Die Regeln der Nacht

Klassenfahrt

Chapter 1 by Meister U Meister U

Die Nacht war schwer wie ein nasses Handtuch über den Bergen. Im Zimmer der Mädchen roch es nach Shampoo, Deo und der leisen Angst, die wie ein unsichtbarer Gast zwischen den Betten saß. Sabine lag auf ihrer Matratze, die Knie angezogen, den blauen Flanell-Schlafanzug fest um ihren Körper gezogen. Durch das geöffnete Fenster drang die Kühle der Julinacht herein, aber sie spürte nichts davon. Ihr Herz schlug zu laut, zu schnell.

"Naja, also ich geh hin", sagte Elvira. Sie saß auf ihrem Bett, das Handy in der Hand, und scrollte durch die Bilder, die sie vorhin gemacht hatte. "Wenn die Jungs das so wollen, dann ist das halt so. Ist doch klar, dass die was von uns wollen. 23 Mädchen, 7 Jungs. Die Chancen stehen gut, dass man auserwählt wird."

Sabine starrte auf die weiße Zimmerdecke. Auserwählt werden. Sie dachte an die Jungs, wie sie unten im Aufenthaltsraum gesessen hatten, grinsend, selbstbewusst, mit diesem Blick. Die Regeln waren deutlich gewesen. Jede, die kommt, muss sich komplett ausziehen. Und dann wird ein Junge bestimmt, der mit ihr Sex hat. Es klang so einfach, wenn Elvira es sagte. So... normal.

"Du machst Witze, oder?" Jaqueline lag auf dem Bauch, das Gesicht in ihr Kissen gedrückt. Ihre Stimme war gedämpft. "Das ist doch nicht dein Ernst. Die wollen doch nur, dass wir uns blamieren. Das ist so ein typischer Jungs-Test. Wer kommt, ist eine Schlampe, wer nicht, eine Prüde. Da kann man nur verlieren."

Sabine schloss die Augen. Sie hatte Jaqueline schon immer für die Klügste in der Klasse gehalten, aber manchmal war Klugheit auch nur eine andere Form von Angst. Sabine wusste das. Ihre eigene Angst kribbelte in den Fingerspitzen, wanderte den Nacken hinauf, setzte sich hinter die Augen. Was wäre, wenn sie hinging? Wenn sie sich auszog, vor allen, vor diesen Jungs mit ihren spöttischen Blicken? Wenn einer von ihnen sie wählte?

Ihr Magen zog sich zusammen. Aber dann, mitten in der Verkrampfung, etwas anderes. Ein kleiner, heißer Funke. Was wäre, wenn einer von ihnen sie wählte? Wenn es Maximilian war, mit seinen dunklen Augen, oder Daniel, der sie beim Sportunterricht immer ansah, wenn sie nicht hinschaute?

"Sabine?" Elifs Stimme riss sie aus ihren Gedanken. "Was denkst du? Würdest du gehen?"

Sabine setzte sich auf. Ihre Füße berührten den kalten Linoleumboden. "Ich weiß nicht", sagte sie leise. Ihre Stimme klang dünn, wie sie selbst fand. "Ich meine... es ist doch total verrückt, oder? Wir sind 18. Wir sollten nicht..." Sie stockte. Was sollte sie nicht? Sich von Jungs Regeln vorschreiben lassen? Oder sich von ihrer eigenen Angst abhalten lassen?

Andrea lachte trocken. "Verrückt ist das richtige Wort. Die Jungs haben sich das ausgedacht, weil sie wissen, dass sie die Oberhand haben. 7 gegen 23. Und wir spielen alle mit, weil wir nicht diejenigen sein wollen, die feige sind. So funktioniert das doch immer."

Sie drehte sich auf die Seite und sah Sabine direkt an. "Aber mal ehrlich. Hast du schon mal einen Typen gesehen, der es wert wäre, sich für ihn zu blamieren? Ich nicht."

Sabine wollte nicken, aber ihr Kopf gehorchte nicht. Stattdessen dachte sie an die Party vor drei Wochen, als sie Maximilian in der Küche getroffen hatte. Wie er ihr ein Bier gegeben hatte, wie seine Finger für eine Sekunde ihre berührt hatten. Wie er gesagt hatte: "Sabine, du bist wirklich... anders." Sie hatte nicht gefragt, was er meinte. Sie hatte nur dieses warme Gefühl in der Brust gespürt, das jetzt, in diesem Moment, wieder aufzulodern drohte.

