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Die Lehrer haben Wind davon bekommen

Chapter 2 by Meister U Meister U

Der Speisesaal roch nach Kaffee. Eigentlich nichts für den Abend aber was solls. Friederike schob ihren Teller von sich. Gegenüber kratzte Sven Huber die Reste zusammen, ohne Eile, als sei das Essen eine Pflichtübung, die man ordentlich beendete.

„Wir sollten noch die Stationen für morgen vorbereiten“, sagte sie. „Die Karten für die Bodenuntersuchung sind noch nicht laminiert.“

Huber nickte, wischte sich den Mund mit der Serviette ab und stand auf. „Gehen wir in die Bibliothek. Da ist es ruhiger.“

Die Bibliothek war ein Raum im Erdgeschoss, der aussah, als hätte man ihn seit den Achtzigern nicht mehr angerührt. Braune Regale, ein ausgeblichener Teppich, zwei Tische mit je vier Stühlen. An der Wand hing ein Poster von einem Wal, der aussah, als würde er weinen. Friederike setzte sich, zog die Mappe mit den Arbeitsblättern heraus und legte sie auf den Tisch. Huber ließ sich ihr gegenüber nieder, streckte die Beine aus und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

„Also“, sagte sie, „ich dachte, wir machen drei Gruppen. Eine für den pH-Wert, eine für die Bodenart, eine für die Zeigerpflanzen.“

„Gut.“ Er gähnte. „Aber wir müssen die Gruppen einteilen. Nicht dass die drei Jungs wieder alle Mädchen auf sich verteilen.“

Friederike sah auf. „Die drei Jungs? Es sind sieben.“

„Sieben, ja. Aber drei davon sind die, die den Ton angeben. Die anderen vier laufen mit.“ Er sagte das ohne Wertung, wie eine Wettervorhersage. „Und die Mädchen lassen sich einteilen. Die meisten jedenfalls.“

Friederike strich mit dem Daumen über die Kante der Mappe. „Sie wissen, was da geredet wird? Über die Partys im Jungszimmer?“

Huber lächelte. Es war ein Lächeln, das nicht spöttisch war, sondern eher amüsiert, als hätte sie ihm eine besonders naive Frage gestellt. „Ich habe Ohren, Friederike.“

Sie zuckte zusammen. Sie siezten sich seit dem ersten Tag, und sie hatte sich angewöhnt, ihn mit „Herr Huber“ anzusprechen, auch in Gedanken. Dass er sie beim Vornamen nannte, war nicht neu, aber in diesem Moment klang es wie eine Vertraulichkeit, die sie nicht eingegangen war.

„Und?“, fragte sie. „Finden Sie das in Ordnung?“

„Was genau?“

„Na, das.“ Sie spürte, wie ihre Stimme schärfer wurde. „Dass die Jungs Regeln aufstellen, nach denen sich die Mädchen ausziehen müssen. Dass sie bestimmen, wer mit wem schläft. Das ist doch…“ Sie suchte nach dem Wort. „Das ist doch ein Fall für die Schulleitung. Für die Eltern. Für das Jugendamt, wenn es sein muss.“

Huber nahm die Arme herunter und beugte sich vor. „Sie sind volljährig. Alle. Die Jungs, die Mädchen. Wir haben keine Aufsichtspflicht im Sinne einer Rund-um-die-Uhr-Bewachung. Wir sind Lehrer, nicht Erziehungsberechtigte.“

„Das ist mir klar. Aber wir haben einen Schutzauftrag. Und wir haben eine Vorbildfunktion.“

„Schutzauftrag.“ Er sagte das Wort, als würde er es kosten. „Schutz wovor? Vor einer Entscheidung, die sie selbst treffen? Vor einer Erfahrung, die sie machen wollen? Wissen Sie, was ich glaube? Die Mädchen, die da hingehen, gehen da hin, weil sie neugierig sind. Weil sie sich trauen. Weil sie sehen wollen, was passiert. Und die, die nicht gehen, gehen nicht. Das ist doch keine Zwangslage.“

Friederike schob die Mappe von sich. „Sie reden wie ein Macho. Wie ein alter weißer Mann, der glaubt, dass Frauen sowieso nicht wissen, was sie wollen.“

Huber lachte, kurz und trocken. „Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass sie genau wissen, was sie wollen. Und dass es nicht meine Aufgabe ist, ihnen das auszureden. Pädagogisch gesprochen: Sie befinden sich in der Phase der Identitätsfindung. Nach Erikson. Sie probieren Rollen aus. Sie testen Grenzen. Wenn wir ihnen ständig sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, lernen sie nichts über sich selbst. Sie lernen nur, dass es Autoritäten gibt, die ihnen vorschreiben, wie sie zu leben haben.“

