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Der Weg nach Eichstätt

Chapter 12 by vaelinalsorna

Der Weißquell wurde zu ihrem einzigen Begleiter.

Seit sie das Lager am Waldrand verlassen hatten, folgten die sieben Überlebenden seinem Lauf nach Süden. Der Fluss rauschte unaufhörlich neben ihnen, als wolle er sie forttragen von den Schrecken Nordwachts. Doch jeder Schritt erinnerte Darian daran, dass man Erinnerungen nicht einfach hinter sich lassen konnte.

Die Landschaft war friedlich.

Zu friedlich.

Goldene Felder wiegten sich im Wind. Obstbäume trugen reife Früchte, und die Wälder leuchteten noch immer in sattem Grün. Wer den Krieg nicht kannte, hätte glauben können, dies sei ein gewöhnlicher Spätsommertag.

Doch überall zeigten sich die ersten Zeichen der Flucht.

Der erste Bauernhof lag verlassen am Wegesrand.

Die Haustür stand offen.

Ein Eimer war noch am Brunnen zurückgelassen worden, daneben lag ein umgestürzter Schemel. Im Stall fanden sie nur leere Boxen. Die Tiere waren fortgebracht worden oder davongelaufen.

Kein Rauch stieg aus dem Schornstein.

Keine Stimmen.

Nicht einmal ein Hund bellte.

Sie rasteten dort nur kurz.

Aldren ließ zwei Männer die Vorratskammer durchsuchen.

Sie fanden etwas getrocknetes Fleisch, wenige Säcke Hafer und einen Krug mit sauberem Wasser.

„Sie sind überstürzt aufgebrochen“, stellte einer der Soldaten fest.

Darian nickte schweigend.

Nicht weit dahinter folgte der erste Weiler.

Auch dort standen die Häuser verlassen.

Fensterläden schlugen im Wind gegen die Mauern.

Ein Kinderwagen lag mitten auf dem Dorfplatz.

Vor einer Schmiede standen unfertige Hufeisen noch immer auf dem Amboss.

Es wirkte, als hätten die Bewohner ihre Arbeit mitten am Tag niedergelegt und wären einfach gegangen.

Je weiter sie dem Weißquell folgten, desto häufiger bot sich ihnen dasselbe Bild.

Verlassene Höfe.

Leere Dörfer.

Offene Scheunentore.

Zurückgelassene Wagen.

Hier und da fanden sie hastig gepackte Bündel oder Möbel, die auf den Straßen liegen geblieben waren.

Die Nachricht vom Fall Nordwachts hatte sich offenbar schneller verbreitet als sie selbst.

Und mit ihr die Angst.

Nachts schlugen sie ihr Lager in Scheunen oder verlassenen Wohnhäusern auf.

Das Dach über dem Kopf war mehr wert als jedes Feuer. Niemand wollte Aufmerksamkeit erregen.

Ihre Vorräte wurden von Tag zu Tag kleiner.

Ebenso ihre Kräfte.

Am vierten Tag blieb einer der Soldaten während einer Rast einfach sitzen.

Er lehnte den Rücken gegen einen Apfelbaum und schloss die Augen.

Als Aldren ihn ansprach, antwortete er nicht mehr.

Die Wunde an seinem Oberschenkel hatte sich entzündet.

Das Fieber hatte ihn besiegt.

Sie begruben ihn unter eben jenem Baum.

Niemand sprach viele Worte.

Sie hatten zu viele Gräber gesehen.

Am sechsten Tag traf es den Nächsten.

Er war seit dem Sprung in den Weißquell kaum noch richtig zu Kräften gekommen. Jeder Schritt hatte ihn Überwindung gekostet.

Kurz vor Sonnenuntergang sackte er auf dem Weg zusammen.

Darian kniete neben ihm.

Der Mann lächelte schwach.

„Ich glaube... ich bin müde.“

Es waren seine letzten Worte.

Als sie ihn am nächsten Morgen beerdigten, waren sie nur noch fünf.

Fünf Männer.

Fünf Schatten dessen, was einst die Garnison Nordwachts gewesen war.

Doch keiner sprach davon umzukehren.

Jeder Schritt brachte sie weiter fort vom Krieg.

Und gleichzeitig näher zu der Aufgabe, die sie sich selbst auferlegt hatten.

Am Nachmittag des nächsten Tages stiegen sie einen bewaldeten Hügel hinauf.

Aldren, der vorausging, blieb plötzlich stehen.

„Da.“

Darian trat neben ihn.

Zwischen den Bäumen öffnete sich der Blick auf eine weite Flussebene.

Dort vereinigten sich der klare Weißquell und der breite Arber zu einem mächtigen Strom. Genau an dieser Mündung erhob sich Eichstätt.

Nach Nordwacht war sie die größte Stadt der nördlichen Kronlande.

Hohe Steinmauern umschlossen ihre Häuser. Mehrere Wehrtürme ragten über die Dächer hinaus, und auf einer Anhöhe thronte die mächtige Zitadelle, deren Banner im Wind flatterten.

Selbst aus der Ferne wirkte Eichstätt stark.

Doch nicht die Stadt ließ Darian den Atem stocken.

Vor ihren Mauern breitete sich ein Lager aus.

Nein...

Nicht ein Lager.

Eine ganze Stadt aus Zelten.

Tausende notdürftig errichtete Unterkünfte bedeckten die Felder vor den Toren. Wagen standen dicht an dicht. Zwischen ihnen bewegten sich unzählige Menschen.

Rauch stieg aus hunderten kleinen Feuerstellen auf.

Selbst aus dieser Entfernung konnten sie erkennen, wie überfüllt das Lager war.

Darian spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Wenn all diese Menschen bereits hier waren...

Dann war der Fall Nordwachts kein Gerücht mehr.

Die Flucht aus dem Norden hatte längst begonnen.

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