Flaschendrehen in Schweden
Wahrheit oder Pflicht
Der Bulli stand um sieben Uhr morgens vor dem Wohnheim am Coesfelder Kreuz, und man sah ihn schon von der Straßenecke aus. Er war pink. Nicht rosa, nicht altrosa, sondern knallpink – ein Pink, das in der Morgensonne regelrecht leuchtete – auf einem fast neuen VW-Bus mit Aufstelldach, LED-Scheinwerfern, schwarzen Felgen und einem riesigen Touchscreen im Cockpit. Ein modernes Ungetüm, das zwischen den Fahrrädern und den Altglascontainern aussah wie ein Raumschiff, das sich verflogen hatte. Am Heck klebte ein einziger Aufkleber, den Pauls Opa bei der Übergabe eigenhändig angebracht hatte: Nordkap oder nix.
„Ist er nicht geil?“, rief Paul, bevor irgendwer etwas sagen konnte. Er stand mit einem Klemmbrett neben der offenen Schiebetür und strahlte, wie ihn noch keiner von ihnen je hatte strahlen sehen. Natürlich hatte er ein Klemmbrett. Er sah aus wie das, was er war: ein Jurist im Urlaub, der den Urlaub trotzdem ernst nahm. Die dunklen Haare kurz und sauber geschnitten, mit einem Seitenscheitel, der auch nach drei Tagen Zelt noch sitzen würde, ein freundliches, glatt rasiertes Gesicht. Er trug ein hellblaues Oxford-Hemd mit Button-down-Kragen, die Ärmel exakt zweimal über die Unterarme gekrempelt, die obersten zwei Knöpfe offen, dazu navyblaue Chino-Shorts mit scharfer Bügelfalte, weiße Ledersneaker, eine schlichte Sportuhr am Handgelenk und die Sonnenbrille ordentlich in den Ausschnitt gehängt. Gebügelt, gepflegt, ein bisschen zu korrekt. Aber unter dem Hemd steckte ein Körper, den keiner hinter dem Jurastudenten vermutet hätte: Paul ruderte seit Jahren im Einer auf dem Aasee, und der Stoff spannte über einem breiten Rücken, harten Schultern und einem flachen Bauch, die Unterarme sehnig und braungebrannt. Kanzlei oben, Ruderboot darunter.
„Zum ersten Staatsexamen! Von meinem Opa! Ich hab geheult, Leute, ich hab echt geheult. 23.400 Kilometer auf dem Tacho. Der fährt bis Lappland und zurück, ohne mit der Wimper zu zucken.“
„Der ist pink“, sagte Felix. Er sagte es leise, mit diesem leicht verlegenen Lächeln, das er immer hatte, wenn er etwas Offensichtliches aussprach. Felix war schlank und feingliedrig, mit schmalen Schultern, langen, schmalen Fingern und dem flachen, festen Bauch von einem, der jeden Tag mit dem Rad zur Uni fährt und dabei über Teilchenphysik nachdenkt. Er hatte hellbraune Haare, die ihm ungekämmt in alle Richtungen standen, trug eine dünne Metallbrille und hatte ein Gesicht voller Sommersprossen, die bei jeder Verlegenheit unter einer roten Welle verschwanden. Er trug ein dunkelgraues, schlichtes T-Shirt und Jeans, als könnte er sich darin unsichtbar machen, was neben einem Bulli in Knallpink nur mäßig funktionierte. Unter dem Arm klemmte ein dickes Buch über Quantenmechanik. Und er war, ohne es selbst zu wissen, wahnsinnig süß. Alle fanden das. Die Mädchen auf jeder Flurparty, die ihm durch die Haare wuscheln wollten, und die Schwulen genauso, die ihm in der Mensa nachsahen, während er mit rotem Kopf sein Tablett balancierte. Felix selbst war der Einzige, der davon nichts mitbekam.
„Der ist perfekt“, sagte Paul und strich über den Kotflügel wie über ein Pferd.
„Und wenn er doch zuckt?“, fragte Mats und wuchtete seine Angelrute über die Rückbank.
