What's next?
Darian geht mit Corvin
Darian brauchte lange, bis er eine Antwort fand.
Er blickte erst nach Norden.
Dorthin, wo hinter Wäldern, Flüssen und Hügeln die Ruinen Nordwachts lagen. Dort, wo vielleicht noch immer Menschen auf Rettung hofften. Dort, wohin Aldren ohne zu zögern zurückkehren würde.
Dann wandte er den Blick nach Süden.
Dorthin, wo die Hauptstadt lag. Weit entfernt vom Krieg, und doch untrennbar mit ihm verbunden.
Er schloss für einen Augenblick die Augen.
Frida.
Hagen.
Nordwacht.
Die Namen würden ihn niemals verlassen.
Doch er wusste auch, dass er in seinem jetzigen Zustand niemanden retten konnte.
Nicht allein.
„Ich komme mit dir“, sagte er schließlich und sah Corvin an.
„Bis zur Hauptstadt.“
Corvin nickte langsam.
„Und danach?“
Darian zuckte leicht mit den Schultern.
„Danach entscheide ich, welchen Weg ich gehe.“
Aldren lächelte.
Es war ein müdes, aber ehrliches Lächeln.
„Eine vernünftige Entscheidung.“
Er erhob sich und legte Darian die Hand auf die unverletzte Schulter.
„Du musst deinen eigenen Weg finden.“
Corvin trat ebenfalls näher.
Die drei Männer standen einen Augenblick schweigend beieinander.
Keiner von ihnen wusste, ob sie sich jemals wiedersehen würden.
Aldren reichte zuerst Corvin die Hand.
Aus dem Händedruck wurde eine kurze Umarmung.
Dann trat er vor Darian.
„Pass auf dich auf.“
„Du auch.“
Mehr brauchte es nicht.
Gegen Mittag verließen sie die kleine Lichtung.
Gemeinsam gingen sie noch ein Stück denselben Waldweg entlang, bis sich der Pfad schließlich teilte.
Der schmalere Weg führte nach Norden.
Der breitere nach Süden.
Aldren blieb stehen.
Noch einmal sahen sie einander an.
Dann drehte sich der Veteran um und verschwand zwischen den Bäumen.
Keiner rief ihm hinterher.
Die Stille des Waldes schloss sich hinter ihm.
Darian und Corvin setzten ihren Weg fort.
Sie folgten den alten Heerstraßen nach Süden, immer weiter fort von Eichstätt.
Unterwegs begegneten sie Händlern, Pilgern und vereinzelten Flüchtlingen.
Fast jeder sprach über dieselbe Nachricht.
Doch mit jeder Erzählung wurde sie düsterer.
„Habt ihr von Eichstätt gehört?“
Ein Fuhrmann schüttelte den Kopf.
„Die Leute sind nach der Verkündung des Friedens auf die Wachen losgegangen.“
Ein anderer Reisender ergänzte:
„Die Stadtwache hat den Aufstand niedergeschlagen.“
Später erzählte ihnen ein alter Mönch, der ihnen auf der Straße begegnete:
„Hunderte sollen gestorben sein.“
Er machte das Zeichen des Segens.
„Und Dutzende wurden öffentlich hingerichtet.“
Niemand wusste die genauen Zahlen.
Doch jede Geschichte erzählte von Blut auf den Straßen, brennenden Zelten und Galgen vor den Stadttoren.
Corvin schwieg danach lange.
„Wir sind gerade noch rechtzeitig verschwunden“, sagte er schließlich.
Darian nickte.
Zum ersten Mal fragte er sich, ob ihre Entscheidung ihnen vielleicht das Leben gerettet hatte.
Die Reise selbst verlief ruhig.
Je weiter sie nach Süden kamen, desto seltener begegneten ihnen Flüchtlingstrecks.
Die Felder wurden wieder bestellt.
Auf den Straßen fuhren Händler mit beladenen Wagen.
Das Leben schien hier noch seinen gewohnten Gang zu gehen.
Als wäre der Krieg nur eine ferne Geschichte aus dem Norden.
Nach mehreren Tagen erreichten sie schließlich Falkenbrück.
Die Stadt lag an einer steinernen Brücke über den Arber und verdankte ihr ihren Namen. Hohe Fachwerkhäuser säumten die gepflasterten Straßen, und über allem erhob sich ein alter Wachturm, dessen Fahne ruhig im Wind wehte.
Sie war deutlich kleiner als Eichstätt.
Doch nach den Wochen im Flüchtlingslager wirkte sie auf Darian beinahe wie eine andere Welt.
Kinder spielten auf dem Marktplatz.
Händler priesen lautstark ihre Waren an.
Aus einer Bäckerei zog der Duft frischen Brotes.
Die Menschen gingen ihren Geschäften nach, als hätte der Norden niemals gebrannt.
Corvin blieb einen Moment stehen.
„Fast fühlt es sich falsch an.“
Darian wusste genau, was er meinte.
Gemeinsam suchten sie schließlich ein Wirtshaus auf.
Über der schweren Holztür hing ein hölzernes Schild, auf dem ein steigender Hirsch kunstvoll eingeschnitzt war.
Als sie eintraten, empfing sie angenehme Wärme, der Duft eines herzhaften Eintopfs und das gedämpfte Stimmengewirr der Gäste.
Zum ersten Mal seit langer Zeit mussten sie nicht daran denken, wo sie die kommende Nacht verbringen würden.
Für diesen Abend genügte ihnen ein Dach über dem Kopf, ein warmes Essen und das seltene Gefühl, für einige Stunden einfach nur zwei Reisende zu sein.
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