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Dorffestvorbereitung
Am nächsten Tag besuchte Sandra Silke. Sie wollte ihrer Freundin unbedingt helfen und brachte einen Erdbeerlikör mit, weil sie sich etwas Mut antrinken musste. Schon auf der Treppe roch es nach abgestandenem Wein. Silke öffnete, vollkommen fertig. Das Haar klebte an der Schläfe, die Augen waren gerötet, das T-Shirt saß schief. Sandra stellte die Flasche auf den Tisch und blieb einen Moment stehen.
„Du siehst furchtbar aus.“
Silke wollte abwinken. Der Satz kam nicht.
Gestern Abend war nicht nur der Bürgermeister wieder da gewesen, sondern auch sein Stellvertreter. Zwei Männer und eine Frau. Die Arme, dachte Sandra noch und schob das Bild beiseite, weil Silke wirklich schlecht aussah. Zwei Männer die Silke druck machen wegen Geld was ein Betrüger geklaut hat.
Sie schenkten ein. Der Likör war zu süß und genau richtig. Nach dem zweiten Glas rutschte Sandra auf dem Stuhl hin und her und sagte es trotzdem. „Lass uns abends eine Art Show anbieten. Für Erwachsene. Wir nehmen Eintritt und finanzieren so das Dorffest. Wir könnten kleine Versteigerungsspiele machen.“
Silke drehte das Glas.
„Wofür würden die Leute schon bezahlen.“
Sandra spürte, wie die Wärme ins Gesicht stieg. In den letzten Tagen hatte sie viele erotische Kurzgeschichten gehört. Sie wusste es genau wofür Männer zahlen würden aber das gehört jetzt nicht hier hin. Und gestern Morgen hatte im Briefkasten eine Einwurfsendung gelegen. Ein Partyhypnotiseur. Darauf standen Sachen wie: und siehst alle nackt. Oder: du kannst bestimmte Sachen nicht sagen. Oder: bestimmte Sachen nicht erkennen.
„Es ist eine Show“, sagte Sandra. „Wenn wir zwei, drei Leute finden, die mitspielen, wird das ein großer Spaß.“
Silke war wenig motiviert. „Das ist doch alles Schwindel.“
„Vielleicht. Aber die Leute zahlen für Schwindel, wenn er gut aussieht. Und das Fest braucht Bargeld. Wir finden vielleicht ein paar die den Schwindel mitmachen...“
Silke sah sie lange an. „Würdest du da mitmachen?“
Sandra sah das Flehen in den Augen. Den Rest vom gestrigen Abend. Die Angst vor dem Tag, an dem niemand mehr am Fenster hing. Sie sagte ja. Silke freute sich wirklich über den Vorschlag. Sofort fing sie an zu organisieren. Es sollten zwei Abende werden. Der Likör floss und Sandra machte immer mehr lustige Vorschläge. Sie würden Eintritt nehmen und nur Leute ab achtzehn reinlassen. Und es würde noch ein Zusatzangebot geben, damit die Leute noch spendeten. Freitag würde der Hypnotiseur kommen. Vielleicht können die Zuschauer Vorschläge machen wie die Person hypnotisiert wird. Samstag eine Art Versteigerung.
Silke war ein Organisationstalent. Am nächsten Tag hatte sie schon einen Termin mit dem Showhypnotiseur vom Flyer. „Kommst du bitte bitte bitte mit?“, fragte sie. „Damit nichts passiert.“
Sandra fand das eine gute Idee. Sie kam mit, um aufzupassen. Das Reihenhaus am Ortsrand sah unscheinbar aus. Ein handgeschriebener Zettel an der Klingel: Dr. Henrik Dorn. Therapeutische Hypnose und Unterhaltung. Die Tür öffnete sich, bevor sie klingeln konnten.
Dorn trug ein dunkles Hemd, das etwas zu weit aufgeknöpft war. Die Stimme war warm und genau. Sandra blieb einen Herzschlag stehen. Sie kannte diesen Klang. Nicht den Mann. Die Stimme. Aus den Kopfhörern. Aus dem Trainer. Aus der Sauna. Sie schob den Gedanken weg, weil Stimmen sich ähnelten und weil Silke neben ihr stand.
„Schön, dass ihr kommt“, sagte Dorn. „Eine Kostprobe ist immer besser als ein Flyer und wir können hier die Grenzen festlegen was ich machen kann und werde.“
Drinnen war es dämmrig. Dicke Vorhänge, ein Sofa, ein Glas Wasser, das niemand anrührte. Silke setzte sich in Positur. „Wir planen zwei Abende. Kein großes Budget. Wenn Sie auf eine Gage bestehen, müssen wir kreativ werden. Aber ich will vorher sehen, ob sie das auch wirklich können.“
„Eine Art Probedurchlauf?“, sagte er. Silke nickte. Es gab eine kurze Diskussion. Silke musste ja sehen, was passiert. Also fragte sie ganz lieb Sandra. „Könntest du dich bitte hypnotisieren lassen. Nur ganz kurz. Ich passe auf dich auf. Versprochen.“
Sandra sah Silke an. Die geröteten Augen. Den Likör von gestern. Das Fest. Das Ja, das sie schon gegeben hatte. „Kein Problem. Du passt ja auf mich auf.“
Dorn zog einen Stuhl heran. Kein Pendel. Nur die Stimme. Dieselbe Wärme wie in den Stöpseln, nur jetzt mit Gesicht dazu.
„Lehn dich zurück. Atme. Du musst nichts tun. Du hörst nur.“
Sandra atmete. Die Schultern sanken. Die Lider wurden schwer. Irgendwo sagte Silke noch etwas, weit weg. Dann war nur noch die Stimme da, und Sandra sank ganz tief. Silke sah zu, wie der Kopf nach vorn kippte, der Mund leicht offen, die Hände ruhig im Schoß. Dorn sprach weiter, leise, gleichmäßig, und notierte nichts Sichtbares.
„Sie ist drin“, sagte er nur.
Silke nickte. Der Probedurchlauf hatte begonnen. Und Sandras Unterbewusstsein hörte zu.
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