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Ich hatte einen Freund

„Ich hatte einen Freund“, sagte sie, sehr leise. „Drei Jahre. Es war… nicht viel.“

Er sagte nichts. Er wartete.

„Ich habe nie… ich meine, ich habe nie…“ Sie brach ab.

„Sie müssen nichts sagen“, sagte er.

„Warum fragen Sie dann?“

„Weil ich wissen wollte, ob Sie es können. Reden. Über sich. Ohne Regeln. Ohne Moral. Ohne pädagogischen Auftrag.“

„Und? Kann ich es?“

„Sie fangen an.“

Sie spürte etwas in ihrer Brust. Kein Verlangen. Eher eine Öffnung. Ein Riss in einer Mauer, die sie selbst gebaut hatte. Sie sah auf ihre Hände. Die Adern traten hervor. Sie waren dünn, bläulich. Sie sah aus wie eine, die zu viel las und zu wenig aß.

„Bitte schließen Sie die Tür auf“, sagte sie.

Er sah sie einen Moment lang an. Dann zog er den Schlüssel aus der Tasche, drehte ihn herum und öffnete die Tür einen Spaltbreit. Der Geruch von Flur und altem Linoleum drang herein. Das Klicken war diesmal lauter. Sie atmete aus.

„Danke“, sagte sie.

„Nicht dafür“, sagte er.

Sie wusste nicht, was er meinte. Sie sammelte die Arbeitsblätter ein, die Karten, den Stift. Ihre Hände zitterten leicht, aber sie konnte es vor ihm verbergen, indem sie die Papiere ordentlich auf den Stapel legte.

„Wir machen die Karten morgen“, sagte sie.

Sie stand auf. Sie ging zur Tür. Bevor sie hinausging, sagte er: „Friederike.“

Sie blieb stehen, ohne sich umzudrehen.

„Wenn Sie reden wollen. Irgendwann. Ich bin da.“

Sie legte die Hand auf den Türrahmen. Der Lack war kühl. „Gute Nacht, Herr Huber“, sagte sie.

Dann ging sie hinaus. Die Tür ließ sie offen. Friederike ging schnell, ohne sich umzusehen. In ihrem Rücken spürte sie seinen Blick. Und in ihrem Bauch spürte sie etwas anderes.

Sie hielt es keine zehn Minuten in ihrem Zimmer aus. Sie drehte sich auf den Rücken, dann auf die Seite, dann setzte sie sich auf. Auf dem Nachttisch lag ihr Handy, das Display schwarz. Sie nahm es nicht in die Hand. Es gab niemanden, dem sie das hätte schreiben können.

Ihre Gedanken liefen im Kreis. Der Schlüssel. Das Klicken. Sein Gesicht, ruhig, freundlich. Die Frage nach ihren sexuellen Erfahrungen, so beiläufig gestellt wie eine Frage nach dem Wetter. Und ihre eigene Antwort: nicht viel. Drei Jahre Thomas, und sie hatte es nicht einmal geschafft, ihm zu sagen, was sie wollte. Weil sie es selbst nicht wusste. Und dann Huber. Er war verheiratet. Doch jede im Lehrerzimmer wusste, dass er in kinky Kreisen verkehrte. Sexuell wohl schon einiges ausprobiert hatte.

Sie stand auf. Zog die Jacke über, ohne nachzudenken. Der Flur war leer. Vor der Bibliothek blieb sie stehen, legte die Hand an die Tür. Sie war verschlossen. Kein Licht unter dem Spalt. Sie ging weiter. Sie wusste nicht, wohin sie ging, bis sie vor seiner Tür stand.

Zimmer 14. Sie klopfte, bevor sie sich bremsen konnte.

„Ja.“

Sie öffnete. Er saß auf dem Bett, den Rücken gegen die Wand, die Beine ausgestreckt. Oberkörper frei. Nur eine Boxershorts, grau, weit geschnitten. Auf dem Boden neben dem Bett standen zwei Bierflaschen, eine leer, eine halb voll.

„Friederike“, sagte er. Als hätte er mit ihr gerechnet. „Setz dich.“

Sie setzte sich nicht. Sie blieb an der Tür stehen, die Hand noch am Griff. „Ich konnte nicht schlafen.“

„Ich auch nicht.“ Er nahm einen Schluck Bier. „Willst du eins? Ich habe noch eins im Kühlschrank. Der ist im Schrank da drüben.“

„Nein.“

„Auch Gut.“ Er stellte die Flasche ab. „Dann rede. Oder frag. Was auch immer dich hergebracht hat.“

Sie sah ihn an. Sie wollte etwas sagen über die Tür, über den Schlüssel, über die Unangemessenheit, über den Schutzauftrag, über die Vorbildfunktion. Aber ihr Blick blieb an seiner Schulter hängen. An der Linie, die vom Hals zum Arm lief. Er war nicht durchtrainiert wie einer dieser Männer auf den Plakaten im Fitnessstudio. Er war eher breit, schwer, mit einer Andeutung von Bauch, und trotzdem sah es aus, als könnte er jemanden hochheben, ohne sich anzustrengen.