„Dann ziehst du ihn.“
Jannik kam als Letzter, natürlich. Barfuß in Badelatschen, die Sporttasche über der Schulter, ein enges weißes T-Shirt, das knapp bis zum Bauchnabel reichte und bei jeder Bewegung den Streifen über dem Hosenbund freigab, die Bauchmuskeln und die feine Haarlinie, für die er jeden zweiten Morgen am Aasee an der Stange hing. Dazu eine enge graue Stoffhose, tief auf den Hüften, die an den Oberschenkeln spannte und vorne so knapp saß, dass sich sein Schwanz deutlich darin abzeichnete, schwer und unübersehbar, bei jedem Schritt ein bisschen mehr. Er schien es nicht zu bemerken, oder es war ihm egal. Er hatte noch die Abdrücke vom Kissen im Gesicht und grinste trotzdem, als hätte er die Nacht durchgemacht.
„Morgen, Jungs.“ Er warf die Tasche in den Kofferraum, so dass sie auf Felix’ Rucksack landete. „Wer fährt die erste Schicht?“
„Ich“, sagte Paul. „Steht auf dem Plan.“
„Es gibt einen Plan für das Fahren?“
„Es gibt einen Plan für alles.“
Noah lachte, schwang sich auf den Beifahrersitz, legte die Füße aufs Armaturenbrett und zog die Ukulele auf den Schoß. Er war der Größte von ihnen, fast eins neunzig, breit gebaut und muskulös wie einer, der Kisten mit Boxen und Verstärkern schleppt, statt ins Fitnessstudio zu gehen, die schwarzen Haare wild und zu lang, und durch die linke Augenbraue ein kleiner silberner Ring, der jedes Mal aufblitzte, wenn er die Braue hochzog, was er ständig tat, dazu ein winziger silberner Stecker im rechten Nasenflügel, kaum größer als ein Stecknadelkopf, der ihm zusammen mit dem Ring etwas Freches gab. Er trug ein weißes Tanktop mit tiefen Armausschnitten, die bei jeder Bewegung seine Flanken und die Brustmuskeln freigaben, dazu kurze schwarze Shorts, die beim Sitzen weit die Oberschenkel hinaufrutschten, und um den Hals eine Kette mit einem Gitarrenplektrum. Aber das Gefährlichste an ihm war, wie er spielte: Er biss sich dabei auf die Unterlippe, sah über die Ukulele hinweg mit dunklen, fast schwarzen Augen direkt den an, der ihm gerade zuhörte, und hielt den Blick eine Sekunde länger, als es sich gehörte, bis der andere wegsah. Noah sah nie zuerst weg. Er war der Lauteste von ihnen und wusste es. Er klimperte eine Melodie, die vielleicht mal Sunroof von Nicky Youre gewesen war, und sang den Refrain so laut und schief, dass zwei Fenster im Wohnheim aufgingen. Felix hatte sich mit Kopfhörern in die hinterste Ecke der Rückbank verkrochen und sah aus, als wollte er möglichst wenig Platz einnehmen. Er war der Einzige, der sich gefragt hatte, ob er überhaupt mitfahren sollte. Paul hatte ihn eingeladen, und Felix hatte drei Tage gebraucht, bis er zusagte.
Mats ließ sich neben Jannik auf die mittlere Bank fallen, so schwer, dass der Bulli ein wenig nachgab. Er war der Breiteste von ihnen, kräftige Schultern, ein Nacken wie ein Stier, große ruhige Hände, die stundenlang eine Angelschnur halten konnten, ohne zu zittern. Die dunklen Haare kurz und zerzaust, auf Kinn und Wangen ein dunkler Drei-Tage-Bart. Und darüber ein Gesicht, das nicht zu dem ruhigen Rest passen wollte: braune Augen mit kleinen Lachfältchen in den Winkeln, ein Mundwinkel, der immer ein Stück höher saß als der andere, ein halbes Grinsen, das nie ganz verschwand, als wüsste er etwas, was die anderen nicht wussten, und hätte nicht vor, es ihnen zu verraten. Verschmitzt und verdammt sexy, wenn er einen von der Seite ansah und dabei kaum merklich zwinkerte. Er trug ein offenes, verwaschenes dunkelblaues Jeanshemd mit hochgekrempelten Ärmeln über einem weißen Unterhemd, das sich über seiner Brust spannte, und olivgrüne Cargo-Shorts, in deren Seitentaschen Haken, Schnur und ein Taschenmesser klapperten. Die Shorts saßen locker, aber nicht locker genug: Wenn er sich setzte und die Beine auseinanderfallen ließ, spannte der Stoff im Schritt über einer schweren, deutlichen Wölbung, und wer einmal hingesehen hatte, ahnte, dass da mehr war als bei den meisten. Und es stimmte: Mats hatte einen großen Schwanz, schon im weichen Zustand gut zwölf Zentimeter lang und dick, schwer genug, dass er in jeder Hose zur Seite drückte. Mats tat, als wüsste er es nicht. Das halbe Grinsen sagte etwas anderes. Er sagte wenig, aber wenn er da war, merkte man es. Seine und Janniks Knie stießen aneinander. Das taten sie seit Jahren, und keiner von beiden hatte je darüber nachgedacht.
