Zauberakademie Schloss Schwarzbrunn

Die Abenteuer eines Prinzen

Chapter 1 by vaelinalsorna

Kapitel 1 – Ein Brief mit achtzehn Jahren

Es gab in Deutschland vermutlich genau drei Arten von Menschen.

Die einen glaubten fest daran, dass die Welt genau so funktionierte, wie sie in den Schulbüchern beschrieben wurde.

Die zweiten waren überzeugt, dass hinter jeder Hecke Außerirdische, Geheimdienste oder zumindest ein Yeti lauerten.

Und dann gab es die Familie zu Schönhohenhausen.

Sie wusste es einfach besser.

Nicht, weil sie besonders klug war – wobei sie das durchaus von sich behauptete –, sondern weil sie seit Jahrhunderten Dinge erlebt hatte, die in keinem Geschichtsbuch und erst recht in keinem Physikunterricht vorkamen.

Das kleine Schloss Falkenhorst, malerisch zwischen bewaldeten Hügeln und einem glasklaren See gelegen, gehörte seit Generationen der Familie. Es war weder besonders groß noch sonderlich prunkvoll. Eher das, was man als "vornehm gemütlich" bezeichnen konnte. Ein Schloss, das sich selbst nicht allzu ernst nahm.

Genau wie sein jüngster Bewohner.

„Maximilian Ludwig der Siebte!“

Die Stimme seines Vaters hallte durch das Treppenhaus.

„Wenn du in den nächsten drei Minuten nicht hier unten erscheinst, fahre ich ohne dich los!“

„Das sagst du seit einer Viertelstunde!“

„Und irgendwann meine ich es ernst!“

„Das sagst du auch seit einer Viertelstunde!“

Kurz darauf polterte Max die breite Eichentreppe hinunter. Seine dunkelblauen Reisetaschen waren offensichtlich deutlich schwerer, als sie aussahen. Oder sie enthielten Ziegelsteine.

„Warum“, keuchte er, „muss ich eigentlich Kleidung für drei Monate mitnehmen? Ich fahre doch nicht zum Nordpol.“

Sein Vater nahm ihm eine Tasche ab.

„Weil deine Mutter überzeugt ist, dass du sonst spätestens nach einer Woche nur noch dieselben zwei Hemden trägst.“

„Das ist eine völlig haltlose Unterstellung.“

„Max.“

„Na gut... drei Hemden.“

Sein Vater lachte.

Prinz Alexander Ludwig zu Schönhohenhausen war ein Mann, dem man seine fünfzig Jahre kaum ansah. Groß, sportlich und mit einer Gelassenheit ausgestattet, die nur Menschen entwickeln konnten, deren Sohn regelmäßig auf Dächer kletterte, um „die Aussicht zu genießen“.

„Bereit?“

Max nickte.

„Ich glaube schon.“

Für einen Moment wurde es still.

Heute war kein gewöhnlicher Tag.

Heute begann etwas völlig Neues.

Vor gerade einmal zwei Monaten hatte ein Brief das Schloss erreicht.

Ein Brief, der auf merkwürdig dickem Pergament geschrieben und mit dunkelgrünem Wachs versiegelt gewesen war.

Ein Brief, der erklärte, weshalb Max schon sein ganzes Leben Dinge erlebt hatte, die sich niemand erklären konnte.

Warum Türen manchmal aufsprangen, wenn er sich ärgerte.

Warum kaputte Uhren wieder liefen, sobald er sie in die Hand nahm.

Warum bei jedem Schulfest irgendetwas vollkommen Unerklärliches geschah, sobald Max beteiligt war.

Die Antwort war überraschend einfach

[gewesen.

Er](http://gewesen.Er) war ein Zauberer.

Ein Spätentdeckter.

Normalerweise wurden Kinder bereits mit elf Jahren entdeckt und auf eine Zauberakademie geschickt.

Manchmal jedoch...

...manchmal übersah selbst die Zauberwelt jemanden.

Bei Max war das offenbar gleich mehrfach passiert.

