What's next?

Abends bei Mira

Die Stille in der Schöneberger Altbauwohnung war vollkommen. Nur das gleichmäßige Ticken einer Wanduhr im Flur und das ferne Rauschen der U-Bahn unter der Straße drangen durch die doppelten Kastenfenster.

Ich faltete meine Hemden sorgfältig auf Kante, strich den Stoff glatt und legte sie in die dafür vorgesehenen Fächer. Meine Lehrbücher über Innere Medizin und Pharmakologie fanden ihren Platz im Regal neben ihren Fachbänden – zwei Welten, die sich nun nahtlos ineinanderfügten. Nackt, mit dem stummen Gewicht des Stahls an meinem Becken, fühlte sich jede Bewegung methodisch und ruhig an. Kein Zittern mehr, keine Fluchtgedanken, nur die klare Ordnung eines neuen Lebens.

Als die Schranktür mit einem leisen Schnappen ins Schloss fiel, ging ich hinüber in die Küche.

Ich setzte Wasser auf, würfelte Schalotten und Knoblauch, dünstete frischen Blattspinat mit Muskat an und bereitete eine cremige Gorgonzolasauce für die frischen Tagliatelle zu, die ich im Vorratsschrank gefunden hatte. Der herzhafte, warme Duft vertrieb die kühle Herbstluft aus den hohen Räumen. Ich deckte den kleinen Holztisch am Küchenfenster mit zwei Tellern, Stoffservietten und poliertem Besteck ein, zündete eine schmale Kerze an und stellte den Herd auf kleinste Stufe, um die Sauce warmzuhalten.

Dann setzte ich mich auf den schlichten Holzstuhl neben der Küchentür. Die Hände ruhten brav auf meinen Oberschenkeln, der Rücken gerade, die Knie leicht geschlossen, sodass der polierte Zylinder mit sanftem Druck zwischen meinen Schenkeln verharrte. Ich wartete.

Es vergingen fast zwei Stunden, ehe das vertraute Geräusch eines Schlüssels im Wohnungsschloss die Stille zerriss.

Die Tür öffnete sich, Schritte hallten auf dem Parkett des Flurs wider, begleitet vom leisen Rascheln eines Mantels. Ich blieb regungslos sitzen, den Blick auf den Boden zwei Meter vor mir geheftet, so wie es mir jahrelang in Fleisch und Blut übergegangen war.

Mira trat in den Türrahmen der Küche.

Sie trug ihren dunklen Wollmantel noch offen, den weichen Kaschmirschal locker um den Hals geschlungen. Ihre Wangen waren gerötet von der Kälte des Berliner Abends, und ihre Brille war von der warmen Küchenluft leicht beschlagen. Sie nahm sie mit zwei Fingern ab, putzte die Gläser an der Ecke ihres Schals und setzte sie wieder auf. Ihr forschender Blick wanderte über den gedeckten Tisch, die flackernde Kerze, die dampfenden Töpfe – und blieb schließlich an meiner nackten Gestalt auf dem Holzstuhl hängen.

Ein feines, tiefes Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab.

„Sehr ordentlich, John“, sagte sie leise. Ihre Stimme klang entspannt, getragen von einer gelassenen Autorität, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Es riecht fantastisch.“

Sie streifte den Mantel ab, hängte ihn über die Stuhllehne und trat langsam auf mich zu. In ihrer rechten Hand hielt sie ein kleines, mit schwarzem Samt bezogenes Etui, nicht größer als eine Zigarrenschachtel.

Sie blieb unmittelbar vor meinen Knien stehen. Die kühle Luft, die noch in ihrer Kleidung hing, strich über meine bloße Haut.

Mit einem leisen Klick öffnete sie den Schnappverschluss des Etuis.

Darin lagen, eingebettet in passgenauen Schaumstoff, die beiden feinen Inbusschlüssel aus gehärtetem Titan und der kleine magnetische Generalschlüssel – das exakte Werkzeug, das bisher in Steglitz in {reader:Loonas} Schreibtischschublade geruht hatte. Das Werkzeug, das allein über meine Freiheit und meine Keuschheit entschied.

Mira klappte das Etui wieder zu, ließ es beiläufig in die Tasche ihrer Strickjacke gleiten und legte eine Hand flach auf meine Wange. Ihre Finger waren noch kühl, doch ihre Berührung brannte angenehm auf meiner Haut.

„Loona lässt dich grüßen“, murmelte sie, während ihr Daumen sanft über mein Kinn strich. „Sie meinte, ich soll gut auf dich aufpassen. Und dich nicht zu sehr verwöhnen.“

Ein feiner Schauer lief mir über das Rückgrat. Mein Atem ging flacher, mein Herz klopfte spürbar gegen meine Rippen.

„Und… wirst du mich verwöhnen?“, brachte ich leise hervor, den Blick fest auf ihre dunklen Augen gerichtet.