„Lea hat geschrieben“, sagte Mats leise.
„Und?“
„Viel Spaß.“
„Das ist doch nett.“
„Mit Punkt.“
Jannik schnaubte. „Vier Wochen ohne Punkt, Alter. Vier Wochen ohne Handynetz. Das wird gut.“
Paul kletterte auf den Fahrersitz, zog die Tür zu und steckte das Handy in die Halterung. Im selben Moment erkannte der Bulli den Schlüssel, die Lautsprecher knackten leise, und eine Stimme füllte den Innenraum, eine sehr tuntige, rauchig-sexy Männerstimme, jede Silbe gedehnt, als würde sie sich dabei auf einem Samtsofa räkeln:
„Hallooo, Paaauuul. Schön, dass du wieder da bist, Süßer.“
Eine Sekunde lang war es totenstill im Bulli.
Dann brach es los. Noah kippte vor Lachen gegen das Beifahrerfenster, die Ukulele quietschte. Jannik schlug mit der flachen Hand so oft auf die Kopfstütze vor sich, dass Paul nach vorne wippte. Mats lachte lautlos, mit geschlossenen Augen, bis ihm Tränen über den Drei-Tage-Bart liefen, und selbst Felix zog sich die Kopfhörer herunter und lachte so hell und laut, wie ihn keiner je hatte lachen hören.
„Süßer“, japste Noah. „Paaauuul, Süßer!“
„Schön, dass du wieder da bist“, hauchte Jannik in Pauls Nacken.
Paul war knallrot, fast so pink wie der Lack. „Der ist nicht neu, okay?“, sagte er und hob beide Hände. „Also, fast neu. Mein Opa hat ihn gebraucht gekauft, von irgendeinem Typen aus Köln, und der hat … das da eingestellt. Ich hab noch nicht rausgefunden, wie man das umprogrammiert. Da ist ein Menü in einem Menü in einem Menü.“
„Lass es so“, sagte Mats und wischte sich über die Augen. „Bitte. Für vier Wochen. Lass es genau so.“
Paul drückte den Startknopf. Der Motor sprang sofort an, satt und leise, der Bildschirm im Cockpit leuchtete auf und begrüßte ihn mit seinem Namen, und Paul gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Lachen und Seufzen lag. Noah jubelte, und Felix setzte die Kopfhörer gar nicht erst wieder auf. Und dann rollten sie vom Parkplatz, vorbei an dem Fenster im dritten Stock, hinter dem sie alle einmal gewohnt hatten, auf diesem Flur mit der viel zu kleinen Küche, in der sie sich vor drei Jahren kennengelernt hatten, bei Pauls erster Flurparty, mit Billigsekt und einer Musikbox, die ständig rausflog.
Die Autobahn nach Norden war voll und heiß. Der Bulli hatte natürlich eine Klimaanlage, aber Jannik bestand darauf, dass man auf einem Roadtrip die Fenster offen hatte, und nach einer kurzen Abstimmung, die Paul verlor, fuhren sie mit heruntergelassenen Scheiben und warmem Fahrtwind. Ab Osnabrück klebten die T-Shirts, und Paul krempelte die Ärmel seines Hemds um eine weitere, exakt gleich breite Umdrehung hoch und öffnete, nach sichtbarem innerem Ringen, einen dritten Knopf.
