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Tagebuch Vorfreunde auf das Dorffest
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Liebes Tagebuch,
Ich wurde heute hypnotisiert. Ich war scheinbar wirklich weg. Ich bin aufgewacht und habe als Erstes gefragt, was passiert ist. Nicht weil etwas wehtat. Silke war ja die ganze Zeit bei mir. Weil die Zeit fehlte. In meinem Kopf waren zehn Minuten. Dann dieses Aufwachen, als hätte jemand den Film vorspulen lassen. Silke sah durch den Wind aus. Haar aus der Form, Augen wach und irgendwie zu hell.
Was ist passiert.
Sie hat erzählt, wir haben etwas ausprobiert. Erst haben sie es so gemacht, dass ich den Namen Silke nicht mehr sagen konnte. Dann war plötzlich jeder für mich Silke. Ich konnte sie nicht mehr vom Doktor unterscheiden. Das war ein Spaß, hat sie gesagt. Ein Sketch für die Bühne hatten sie sich noch überlegt. Sie sagte ich kann es jetzt wissen oder auch soll es eine Überraschung sein, wenn wir das auf der Bühne beim Dorffest machen.
Ich habe überlegt. Ich fühlte mich super gut. Warm. Leicht. Als hätte jemand den Knoten aus dem Nacken genommen, den ich seit dem Einzug mit mir herumtrage. Überrascht mich, habe ich gesagt. Auch wenn ich bewusst nur zehn Minuten mit Silke da war, sind in Wirklichkeit zwei Stunden vergangen. Zwei Stunden. Ich habe auf die Uhr gestarrt und trotzdem ja gesagt, weil der Körper sich nicht beschwerte. Silke war da. Silke passt auf. Alles wird gut.
Sie hat angekündigt, morgen noch einmal wegen einer Anprobe vorbeizukommen. Übermorgen auch. Sie will, dass ich mitkomme. Ich werde es machen. Natürlich werde ich es machen. Ich habe Peter über die zweite Nummer abgesagt. Kurz. Kein Foto. Ich kann nicht. Danach habe ich das Handy umgedreht, damit ich nicht auf die Häkchen starre. Er versteht das, außerdem soll er mich bis zum Dorffest ein wenig vermissen. Beim Dorffest machen wir es öffentlich. Das habe ich mir in den Kopf gesetzt.
Ich bin nervös. Nicht nur wegen der Bühne. Wegen ihm. Wegen der Frauen mit den finsteren Blicken. Wegen der Frage, die ich ihm irgendwann ins Gesicht sagen will, nicht auf die zweite Nummer: Magst du mich auch so sehr, dass du auch mit mit zusammen sein willst? Offiziell. An deiner Seite.
Das Fest kommt näher, und Silkes Laune wird besser. Darüber freue ich mich fast so sehr wie über die Vorstellung von Peter und mir. Am Anfang sah sie furchtbar aus. Abgestandener Wein. Der Bürgermeister. Druck. Geld. Ich bin mit Erdbeerlikör zu ihr, weil sie eine Freundin brauchte, und habe irgendwann diese Idee mit der Erwachsenenshow ausgepackt. Eintritt. Versteigerung. Ein Hypnotiseur vom Flyer. Zwei Abende. Bargeld fürs Fest. Sie hat gefragt, ob ich mitmachen würde, und in ihren Augen lag dieses Flehen, das man einer Freundin nicht abschlägt. Ich habe ja gesagt. Seitdem organisiert sie. Seitdem atme ich leichter, weil sie wieder wie Silke klingt und nicht wie jemand, dem das Haus um die Ohren fliegt.
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Nachtrag
Wir waren jetzt schon dreimal bei dem gruseligen Mann. Dreimal haben wir neue Sketche mit mir für die Bühne ausprobiert. Auf der einen Seite fühle ich mich gut. Auf der anderen Seite weiß ich nichts mehr von den Terminen. Die Tür. Das dunkle Hemd. Die Stimme, die mich einen Herzschlag lang an die Kopfhörer erinnert hat. Jedes mal waren zwei Stunden weg. Aber Silke war ja da. Alles war gut.
Ich schreibe das so oft auf, damit es stimmt. Alles wird gut. Alles wird gut. Ich bin nervös und sage trotzdem ja. Ich sage ja zu Anproben, von denen ich hinterher nur den Stoff in der Hand habe. Ich sage ja zu Überraschungen, die ich selbst vorgeschlagen habe und nicht mehr kenne. Ich sage ja, weil das Fest Geld braucht und Silke mich braucht und ich endlich einen Abend will, an dem Peter und ich offiziell zusammen kommen.
Sie hat gefragt, ob es okay ist, wenn sie etwas Lustiges macht, wo man vielleicht ein wenig Haut sieht. Ich war aufgeregt. Aufgeregt wie vor einer Mutprobe, die man mit einer Freundin teilt. Sie hat mir alte Frauenunterwäsche hingehalten. Das Stand auf dem Hinter "Hier gibt es nichts zu sehen". Große Slips. Breites Oberteil. Sprüche drauf, die man auf einem Feuerwehrfest vorliest und dann lacht. Ich soll auf der Bühne so tun, als wäre ich hypnotisiert, und immer wenn das Stichwort kommt, die Unterwäsche zeigen. Rock hoch. Arsch raus. Oder Titten nach vorn. Dann sechzig Sekunden nicht bewegen. Alle würden hoffen, etwas Sexy's zu sehen zu bekommen. In Wirklichkeit nur die alte Unterwäsche mit den witzigen Sprüchen.
Ich musste lachen. Das klingt nach genau dem Schwindel, für den Leute zahlen, wenn er gut aussieht. Genau das hatte ich selbst gesagt, als der Likör süß im Glas lag. Ich will Silke unterstützen. Also mache ich mit. Rock hoch. Sechzig Sekunden. Lachen im Zelt. Kein Porno. Ein Witz. Und irgendwo im Publikum Peter, der rot wird und weiß, dass unter dem Witz trotzdem ich bin.
Die Nervosität sitzt tiefer, als ich zugeben will. Nicht wegen der Oma-Wäsche. Wegen ihm. Ich prüfe das Handy. Die zweite Nummer bleibt still, weil ich selbst abgesagt habe. Ich will, dass er kommt. Ich will, dass er uns sieht. Ich will nach der Show mit ihm zusammen bleiben, öffentlich, ein Bier in der Hand, und den Frauen mit den finsteren Blicken zeigen, dass Klatsch nicht dasselbe ist wie Wahrheit.
Das Dorffest kommt. Ich werde lachen, wenn der Rock hochgeht und niemand bekommt, was er sich erhofft hat. Ich werde rot sein, sechzig Sekunden lang, und danach Peter suchen. Nicht über die geheime Nummer im Vereinsheim. Öffentlich. Endlich. Wenn ich das schaffe, war jede Lücke nur Lampenfieber. Wenn ich das schaffe, war das hier ein neuer Anfang und kein zweites Mal Maske.
Alles wird gut. Silke ist da. Ich bin nervös. Und ich will, dass er zusieht, wenn ich mich für sie auf die Bühne stelle und danach für uns zu ihm gehe.
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