„Das ist doch keine pädagogische Frage. Das ist eine Frage von Anstand. Von Respekt. Die Jungs behandeln die Mädchen wie Objekte. Und Sie finden das auch noch gut.“

„Ich finde es nicht gut. Ich finde es auch nicht schlecht. Ich finde es…“ Er suchte nach dem Wort. „Konsequent. Sie haben eine Regel aufgestellt. Jeder, der kommt, muss sich daran halten. Das ist ein klar definierter Rahmen. Wer nicht will, kommt nicht. Wer kommt, der will auch.“

Friederike spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Sie ärgerte sich über sich selbst. Es war nicht die Art von Gespräch, die sie führen wollte. Sie wollte klare Kante zeigen, wollte sagen: Das lassen wir nicht zu. Aber Huber saß da, entspannt, die Beine übereinandergeschlagen, und redete, als ginge es um die Wahl der Wandfarbe für das Klassenzimmer.

„Sie würden also nichts tun?“, fragte sie.

„Ich würde nichts verbieten. Ich würde ein Auge darauf haben, dass niemand zu Schaden kommt. Aber ich würde nicht den Moralapostel spielen. Das steht mir nicht zu. Und Ihnen auch nicht.“

Sie starrte ihn an. „Das ist doch keine Frage von Moral. Das ist eine Frage von Macht. Die Jungs haben die Macht. Sie bestimmen die Regeln. Die Mädchen sind in der Unterzahl. Sie sind es, die sich ausziehen müssen. Sie sind es, die… die…“

„Die Sex haben. Ja.“ Huber sagte es ruhig. „Wenn sie wollen.“

„Wenn sie wollen“, wiederholte Friederike. „Sie tun ja so, als wäre das eine freie Entscheidung. Aber wenn du in einen Raum kommst und alle anderen haben schon zugestimmt, und die Jungs sagen: ‚Zieh dich aus‘, dann ist das kein freier Wille. Das ist Gruppendruck.“

„Das ist ein Argument.“ Huber nickte. „Aber es ist auch ein Argument, das die Mädchen zu Opfern macht, bevor sie überhaupt etwas getan haben. Unterschätzen Sie sie nicht. Sie sind nicht dumm. Sie wissen, was sie tun.“

Friederike schwieg. Sie dachte an die Mädchen in ihrer Klasse. An Lena, die immer so leise sprach. An Mia, die sich nie meldete, aber in den Pausen einen Mund hatte, der schneller war als der von jedem Jungen. An Sarah, die aussah wie achtzehn, aber erst siebzehn war – nein, sie waren ja alle volljährig. Sie war es, die mit den Jungs flirtete, offen, fast aggressiv.

„Und was ist mit Ihnen?“, fragte Huber. „Sie sind doch selbst nicht so weit weg von dem Alter. Sie sind siebenundzwanzig. Die Mädchen sind achtzehn, neunzehn. Das ist kein großer Unterschied.“

„Das ist etwas völlig anderes. Ich bin Lehrerin. Ich habe eine Verantwortung.“

„Eben.“ Huber lehnte sich zurück. „Und diese Verantwortung besteht darin, ihnen zu helfen, mündig zu werden. Nicht darin, ihnen Ihre eigenen Maßstäbe aufzudrücken. Sie sind sexuell konservativ. Das ist Ihr gutes Recht. Aber Sie können nicht erwarten, dass alle anderen so sind wie Sie.“

Friederike spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Es war nicht nur der Ärger. Es war auch die Art, wie er „sexuell konservativ“ sagte – nicht abwertend, aber mit einer Selbstverständlichkeit, die sie nackt machte. Sie hatte nie mit ihm über ihr Sexleben gesprochen. Sie hatte nie mit irgendjemandem in der Schule darüber gesprochen. Und jetzt saß er da und tat, als wäre es das Normalste von der Welt.

„Ich bin nicht prüde“, sagte sie, und ärgerte sich sofort über die Wortwahl.

