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Chapter 12
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Maria Emilia ist verunsichert
Maria Emilia starrte auf den Spiegel, dann auf das Kleiderbündel am Boden davor, dann wieder auf den Spiegel und wieder zurück auf das Bündel.
„Was denkst du?“, fragte hilfreich die körperlose Stimme und ermöglichte damit ihrem Verstand, nach Worten danach zu suchen, was sie gerade erlebte und empfand. Dennoch dauerte es noch etliche Minuten und zahlreiche Wechsel der Blicke auf den Spiegel und das Bündel, ehe sie in der Lage war, einen Satz zu formulieren.
„Was ist mit Maria Thomas geschehen? Hat sie sich aufgelöst?“
„Aber nein“, versicherte die Stimme, „so etwas wäre doch vollkommen unmöglich, nicht wahr?“
Hier musste die kleine, pummlige Nonne dem Haus recht geben. Kein Mensch konnte sich einfach in Luft auflösen. Sie nickte energisch mit dem Kopf.
„Was ist mit Maria Thomas geschehen?“, wiederholte sie sich, weiterhin nicht in der Lage zu begreifen, was vorgefallen war, „Das sind doch ihre Kleider, oder?“
„Ich denke schon. Du kannst gerne nachsehen, ob das stimmt.“
Wie eine Marionette bewegte sie sich abgehackt auf den Haufen Stoff zu, der sich auf dem Boden angesammelt hatte, als Maria Thomas in den Spiegel getreten war, als sei er eine Tür. Sie beugte sich vornüber und hob die Sachen einzeln auf, um sie genauer betrachten zu können.
Obenauf lagen der schwarze Schleier und die weiße Haube, wie nicht anders zu erwarten gewesen war. Dann folgte das Skapulier, das Obergewand, in dem das schwarze Untergewand verwickelt war, als ob die Schwester beides in großer Hast zusammen ausgezogen hätte. Darunter lag das schlichte Unterhemd. Zuletzt tauchten die einfache weiße Baumwollunterhose und der dazu passende Büstenhalter auf. Er sah nach nichts Besonderem aus, aber die ausladenden Körbchen zeigten an, welch beeindruckende Brüste Maria Thomas unter ihrer unscheinbaren Tracht verbarg.
„O je, o je, o je“, jammerte die kleine Nonne, „was ist ihr nur zugestoßen?“
„Willst du das wirklich wissen?“
„M-hm.“
„Dann schau selbst.“
Verwirrt sah Maria Emilia sich um.
„Wo soll ich schauen?“
Inzwischen schlich sich ein Hauch von Ungeduld in die körperlose Stimme. Sie bemühte sich, bewusst langsam, eindringlich und betont zu sprechen: „Kannst du es dir nicht zusammenreimen? Gut, dann gebe ich dir eine kleine Hilfestellung. Wohin ist deine Mitschwester gegangen, ehe du sie aus den Augen verloren hast?“
„Sie konnte nirgends hingehen, weit wir eingeschlossen sind.“
„Arg!“
Bei so viel Ignoranz verlor selbst ein Geisterhaus endgültig die Geduld.
„Sie ist durch den Spiegel gegangen!“, donnerte es.
Maria Emilia hielt sich eingeschüchtert die Ohren zu. Hätte sie mehr als zwei Hände gehabt, würde sie sich auch noch die Augen zuhalten. So aber glotzte sie entsetzt auf die angelaufene Glasfläche. Bewegte sich dahinter etwas?
Sie trat ganz nah heran und presste ihre Nase auf die Scheibe, um besser sehen zu können.
Tatsächlich erkannte sie einen Kellerraum so, als ob sie durch ein Fenster schauen würde, und mehrere Personen darin. Eine davon sah Schwester Maria Thomas durchaus ähnlich. Aber sie konnte es unmöglich sein.
Denn diese Person hatte nichts an.
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Updated on Mar 28, 2024
Created on Mar 1, 2024
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