„Erzähl mir von deinem Swingerclub“, sagte sie.

Huber sah sie einen Moment lang an. Dann nickte er langsam. „Was willst du wissen?“

„Alles.“

Er griff nach der Bierflasche, drehte sie in den Händen. „Es gibt verschiedene Formen. Manche Clubs sind wie Diskotheken. Man tanzt, man redet, und wenn man will, geht man in einen der Räume. Andere sind strenger. Mit Regeln. Mit Anmeldung. Mit Schlüsseln für bestimmte Bereiche.“

„Und die tschechische Wand?“, fragte sie. Sie hatte das irgendwo gehört. Sie wusste nicht, warum sie es fragte.

Er sah auf. „Du kennst das?“

„Nein. Ich habe es nur…“ Sie brach ab.

„Die tschechische Wand“, sagte er, „ist ein Raum. Ein Loch in der Wand. Auf der einen Seite Frauen, auf der anderen Männer. Man sieht sich nicht ins Gesicht. Er sieht nur die Körperöffnung. Sie sieht ihn gar nicht. Und dann wird gevögelt. Anonym. Ohne Namen. Ohne Gesicht. Ohne Beziehung.“

Sie schluckte. „Und das finden die Frauen gut?“

„Manche. Es wird ja niemand dazu gezwungen. Die, die es gut finden, sagen: Es ist der einzige Ort, an dem ich nichts erklären muss. Kein Make-up. Keine Beziehung. Keine Gefühle.“

Friederike spürte, wie ihr Mund trocken wurde. „Und die Männer?“

„Für die ist es ähnlich. Nur anders.“ Er trank. „Manche Männer lassen sich fesseln. Ans Andreaskreuz. Dann sind sie das Objekt. Die Frauen kommen, betrachten sie, berühren sie, benutzen sie. Ohne zu fragen, ob es dem Mann gefällt. Weil er es will. Weil er sich entschieden hat sich hinzugeben. Nur für eine Stunde.“

Sie starrte ihn an. „Das ist entwürdigend.“

„Findest du?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ein Mensch kein Objekt ist. Weil Sexualität keine Ware ist. Weil…“ Sie hielt inne. Ihr Blick war ihm entglitten. Sie sah auf seine Brust. Auf die Haare, die sich über das Brustbein zogen, dünn, dunkel, ein wenig grau an den Rändern. Sie sah auf seinen Bauch, auf die Linie, die von den Hüftknochen nach unten führte. Sie sah auf die Boxershorts. Auf den Stoff, der sich wölbte.

Und sie erwischte sich.

Ihr Blick blieb zu lange. Nicht eine Sekunde. Zwei. Drei. Sie spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken schoss, wie sie sich in die Ohren fraß, wie sie ihre Wangen rot machte. Sie hob den Kopf, zu schnell, und traf seinen Blick. Er hatte es gesehen. Natürlich hatte er es gesehen.

„Entschuldigung“, sagte sie. Es kam heraus wie ein Husten.

Er sagte nichts. Er sah sie nur an.

„Du musst dich nicht entschuldigen“, sagte er. „Es ist ein Körper. Du darfst ihn ansehen.“

„Ich wollte nicht…“

„Doch. Du wolltest.“ Er stellte die Flasche ab. „Sonst wärst du nicht gekommen.“

Sie spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. „Ich bin gekommen, weil ich eine Frage hatte. Über die Klasse. Über die Jungs.“

„Hast du nicht.“

„Doch.“

„Nein.“ Er lehnte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie. „Du bist gekommen, weil du wissen wolltest, ob es stimmt. Was ich vorhin gesagt habe. Dass dich die Sache nicht kalt lässt.“

„Das ist nicht wahr.“

„Es ist wahr. Und weißt du, was? Es ist in Ordnung. Es ist völlig in Ordnung. Du bist siebenundzwanzig. Du bist nicht die Frau, auch nicht die erste Lehrerin, die merkt, dass sie nicht so ist, wie sie dachte.“

Friederike schluckte. Ihr Hals war eng. „Ich bin nicht hier, um mich analysieren zu lassen.“

„Nein“, sagte er. „Du bist hier, um etwas zu sehen. Und jetzt hast du es gesehen.“ Er lehnte sich zurück. „Willst du noch was wissen?“

Sie hätte gehen können. Die Tür war zwei Schritte entfernt. Der Griff war kalt, sie hatte ihn vorhin berührt. Aber sie blieb. Sie setzte sich auf den Stuhl am Fenster, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Ihre Jacke hatte sie noch an

„Erzähl mir von dieser Trennung“, sagte sie leise. „Von Sex und Gefühlen.“

Huber sah sie an. Dann lächelte er. „Das ist eine lange Geschichte“, sagte er.

„Ich habe Zeit“, sagte Friederike.

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