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Auf dem Silbertablett

Die Nacht war kein Schlaf gewesen, sondern ein zähes, fiebriges Warten. Jedes Mal, wenn ich mich auf der dünnen Matratze gedreht hatte, rieb der Harzzylinder trocken über das gereizte Fleisch. Vierzehn Tage ohne die kleinste Entlastung ließen mein Becken in dumpfen, pochenden Wellen glühen. Jede unwillkürliche Schwellung stieß sofort gegen die unnachgiebigen Wände und verwandelte sich in stumpfen Schmerz.

Als der Wecker um Punkt halb sieben auf meinem Nachttisch vibrierte, griff ich nach dem Telefon. Der Bildschirm war gesperrt: **Kidslox – Gerät aktiv überwacht**. Keine Apps, keine privaten Chats, nur der lückenlose Zähler für Schritte und Schlafphasen. Oben an der Wand über der Zimmertür fing die kleine schwarze Linse der frisch montierten Kamera das fahle Morgenlicht ein. Das winzige blaue Kontrolllämpchen glimmte lautlos. Jeder Atemzug, jeder Schritt aus dem Bett war registriert.

In der Küche zischte die Espressomaschine. Der Duft von frischem Kaffee füllte den Raum, doch die Luft fühlte sich eisig an, als Loona herantrat. Sie trug eine enge, dunkle Jeans und ein locker fallendes weißes Seidentop. Ihre Miene war vollkommen ungerührt, die Züge glatt und distanziert, als hätte die intime Demütigung des Vorabends nie existiert.

Sie glitt stumm an mir vorbei, musterte die polierten Arbeitsflächen und stellte einen Korb mit frisch bezogener, schneeweißer Bettwäsche auf die Couch im Wohnzimmer. Als sie sich umwandte, strich ihre rechte Hand wie beiläufig an den Saum ihrer Hosentasche. Ein winziges, metallisches Klirren erklang, als ihre Finger gegen den Schlüsselbund stießen. Ihr Blick traf meinen – nur eine halbe Sekunde lang, aber so schneidend klar, dass mir das Herz bis in die Kehle schlug. Der Pakt stand. Sie erinnerte mich an die Währung.

In meinem Kopf tobte ein zerreißendes Chaos. Pure Panik vor dem, was kommen würde, vermischte sich mit giftiger, brennender Eifersucht auf Timo. Doch tief darunter schrie mein gepeinigter Körper nach Erlösung, klammerte sich an die winzige Aussicht, dass dieses Messingstück mich heute Abend endlich aus dem Harz befreien würde.

Punkt elf Uhr dröhnte der Summer der Gegensprechanlage.

Ein schwerer Ruck fuhr durch meine Brust. Ich drückte den Knopf, öffnete die Flügeltür, und kurz darauf hallten energische Schritte die Treppe herauf, gefolgt von einer lauten, vertrauten Stimme.

„Na, wo ist das neue Hauptquartier?“, rief Timo.

Er schob sich mit breiten Schultern durch den Rahmen, in der Hand einen Karton mit Dosenbier und Limonaden, die Sonnenbrille lässig ins Haar geschoben. Er strahlte die gewohnte, unverschämte Leichtigkeit aus. Sein Blick glitt über den polierten Flur und blieb an mir hängen. Ein ehrliches, breites Grinsen legte sich auf seine Züge.

„Alter, John! Schau dich mal an!“, lachte er, stellte den Karton kurz ab und schlug mir zur Begrüßung kräftig gegen den Oberarm, ehe er mich kurz an sich heranzog. „Du siehst ja richtig drahtig aus, Mann. Was läuft hier, Bootcamp? Ich dachte, ich schau mal vorbei und rette dich vor dem Umzugschaos. Wir haben uns gefühlt ewig nicht mehr richtig gequatscht.“

„Ja… freut mich echt, dass du da bist“, brachte ich hervor und versuchte, das Zittern in meiner Stimme zu ersticken.

Loona trat aus dem Wohnzimmer. In dem Moment, in dem ihre Augen auf Timo trafen, fiel jede Kälte von ihr ab. Ihre Haltung veränderte sich mit beängstigender Perfektion. Ihr Gesicht strahlte, die Augen leuchteten, und auf ihren Lippen lag ein warmes, anziehendes Lächeln.

