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Chapter 4 by Reyhani Reyhani

Welches Jahr schaut Theresa sich zuerst an?

1764

Theresa musste eine ganz Weile suchen, bis sie den ersten Zettel, der unter der Jahreszahl 1764 aufgeführt war, gefunden hatte. Sie konnte nur hoffen, dass sie sich mit der Zeit an das merkwürdige Nummerierungssystem gewöhnen würde. Bei dem Zettel handelte sich augenscheinlich um die Abschrift eines Briefes, den Marianne geschrieben hatte. Das entnahm Theresa aus der kleinen Inhaltsangabe am Anfang: "21. Januar 1764, Brief an Cousine Maria Johanna Franziska Hyacintha Walburgis; Mariannes Beschreibung ihrer Aufnahme im Stift M..." Dass die spätere Reichsgräfin Mitglied eines Damenstifts, so einer Versorgungsanstalt für adelige Töchter, gewesen war, hatte Theresa bisher noch nicht gewusst. Jetzt war sie neugierig, auch wenn hier wohl nichts über Herrschaftspraktiken zu erfahren sein würde. Ob ein Privatbrief überhaupt etwas brauchbares für ihr Forschungsprojekt enthielt – zumal Marianne zu diesem Zeitpunkt grade einmal 19 Jahre alt gewesen war?


Geliebte Cousine,

Ihr ward recht gedrückter Stimmung am Tage meiner Abreise, so werdet Ihr Euch freuen zu vernehmen, daß es mir gut geht und daß ich meine Stellung hier im Stift zu meiner größten Zufriedenheit angetreten habe. Ich will Euch nicht weiter mit den äußeren Gegebenheiten des Stiftes, seiner Haushaltung oder den zu gewärtigen Einkünften aus meiner Präbende langweilen. Ihr könnt über all das Kunde bei meiner werten Frau Maman einholen. Vielmehr werde ich Euch zu Eurem divertissement aufs Genaueste meinen Eintritt in die hiesige Gemeinschaft schildern, damit ihr eine Vorstellung von meinem neuen Leben hier in M... und den Privilegien einer Stiftsdame bekommt. Erwägtet Ihr nicht auch selbst, nach einer solchen Stelle zu streben?

Schon der amicable Empfang durch die Äbtissin des Stiftes, unsere Tante Antoinette, war dazu angetan, mich mein weiteres Leben hier ungeduldig erwarten zu lassen. Für den feierlichen Gottesdienst in der Kirche erhielt ich mein weißes Habit mit dem schwarzen, hermelinbesetzten Mantel und dem weißen Schleier, so daß Ihr mich wohl kaum wiedererkannt hättet. Doch ich versichere Euch, dass ich diese Tracht nur an den hohen Festtagen trage und Ihr mich sonst wie gewohnt en déshabillé findet.

Zum zweiten Teil der Aufschwörung bat die Äbtissin mich und meinen Beistand, den Chevalier de G..., einen der Offiziere der nahen Garnison, die dem Stift sehr zugetan sind und einen stetigen und regen Umgang mit uns Stiftsdamen führen, in ihren exquisit eingerichteten salon. Nachdem wir zum diner reichlich von den Austern genossen hatten und auch vom Champagner schon recht bespitzt waren, geleitete die Äbtissin uns in ihr separée und erklärte, sie würde mir so wie jeder neuen Stiftsdame kraft ihres Amtes als Reichsfürstin den solemnen Ritterschlag erteilen. Damit verbunden sei eine letzte, praktische Ahnenprobe, die Würdigkeit meines Eintritts ins Stift zu bestätigen.