„Das habe ich auch nicht behauptet.“ Huber lächelte wieder. „Wissen Sie, was ich glaube? Sie haben Angst. Nicht vor den Jungs. Nicht vor den Mädchen. Sondern vor sich selbst. Weil Sie merken, dass Sie die Situation nicht kalt lässt.“

Friederike erstarrte. „Was?“

„Ach kommen Sie. Sie sind Lehrerin. Sie haben Phantasie. Sie stellen sich vor, was da oben passiert. Und ein Teil von Ihnen – ein kleiner Teil – findet das nicht nur schlimm. Sondern auch… interessant.“

„Das ist eine Unverschämtheit.“

„Das ist eine Beobachtung.“ Er sagte es ohne Schärfe. „Sie erröten. Sie haben es die ganze Zeit getan, wenn wir über das Thema gesprochen haben. Sie können es nicht verbergen.“

Friederike hob die Hand, als wollte sie ihn schlagen, aber sie ließ sie wieder sinken. Sie spürte die Hitze in ihrem Gesicht, die sich nicht wegdenken ließ. Sie hasste ihn in diesem Moment. Sie hasste seine Ruhe, seine Überlegenheit, seine Art, alles zu durchschauen. Und sie hasste sich selbst, weil er recht hatte. Nicht ganz. Aber ein bisschen.

„Sie sind ein Zyniker“, sagte sie.

„Ich bin Realist. Und ich bin Lehrer. Ich weiß, dass man junge Leute nicht erzieht, indem man ihnen sagt, was sie tun sollen. Man erzieht sie, indem man ihnen zeigt, wie man Entscheidungen trifft. Und indem man ihnen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen zumutet.“

„Und wenn die Konsequenz ist, dass ein Mädchen sich nackt auszieht und mit einem Jungen schläft, den sie kaum kennt?“

„Dann ist das ihre Entscheidung. Und ihre Erfahrung. Vielleicht eine gute. Vielleicht eine schlechte. Aber es ist ihre.“

Friederike schüttelte den Kopf. „Ich kann das nicht akzeptieren. Ich werde mit der Schulleitung sprechen. Ich werde…“

„Was werden Sie tun? Die Klasse nach Hause schicken? Die Jungs suspendieren? Glauben Sie, das macht irgendetwas besser? Dann lernen sie nur, dass man über Sex nicht spricht. Dass man es heimlich macht. Dass es etwas Schmutziges ist.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber Sie denken es. Sie denken, dass Sex etwas ist, das man kontrollieren muss. Das man in geregelte Bahnen lenkt. Am besten nach der Ehe. Oder wenigstens in einer Beziehung. Alles andere ist… unanständig.“

Friederike schwieg. Sie dachte an ihre eigene Jugend. An die Unsicherheit. An die Angst, etwas falsch zu machen. Sie hatte nie die Regeln gebrochen. Sie hatte nie etwas getan, das sie nicht kontrollieren konnte. Und jetzt saß sie hier, mit siebenundzwanzig, und ein Mann, der fast zwanzig Jahre älter war, sagte ihr, dass sie die Dinge zu eng sah.

„Sie sind unmöglich“, sagte sie leise.

„Das hat man mir schon öfter gesagt.“ Huber stand auf und streckte sich. „Ich gehe noch eine rauchen. Danach können wir die Karten fertig machen. Oder auch nicht. Wie Sie wollen.“

Er ging zur Tür. Bevor er sie öffnete, drehte er sich noch einmal um. „Übrigens, sie könnten beim Kultusministerium einen Antrag auf Nebentätigkeit stellen. Als Domina. Sie könnten da alles umsetzen, was Sie aus pädagogischen oder didaktischen Gründen in der Schule nicht dürfen. Autorität. Grenzsetzung. Körperlichkeit. Sie würden staunen, wie viel Sie dabei lernen.“

Friederike sah ihn an. „Sie meinen das wirklich ernst?“

„Ja.“

„Das ist absurd.“

„Das ist nur absurd, weil Sie es absurd finden. Für andere ist es ein Beruf. Eine Kunst. Eine Form von Therapie.“ Er zuckte mit den Schultern. „Denken Sie darüber nach. Nicht jetzt. Aber irgendwann.“

Er ging hinaus. Die Tür fiel leise ins Schloss. Friederike blieb allein in der Bibliothek zurück. Das Poster mit dem weinenden Wal sah sie an. Sie legte die Hände auf den Tisch und atmete tief durch. Ihr Herz schlug zu schnell. Sie spürte die Wärme in ihrem Bauch, die sie nicht wegdrücken konnte. Sie dachte an die Jungs. An ihre Regeln. An die Mädchen, die da hinaufgingen. Und sie dachte an Huber, der sie durchschaut hatte, ohne es zu wollen. Oder vielleicht wollte er es.