Mira neigte den Kopf leicht zur Seite, und in ihren Augen blitzte jenes scharfsinnige, diebische Funkeln auf, das ich an ihr so liebte.

„Vielleicht“, erwiderte sie und ließ ihre Hand von meiner Wange über meine Brust hinabgleiten, strich über das Nabla-Tattoo an meinem Beckenknochen und legte die Handfläche fest auf die glatte Stirnseite der Micro-Hülse. Sie übte sanften Druck aus, spürte das dumpfe Pochen darunter und zog die Augenbrauen hoch. „Aber ganz sicher nicht heute Abend. Der Stahl bleibt genau da, wo er ist. Du hast dir gestern Nacht genug Freiheiten herausgenommen.“

Sie tippte mit dem Zeigefinger zweimal gegen das kalte Metall, trat einen Schritt zurück und deutete auf die dampfenden Töpfe.

„Tu uns auf, John. Ich habe Hunger.“

Ich nickte stumm, erhob mich vom Stuhl und füllte die frischen Tagliatelle auf die tiefen Teller. Der Dampf der heißen Gorgonzolasauce stieg empor, vermischte sich mit dem Duft der Kerze und tauchte die kleine Küche in ein beruhigendes, fast unwirkliches Licht.

Mira setzte sich mir gegenüber. Während wir aßen, sprachen wir über die Seminare des Tages, über Dr. Webers spitzfindige Fragen zur Aortenklappe und über die anstehenden Prüfungen im Frühjahr. Es war ein vollkommen normales, bürgerliches Gespräch zweier Medizinstudenten – und doch saß ich nackt auf dem Holzstuhl, den festen Stahl zwischen den Schenkeln, während das kleine Samtetui in ihrer Strickjackentasche wie ein stummes Gesetz zwischen uns stand.

Nach dem Essen räumte ich den Tisch ab, spülte das Geschirr und trocknete die Töpfe. Mira war derweil ins Wohnzimmer gegangen. Als ich den Flur betrat, brannte dort nur die Stehlampe in der Ecke, die den Raum in warmes Halbdunkel hüllte.

Auf dem großen Sofa hatte sie die Kissen aufgeschüttet und eine schwere Wolldecke ausgebreitet. Auf dem Bildschirm lief bereits der Vorspann einer skandinavischen Krimiserie. Mira hatte ihre Bluse gegen ein lockeres, graues Sweatshirt getauscht und saß mit angezogenen Beinen in der Ecke der Couch.

„Komm her, John“, sagte sie leise und klopfte auf das Polster neben sich.

Ich glitt zu ihr auf das Sofa, zog die Beine an und schob mich unter die Decke. Die Kühle des Stahls traf auf die Wärme ihrer nackten Füße, die sie ganz selbstverständlich an meine Wade lehnte. Ich legte den Arm um ihre Schultern; sie seufzte leise, ließ den Kopf an mein Schlüsselbein sinken und vergrub die Finger in dem Saum ihrer Strickjacke.

Zwei Folgen lang herrschte fast vollkommene Ruhe. Wir folgten den Ermittlern durch den Schnee, teilten uns das gelegentliche Flüstern über offensichtliche Plottwists und lauschten dem gleichmäßigen Takt unserer Atemzüge. Es war eine tiefe, vertraute Geborgenheit, die nichts Bedrohliches mehr an sich hatte.

Als der Abspann der zweiten Folge über den schwarzen Bildschirm flimmerte, griff Mira nach der Fernbedienung, schaltete den Fernseher aus und legte das Gerät auf den Couchtisch.

Die Stille kehrte schlagartig in das Zimmer zurück.

Mira richtete sich langsam auf, drehte sich auf die Knie und sah mich aus dunklen, ruhigen Augen an. Das fahle Licht der Stehlampe spiegelte sich in ihren Brillengläsern. Sie griff in die Tasche ihrer Strickjacke, zog das schwarze Samtetui hervor und legte es auf das Kissen zwischen uns. Daneben platzierte sie einen länglichen, schlanken Aufsatz aus poliertem, dunklem Silikon – die maßgefertigte Hohl-Attrappe, die genau über das Gewinde der Micro-Hülse passte.

Ein Schauer fuhr mir durch die Wirbelsäule. Mein Atem stockte.

„Du weißt, was das ist“, sagte Mira ruhig. Ihre Stimme hatte diesen sanften, unnachgiebigen Klang, der jeden Widerspruch im Keim erstickte.

„Ja, Mira.“

„Schraub ihn auf“, befahl sie leise. „Fest. Bis er einrastet.“

Mit leicht zitternden Händen nahm ich den kühlen Aufsatz. Ich schob die Decke zur Seite, kniete mich auf die Polster und setzte das Instrument auf die versenkte Schraubfassung an der Stirnseite des stählernen Zylinders. Mit präzisen Drehungen zog ich das Gewinde fest, bis ein leises, metallisches Klicken das saubere Einrasten bestätigte. Die Hülse war nun verlängert – nicht durch mein eigenes Fleisch, sondern durch ein künstliches Werkzeug, dessen Zweck allein darin bestand, ihren Willen auszuführen.

