Want to support CHYOA?
Disable your Ad Blocker! Thanks :)

Chapter 5 by Reyhani Reyhani

Wohin führt der Verweis?

Lisa

Theresa musste ein ganzes Stück zurückblättern, um die Signatur des Querverweises zu finden. Wieder enthielt der Zettel die Abschrift eines von Mariannes Briefen: "23. Juni 1764, Brief an Cousine Maria Johanna Franziska Hyacintha Walburgis, Empfehlungsschreiben für Dienstmagd Lisa."


Geliebte Cousine,

seid mir nicht böse, daß ich mich nach dem glorreichen Schauspiel der Krönungsfeierlichkeiten erst jetzt wieder Eurer besinne und Euch gleich mit einem Ansuchen überfalle. Darf ich Euch die Person, die Euch meinen Brief überbringt, wärmstens ans Herz legen und sie Euch für die Verwendung in Euren Diensten anempfehlen? Lisa ist eine gesundes, verständiges Mädchen, des Lesens und Schreibens mächtig und kann deshalb durchaus mit höheren Aufgaben betraut werden. Mir selbst war sie in den letzten Wochen unerlässlich bei allerlei Besorgungen, Botengängen und Unterhandlungen auch mit höhergestellten Personen.

Während meiner Zeit hier in Frankfurt war sie ein Stützpfeiler bei der Erprobung einer neuen Art und Weise der Haushaltung, die ich auch Euch wärmstens anempfehlen will. Wenn auch Eure Mutter, meine verehrte Frau Tante, sich nicht von ihren eingefahrenen Wegen abbringen lassen wird, so steht es uns jungen Frauen als zukünftigen Hausmüttern und Regentinnen doch zu, die Dinge zu ändern, um die Erkenntnisse der Wissenschaft und Aufklärung zu praktischer Anwendung zu bringen.

Unlängst sprach ich auf dem Ball zu Ehren unseres Protectors, des durchlauchtigsten Kurfürsten und Erzbischofs Emmerich Joseph, mit einem jungen französischen Adligen. Er war ein interessanter und gebildeter Mann, der in den gelehrten Kreisen der Hauptstadt verkehrt und der Gruppe der économistes angehört, die eine neue Art der Staatswirtschaft in ihrem Heimatland propagiert. Neben vielem, was ich nicht verstanden habe, leuchtete mir einer seiner Lehrsätze unmittelbar ein, der postuliert, daß vorzüglich die natürlichen Produkte des Bodens die Grundlage der Prosperität des Staates sind.

Von jeher nicht der theoretischen Spekulation zugeneigt, sondern der tatkräftigen Umsetzung, sann ich darauf, wie sich diese neuen Lehren auf meinen mir von meinem Vater zugewiesenen Bereich der Haushaltsführung übertragen ließe. Dabei führte mir Lisa leibhaftig vor Augen, auf welche natürlichen Quellen des Reichtums unsere Hauswirtschaft bauen kann. Wenn Ihr die Überbringerin meines Empfehlungsschreibens persönlich empfangen habt, könnt Ihr mir sicherlich leicht folgen: Das Produkt, das wir hier in der Reichsstadt fern von unseren Landgütern vorfinden und bewirtschaften, liegt in den uns Untergebenen selbst.

Ich rate Euch, ihre Potenzen einmal genau zu beschauen. Sie sind in ihrer vollendeten Form ein wahrer weißer Schatz, den ich mich rühme, zuerst ans Tageslicht befördert zu haben. Lisa ist ein zutrauliches Mädchen, daß sich niemals gescheut hat, unter meiner Anleitung mit vollem Herzen ihren Dienst zu tun. Das erstaunliche Panorama von roten Spitzen gekrönter Hügel durchschnitten von einem tiefen Tal hat noch so manchen Lieferanten zu einem Preisnachlass, so manchen Gläubiger zu einem Aufschub und so manchen Magistraten zur raschen Ausfertigung eines Patents veranlasst.

Ihr solltet Euch als angehende Ökonomin neuen Stils aufs genaueste mit dem Einsatz der Mittel vertraut machen. Ich jedenfalls war tief beeindruckt, mit welchem Fleiß und Geschick „das Madsche mit de Membel“, wie sie hier von allen nur genannt wird, ihren schwellenden Busen einsetzt, sobald er aus dem Gefängnis ihres straff gespannten Mieder entflohen. Dein Bruder und mein lieber Cousin, Karl Albrecht, wird dir sicherlich gerne bei einer Veranschaulichung von Lisas Talenten zur Seite stehen.