„Timo! Schön, dass du es geschafft hast“, sagte sie mit melodischer Stimme, trat direkt auf ihn zu und umarmte ihn herzlich. Ihre Hand blieb für einen winzigen Moment länger auf seinem Unterarm liegen, die Finger strichen sanft über seinen Trizeps. „Und danke für die Drinks. Wir verdursten hier fast.“

„Für euch doch immer“, grinste Timo, sichtlich geschmeichelt von der Begrüßung, wandte sich aber sofort wieder mir zu. „John, erzähl mal, wie läuft’s an der Uni? Hast du das Modul endlich durch? Lass uns gleich erst mal anstoßen.“

„John bringt die Dosen schnell in den Kühlschrank und stellt uns Gläser hin, dann setzen wir uns alle“, schaltete sich Loona samtweich ein, legte ihm eine Hand auf den Rücken und dirigierte ihn sanft Richtung Couch. „Komm erst mal an.“

Ich trug den Karton in die Küche, räumte die Dosen ein und brachte die Gläser ins Wohnzimmer. Die nächste halbe Stunde verging in einer bizarren Zerreißprobe: Timo bezog mich immer wieder in das Gespräch ein, fragte nach alten Freunden und unseren Plänen, während Loona wie beiläufig immer dichter an ihn herangerückte. Sie lachte über jeden seiner Witze, warf ihre dunklen Haare zurück, strich über seine Jeans und schenkte ihm Blicke, die keinen Zweifel an ihren Absichten ließen. Unter meiner festen Jeans brannte das Harzgehäuse bei jeder kleinen Bewegung; der feste Denim scheuerte an den gereizten Rändern, während ich daneben saß und spürte, wie die Schlinge um meinen Hals immer enger gezogen wurde.

Schließlich leerte Loona ihr Glas, lehnte sich mit schief gelegtem Kopf zurück und sah Timo mit einem reizenden Schmollen an.

„Mein Drink ist schon wieder warm“, meinte sie leise. „Sei doch so lieb und hol uns noch zwei Dosen und etwas Eis aus der Küche.“

„Klar, mach ich sofort“, antwortete Timo, stand auf und winkte mir kurz zu. „Komm mal mit, John, hilf mir kurz suchen.“

In der Küche schloss Timo die Schwingtür mit der Ferse fast vollständig hinter sich. Das kühle Zischen der ersten Dose schnitt durch die gedämpfte Stille.

Er lehnte sich mit den Ellbogen an die Arbeitsplatte, sah kurz durch den Türspalt ins Wohnzimmer, wo Loona ihr Seidentop glattstrich, und drehte sich dann mit großen, ungläubigen Augen zu mir um. Ein tiefes, fassungsloses Grinsen lag auf seinem Gesicht.

„Alter, ganz im Ernst… ich muss dir gratulieren“, raunte er mit gedämpfter Stimme und schüttelte den Kopf. „Ich ziehe meinen verdammten Hut vor dir. Mit Loona zusammen in dieser Wohnung zu leben? Wie hältst du das eigentlich aus? Sie ist so unverschämt heiß und geil geworden, das ist nicht mehr feierlich.“

Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen. Mein Herz raste wie verrückt, während ich an der Spüle stand und die Kante der Arbeitsplatte umklammerte.

„Ohne Scheiß, John“, fuhr er leise, aber drängend fort und trat einen Schritt näher. „Ich sitze da drüben und hab echt massive Schwierigkeiten, mich zusammenzureißen. Die Art, wie sie einen anschaut, wie sie sich bewegt… mir geht fast einer ab, nur wenn sie meinen Arm berührt. Aber hey: Ich weiß ganz genau, dass das hier dein Revier ist. Sie ist deine Stiefschwester, ihr wohnt hier zusammen, du hast die älteren Rechte. Keine Sorge, Mann. Ich bin dein bester Kumpel, ich wildere hier ganz sicher nicht in deinem Jagdrevier.“

Die Worte hallten wie ein dumpfer Gongschlag in meinem Schädel wider. Er bot mir Loyalität an. Er hielt sich zurück, weil er mich respektierte. Er dachte tatsächlich, ich hätte hier die Kontrolle, die Hoheit, das Sagen.