Ab Bremen hielt Jannik es nicht mehr aus. Er griff mit beiden Händen in den Saum seines engen weißen Shirts und zog es langsam hoch. Der Stoff klebte an seiner schweißnassen Haut und löste sich nur widerwillig, Zentimeter für Zentimeter, mit einem leisen, nassen Schmatzen. Erst kamen die Bauchmuskeln zum Vorschein, hart und definiert, glänzend vor Schweiß, die feine Haarlinie darunter, die in den tief sitzenden Bund der grauen Hose verschwand. Dann die Rippen, die Brust. Die Brustwarzen zogen sich sofort hart zusammen, als der warme Fahrtwind darüber strich. Ein dicker Schweißtropfen lief ihm vom Schlüsselbein über die Brust, durch die Furche zwischen den Bauchmuskeln und über die feine Haarlinie direkt in den Bund der Hose, wo er in dem engen Stoff verschwand.
Für einen Moment steckte sein Kopf im Shirt fest. Die Arme hoch über dem Kopf, der ganze Oberkörper gestreckt und ausgeliefert, die dunklen Haare in den Achseln feucht und der Geruch von frischem Schweiß und Deo plötzlich im Bulli, warm und salzig. Dann riss er es sich mit einem Ruck herunter, schüttelte die Haare und warf das Shirt irgendwo nach hinten.
Sein Oberkörper glänzte. Straff, definiert, breite Schultern über einer schmalen Taille, die Haut gebräunt bis knapp unter den Hosenbund, wo ein hellerer Streifen begann. Die graue Hose saß so tief und so eng, dass sich sein Schwanz noch deutlicher abzeichnete als vorher – schwer, dick, leicht zur Seite gedrückt, die Eichel schon als weiche Rundung sichtbar. Jannik wischte den Tropfen nicht weg. Er lehnte sich zurück, breitete die Arme auf der Rückenlehne aus und ließ den Fahrtwind über die nasse Haut streichen.
„Viel besser“, seufzte er und strich sich einmal mit der Hand über den Bauch, ohne Eile.
Felix sah eine Sekunde zu lange hin. Auf die Linie zwischen Rippen und Hüfte. Auf die Beule in der Hose. Dann drehte er sich schnell zum Fenster. Seine eigenen Jeans spannten minimal.
Ab Hamburg folgte Noah. Er musste sich dafür nicht einmal anstrengen: Er hakte zwei Finger in einen der tiefen Armausschnitte, zog das Tanktop in einer einzigen Bewegung über den Kopf und stopfte es achtlos ins Handschuhfach. Dann lehnte er sich zurück, die Füße wieder auf dem Armaturenbrett, und es war, als hätte jemand im Bulli das Licht heller gedreht. Noah war gebaut wie einer, der nie über seinen Körper nachdenkt und trotzdem alles abbekommen hat: eine breite, schwere Brust mit dunklen Brustwarzen und einem Streifen schwarzer Haare dazwischen, der sich über den Bauch nach unten verjüngte und im Bund der schwarzen Shorts verschwand, kräftige, runde Schultern und Oberarme, neben denen die Ukulele aussah wie ein Spielzeug. Kein Sixpack wie bei Jannik, sondern ein harter, flacher Bauch, der sich bei jedem Lachen anspannte. Der Schweiß ließ seine Haut glänzen, und das Plektrum an der Kette klebte ihm mitten auf dem Brustbein. Er drehte sich halb zur Rückbank um, biss sich auf die Unterlippe und sah Felix an, eine Sekunde zu lang, bis Felix wegsah.
Dann folgte Mats. Er knöpfte das Jeanshemd auf, zog es aus den Schultern und warf es über die Rückenlehne. Das weiße Unterhemd darunter spannte über der Brust, Schweißflecken unter den Achseln. Er zog es nicht aus. Felix blieb angezogen, das Shirt dunkel unter den Achseln.
„Zieh’s doch aus“, sagte Jannik über die Schulter.
„Geht schon.“
„Du schmilzt da hinten.“
„Ich schmelze gern.“
Mats lachte. Der Bulli roch jetzt nach fünf Männern, nach frischem Schweiß, Deo und warmer Haut.
Am Abend standen sie im Kieler Hafen in der Schlange vor der Fähre, zwischen Wohnmobilen mit schwedischen Kennzeichen und einem Reisebus voller Rentner. Die Stena Line ragte über ihnen auf wie ein weißes Hochhaus, das jemand aufs Wasser gelegt hatte. Als der Bulli über die Rampe in den Bauch des Schiffes rollte, roch es nach Diesel und Salz, und irgendwo dröhnte Metall auf Metall.
