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Alte Abmachungen

Die Wohnungstür fiel mit einem satten Klicken ins Schloss. Ich lehnte mich für ein paar Sekunden mit dem Rücken gegen das Holz, schloss die Augen und atmete tief durch. Der klamme Geruch nach Formalin und nasskaltem Hörsaal-Linoleum klebte noch an meiner Jacke, doch hier drinnen empfing mich die vertraute Wärme aus Zedernholz, Mandeln und frischem Tee.

In der Küche klirrte Geschirr.

Ich streifte die Schuhe ab, hängte die Jacke an die Garderobe und ging den Flur hinunter. Das Pflaster über den geprellten Stellen an meiner Leiste erinnerte mich bei jedem Schritt an gestern, doch das dumpfe Ziehen ging fast unter in dem Rausch, der mir seit der Anatomie-Vorlesung durch den Kopf jagte.

Loona saß am Küchentisch. Vor ihr stand eine dampfende Tasse, ihr Laptop war aufgeklappt. Sie trug eine dunkelgraue Jogginghose und ein weiches, schwarzes Longsleeve, die dichten Haare locker über eine Schulter geworfen. Als ich eintrat, klappte sie das Display beiseite, musterte mich mit ruhigen, grünen Augen und schob mir wortlos den freien Stuhl gegenüber zurecht.

Ich setzte mich. Meine Handflächen kribbelten noch immer vor Anspannung.

„Sie hat kein Wort herausgebracht“, sagte ich heiser.

Loona legte den Kopf leicht schief, ein dünnes, lauerndes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Emma?“

„Sie saß da mit Sophie und Mara. Sophie wollte gerade ausholen, irgendeinen Spruch über Mitte ablassen – und dann hat Emma mich gesehen.“ Ich stützte die Unterarme auf die Tischplatte und beugte mich vor. „Sie ist kreidebleich geworden. Sie hat gezittert, hat Sophie regelrecht angefahren, den Mund zu halten, und sich hinter ihrem Atlas verkrochen. Sie hatte panische Angst vor mir, Loona.“

„Nicht vor dir“, stellte sie trocken fest, während sie die Tasse an die Lippen führte und einen Schluck nahm. „Vor dem, was ich ihr gestern Nacht versprochen habe. Ein klares Wort zur rechten Zeit reicht meistens völlig aus.“

Ich starrte sie an. Diese beiläufige Selbstverständlichkeit, mit der sie über Emmas Panik sprach, schnürte mir die Kehle zu.

„Du hast gedroht, ihre Zulassung zu zerstören. Wegen mir.“

„Wegen mir“, korrigierte sie mich schneidend, aber ohne Härte. „Emma hat versucht, mein Eigentum zu demolieren, um mir ans Bein zu pissen. Wer das wagt, fliegt raus. So einfach ist die Rechnung.“

„Gestern Nacht im Bad klang das anders“, entgegnete ich. Die Worte rutschten mir heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte. „Da warst du fix und fertig. Du hast dich entschuldigt, weil du wusstest, dass du zu weit gegangen bist.“

Ein feiner Riss ging durch ihre Gelassenheit. Ihre Augen verengten sich, die Haltung spannte sich an.

*Snap!*

Ihr lautes Fingerschnippen zerschnitt die Luft wie eine Peitsche.

Mein ganzer Körper gehorchte dem konditionierten Reflex, noch bevor mein Kopf nachkam: Meine Beine gaben nach, der Stuhl schabte über das Holz, und mit einem dumpfen Laut fand ich mich kniend auf den Fliesen wieder – die Hände flach auf meinen Oberschenkeln, den Blick starr zu ihr hochgerichtet.

„Werde mir nicht vorlaut, John“, sagte sie leise. Die Stimme war sanft, doch in den grünen Augen lag jene absolute Grenze, die keinen Widerspruch duldete. „Ich habe dir gestern Nacht geholfen, weil die Sache entgleist ist. Nicht, damit du am nächsten Mittag glaubst, wir sitzen hier auf Augenhöhe.“

Ich schluckte trocken. Mein Atem ging stoßweise, und unter dem weiten Denim spannte sich der Stoff unweigerlich. Ich nickte stumm.

Loona atmete ruhig aus, lehnte sich wieder ein Stück zurück und drehte den aufgeklappten Laptop um ein paar Zentimeter zu sich heran. Ihr Zeigefinger tippte beiläufig auf das Touchpad.