Sie stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus. Der Hof der Jugendherberge war leer. In der Ferne hörte sie Gelächter. Es kam aus dem ersten Stock. Aus dem Jungszimmer. Sie schloss die Augen. Und für einen Moment, nur für einen Moment, stellte sie sich vor, wie es wäre, dort oben zu sein. Nicht als Lehrerin. Sondern als eine von ihnen.

Herr Huber kam zurück, und mit ihm der Geruch von kaltem Rauch und Nachtluft. Er zog die Tür hinter sich zu. Dann drehte er den Schlüssel um. Das Klicken war leise, aber in der Stille der Bibliothek klang es wie ein Peitschenknall.

Friederike fuhr herum. „Was machen Sie da?“

Er steckte den Schlüssel in die Hosentasche und sah sie an. „Möchten Sie über Ihre eigenen sexuellen Erfahrungen reden?“

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

„Sie haben vorhin so getan, als hätten Sie einen Maßstab. Als wüssten Sie genau, was anständig ist und was nicht. Ich frage mich, woher der kommt.“

Friederike legte die Hand auf die Mappe. Ihre Finger waren kalt. „Das geht Sie nichts an.“

„Nein“, sagte er. „Das geht mich nichts an. Aber vielleicht geht es Sie etwas an. Sie sind siebenundzwanzig. Sie sind Lehrerin. Sie werden jeden Tag mit Fragen konfrontiert, die Sie nicht beantworten können, wenn Sie sich selbst nicht kennen.“

„Das ist Psychologie. Wir sind hier nicht in der Therapie.“

„Nein. Wir sind in der Schule. Und Schule ist kein asexueller Raum. Sie tun gerade so, als wäre Sexualität etwas, das man wegsperren kann. In einen Raum. Hinter eine Tür. In eine Ehe.“

Sie spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg. „Ich sperre nichts weg. Ich habe nur andere Vorstellungen.“

„Welche?“

Sie schwieg. Sie dachte an Thomas. Drei Jahre. Er hatte immer mehr gewollt. Sie hatte immer weniger gegeben. Aus Angst, die Kontrolle zu verlieren. Sie dachte an die wenigen Male, die es gegeben hatte. Immer im Dunkeln. Immer leise. Immer danach das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, ohne zu wissen, was.

„Das ist privat“, sagte sie.

„Natürlich.“ Er lehnte sich gegen die Regalwand. „Ich frage auch nicht, um es zu wissen. Ich frage, um zu verstehen, warum Sie so reagieren.“

„Ich reagiere, weil Sie die Tür abgeschlossen haben. Das ist eine Grenzüberschreitung.“

„Ich habe sie abgeschlossen, damit uns niemand stört. Nicht damit Sie sich eingesperrt fühlen. Wenn Sie wollen, schließe ich wieder auf.“

Er bewegte sich nicht. Der Schlüssel blieb in seiner Hosentasche. Friederike sah zur Tür. Sie konnte aufstehen. Sie konnte gehen. Sie konnte sagen: Öffnen Sie sofort. Aber sie tat es nicht. Sie blieb sitzen.

„Ich möchte nicht über meine sexuellen Erfahrungen reden“, sagte sie.

„Gut“, sagte er. „Dann reden wir über Ihre Angst.“

„Ich habe keine Angst.“

„Sie haben Angst vor dem, was die Mädchen tun. Vor dem, was die Jungs tun. Vor dem, was ich denke. Und vor dem, was Sie selbst fühlen.“

„Sie interpretieren zu viel.“

„Mag sein. Aber Sie erröten wieder.“

Sie hob die Hand und berührte ihre Wange. Die Haut war warm. Sie ärgerte sich über diese Geste, kaum hatte sie sie ausgeführt. „Sie sind ein alter Mann, der sich an der Verunsicherung einer jungen Kollegin aufgeilt.“

Huber sah sie an, ohne zu blinzeln. „Nein. Ich bin ein Kollege, der mit Ihnen über etwas sprechen will, worüber Sie nicht sprechen wollen. Das ist ein Unterschied.“

„Ist es das?“

„Ja. Ich könnte jetzt die Tür öffnen und gehen. Aber ich glaube, Sie wollen nicht, dass ich gehe.“

Sie starrte ihn an. Sie wollte ihm ins Gesicht sagen, dass er sich irrte. Dass er ein Macho war. Ein alter weißer Mann, der glaubte, Frauen durchschauen zu müssen. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Denn da war dieser andere Gedanke. Der Gedanke an das Zimmer im ersten Stock. An das Gelächter. An die Regeln. An die Vorstellung, wie es wäre, wenn sie....

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