Die Konstruktion saß stramm, spannte mein Becken ein und erinnerte mich mit jedem Pulsieren daran, dass ich vollkommen unvollständig und doch ihr Instrument war.

Mira beobachtete jede meiner Bewegungen mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Ein feines, beinahe zärtliches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als sie sah, wie stramm der Verschluss saß.

Sie strich sich eine dunkle Locke aus der Stirn, griff nach dem Saum ihres Sweatshirts und zog es langsam über den Kopf. Darunter trug sie nichts. Mit ruhigen, geschmeidigen Bewegungen streifte sie ihre Hose ab, lehnte sich mit dem Rücken gegen die breite Armlehne des Sofas und zog ein Kissen unter ihr Becken.

Sie spreizte die Schenkel leicht, legte die Arme locker auf die Kissenränder und sah mich an – offen, stolz, unantastbar.

„Komm zu mir, John“, flüsterte sie, und ihre Augen funkelten im Halbdunkel. „Bedien mich. Langsam und tief. Zeig mir, wozu dieses Ding da ist.“

Ich schob mich auf allen Vieren über die Polster, bis meine Knie ihre Oberschenkel berührten. Meine Hände fanden ihre Taille, und als ich mich vorsichtig nach vorn senkte, traf die kühle Spitze des Aufsatzes auf ihre feuchte, warme Mitte. Mira stieß ein leises, kehlendes Ausatmen aus, neigte den Kopf in den Nacken und schloss für einen Herzschlag die Augen.

„Genauso“, raunte sie, während ihre Hände nach vorn fuhren und sich fest um meine Handgelenke schlossen. „Lass dir Zeit. Ich will jeden Zentimeter spüren.“

Mit ruhigen, gleichmäßigen Stößen führte ich den Aufsatz in sie ein, spürte das warme, feuchte Nachgeben ihres Körpers und das dumpfe Gegengewicht des Stahls an meinem Schambein. Mira hielt meine Handgelenke fest umspannt. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Lippen waren leicht geöffnet, und jedes Mal, wenn das Instrument den tiefsten Punkt erreichte, schloss sie die Lider und ließ ein heiseres, zitterndes Seufzen hören.

Es gab keine Hektik. Ihre Schenkel schmiegten sich eng an meine Hüften, gaben den Rhythmus vor und zogen mich immer tiefer in ihren Bann. Als die Kontraktionen schließlich durch ihren Unterleib rissen, bäumte sich ihr Becken auf, ihre Finger krallten sich in meine Unterarme, und sie vergrub ihr Gesicht an meiner Schulter. Ihr Körper bebte minutenlang in einer warmen, tiefen Erschöpfung, während ich regungslos in ihr verharrte und ihren schnellen Herzschlag an meiner Brust fühlte.

Langsam kehrte die Stille in das gedimmte Wohnzimmer zurück.

Mira strich mir mit zitternden Fingerspitzen durch den Nacken, küsste sanft die Haut an meinem Halsansatz und schob mich mit einer liebevollen, leisen Geste zurück.

„Genug für heute, John“, hauchte sie leise.

Ich zog mich behutsam zurück, kniete mich auf die Polster und drehte den Aufsatz mit zwei präzisen Griffen aus dem Gewinde der Hülse. Gemeinsam gingen wir ins Badezimmer, reinigten das Silikon unter fließendem, warmem Wasser und trockneten es ab. Mira nahm das schwarze Samtetui mit den Schlüsseln und dem Werkzeug von der Anrichte, trat hinüber in ihr Arbeitszimmer und schloss es in die oberste Schublade ihres schweren Mahagoni-Schreibtischs ein. Den kleinen Schlüsselbund ließ sie mit einem leisen Klimpern in ihre Handtasche gleiten.

Die Hierarchie war gesetzt – lautlos, unumstößlich, ohne großes Drama.

Als wir wenig später unter die Bettdecke im Schlafzimmer schlüpften, war die Luft im Raum kühl und klar. Das Licht der Schöneberger Straßenlaternen zeichnete schmale Streifen an die weiße Decke. Mira lag auf der Seite, das verwaschene T-Shirt übergezogen, die Brille auf dem Nachttisch abgelegt. Sie zog die schwere Daunendecke bis an unsere Kinne und schmiegte sich eng an mich, den Kopf an meiner Brust gebettet, ein Bein über meine Schenkel geworfen. Ihre nackte Ferse berührte die Kühle der Hülse, blieb dort ruhig liegen und suchte Halt.

„Morgen früh um halb sieben klingelt der Wecker“, murmelte sie mit schläfriger Stimme. „Du machst den Kaffee, ich die Notizen für die Visite. Und in der Pause setzen wir uns zusammen in die Bibliothek.“

„Abgemacht“, flüsterte ich und legte meinen Arm fest um ihren Rücken.

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