"Elvira hat recht", sagte Sabine plötzlich, und ihre eigenen Worte überraschten sie. "Die Chancen stehen gut, dass man auserwählt wird. Und wenn nicht... dann kann man einfach wieder gehen, oder?"

Elvira grinste. "Siehst du. Sabine hat's verstanden."

Jaqueline richtete sich auf. Ihr Gesicht war rot vom Kissen. "Ihr seid beide wahnsinnig. Das ist keine Lotterie, das ist eine Demütigung. Stell dir vor, du stehst da, nackt, und keiner will dich. Oder noch schlimmer: Einer will dich, aber nur, weil du gerade da stehst. Nicht, weil du du bist. Weil du ein Körper bist, der gerade verfügbar ist."

Sabines Kehle wurde eng. Genau das war es, was sie am meisten fürchtete. Nicht die Nacktheit an sich, nicht der Sex, auch wenn sie noch nie mit einem Jungen geschlafen hatte. Nein, es war das Dazwischen. Der Moment, wenn sie stehen würde, nackt und verwundbar, und ein Junge sie anschauen würde, nicht mit dem Blick, den man einem Menschen schenkt, sondern mit dem Blick, den man einem Ding schenkt. Einem Stück Fleisch, das man sich nehmen kann.

"Ich habe Angst", sagte Elif leise. Sie hatte ihre Arme um ihre Knie geschlungen, ihr langes schwarzes Haar fiel über ihr Gesicht. "Ich will nicht, dass die mich so sehen. Aber ich will auch nicht, dass sie denken, ich wäre feige. Meine Eltern würden sagen, ich soll stolz sein und nein sagen. Aber mein Stolz..." Sie atmete tief ein. "Mein Stolz sagt mir, ich soll hingehen und zeigen, dass ich keine Angst habe."

Sabine sah zu Elif hinüber. Sie kannte das Gefühl. Dieser innere Zwiespalt, der sich anfühlte, als würde man gleichzeitig in zwei Richtungen zerren. Auf der einen Seite die Stimme, die sagte: Lass dich nicht unterkriegen. Zeig ihnen, dass du stark bist. Auf der anderen Seite die Stimme, die flüsterte: Du bist nicht stark. Du bist nur ein Mädchen, das sich nackt auszieht, weil vier Jungs es sagen.

"Aber ist es Stolz", fragte Andrea jetzt, "wenn man sich unterwirft? Wenn man ihre Regeln akzeptiert? Ich nenne das nicht Stolz. Ich nenne das Angst, dazuzugehören."

Sie stand auf und ging zum Fenster. Draußen war die Nacht voller Sterne, und im Tal sah man die Lichter des Dorfes. "Ich bleibe hier. Ich habe keinen Bock, mich zum Affen zu machen. Wenn die Jungs was von mir wollen, dann sollen sie zu mir kommen. So wie es sich gehört. Nicht so, als wären wir in irgendeinem billigen Porno."

Sabine biss sich auf die Unterlippe. Andreas Worte trafen etwas in ihr, das sie nicht benennen konnte. Es war nicht Scham, nicht ganz. Es war etwas anderes. Eine tiefe Unsicherheit, ob sie überhaupt wusste, was sie wollte. Ob sie sich selbst kannte.

Sie erinnerte sich an den Spieleabend im Jugendzentrum vor zwei Monaten. Wahrheit oder Pflicht. Sie hatte Pflicht gewählt und einem Jungen, den sie kaum kannte, einen Kuss auf die Wange geben müssen. Hinterher hatte sie sich geschämt, aber auch aufgeregt gefühlt. Dieser Funke in ihrem Bauch, der sagte: Mehr. Ich will mehr.

Aber jetzt, in diesem Zimmer, mit dem kalten Boden unter ihren Füßen und dem Klopfen ihres Herzens, wusste sie nicht mehr, was "mehr" bedeutete. Wollte sie wirklich hingehen? Wollte sie wirklich, dass ein Junge sie wählt? Oder wollte sie einfach nur, dass einer sie ansieht, als wäre sie etwas Besonderes?

