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Chapter 22 by Daemony Daemony

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Das Loch

Milena beugte sich vertraulich nach vorne, ihre grünen Augen verengten sich zu Schlitzen. "Warum bist du hier, hm?" Das R ließ sie tief und hart rollen, ein Hinweis auf ihre Herkunft. Russland, Polen? Ihre Stimme war leise aber scharf und durchschnitt so mühelos das beständige Hintergrundgeräusch aus Murmeln und Seufzen, das einen Klangteppich in die Zelle wob.

Heike zögerte, unsicher, wie viel sie preisgeben sollte. "Warum fragst du?"

Die andere Frau kicherte, obwohl es nicht humorvoll klang. Es schien eher, als ob sie Heikes Reaktion testen wolle. "Du siehst aus, als gehörtest du nicht hierher. Zu weich. Zu ängstlich. Sag, was hast du getan?“

Heike rutschte unruhig hin und her, dann murmelte sie "Ein Missverständnis" und versuchte, möglichst vage zu bleiben.

Milena schnaubte. „Missverständnis. Das sagen sie alle hier.“ Sie deutete auf die vielen Frauen in der Zelle. „Schau sie dir an. Diebinnen, Betrügerinnen, Huren. Manche haben noch nicht mal gegen Gesetze verstoßen, sondern ungeschriebene moralische Regeln gebrochen. Und einige hatten einfach nur Pech. Aber du ...“ Sie zögerte, als suche sie nach den richtigen Worten. „Du sind anders. Du wirkst wie eine Spielerin. Jemand, der sich auf ein sehr gefährliches Spiel eingelassen und verloren hat."

„Warum bist du hier?“, fragte Heike, um das Gespräch von sich selbst abzulenken.

Ihr Gegenüber lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Ihre Augen verdunkelten sich und jegliche Belustigung verschwand aus ihrer Stimme. "Ich ... ich passe nicht ins Raster dieser Leute. Ich repräsentiere etwas, das ihnen Angst macht. Darum schließen sie mich lieber weg, als dass sie sich damit auseinandersetzen." Damit richtete sie sich wieder auf und beendete mit einer energischen Geste das Thema. „Aber das tut nichts zur Sache. Wenn du schlau bist, dann hältst du den Mund und den Kopf unten. Am besten lässt du diesen Ort vergessen, dass du hier bist.“

Heike verstand nicht. "Warum?"

„Weil er dich nicht mehr gehen lässt, sobald er dich bemerkt hat.“

Beide verfielen in Schweigen und saßen stumm nebeneinander, jede in ihre eigenen Gedanken versunken. Heike hatte eigentlich vorgehabt, sich an den Wärter zu wenden und Kontakt zu ihrer Botschaft, einen Anwalt oder ein Telefonat mit ihrem Mann Klaus zu verlangen. Aber nach Milenas ominöser Bemerkung war sie sich nicht mehr sicher, ob dies eine gute Idee war. Doch bald wurde sie von ihren Überlegungen abgelenkt. Ihr Körper erinnerte sie an ein Bedürfnis, das sie immer weniger ignorieren konnte. Zunehmend zappeliger rutschte sie auf der Bank herum, bis sie es nicht mehr aushielt. Sie beugte sich zu ihrer Nebensitzerin herüber und murmelte: "Wo ist die ... Toilette?"

Milenas Kopf zuckte zu ihr herüber, eine Augenbraue hob sich amüsiert. "Toilette?" Sie schnaubte leise und schüttelte den Kopf. “Du bist hier in keinem Hotel, Prinzessin.“

Heike errötete, Verlegenheit und Frustration vermischten sich. „Ich muss aber dringend pinkeln“, zischte sie.

Mit einer trägen Handbewegung deutete Milena auf eine Ecke der Zelle, in der ein grobes Loch in den Betonboden eingelassen war. Es war von verschiedenfarbigen Flecken umgeben und als Heike schnupperte, nahm sie den überwältigenden Gestank von Ammoniak wahr, der von dort heranwehte. Keine Wände, kein Vorhang – nur die nackte, trostlose Realität der Gefängniszelle.

Heikes Magen drehte sich bei diesem Anblick um. „Dort?“, flüsterte sie entsetzt.

Milena lehnte sich an die Wand, man konnte ihr Grinsen quasi durch den Schleier erkennen. „Willkommen ganz unten, meine Liebe. Privatsphäre ist ein Luxus, den wir uns hier nicht leisten können. Ich schlage vor, du machst dich auf den Weg. Wenn du zu lange wartest, machst du nur eine Sauerei. Deine Entscheidung.“

Heike stand auf. Es war, als ob sie sich zu jedem einzelnen Schritt in diese ekelhafte Ecke zwingen musste. Ihr Stolz meldete sich lauter als ihre Blase. Sie könnte doch unmöglich, hier, vor all den Leuten ... Aber die anderen Frauen in der Zelle schenkten ihr kaum Beachtung, das Desinteresse war für Heike ein winziger Trost in dieser Situation.

Auf halbem Weg blieb sie noch einmal stehen und sah sich um. Milenas Stimme ertönte ruhig und bestimmend. „Gewöhn dich besser daran. Wer zu stolz ist, hält hier nicht lange durch.“

Heike schluckte schwer, ihre Wangen brannten, als sie sich auf eine der vielen Demütigungen einstimmte, die noch kommen würden. Sie raffte den Saum ihres Umhangs und ging in die Hocke. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, die Umgebung zu vergessen und sich zu entspannen.

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