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Frieden

Chapter 18 by vaelinalsorna

Die Zeit verlor ihre Bedeutung.

Die Tage folgten einem immer gleichen Rhythmus, bis Darian manchmal erst am Abend bemerkte, dass wieder ein weiterer vergangen war. Morgens reihten sie sich an der Essensausgabe ein, tagsüber halfen sie dort, wo Hände gebraucht wurden, und abends saßen sie schweigend am Feuer.

Aus den fünf Überlebenden Nordwachts waren drei geworden.

Darian.

Corvin.

Und Aldren.

Die beiden anderen hatten sich in den vergangenen Wochen anderen Flüchtlingsgruppen angeschlossen oder waren auf der Suche nach Angehörigen weitergezogen. Niemand wusste genau, wohin.

Der Alltag hielt Einzug ins Lager.

Kinder jagten sich wieder zwischen den Zelten, wenn auch ohne die Unbeschwertheit vergangener Tage. Händler boten ihre wenigen Waren an, Handwerker flickten Wagenräder oder schlugen Nägel in neue Bretterwände. Selbst die kleinen Schankstuben wirkten inzwischen, als hätten sie schon immer dort gestanden.

Fast hätte man vergessen können, dass all dies nur aus der Not geboren worden war.

Fast.

Eines Morgens jedoch änderte sich alles.

Schon kurz nach Sonnenaufgang begannen die Glocken Eichstätts zu läuten.

Nicht hastig wie bei einem Angriff.

Sondern langsam.

Feierlich.

Menschen verließen ihre Zelte und blickten verwundert zu den Mauern hinauf.

Auch Darian, Corvin und Aldren mischten sich unter die Menge.

Auf dem Haupttor erschien schließlich ein Herold in den Farben der Krone. Neben ihm standen mehrere Stadtwachen mit Hellebarden, während hinter ihnen das Banner des Reiches träge im Wind flatterte.

Der Herold entrollte eine Schriftrolle.

Seine Stimme war laut genug, dass sie bis weit in das Lager hineintrug.

„Im Namen seiner Majestät, König Eldric des Vierten...“

Augenblicklich wurde es still.

„...verkünde ich den Abschluss eines Friedensvertrages zwischen dem Königreich und den vereinten Orkstämmen.“

Ein Murmeln ging durch die Menge.

Der Herold fuhr fort.

Er sprach von schwierigen Verhandlungen.

Von einem mutigen König.

Von einem tapferen Herrscher, der den Frieden über den Krieg gestellt habe.

Doch während er diese Worte sprach, bemerkte Darian etwas Merkwürdiges.

Immer wenn der Herold von der Tapferkeit oder Weisheit des Königs sprach, stockte seine Stimme für einen kaum wahrnehmbaren Augenblick.

Ein winziges Zucken huschte über sein Gesicht.

Als koste ihn jedes Lob Überwindung.

Darian warf Aldren einen Blick zu.

Der Veteran hatte es ebenfalls bemerkt.

„Hör genau hin“, murmelte er.

Der Herold las weiter.

Nun folgten die Bedingungen.

Alles Land nördlich von Eichstätt sollte künftig unter der Herrschaft der Orkstämme stehen.

Die Grenze des Reiches würde dauerhaft an den Fluss verlegt werden.

Einige Menschen schlugen entsetzt die Hände vor den Mund.

Andere schüttelten ungläubig den Kopf.

Der Herold sprach weiter.

Von weiteren Verpflichtungen der Krone.

Von Geiseln aus den höchsten Adelsfamilien, die als Teil des Friedensvertrages an die Orkhäuptlinge übergeben worden seien.

Unter ihnen...

eine Tochter des Königs.

Ein Raunen ging durch die Menge.

Die Gerüchte.

Sie waren offenbar keine bloßen Gerüchte gewesen.

„...und so hat unser mutiger und selbstloser König“, fuhr der Herold fort, „große persönliche Opfer erbracht, um seinem Volk den Frieden zu sichern.“

Das Wort mutig klang diesmal so gezwungen, dass selbst Darian den bitteren Unterton hörte.

Der Mann glaubte offenbar selbst kaum an das, was er verlas.

Schließlich rollte er die Schrift wieder zusammen.

„Seiner Majestät ist das Leid der Flüchtlinge bewusst. Allen Vertriebenen wird zu gegebener Zeit neues Land im Süden des Reiches zugewiesen werden.“

Einen Herzschlag lang blieb es still.

Dann brach das Lager auseinander.

„Unser Land?“

„Das war unser Zuhause!“

„Er hat uns verkauft!“

„Nordwacht ist umsonst gefallen!“

Überall schrien Menschen durcheinander.

Ein alter Bauer sank weinend auf die Knie.

Eine Frau hob ihr Kind auf den Arm und schrie den Mauern entgegen.

Immer mehr Fäuste reckten sich in die Luft.

Der Name des Königs wurde gerufen.

Nicht ehrfürchtig.

Sondern voller Zorn.

Die wenigen beschwichtigenden Worte des Herolds gingen vollständig im Tumult unter.

Kurz darauf öffnete sich das Stadttor.

Bewaffnete Stadtwachen marschierten hinaus.

In geschlossenen Reihen schoben sie sich auf die aufgebrachte Menge zu.

Ihre Hauptleute riefen Befehle.

Einige Flüchtlinge wichen zurück.

Andere blieben stehen.

Darian spürte, wie sich die Stimmung immer weiter aufheizte.

Es brauchte nur einen einzigen Stein.

Oder einen einzigen unbedachten Schlag.

Corvin trat dicht an ihn heran.

„Das wird hässlich.“

Aldren nickte nur.

„Wir gehören hier nicht zwischen.“

Darian musste nicht lange überlegen.

Sie hatten bereits eine Stadt fallen sehen.

Er wollte nicht erleben, wie sich Menschen und Wachen gegenseitig niedermachten.

„Kommt“, sagte er.

„Wir verschwinden.“

Noch bevor die ersten Reihen der Wachen die Menge erreichten, verließen die drei unauffällig den Rand des Lagers.

Sie hielten sich von den Hauptwegen fern und folgten stattdessen einem schmalen Pfad, der in den nahen Wald führte.

Mit jedem Schritt wurde der Lärm leiser.

Erst verschwanden die Rufe.

Dann das Dröhnen der Menge.

Schließlich blieb nur noch das Rascheln der Blätter im Wind.

Tief zwischen hohen Buchen fanden sie eine kleine Lichtung.

Aldren legte wortlos sein Gepäck ab.

Corvin begann trockenes Holz zu sammeln.

Darian blickte noch einmal in Richtung Eichstätt.

Über den Baumwipfeln konnte er die Türme der Stadt gerade noch erkennen.

Dort draußen kochte die Wut eines ganzen Volkes.

Hier im Wald herrschte eine fast unnatürliche Stille.

Für diese Nacht, beschlossen die drei, würde sie ihr Lager hier aufschlagen.

Was der nächste Morgen bringen würde, wusste keiner von ihnen.

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