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Der Morgen begann still.
Ein feiner Nebel hing zwischen den Bäumen und ließ die ersten Sonnenstrahlen nur gedämpft bis auf die kleine Lichtung vordringen. Das Feuer war in der Nacht beinahe vollständig heruntergebrannt. Nur vereinzelte Glutnester glommen noch unter der grauen Asche.
Darian war der Erste, der erwachte.
Eine Zeit lang saß er schweigend da und lauschte den Geräuschen des Waldes.
Vogelstimmen.
Das entfernte Rauschen des Windes.
Kein Geschrei.
Keine Hörner.
Kein Krieg.
Es fühlte sich fremd an.
Corvin streckte sich wenig später gähnend, während Aldren bereits einige trockene Äste auf die Glut legte. Bald züngelten wieder kleine Flammen empor.
Sie frühstückten schweigend.
Das Brot war hart geworden, der Käse beinahe aufgebraucht. Keiner beklagte sich.
Nachdem sie gegessen hatten, brach Aldren schließlich das Schweigen.
„Wir können nicht ewig hier bleiben.“
Corvin nickte.
„Das dachte ich auch.“
Eine Weile sahen beide nur in das Feuer.
Dann hob Aldren den Blick.
„Ich werde zurückgehen.“
Darian runzelte die Stirn.
„Nach Norden?“
Der Veteran nickte.
„Nach Nordwacht.“
Corvin stieß hörbar die Luft aus.
„Du willst zurück... dorthin?“
„Ja.“
Aldrens Stimme blieb ruhig.
„Seit Tagen geht mir derselbe Gedanke nicht aus dem Kopf.“
Er starrte in die Flammen.
„Diese Gerüchte über die Gefangenen.“
Niemand sagte etwas.
„Wenn auch nur ein Teil davon stimmt...“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„...dann leben dort noch Menschen.“
Darian dachte unwillkürlich an Frida.
An die Verwundeten im Lazarett.
An all jene, die sie hatten zurücklassen müssen.
„Vielleicht sind es nur Gerüchte“, sagte Corvin.
„Vielleicht.“
Aldren nickte.
„Aber wenn nicht... dann sitzen dort Tausende in Gefangenschaft.“
Seine Hände ballten sich.
„Ich habe zu viele Kameraden zurückgelassen.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Ich kann nicht einfach weiterleben und so tun, als wären sie bereits tot.“
Eine Zeit lang sprach niemand.
Schließlich räusperte sich Corvin.
„Und wenn du dort ankommst?“
Aldren hob die Schultern.
„Dann sehe ich weiter.“
„Du willst allein gegen die Orks kämpfen?“
„Nein.“
„Dann?“
„Vielleicht finde ich andere.“
Er sah die beiden der Reihe nach an.
„Vielleicht gibt es Widerstand.“
„Vielleicht kann man einzelne Gefangene befreien.“
„Vielleicht scheitere ich.“
Er lächelte müde.
„Aber wenigstens habe ich es versucht.“
Corvin schwieg einen Moment.
Dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Ich verstehe dich.“
Er blickte nach Süden.
„Aber ich werde nicht mitkommen.“
Aldren nickte nur.
Er hatte offenbar mit dieser Antwort gerechnet.
Corvin rückte näher ans Feuer.
„Ich habe den Krieg satt.“
Seine Stimme klang erschöpft.
„Nordwacht ist gefallen.“
„Der Norden ist verloren.“
„Und fast jeder, den wir kannten, ist tot.“
Er hob einen kleinen Ast auf und warf ihn in die Flammen.
„Wenn ich jetzt wieder nach Norden marschiere...“
Er schüttelte den Kopf.
„...dann sterbe ich vermutlich dort.“
Er blickte Darian an.
„Ich will leben.“
Zum ersten Mal seit Langem sprach Corvin ohne jedes Lächeln.
„Ich will sehen, wie dieses Reich aussieht, wenn nicht überall Ruinen stehen.“
Er lächelte schwach.
„Die Hauptstadt soll größer sein als alles, was wir kennen.“
„Vielleicht brauche ich dort nur ein Schwert.“
„Vielleicht sucht die Stadtwache gute Kämpfer.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Oder ich nehme an Turnieren teil.“
„Vielleicht verdiene ich mir einen Namen.“
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:
„Und wenn mir selbst das nicht gefällt...“
Sein Blick verlor sich zwischen den Bäumen.
„...dann heuere ich auf einem Handelsschiff an.“
„Ich habe das Meer noch nie gesehen.“
„Vielleicht bereise ich die Welt.“
„Vielleicht lasse ich dieses Reich für eine Weile einfach hinter mir.“
Aldren schmunzelte.
„Das klingt nach dir.“
„Und dein Plan klingt nach dir.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen mussten alle drei kurz lachen.
Doch das Lachen verklang schnell wieder.
Denn jeder wusste, dass keiner der beiden nur laut nachdachte.
Sie hatten ihre Entscheidung bereits getroffen.
Aldrens Blick ging unbeirrbar nach Norden.
Dorthin, wo Nordwacht gefallen war.
Corvins Blick richtete sich nach Süden.
Dorthin, wo die Hauptstadt lag und vielleicht ein neues Leben wartete.
Schließlich wandten sich beide gleichzeitig Darian zu.
Aldren sprach zuerst.
„Du hast uns schon einmal den Weg gewiesen.“
Corvin nickte.
„Und diesmal musst du wieder wählen.“
Beide schwiegen.
Der Wald war plötzlich vollkommen still.
Nur das Knistern des kleinen Feuers war zu hören.
Aldren sah Darian ernst an.
„Also...“
Corvin beendete den Satz.
„Was wirst du jetzt tun?“
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