Sie hatten keine Kabine gebucht. Paul hatte ausgerechnet, dass das vierzig Euro pro Kopf sparte, und deshalb lagen sie um Mitternacht auf dem obersten Deck auf ihren Isomatten, eingepackt in Schlafsäcke, mit einem Sixpack Becks zwischen sich, während unter ihnen die Lichter der Kieler Förde kleiner wurden.
Der Wind war kalt hier oben. Jannik hatte trotzdem kein Shirt an. Er lehnte an der Reling, die Bierflasche locker zwischen zwei Fingern, und sah aufs schwarze Wasser. Als der Wind für einen Moment nachließ, stieg der Geruch von seinem eigenen Schweiß wieder hoch – der gleiche frische, salzige Geruch, der vor Stunden im Bulli gestanden hatte, als er sich das Shirt vom Körper gerissen hatte. Er atmete ihn ein, ohne es zu wollen.
„Was guckst du so?“, fragte Noah.
„Nix. Nur so.“ Er drehte sich um, die Ellbogen auf der Reling, die Brust im Licht der Deckslampen. „Vier Wochen, Leute. Was meint ihr, was wir da oben machen, wenn’s dunkel ist?“
„Sterne gucken“, sagte Felix.
„Angeln“, sagte Mats.
„Schach“, sagte Paul.
Jannik verdrehte die Augen. „Ihr seid die langweiligsten Menschen der Welt.“
„Und was willst du machen?“, fragte Noah.
Jannik zuckte mit den Schultern. Er wusste es nicht. Er hatte nur dieses Kribbeln im Bauch, seit sie losgefahren waren, dieses Gefühl, dass irgendetwas passieren würde, das er nicht benennen konnte. Er trank sein Bier aus und warf die Flasche in den Kasten, wo sie klirrend landete.
„Keine Ahnung“, sagte er. „Wird sich zeigen.“
Noah hob plötzlich die Hand. „Psst. Hört mal.“
Sie hielten still. Zuerst war da nur das Brummen der Maschinen tief unter ihnen, der Wind in den Stahlseilen, das Klatschen der Wellen am Rumpf. Dann hörten sie es auch: ein leises, abgehacktes Stöhnen, gedämpft, weil sich jemand mit aller Kraft zurückhielt. Darunter ein feuchtes, rhythmisches Geräusch. Und ein heiseres Flüstern, das klang wie „ja, so, genau so“.
„Ist das …?“, flüsterte Felix.
„Oh, das ist es“, sagte Noah. Er sagte es leise, aber klar, und dabei sah er nicht auf die Rettungsboote. Er sah Jannik an. Direkt. Eine Sekunde zu lang. Der Ring in seiner Braue blitzte im Decklicht. Dann erst drehte er den Kopf zur Seite.
Sie suchten das Deck mit den Augen ab. Die Deckslampen warfen nur ein paar Inseln aus gelbem Licht, dazwischen lag alles im Schatten. Mats sah sie zuerst und deutete nur stumm mit dem Kinn.
Ganz hinten, wo die orangefarbenen Rettungsboote in ihren Davits über dem Deck hingen, standen die weißen Behälter mit den Rettungsinseln in einer Reihe. Und dazwischen, halb verdeckt, zwei Männer, beide sicher Mitte dreißig. Der eine lehnte mit dem Rücken an einem der Behälter, die Jeans bis auf die Oberschenkel heruntergezogen, eine Hand fest im Haar des anderen. Der andere kniete vor ihm auf dem Stahlboden, den Kopf tief in seinem Schoß, und bewegte sich vor und zurück, langsam und gierig. Das feuchte, schmatzende Geräusch war eindeutig. Speichel glänzte am Schaft, die Lippen des Knienden waren weit gedehnt. Er würgte leise, Speichel rann in Fäden über das Kinn.
Felix wurde rot. Die Sommersprossen verschwanden unter der Farbe. Er schluckte, hörbar in der plötzlichen Stille zwischen den Wellen. *Ich sollte wegsehen, aber ich kann nicht.* Seine Augen hingen an den Lippen des Knienden, an dem feuchten Glanz, an der Art, wie der Mund immer wieder den dicken Schaft freigab und ihn dann wieder aufnahm. Er starrte, bis er merkte, dass Jannik neben ihm den Kopf gedreht hatte und ihn beobachtete. Erst dann zuckte sein Blick weg, nur für einen Moment, und kam wieder zurück. Seine Atmung ging schneller.