„Timo ist in zwei Stunden hier“, sagte sie sachlich. „Wir müssen die Bedingungen für das Wochenende festlegen.“

„Loona, bitte“, begann ich mit belegter Kehle und sah zu ihr auf. „Es pocht noch. Wenn er mich rempelt oder wir stundenlang auf der Couch zocken… Lass ihn ab, während er wach ist. Oder wenigstens: Nur tagsüber. Und sobald Timo heute Nacht pennt, machst du ihn auf. Nur für die Nacht.“

Ein amüsiertes, spöttisches Glucksen entwich ihrer Kehle. Sie sah nicht auf mich herab, sondern blickte auf den Bildschirm.

„Nur tagsüber? Nachts ab?“, wiederholte sie süffisant. Ihre Augen wanderten über ein geöffnetes Dokument, und ich erkannte augenblicklich das Layout der Textdatei, die ich ihr damals auf ihren Befehl hin geschickt hatte. „Erinnerst du dich an Punkt vier auf deiner Liste, John? *'Vollständige Kontrollabgabe im Alltag, besonders in Situationen, in denen man sich normal verhalten muss.'* Oder Punkt sieben: *'Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, während andere im Raum sind.'*“

Mein Blut schoss mir mit sengender Hitze in die Wangen. Ich senkte den Blick auf ihre weißen Turnschuhe, unfähig, diesem Verrat meiner eigenen Wünsche standzuhalten.

„Du hast mir dieses verdammte Schriftstück gegeben“, fuhr sie fort, und ihre Stimme senkte sich zu einem tiefen, rauen Schnurren. Sie schob den Laptop beiseite und lehnte sich vor, die Unterarme auf den Knien. „Du hast mir gesagt, was du willst. Du wolltest wissen, wie es sich anfühlt, die Zügel komplett abzugeben. Und jetzt, wo wir an genau diesem Punkt sind – an einem echten Test, mitten im echten Leben –, willst du anfangen zu feilschen wie auf dem Flohmarkt?“

„Es tut weh, Loona“, presste ich hervor. „Das ist alles.“

„Und genau dafür sorge ich“, sagte sie bestimmt. „Ich breche mein Wort nicht. Ich habe heute Vormittag medizinisches Silikon besorgt. Wir polstern den größten Ring komplett aus, damit nichts an deinen Quetschungen scheuert. Du nimmst die weite Hülse mit maximalem Spielraum. Du wirst kaum merken, dass er da ist. Aber das Schloss bleibt dran, bis Timo Sonntagabend im Zug sitzt.“

Ich hob vorsichtig den Blick. „Und wenn ich zwei Tage durchhalte? Wenn ich alles tue, was du verlangst?“

Ein winziger Zug von Zufriedenheit glitt über ihre Lippen. Sie neigte den Kopf, musterte mich wie ein gut kalkuliertes Investment.

„Wenn du den perfekten Kumpel spielst, keine Fehler machst und Timo keinen Verdacht schöpft… dann schläfst du beide Nächte wieder bei mir im Bett. Genau wie gestern. Du spürst mich, ich halte dich, und am Sonntagabend nehme ich dir das Metall sofort ab.“

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Die bloße Aussicht auf diese Nähe ließ meine Knie auf den harten Fliesen schwach werden. Es war dieselbe perfide Mechanik wie am ersten Tag: Sie bot mir die Verwirklichung meiner tiefsten Sehnsüchte an, verlangte dafür aber meine bedingungslose Unterwerfung.

„Und wenn es drückt?“, verlangte ich ein letztes Zugeständnis. „Wenn das Silikon verrutscht?“

Loona beugte sich so weit vor, dass ihr Atem warm über meine Lippen strich. Ihre Finger glitten unter mein Kinn, hoben meinen Kopf an und zwangen mich, ihre blitzenden grünen Augen zu fixieren.

„Dann sagst du ganz beiläufig, dass du Eiswürfel aus dem Eisfach holen musst. Du kommst ins Bad, ich schließe auf, korrigiere den Sitz und mache es wieder zu. Deal, John? Oder willst du lieber deiner Liste untreu werden und mir beweisen, dass du doch nur ein Feigling bist?“

Ich atmete zittrig ein. Die Falle war perfekt zugeschnappt, und ich ging freiwillig hinein.

„Deal“, flüsterte ich.

„Sehr brav.“ Sie klopfte mir zweimal leicht mit den Fingerspitzen auf die Wange und stand auf. „Ab ins Schlafzimmer. Deine Rüstung wartet.“

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