Sprachs und nahm eine kostbare Schatulle hervor, in der ein kurzes Schwert aus lauterem Murano-Glas auf einem Kissen aus dunkelblauem Sammet lag. Seine Spitze war gerundet und sein Heft war mit rotem Saffian umwickelt. Auf einen Wink der Äbtissin nahm ich es ehrfürchtig aus seinem Behältnis und ließ es einige Male durch die Hand gleiten. Die Frau Tante entschuldigte sich, doch bevor sie es einsetzten könne, um mir den Ritterschlag zuteil werden zu lassen, müssten wir erst den ennuiöse Teil der Zeremonie hinter uns bringen. Deshalb hieß sie mich, es mir bequem zu machen – mit der Bequemlichkeit war es allerdings nicht sehr weit her, denn sie legte mir einen schweren Folianten auf dem Schoß. Dann kniete sie sich vor das canapé, auf dem ich mit meinem Begleiter placiert worden war, und begann, auf sehr eintönige Weise einen langen Text auf Latein aus nämlichem Folianten zu rezitieren.

Doch obwohl ich keine Wort verstand, wurde es doch zu einer kurzweiligen Angelegenheit, da mich der Chevalier de G... auf liebenswürdigste Weise abzulenken wusste. Er nahm mich getreu in den Arm und belehrte mich, indem er mir ins Ohr flüsterte, daß die Äbtissin die Legende der Heiligen Landrade vorlese, die vor über einem Jahrtausend das Kloster gegründet hatte, aus dem später das Stift hervorgegangen sei. Gott habe der Heiligen ein Zeichen gegeben, wo sie sich mit der Schar frommer Frauen, die ihr nachfolgten, niederlassen solle, indem er eine Quelle an jener Stelle entspringen ließ, wo sich Landrade zum Pissen hingehockte.

Du kannst dir vorstellen, daß die Erklärungen des Chevaliers mir kindliches Vergnügen bereiteten, hatte ich doch noch nie von dieser Heiligen gehört. Mich dünkt, die Geschichten solcher frommen Frauen sollten eine größere Rolle in unserer religiösen Unterweisung spielen.

Zusammen mit seinen Erörterungen überschüttete mich der Chevalier mit Küssen und Zärtlichkeiten, umfasste meine Schultern und tastete sich zu meinem Busen vor, der unter meiner keuschen Tracht nicht von einem Mieder beschützt wurde. Natürlich wies ich zu Anfangs diese gekonnten Schmeicheleien, die immer in galantester Form erfolgten – comme il faut für einen Edelmann! –, mit der gebotenen Entschlossenheit zurück. Doch die Äbtissin, die inzwischen ihre Rezitation beendet hatte, signalisierte, ich solle ganz à l'aise bleiben, durch ihre Aufsicht würde dem gebotenen Anstand auf das vollkommenste Rechnung getragen. Also entspannte ich mich und war nur wenig überrascht, als der Chevalier anfing, oben herum meine Brüste freizulegen, während sich die Äbtissin unten meine Tunika hob. Sie verkündete, sie werde jetzt den letzten Schritt der Ahnenprobe vollziehen, ich solle mich würdig erweisen und ihren Anweisungen Folge leisten, worauf ich den Ritterschlag erhalten werde.

Unter allerlei Neckereien und schmeichelnden Worten nahm sich die Äbtissin nun meinen Hausschatz hervor, aus dem sie ein Kleinod nach dem anderen hervorzog, genau besah und wie auf dem Sammet einer Schmuckschatulle arrangiert zurückließ. Sie pries den frischen Glanz des Geschmeides, die geschwungenen Formen, die filigrane Ziselierarbeit, die Edelsteine und Perlen, die sie in meinem Schatzkästlein fand. All das sei untrügliches Zeichen meiner adeligen Rasse und der wertvollste Teil der Mitgift für meinen zukünftigen Bräutigam.

Du kannst dir denken, daß ich über die Maßen beglückt war, daß die Tante so freimütig bestätigte, daß das Stift nicht meine letzte Lebensstation sein sollte – Ihr wisst, daß das Austrittsrecht vertraglich abgesichert ist –, sondern daß der Aufenthalt lediglich zur Vervollständigung meiner Ausbildung dienen würde, wie mir Maman bereits versicherte.

