Huren, alle Gewerbe hatten ihre Preise um ein vielmaliges erhöht.
Meinen Grundsätzen von Autarkie und Sparsamkeit folgend, sann ich auf ein Mittel gegen diese Kalamität. Ergo mobilisierte ich alle Mägde, die Zimmermädchen, sogar meine Kammerjungfer, die Ausgaben im Blick zu halten. Als verständige Frauenzimmer wussten sie manchen Weg, die Preise bei unseren Lieferanten zu drücken. Die Natur hatte jegliche von ihnen reich ausgestattet, sei es mit einem reizenden Lächeln, roten Wangen, mit einem hohen Wuchs, blonden Locken oder mit einem schwellenden Busen – wie eben die Mädchen unserer geliebten Heimat oft genug gesegnet sind. Hinzu kam ein enger geschnürtes Mieder, ein nettes Wort oder eine Kuss oder gar die flinke Arbeit ihrer Hände.
Dabei wusste ich sogar den Mädchen aus den einfachen Ständen, denen in diesen Dingen größere Vertrautheit und Fertigkeit nachgesagt wird, noch die eine oder andere List zu lehren, die ich selbst grade erst bei meiner Ausbildung zur Stiftsdame in M... gelernt hatte. Unter diesen Umständen mag man es ungerecht finden, daß der geistige Stand beständig beschuldigt wird, ein gänzlich unproduktiver zu sein.
Aber ich will Euch nicht länger mit meinen Gedanken zu einer pragmatischen Ökonomie langweilen. Ob überhaupt etwas Gutes und Verständiges daran sei, können wir mit den Gelehrten der Gesellschaft im vertraulichen Gespräch disputieren. Wie ich gerne von ihnen zu hören wünsche, ob sie glauben, dass mein Beglückungsplan von der Hausgemeinschaft auf den Staate übertragbar ist.
Bis zu einer solchen Gelegenheit verbleibe ich &c. &c. &c.
Maria Anna, hochgeborene Frau, verwitwete Reichsgräfin, Obervormunderin und Regentin der Lande des minderjährigen Herrn Grafen.
Theresa war verwirrt. Sie hatte nicht gewusst, dass die Reichsgräfin so an Ökonomie interessiert war, obwohl das Thema zu ihrer Zeit natürlich grade große Fortschritte machte und wirtschaftsfördernde Maßnahmen durch aufklärerische Landesherren Gang und Gäbe waren. Allerdings musste Theresa zugeben, dass sie Mariannes Geschichte am Ende nicht genau verstanden hatte. Vielleicht konnte sie mehr dazu in einem anderen Brief erfahren
Auf jeden Fall warfen diese Briefe ein interessantes Licht auf Mariannes Charakter und ihren Herrschaftsstil. Theresa wollte schon zum Folgezettel übergehen, da entdeckte sie unter der Abschrift des Briefes an die Kurfürstin einen Verweis auf eine anderen Zettel, der thematisch wohl etwas mit diesem zu tun haben musste. Wahrscheinlich war es das beste, noch ein wenig tiefer in Mariannes Veständnis von Ökonomie einzutauchen.
Wohin führt der Verweis?
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Der Zettelkasten
Eine erotische Familienchronik
Theresa ist aufgeregt, als sie bei den Recherchen zu ihrer Doktorarbeit auf den Zettelkasten der Schlossbibliothek stößt. Doch anstatt ihr ihre wissenschaftlichen Fragen zu beantworten, geben die Karteikarten ihr einen ungewollten Einblick in die histoire érotique der gräflichen . Theresa verstrickt sich immer tiefer in das historische Dickicht aus Klostereskapaden, Hurenfron und Franzosenfrevel. Wird sie aus diesem vergangenen Labyrinth der Lust wieder in unsere nüchterne, moderne Welt finden?
Updated on Apr 9, 2025
by Reyhani
Created on Mar 5, 2024
by Reyhani
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