„Achtzehn Jahre...“, murmelte er, während sie zum Auto gingen.

„Rekord?“

„Nicht ganz“, antwortete sein Vater.

„Der älteste Spätentdeckte war zweiundzwanzig.“

„Na wunderbar. Immerhin keine Goldmedaille.“

Vor dem Schloss wartete bereits der dunkelgrüne Range Rover der Familie.

„Ich hätte ehrlich gesagt mit einer fliegenden Kutsche gerechnet“, meinte Max.

„Oder wenigstens einem Drachen.“

„Der Drache hatte heute frei.“

„Schade.“

Sie verstauten das Gepäck.

Bevor Max einstieg, drehte er sich noch einmal um.

Schloss Falkenhorst lag ruhig in der Morgensonne.

Die Fenster glänzten.

Auf den alten Türmen saßen Tauben.

Und irgendwo bellte der Hund des Gärtners.

Es fühlte sich merkwürdig an.

Als würde er zwar nach Hause zurückkehren...

...aber gleichzeitig in eine Welt aufbrechen, von der er bis vor wenigen Wochen nicht einmal wusste, dass sie existierte.

„Aufgeregt?“, fragte sein Vater, als der Motor ansprang.

„Ein bisschen.“

„Das ist normal.“

„Und wenn alle anderen schon zaubern können?“

„Dann lernst du eben schneller.“

„Und wenn ich mich blamiere?“

„Dann blamieren sich eben andere mit dir.“

„Das ist... erstaunlich beruhigend.“

„Hat bei mir damals auch funktioniert.“

Max schaute überrascht zur Seite.

„Moment... du warst auch Spätentdeckt?“

Sein Vater grinste.

„Nein.“

„Dann ist dein Ratschlag ja völlig wertlos.“

„Stimmt.“

Die beiden lachten.

Die Fahrt führte sie stundenlang durch Deutschland.

Autobahnen wurden zu Landstraßen.

Landstraßen zu schmalen Waldwegen.

Mit jedem Kilometer wurden die Wälder dichter.

Die Bäume wirkten älter.

Die Luft frischer.

Und irgendwann verschwand sogar das Handyempfangssymbol auf Max' Display.

„Jetzt wird's ernst“, murmelte er.

„Kein Empfang mehr.“

„Das ist meistens ein gutes Zeichen.“

Schließlich bog sein Vater auf einen kaum sichtbaren Waldweg ab.

„Hier?“

„Hier.“

„Das sieht eher nach einem Pilzsammlerparkplatz aus.“

„Warte einfach ab.“

Der Weg endete an einer gewaltigen Felswand.

„Ähm...“

Sein Vater bremste nicht.

„Papa?“

Keine Reaktion.

„Papa?!“

„Vertrau mir.“

„DU FÄHRST AUF EINEN BERG ZU!“

Im letzten Augenblick schloss Max instinktiv die

[Augen.

Es](http://Augen.Es) gab kein Krachen.

Kein Ruck.

Nur ein eigenartiges Kribbeln, als würde man durch einen kalten Wasserfall fahren.

Als Max die Augen wieder öffnete, stockte ihm der Atem.

Vor ihnen breitete sich ein riesiger Schlosshof aus.

Türme ragten weit über die Baumwipfel hinaus.

Zwischen den alten Mauern huschten Jugendliche in dunklen Roben über das Kopfsteinpflaster, während irgendwo in der Ferne das Gelächter einer ganzen Schülergruppe widerhallte.

Über dem Haupttor prangte in silbernen Lettern ein Name.

Schloss Schwarzbrunn.

Und ohne es zu wissen, hatte für Maximilian Ludwig VII. Prinz zu Schönhohenhausen gerade das größte Abenteuer seines Lebens begonnen.Dieser Auftakt kann nahtlos in das erste Kennenlernen der Akademie, seiner Mitschüler und der übrigen Spätentdeckten übergehen – mit viel Humor, neuen Freundschaften und den ganz eigenen Eigenheiten der deutschen Zauberwelt.

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