Doch hinter seinen Worten stand die eiskalte Realität: Wenn ich jetzt zustimmte, wenn ich mein Revier markierte, war der Schlüssel für immer verloren. Dann würde Loona mich für meinen Ungehorsam vernichten. Der Harzkäfig würde geschlossen bleiben, der Schmerz und die Enge würden mich Tag für Tag weiter auffressen. Mein Verlangen nach Erlösung nach vierzehn Tagen vollkommener Frustration schrie lauter als jeder Funke Selbstachtung.

Ich schluckte die bittere Galle hinunter, atmete tief durch und zwang ein lockeres, souveränes Lächeln auf mein Gesicht.

„Du darfst ruhig, Timo“, sagte ich, und meine Stimme klang beängstigend ruhig, fast amüsiert. „Ernsthaft. Du musst dich absolut nicht zügeln.“

Timo hielt inne, die geöffnete Dose auf halbem Weg zum Mund. Seine Augenbrauen zogen sich überrascht zusammen. „Wie meinst du das?“

„Schau sie dir doch an“, fuhr ich fort, und jedes Wort fühlte sich an wie ein Schnitt ins eigene Fleisch, den ich mir freiwillig zufügte. „Du siehst doch ganz genau, dass Loona extrem Bock auf dich hat. Die Signale sind doch eindeutig. Und ganz ehrlich… ich bin da überhaupt nicht so. Da gibt’s kein Revier, das du verteidigen müsstest. Zwischen ihr und mir ist das völlig entspannt. Wenn sie dich will und du Lust hast, dann nimm dir, was du kriegen kannst. Von mir aus hast du absolut freie Bahn.“

Für zwei Sekunden starrte Timo mich mit offenem Mund an, als müsste er die Worte erst verarbeiten. Dann brach ein breites, siegessicheres Strahlen aus ihm heraus.

„Ohne Scheiß jetzt?“, stieß er mit einem heiseren, begeisterten Lachen aus. Er trat vor und schlug mir mit der flachen Hand so wuchtig gegen die Schulter, dass der Ruck durch meinen gesamten Körper fuhr und das starre Gehäuse tief in mein Schambein prellte. „Alter… du bist der Größte! Ein absoluter Ehrenmann, John. Ich schwör dir, andere Typen würden komplett durchdrehen vor Eifersucht. Aber du bist einfach nur tiefenentspannt.“

Er schnappte sich die beiden kalten Dosen, stieß die Küchentür auf und schlenderte mit geschwellter Brust und federnden Schritten zurück ins Wohnzimmer, bereit, sich die Beute zu holen, die ich ihm gerade auf dem Silbertablett serviert hatte.

Ich ging langsam hinterher bis an den Rand des Durchgangs.

Loona nahm ihr Getränk mit einem strahlenden Lächeln von ihm entgegen, lehnte sich demonstrativ eng an seine Seite – und wandte dann langsam den Kopf in meine Richtung.

Ihr Lächeln erlosch nicht, aber ihre smaragdgrünen Augen verengten sich zu zwei eiskalten, triumphierenden Klingen. Sie hatte jedes einzelne Wort durch die Tür gehört. Sie sah meine starre Haltung, die geballten Fäuste in meinen Taschen und das stumme, gebrochene Einverständnis. Dann wanderte ihr Blick betont langsam den Flur hinab zur Tür meines Zimmers.

Ein kaum merkliches, herablassendes Nicken ihres Kinns.

Kein einziges Wort war nötig. Ich wandte mich ab, ging mit schweren, tauben Schritten den Flur hinunter in mein Zimmer und zog die massive Holztür hinter mir zu. Das Schloss schnappte leise ein. Draußen im Wohnbereich drehte Timo die Musik lauter, gefolgt von Loonas hellem, kokettem Kichern.

Ich sank auf die Knie, die Stirn gegen das Holz der Tür gepresst. Der Harzkäfig pulsierte wie geschmolzenes Blei unter dem festen Stoff meiner Jeans. Ich war vollkommen isoliert, gefangen in meinem eigenen Körper – und wartete mit klopfendem Herzen darauf, dass sie ihr Versprechen einlöste, sobald sie mit ihm fertig war.

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