Noah hatte die Hand unauffällig unter den Schlafsack geschoben. Nicht wild. Nur so, dass die Finger über den Stoff seiner Shorts lagen und leicht drückten, langsam rieben. Niemand sah es außer Felix, der kurz den Blick senkte und dann wieder auf die beiden Männer richtete.
„Alter“, hauchte Noah. „Der bläst ihm einen. Hier. Auf der Stena Line.“
„Zwischen den Rettungsinseln“, flüsterte Paul. „Das ist sicherheitsrelevante Ausrüstung.“
Jannik musste sich die Faust vor den Mund pressen. Mats lachte lautlos in seinen Schlafsack. Felix war knallrot, sah aber nicht weg. Keiner von ihnen sah weg.
Unter den Rettungsinseln wurde das Stöhnen schneller und lauter. Der Stehende krallte die Finger fester ins Haar, sein Becken zuckte nach vorne, und er vergaß offenbar komplett, wo er war.
„Oh fuck, ich komme!“, stöhnte er, viel zu laut, quer über das ganze Deck. „Ich spritz ab … saug es raus, du geile Sau, saug alles raus!“
Der Kniende schluckte. Ohne Würgen. Er blieb drauf, nahm alles, bis der Stehende seinen Kopf festhielt und dann losließ. Ein letzter Tropfen lief über die Lippen des Knienden, bevor er sich mit dem Handrücken über den Mund wischte und aufstand. Speichel und Cum glänzten auf seinen Lippen.
Die beiden zogen sich hastig die Hosen hoch, sahen sich einmal nach allen Seiten um und verschwanden im Treppenhaus, als wäre nichts gewesen.
Einen Moment lang war nur noch der Wind zu hören. Dann kicherten die fünf los, so leise sie konnten. Keiner hatte weggesehen.
Unter Janniks Schlafsack war eine deutliche Beule entstanden. Er zog ihn nicht höher.
„Na?“, sagte Noah und zog die Braue hoch. „Hat’s dir gefallen?“
Jannik grinste nicht weg. „No Nut Juli.“
Paul stutzte. „No Nut Juli? Hab ich noch nie gehört. Ich dachte, das macht man im November. Oder macht man besser nicht im November.“
Die anderen brachen in lautes Lachen aus. Noah prustete in seinen Schlafsack, Mats schlug sich die Hand vor den Mund, Felix wurde noch röter und drehte sich weg. Selbst Paul musste grinsen.
„Dann ist der ja zum Glück jetzt vorbei“, sagte Paul und trank einen Schluck Bier. „Tu dir keinen Zwang an.“
„Alter, nicht so laut“, sagte Felix leise. Er zog den Schlafsack höher. „Da sind noch andere auf dem Deck.“
Mats schnaubte leise. Sein Blick war immer noch nicht ganz von Janniks Schritt weg. „Wie lange hältst du das überhaupt aus? Ehrlich.“
Jannik zuckte mit den Schultern. Die Bewegung ließ die Beule noch einmal nach oben wandern. „Kommt drauf an. Wenn ich mich richtig anstrenge, zwei Wochen. Danach wird’s richtig scheiße. Die Eier tun weh, sind schwer und voll, und ich denk nur noch daran, wie ich abspritze. Morgens wach ich mit einem Ständer auf, der so hart ist, dass er wehtut. Precum schon im Slip, bevor ich überhaupt aufgestanden bin. Und dann reib ich mich am Laken, bis ich fast komme, und hör auf. Weil ich’s mir verbiete.“
„Zwei Wochen ist schon krank“, sagte Mats. Er hatte die Beine ein Stück weiter auseinanderfallen lassen. Die schwere Wölbung in seinen Cargo-Shorts war deutlicher geworden. „Ich halt maximal drei, vier Tage aus. Danach wichs ich mir morgens einen runter, bevor ich überhaupt richtig wach bin. Hand in die Hose, einmal fest zudrücken, und dann stoß ich in die Faust, bis ich abspritze. Meistens denk ich dabei an nichts Bestimmtes. Manchmal an den Arsch einer Frau, den ich irgendwo gesehen hab.“
Paul nickte. Er saß etwas steifer als vorher. „Bei mir ähnlich. Wenn’s länger als eine Woche wird, werd ich ungenießbar. Dann reicht schon wenig, und ich bin hart. Auch wenn ich’s nicht will.“
Noah murmelte nur, die Stimme rau: „Bei mir auch nicht so lange.“ Er hatte die Hand immer noch unter dem Schlafsack. Der Stoff seiner Shorts spannte. „Drei Tage, maximal. Dann reib ich mir einen in der Dusche ab, leise, damit’s keiner hört.“
Jannik drehte den Kopf. „Und im Waschsalon letzte Woche? Du warst doch der, der so lange gebraucht hat.“
Noah schnaubte. „Ja.“
„Hast du dir da einen gewichst?“, fragte Mats. Direkt. Ohne Grinsen diesmal.