Unterdessen ließ mich das Verhalten der Tante und des Chevaliers in einem Zustand höchster Verwirrung und Erhitzung zurück. Ich musste mich gemahnen, mich diesen Galanterien und schmeichelnden Prüfungen ruhig zu unterwerfen, fühlend, daß der Höhepunkt der Zeremonie nahe war. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, nahm die Äbtissin mir das gläserne Schwert, an dem ich mich ständig festgehalten hatte, aus der Hand und eröffnete mir, ich könne statt dessen das Schwert des Chevaliers, meines Begleiters, halten. Auch dies Instrument erwies sich als äußerst kostbar gearbeitet und während ich es noch wie zuvor das Gläserne staunend betrachtete und mit meinen Fingern das Heft ehrfürchtig umfassend wohl auch die Spitze einige Male vorsichtig berührte, erhielt ich von der Äbtissin den Ritterschlag, durch den meine Aufnahme ins Stift besiegelt wurde.

Wie soll ich Euch diesen feierlichen und uralten Brauch beschreiben? Die Äbtissin vollzog das adoubement nicht eigentlich durch einen Schlag mit dem Schwert auf die Schulter, sondern es bestand aus einer Reihe von Schlägelchen, die mir auf den Schoß erteilt wurden. Dabei traf sie, ob mit Absicht oder par accident weiß ich nicht zu sagen, die Euch wohlbekannte, empfindliche Stelle, daß es mich mehrmals zusammenfahren ließ. Sie ließ erst von mir ab, nachdem ich den Gipfel der Verzückung erklommen hatte, wobei sich zu meiner eigenen Überraschung eine fontaine klarsten Wassers auf das Schwert ergoss.

Geliebte Cousine, als meine Vertraute, seit wir im vergangen Sommer bei meinem Besuch eine Erforschung nämlicher Art auf den Stufen des Venustempels unternommen, werdet Ihr meine Verwirrung, ja, Bestürzung verstehen. Nie hatten wir bei unseren kindlichen Spielen etwas ähnliches observieret, war doch im Vergleich zu dem hier gefeierten Hochamte unser Gottesdienst lediglich ein erstes Studium des Katechismus.

Wieder war es unsere liebe Tante, die mich beruhigte, indem sie mich in einen herzliche Umarmung zog und beglückwünschte, daß die heilige Landrade auch diesen Quell zum Sprudeln gebracht hätte. Ich könne von nun an mit Stolz den Rang einer chevalière und Kanonissin des Stifts tragen und in das gemeinschaftliche Leben eintreten. Auch mein Beistand beglückwünschte mich, er hätte selten eine so enthusiastische Kandidatin erlebt, was, wenn er auch nicht an ein direktes Eingreifen der Heiligen glaube, doch als ein weiteres Zeichen meines untadeligen Stammbaums zu zählen habe. Mein weiblicher Samen werde diesen aufs vorzüglichste wässern und zum Gedeihen bringen. Die Zeichen der Natur seien nicht zu leugnen, ihnen zu folgen, sei den Menschen oberstes Gesetz!

Wir stärkten uns erneut und nach einer Weile gesellte sich eine kleine, lustige Frau zu uns, die mir als Madame de C... vorgestellt wurde, eine junge Witwe, der das Stift schon seit langen Jahren zur Heimstatt geworden war. Auf Anweisung der Äbtissin solle ich zunächst in ihrem appartement wohnen, damit sie mich in das Leben im Stift und seine Gebräuche einführe. Ich lebe nun schon ein paar Wochen unter ihrer Obhut und habe sie bereits als kundige Lehrerin und lustige Gefährtin lieb gewonnen. Von meinem weiteren Leben hier will ich euch bald berichten.

All so verbleibe ich &ct. &ct. &ct. Eure Marianne


Theresa musste erst einmal durchatmen. Mit so einem Brief hatte sie nicht gerechnet. Das war vielleicht nicht unmittelbar relevant für ihr Thema, warf jedoch ein interessantes Licht auf die spätere Reichsfürstin Marianne als junge Frau. Und davon einmal ganz abgesehen, war Theresa jetzt gespannt auf die Fortsetzung. Sie zog den Folgezettel mit der Abschrift eines weiteren Briefs heraus.

Worum geht es im nächsten Brief?

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