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Chapter 5 by Meister U Meister U

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Die rote Linie

Der Raum erstarrte. Das Klicken der Tür, als Dr. Vogler mit steinerner Miene verschwand, hallte noch nach. Der schwache Morgenlichtstreifen unter den schweren Vorhängen schnitt wie eine Klinge durch den Staub in der Luft. Und dann, mit einer erschreckenden, flüssigen Bewegung, stand Adelheid auf. Ihre Hände griffen an den Saum des schlichten Leinenkleides – nicht zögernd, nicht schüchtern, sondern mit einer trotzigen Entschlossenheit, die mich wie gelähmt stehen ließ.

Ein Ruck. Das Kleid glitt über schmale Schultern, einen scharfkantigen Rippenbogen, eine Taille, die aussah, als könnte man sie mit einer Hand umspannen, und fiel zu einem weißen Pool auf den dicken Perserteppich zu ihren Füßen. Sie stand nackt vor mir. Nicht verführerisch. Nicht erotisch. Konfrontativ. Wie eine kühle Statue aus Alabaster, gesprenkelt mit Sommersprossen auf Schultern und den zarten Rundungen ihrer Brüste. Ihr Körper war schlank, fast knabenhaft, aber mit einer unbestreitbaren, zerbrechlichen Weiblichkeit. Und ihre Augen – diese grünen, messerscharfen Augen – bohrten sich in mich. Kein Scham. Nur Herausforderung. Verzweiflung. Wut.

"Na?" Ihre Stimme war jetzt rauer, schneidend. Sie drehte sich langsam, eine halbe Pirouette, die ihre schmalen Hüften, den flachen Bauch, den makellosen Rücken betonte. Dann blieb sie wieder frontal stehen, die Arme locker an den Seiten. "Ihre erste Amtshandlung, Betreuerin. Fachliche Einschätzung. Worauf werden die Männer mehr abfahren, wenn ich endlich aus diesem goldenen Käfig ausbreche? Meine Titten?" Eine ihrer Hände strich flach, fast verächtlich über die kleinen, festen Brüste. "Oder meinen Arsch?" Sie drehte sich erneut, diesmal vollständig, und blickte über die Schulter zurück auf mich. Ihr Gesäß war jugendlich straff, ein perfekter, runder Bogen. Ein Akt der Rebellion in Fleisch und Blut.

Die Luft blieb mir weg. Nicht wegen der Nacktheit – ich war Sexualtherapeutin, Körper waren mein Beruf. Sondern wegen der brutalen Direktheit. Der schmerzhaften Verletzlichkeit, die sich hinter dieser Provokation verbarg. Das war kein Flirt. Das war ein Hilfeschrei. Ein Faustschlag gegen die Gitterstäbe ihres Käfigs. Sie testete mich. Sofort. Unerbittlich. Würde ich schockiert sein? Würde ich sie maßregeln? Würde ich – wie alle anderen – sie als Problem, als Bedrohung, als zu kontrollierendes Objekt sehen?

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Der Amtseid des Fachdienstes VII, der kalte Juristendeutsch-Beschluss, Voglers warnende Worte – sie schienen plötzlich wie Papierfetzen in einem Sturm. Vor mir stand kein Fall. Keine Akte. Ein lebendiger, atemberaubend schöner, zutiefst verletzter Mensch, der mich mit seiner nackten Verzweiflung konfrontierte.

Ich atmete tief ein. Rief mir meine eigene Frustration ins Gedächtnis. Meine eigene Sehnsucht nach Berührung, nach echter Verbindung, die in meinem sterilen Leben verkümmert war. Die Wut auf ihre Eltern, die dieses lebendige Mädchen zu einer bedrohlichen Abstraktion gemacht hatten. Die Absurdität meiner eigenen Rolle als "Wärterin der Keuschheit".

Ich hob den Blick. Nicht auf ihre Brüste. Nicht auf ihren Po. Direkt in ihre grünen Augen. Meine Stimme war ruhig, als ich sie fand. Kein Flüstern. Keine Schärfe. Klar.

"Weder noch, Adelheid." Der Vorname kam mir ungefragt über die Lippen. Es fühlte sich richtig an. "Sie sind kein Stück Fleisch auf dem Markt. Und Männer, die nur auf Körperteile 'abfahren', sind die letzte Sorte, die Sie überhaupt interessieren sollte."

Ein winziges Zucken um ihre Augen. Überraschung? Ihr trotziger Mund blieb leicht geöffnet.

"Sie stellen die falsche Frage", fuhr ich fort. Mein Blick wich nicht von ihrem. "Die wichtige Frage ist nicht, was Männer wollen. Sondern was Sie wollen. Was fühlen Sie, wenn Sie nackt hier stehen? Stolz? Wut? Scham? Macht? Oder einfach nur die kühle Luft auf Ihrer Haut, weil es sich endlich frei anfühlt?" Ich machte eine kleine, bedeutungsschwere Pause. "Das ist mein Job, Adelheid. Nicht, Ihren Körper zu kontrollieren. Sondern Ihnen zu helfen, herauszufinden, was dieser Körper für Sie bedeutet. Und wie Sie ihn leben wollen. Ohne Angst. Ohne ****. Mit Respekt – vor allem vor sich selbst."

Ich bückte mich langsam, ohne sie aus den Augen zu lassen, hob ihr Kleid vom Boden und hielt es ihr hin. Eine Geste. Kein Befehl. Eine Einladung.

"Die Entscheidung, ob Sie es wieder anziehen oder nicht, liegt bei Ihnen. Immer. Das ist der erste Schritt zur Selbstbestimmung. Und darin werde ich Sie unterstützen. Nicht in der Angst Ihrer Eltern."

Sie starrte auf das Kleid in meiner Hand. Dann auf mein Gesicht. Ihre Atmung ging schneller. Die trotzige Spannung in ihren Schultern schien für einen Sekundenbruchteil zu weichen, ersetzt durch etwas anderes. Verwirrung? Ungläubigkeit? Ein winziger, zaghafter Funke von... etwas, das nicht Wut war? Ihre Lippen zitterten.

Dann, mit einer ruckartigen Bewegung, wie ein Tier, das sich aus einer Falle befreit, griff sie nach dem Kleid. Sie zog es nicht sofort an. Sie hielt es fest an ihre Brust gepresst, als wäre es ein Schild. Ihre Augen, immer noch groß und grün, waren plötzlich feucht. Sie sagte nichts. Aber der Blick, den sie mir jetzt zuwarf, war kein Messer mehr. Es war eine Frage. Eine ungeheure, schmerzhafte, hoffnungsvolle Frage.

Draußen auf dem Flur waren Schritte zu hören. Näher kommend. Vogler? Eine Dienerin? Oder was gab es hier noch eigentümliches?

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