Welche Verwendung Ihr auch für Lisa finden werdet, ich kann Euch versichern, daß sie Euch nicht enttäuschen wird. Bei so viel Fleiß und Hingabe wird sie sich im kommenden Frühjahr wohl einen Urlaub verdient haben? Während sie in meinen Diensten stand, ist ihr nämlich aus schierem Übereifer eine kleine calamité mit einem der hiesigen Kaufmannssöhne passiert. Die überschießenden Kräfte der Natur haben sich auf eine unvorhergesehene Weise Bahn gebrochen und die Saat ist auf einen fruchtbaren Ackerboden gefallen. Im Sinne der neuen Ökonomie sollten wir dies als einen Beweis der Produktivität und eine Steigerung des Reichtums begrüßen.

Gleichzeitig mahnt mich dieses drollige Mißgeschick an meine Aufgabe als Ranghöhere, früher regulierend einzugreifen. Wie der Bauernstand der stetigen Anleitung und Überwachung bedarf, hätte ich die Produkteure meiner kleinen Hauswirtschaft besser beaufsichtigen müssen. Ich will dies amendieren, indem ich eine kleine Rente für Lisa auslobe und mich in Zukunft für die Hebung der Waisenhäuser in unseren Ländern einsetze, die leider zur Zeit in einem erbärmlichen Zustande sind.

Ich hoffe inständig, ich habe Euch nicht zu sehr mit diesen geschäftlichen Dingen gelangweilt. Woher, mögt Ihr Euch fragen, kommt das jüngste Interesse an der Ökonomie, Haus- wie Staatsführung? Welchen Nutzen hätte dies, werdet Ihr richtig einwenden, für eine Stiftsdame, welches meinen derzeitigen Stand darstellt. Nun, ich muss gestehen, daß ich mir die größte Neuigkeit bis zum Schluß aufgespart habe. Nur kurz kann ich andeuten, daß mein geehrter Vater in Unterhandlungen zu meiner Verehelichung eingetreten ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann ich Euch nur soviel sagen, daß mir bei Erfolg eine formidable Standeserhöhung in Aussicht steht. Aber von alledem will ich Euch später en détail berichten.

Bis dahin verbleibe ich Eure vertraute Freundin und geliebte Cousine

Marianne


Theresa musste schlucken. Sie hätte nicht gedacht, dass das Material im Zettelkasten ihr einen so persönlichen Einblick in ihr Thema geben würde. Dass Marianne einen starke Persönlichkeit war, das hatte sie schon geahnt. Aber ein solcher Umgang mit ihren Untergebenen war schon sehr speziell. Dabei war sie zum Zeitpunkt des Briefes nicht einmal zwanzig Jahre alt.

So sehr Theresa auch Mariannes Fürsorge für ihre Dienstmagd Lisa anerkannte, ihr war doch nicht ganz wohl bei der Geschichte. Theresa war sich nicht einmal sicher, was genau sie da grade gelesen hatte. Heute im Zeitalter von Arbeitsverträgen und Gewerkschaften war so etwas zum Glück nicht mehr denkbar. Wobei ... ihre eigene Stellung beruhte auch nur auf der mündlichen Vereinbarung mit der Gräfin ... aber das war ja bloß pro forma ... keine Dienste war vereinbart ... hoffentlich erinnerte sich jeder daran. Außerdem war die Gräfin eine anständige Frau, auf die man sich verlassen konnte.

Jetzt hatte sie sich erst einmal einen Pause verdient. Hatte Melinda vorhin nicht etwas von Kaffee am Nachmittag gesagt? Theresa steckte die Zettel zurück in den Kasten. Für einen ersten Einblick war das schon einmal ganz ergiebig gewesen, bilanzierte sie. Dann machte sie sich auf den Weg, um Melinda zu suchen. Draußen auf dem Korridor fiel ihr ein, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie von hier zurück in die Bibliothek kommen sollte. Es musste neben der Abkürzung, die sie heute morgen genommen hatten, doch noch einen offiziellen Weg geben.

Deshalb ging Theresa die Treppe hinunter in den Wirtschaftstrakt. Vielleicht war Lulu ja schon zurück und konnte ihr den Weg zur Bibliothek zeigen. Auf dem Weg sah sie durch die offene Tür seines Büro Müller, den Majordomus, und fragte ihn.

"Kaffeepause dauert noch 'ne halbe Stunde. Einige von uns müssen ja auch mal arbeiten und sind nicht vom Dienst befreit", schnauzte Müller. "Melinda rechnet sicher grade die Gärtner ab. Die sind hinten an der Orangerie. Wenn du willst, bring ich dich hin. Kann ein lehrreicher Anblick sein."

Theresa registrierte Müllers freches Grinsen und war verunsichert, ob sie das Angebot annehmen sollte.

Wofür entscheidet sie sich?

Comments

      Want to support CHYOA?
      Disable your Ad Blocker! Thanks :)