"Also", sagte Elvira und stand auf. Sie zog ihren Pullover über den Kopf. "Ich gehe. Wer mitkommt, kann mitkommen. Wer nicht, bleibt halt hier und spielt die Moralapostel."

Sie griff nach ihrer Tasche und warf Sabine einen Blick zu. "Komm schon, Sabine. Du hast doch gesagt, du willst. Das ist unsere Chance. Wenn wir jetzt nicht hingehen, dann werden wir in zehn Jahren darüber reden, was wir verpasst haben."

Sabine schluckte. Sie dachte an Max. An seine Hände, seine Augen. An die Art, wie er sie manchmal ansah, als würde er ein Geheimnis mit ihr teilen. Sie stellte sich vor, wie er sie wählen würde. Wie er sie anschauen würde, wenn sie nackt vor ihm stand. Würde er lächeln? Würde er zärtlich sein?

Ihr Herzschlag wurde lauter.

"Aber was ist, wenn ich nicht gewählt werde?" fragte sie leise.

Jaqueline rollte die Augen. "Genau darum geht's doch. Du stehst da, nackt, und dann gucken die Jungs dich an, und einer von ihnen sagt: 'Ich nehm die.' Und die anderen gucken zu. Und dann..." Sie machte eine Pause. "Dann bist du einfach die, die genommen wurde. Nicht die, die sich entschieden hat."

Sabine spürte, wie ihre Finger zitterten. Ein Teil von ihr wollte aufstehen, sich anziehen, mit Elvira gehen. Ein anderer Teil wollte sich unter die Decke verkriechen und nie wieder auftauchen.

"Ich hab doch noch nie... mit einem Jungen", flüsterte sie, und die Worte waren kaum zu hören.

Elif stand auf und setzte sich zu Sabine auf die Bettkante. Ihre Hand lag warm auf Sabines Arm. "Das ist doch egal. Das macht es nicht besser oder schlechter. Die Frage ist doch: Willst du das wirklich? Oder willst du nur, dass einer dich will?"

Sabine sah Elif in die Augen. In ihnen lag etwas, das sie nicht deuten konnte. Mitleid? Oder Verständnis?

"Ich weiß nicht", sagte Sabine noch einmal. Ihre Stimme zitterte jetzt. "Ich weiß nicht, was ich will. Ich will nicht feige sein, aber ich will auch nicht..."

...benutzt werden.

Sie sprach den Gedanken nicht aus. Aber er lag da, schwer und heiß, in ihrer Brust. Sie dachte an ihre Mutter, die ihr immer gesagt hatte: "Lass dich nicht von Männern herumkommandieren, Sabine. Du bist mehr wert." Aber was, wenn sie selbst nicht wusste, was sie wert war? Was, wenn sie nur wusste, dass sie gesehen werden wollte, egal wie?

Draußen hörte man Musik. Bass, der durch die Wände drang. Die Party im Jungszimmer hatte begonnen.

"Es ist so weit", sagte Elvira. "Ich geh jetzt. Wer mit will, kommt mit."

Sie öffnete die Tür und trat auf den Flur. Ihr Schatten fiel lang in den Raum, und für einen Moment sah Sabine nur ihre Silhouette im Türrahmen.

Sie stand auf.

Ihre Beine trugen sie, ohne dass sie es befahl. Der kalte Boden unter ihren Füßen. Der Flanell ihres Schlafanzugs, der plötzlich zu eng, zu warm, zu viel war.

"Soll ich?", fragte sie, aber die Frage war nicht an die anderen gerichtet. Sie war an sich selbst gerichtet, an den Teil von ihr, der Antworten wusste, die sie nicht hören wollte.

Elvira drehte sich um. "Entscheid dich. Jetzt."

Und Sabine stand da, mitten im Zimmer, zwischen ihren Freundinnen und der offenen Tür. Zwischen ihrer Angst und ihrer Hoffnung. Zwischen dem Mädchen, das sie war, und dem Mädchen, das sie sein wollte.

Ihr Herz schlug so laut, dass sie nichts anderes mehr hörte.

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