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Chapter 20 by mäuschen mäuschen

What's next?

Gewissensbisse?

Nun ja, ganz so schnell konnte Gretchen dann doch nicht loslassen und komplett vergessen, was ihr ein halbes Leben lang eingebläut worden war. Was gestern noch ein Ritt auf der Welle eines nicht enden wollenden Hochgefühls von neu entdeckter Lust und Macht gewesen war, begann sich langsam hier und da zu wandeln. Selten ändert sich ein Mensch einfach so über Nacht, aber vielleicht doch bei einem einschneidenden Schlüsselerlebnis?

Während sie frisch geduscht und noch im Morgenmantel morgens um sechs Uhr dreißig mit Kaffee und der Lokalzeitung am Frühstückstisch saß, begannen sich erste Gewissensbisse, wie sie sich so hatte gehen lassen können, und Überlegungen über mögliche Konsequenzen ihres Verhaltens den Weg an die Oberfläche ihres Bewusstseins zu graben. Aber hier und jetzt wollte sie davon nichts wissen und versuchte diese Gedanken beiseite zu wischen, in dem sie die aktuellen Schlagzeilen überflog.

Prostitution auf dem Vormarsch. Der Rotlicht-Strich im Industriegebiet so frequentiert und gut besucht wie nie. Lesen sie einen anonymen Erfahrungsbericht einer Frau die freiwillig anschaffen geht: Lesen Sie mehr auf Seite 5

Ja ne, ist klar. Freiwillig anschaffen. Wahrscheinlich alles frei erfunden. Gretchens Blick blieb beim nächsten Artikel hängen, der mit einem großen Foto auf sich aufmerksam machte.

Gerade Achtzehn. Bürgermeister führt Geliebte erneut aus. Der Herr Bürgermeister sei ein charismatischer Mittvierziger, ein erfolgreicher Unternehmer, der nun auf dem besten Wege war, auch noch in der Politik durchzustarten. Auf dem Foto war er im schnittigen Anzug zu sehen, wie er lächelnd seinen Arm um die Hüfte oder wahrscheinlich eher den Hintern seiner Begleitung legte. Ein blutjunges Ding in einem sicherlich sündhaft teuren aber ebenso sittenwidrigen Abendkleid. Der Ausschnitt reichte bis zum Bauchnabel und auch ein BH war nicht zu erkennen. Vielmehr sah es so aus als ob ihr Busen, der nur etwas mehr als zur Hälfte durch Stoff bedeckt war, jederzeit ganz aus dem Kleid fallen könnte.
Der Frau des Bürgermeisters solle es angeblich egal sein, dass ihr Mann sich eine Geliebte zugelegt hatte und diese ganz öffentlich zur Schau stellte. Den Umfragewerten seiner Partei hingegen schadete dies indes nicht, ganz im Gegenteil, sie seien sogar gestiegen. Doch der wahre Skandal sei folgender: Gerüchten zufolge sei die Frau des Bürgermeisters eine bisexuelle Nymphomanin, die ihren Mann erst dazu verführt hat, sich eine Geliebte zu nehmen, um ihre eigenen perversen Fantasien zu befriedigen.

Das war so typisch. Den Rest des Artikels schenkte sich Gretchen. Als ob eine Frau ihren Mann dazu ermutigen würde, sich ein Flittchen zu nehmen. Und selbst wenn, diese heuchlerische Doppelmoral. Wenn Mann herum schlief, war er ein Hengst, war er der große Eroberer und wurde auch noch bewundert. Tat Frau das gleiche, war es ein Skandal und sie gleich eine Schlampe! Erst beim Weiterblättern sah Gretchen noch durch Zufall, dass ihr das Mädchen bekannt vorkam. Hatte sie diese roten Haare nicht schon auf dem Schulhof gesehen?

Gretchen blickte auf die Uhr. Lange hatte sie nicht mehr, bevor sie sich für den Unterricht fertig machen musste. Aber Zeit für einen Artikel hatte sie noch.

Korruptionsskandal im Pfarramt. Der alte Pastor hatte wohl erhebliche Summen für private Zwecke veruntreut, aber den Kirchenvertretern war kein Wort zu entlocken, wohin das Geld geflossen war. Während der Pastor zur Strafe in den Ruhestand versetzt worden war, übernahm ein neuer Priester den offenen Posten. Die Kirche wolle Vertrauen und Akzeptanz zurückgewinnen, daher wurde auch die Seelsorge gestärkt und die neu geschaffene Stelle mit einer Nonne besetzt. Sowohl der Priester, als auch die Nonne, waren die jüngsten im Landkreis, wodurch die Kirche besonders die junge Generation wieder ansprechen wollte, u.a. auch durch neue Jugendangebote.

Klar, Vertrauen durch Verschleierung. Selbst auf die Kirche war in der Stadt kein Verlass. Sex und Egoismus, Betrug und Korruption, wo man auch hinschaute. Das absolute Gegenteil von Anstand und Moral. Was diese Welt brauchte war jemanden, der die Bösen bestrafte und für Zucht und Ordnung sorgte. Leicht erzürnt und innerlich aufgewühlt legte Gretchen die Zeitung beiseite um sich für den heutigen Schultag fertig zu machen.

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