Noah schwieg einen Moment. Der Wind strich über das Deck. „Ja.“
„Wo?“, fragte Jannik. Er hatte sich ein Stück aufgesetzt. Die Beule unter seinem Schlafsack war nicht kleiner geworden.
„Hinter der letzten Maschine. Rechts hinten. Da steht so ein hoher Trockner, und dahinter ist ein Spalt zur Wand. Ich hab mich reingedrückt, die Shorts runter bis zu den Knien, und dann hab ich gewichst.“
„Waren Leute da?“, fragte Mats.
„Vier. Vielleicht fünf. Eine Frau hat ihre Wäsche sortiert, zwei Meter weiter. Ein Typ hat an seinem Handy gehangen. Keiner hat hingesehen.“
Jannik leckte sich über die Unterlippe. „Und du hast abgespritzt?“
„Ja. In die Hand. Hab die Faust zugehalten, bis ich fertig war, und dann die Wäschetrommel aufgemacht und es in ein Handtuch gewischt, das schon nass war. Hat keiner gemerkt.“
Mats sah ihn an. Lange. „Warst du hart, als du reingegangen bist, oder erst hinter der Maschine?“
„Schon als ich die Tür aufgemacht hab“, sagte Noah. Seine Stimme war leiser geworden. „Die Maschinen haben gelaufen, es hat warm gerochen, nach Waschmittel und feuchter Wäsche. Und ich hatte schon den ganzen Weg über einen Ständer. Hab die Shorts so tief wie möglich gezogen, damit man’s nicht sieht, aber es hat trotzdem gedrückt. Hinter der Maschine hab ich dann einfach die Hand reingesteckt und angefangen. Langsam erst. Dann schneller. Die Frau hat gelacht, irgendwas auf ihrem Handy. Ich hab die Zähne zusammengebissen und abgespritzt, während sie noch geredet hat.“
Jannik atmete hörbar aus. „Fuck.“
Felix sagte nichts. Er starrte aufs dunkle Wasser und zog seinen Schlafsack höher. Aber er atmete schneller. Seine Ohren waren rot. Seine Hand lag unauffällig auf dem Oberschenkel, die Finger leicht verkrampft.
Mats drehte den Kopf zu Jannik. Sein Blick blieb an der Beule unter dem Schlafsack hängen. Eine volle Sekunde. Noch eine. Er stieß einmal leicht mit dem Fuß dagegen, gerade so, dass Jannik es spürte. „Du bist richtig hart davon.“
Jannik grinste nicht weg. Die Beule zuckte einmal unter dem Schlafsack.
Mats sah noch einmal hin, länger diesmal. „Willkommen in Skandinavien“, sagte er. Seine Stimme war leiser geworden. „Mal sehen, wie lange du’s wirklich aushältst, wenn wir zu fünft im Bulli liegen und keiner von uns mehr richtig schlafen kann.“
Eine kurze Stille. Jannik spürte, wie seine Beule unter dem Schlafsack noch einmal zuckte. Noah klimperte leise auf der Ukulele, biss sich auf die Unterlippe und sah Jannik eine Sekunde zu lang an. Felix drehte sich zum Wasser, aber seine Hand lag immer noch auf dem Oberschenkel. Der Wind trug den Geruch von Meer, Bier und fünf Männerkörpern. Keiner schlief richtig ein.
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