Wie wird sich Darian entscheiden?

Darian will den König warnen

Chapter 11 by vaelinalsorna

Zwölf Blicke ruhten auf Darian.

Das Knistern des kleinen Lagerfeuers schien mit einem Mal unerträglich laut zu werden. Er spürte die Müdigkeit in jedem Muskel seines Körpers, den Schmerz in seiner Schulter und die Schwere all der Erinnerungen, die ihn seit dem Fall Nordwachts begleiteten.

Vor seinem inneren Auge sah er Hagen.

Er hörte wieder Fridas Stimme.

Er sah die brennenden Straßen, das Lazarett und die Menschen, die sie nicht hatten retten können.

Er verstand beide Seiten.

Er verstand die Männer, die dem König nicht länger dienen wollten. Nordwacht hatte bis zum letzten Atemzug gekämpft. Wochenlang hatten sie ausgeharrt, während aus der Hauptstadt weder Verstärkung noch Hoffnung gekommen war.

Doch ebenso verstand er jene, die weiterziehen wollten.

Wenn Nordwacht gefallen war...

Wer würde dann die nächste Stadt warnen?

Wer den König?

Wer sollte verhindern, dass sich dieselbe Katastrophe wiederholte?

Darian hob langsam den Blick.

„Ich...“

Seine Stimme war rau.

„...ich werde zur Hauptstadt gehen.“

Niemand unterbrach ihn.

„Nicht wegen des Königs.“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Ich weiß nicht, ob er uns im Stich gelassen hat... oder ob er selbst nichts mehr tun konnte.“

Für einen Moment sah er in die Flammen.

„Aber ich weiß, dass hinter Nordwacht noch Menschen leben.“

Er dachte an die Familien, die niemals ein Schwert getragen hatten.

An Kinder.

An Dörfer, die nichts von der Belagerung wussten.

„Wenn wir schweigen, werden sie genauso überrascht werden wie wir.“

Mehr sagte er nicht.

Aldren nickte langsam.

Auf der anderen Seite des Feuers verzog der breitschultrige Veteran das Gesicht, widersprach jedoch nicht mehr.

Die Kraft zum Streiten war erschöpft.

Zu viele Wunden.

Zu wenig Schlaf.

Nach und nach verstummten die Stimmen.

Einer nach dem anderen legte sich auf sein Lager aus Ästen und Mänteln.

Das kleine Feuer glomm nur noch schwach.

Über ihnen rauschten die Kronen der Bäume im Nachtwind.

Darian schlief unruhig.

Immer wieder glaubte er, Hörner zu hören.

Manchmal sah er Nordwacht.

Manchmal Frida.

Dann wieder nur Feuer.

Als ihn am nächsten Morgen das erste Licht der Sonne weckte, fühlte er sich kaum erholter als am Abend zuvor.

Langsam richtete er sich auf.

Das Lager war ungewöhnlich still.

Zu still.

Aldren kniete bereits neben einem der Männer.

Er sprach kein Wort.

Darian trat näher.

Der Soldat lag reglos auf seinem Mantel.

Sein Gesicht war friedlich.

Er hatte die Nacht nicht überlebt.

Einige Schritte weiter lag ein zweiter.

Auch er atmete nicht mehr.

Die Verletzungen, die sie aus Nordwacht getragen hatten, waren stärker gewesen als ihr Überlebenswille.

Niemand sagte etwas.

Die Männer standen schweigend um ihre gefallenen Kameraden.

Schließlich brach einer das Schweigen.

„Es fehlen noch welche.“

Darian blickte sich um.

Die Decken.

Die Waffen.

Vier Lagerplätze waren leer.

Zunächst glaubte er, die Männer seien Wasser holen gegangen.

Doch ihre Ausrüstung war verschwunden.

Ebenso ihre Mäntel.

Ihre Rucksäcke.

„Sie sind fort“, sagte Aldren leise.

Niemand musste fragen, wohin.

Sie hatten sich in der Nacht entschieden.

Für die Wälder.

Für ein Leben im Versteck.

Vielleicht für die Freiheit.

Vielleicht nur aus Verzweiflung.

Darian empfand keinen Zorn.

Nur Traurigkeit.

Noch am Vorabend hatten sie dreizehn Überlebende gezählt.

Nun waren sie nur noch sieben.

Sie hoben schweigend flache Gräber am Waldrand aus.

Mit Schwertern und bloßen Händen lockerten sie die steinige Erde, bis sie tief genug war.

Die beiden Verstorbenen wurden nebeneinander gebettet.

Keiner kannte lange Gebete.

Keiner fand große Worte.

Aldren legte lediglich die Hand auf einen der einfachen Erdhügel.

„Nordwacht hat euch nicht vergessen.“

Dann bedeckten sie die Gräber mit Erde und legten einige größere Steine darauf, damit wilde Tiere sie nicht so leicht aufwühlen konnten.

Als sie sich wieder erhoben, blickte niemand zurück.

Nicht weil es ihnen gleichgültig war.

Sondern weil jeder wusste, dass sie sich keinen weiteren Abschied leisten konnten.

Die kleine Gruppe wandte sich nach Süden.

Der Weißquell begleitete sie rauschend zu ihrer Rechten, als wolle der Fluss sie forttragen von den Erinnerungen, die hinter ihnen lagen.

Ihr erstes Ziel war Eichstätt, die nächste größere Stadt am Lauf des Weißquells.

Von dort, so hofften sie, führte der schnellste Weg weiter zur Hauptstadt.

Sieben Männer.

Erschöpft.

Verwundet.

Mit kaum mehr als dem, was sie am Leib trugen.

Und doch trugen sie etwas, das schwerer wog als jede Rüstung.

Die Nachricht vom Fall Nordwachts.

Und die Gewissheit, dass der Krieg den Norden längst hinter sich gelassen hatte.

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