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Chapter 10 by Rotstiftakrobat Rotstiftakrobat

Weckt das Hostel meine Sexualität?

Nein, das war Prince

Zurück im Hostel ist die Stille seltsam. Ich gehe zur Rezeption und frage die ältere Frau, ob sie weiß, wo die anderen aus meinem Zimmer sind. Sie zuckt nur mit den Schultern. „Die Jungs sind heute früh ausgecheckt. Der Amerikaner ist zum Flughafen. Die anderen Sagten, sie würden weiter nördlich.“ Mein Herz sinkt ein wenig, aber dann steigt ein anderes Gefühl auf. Erleichterung? Freiheit? „Da du jetzt die einzige bist“, sagt sie und klimpert mit ihren Fingern auf der Tastatur, „mache ich einfach einen Einzelzimmerpreis für dich. Ist im Winter doch eh ruhig.“ Ein eigenes Zimmer. Die Vorstellung ist so verlockend, dass ich sofort zustimme. Die Ruhe, die mich erwartet, fühlt sich an wie ein Geschenk.

In meinem Zimmer angekommen, werfe ich mein Handy auf das Bett. Kaputt lege ich mich hin, greife es wieder und schaue auf das Display. Eine Nachricht von Mama. Unter dem Bild des Sonnenuntergangs, das ich ihr geschickt habe, steht: „Das sieht toll aus, Schatz. Halte uns auf dem Laufenden!“ Ein simpler Satz, aber er trifft mich wie ein Anker in der stürmischen See meiner Gefühle. Ich öffne Instagram. Meine Story hat über 200 Likes. Ein kleines, warmes Gefühl breitet sich in meiner Brust aus. Das bin ich. Das ist das Bild, das sie von mir sehen. Das Mädchen, das die Welt bereist. Nicht das Mädchen aus dem Waschraum. Ich atme tief durch und schließe die Augen. Die Nacht ist ruhig, tief und traumlos. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft fühle ich mich sicher.

Die nächste Woche gleitet in einen seltsamen, aber faszinierenden Rhythmus vorüber. Jeden Morgen fahre ich zu Jacks Werkstatt, ein riesiges, staubiges Gebäude, das nach Benzin und geschweißtem Metall riecht. Der Van ist mein Projekt, mein Fokus. Ich ziehe mir immer dasselbe an: enge, Spandex-Meggings-Shorts, die meinen Po fest umschließen, und einen passenden Sport-BH. Es ist praktisch, es erlaubt mir, mich frei zu bewegen. Aber ich merke, wie Jacks Blicke an mir hängenbleiben. Immer, wenn ich mich bücke, um eine Schraube aufzuheben, oder mich strecke, um ein Brett über dem Kopf zu halten, spüre ich seine Augen auf mir. Er sagt nichts, er tut nichts, aber sein Blick ist eine konstante, körperliche Präsenz, die mich gleichzeitig verlegen macht und seltsam bestätigt. Ich ignoriere es, konzentriere mich auf meine Arbeit.

Ich verlege einen Holzboden aus hellem Kiefernholz. Jede einzelne Diele muss zugeschnitten, verleimt und festgenagelt werden. Der Geruch von frischem Holz und Leim erfüllt den Van. Dann baue ich das Bettgestell, eine stabile Konstruktion aus Metallrohren, die Jack für mich zuschneidet. Darunter entstehe das Herzstück meines Designs: drei riesige, ausziehbare Schubladen, jeweils eineinhalb Meter lang. Sie sind so präzise gebaut, dass sie sich auf leisen Rollen herausziehen lassen, wenn die Kofferraumklappe offen steht. In der ersten Schublade montiere ich eine kleine Küchenzeile mit einem Gaskocher und einem Waschbecken. Die anderen beiden werden reiner Stauraum. Ich installiere eine kleine Markise an der Seite, die sich mit einem Handgriff ausfahren lässt. Ein kleiner Kühlschrank, der von der Solarplatte versorgt wird, wird fest eingebaut. Jeder Schritt, jede fertige Montage, ist ein Sieg. Ich werde unabhängig.

Mittlerweile habe ich einen Rhythmus mit Prince. Seine Nachrichten kommen unregelmäßig, aber immer mit dem gleichen Tenor. „Wie sieht die Bräune aus?“, „Hoffe, du sonnst dich genug.“, „Schick mir ein Update.“ Sie sind keine Fragen, sie sind Aufforderungen. Ich gehorche. Jeden Nachmittag fahre ich zum Strand, lege mich hin und lasse die Sonne auf mich wirken, seine Worte in meinem Kopf.

An einem Dienstag stehe ich tief im Van gebeugt, versuche, die letzte Schublade just richtig einzurasten. Mein Körper ist schweißnass, die Muskeln brennen. Mein Handy vibriert in meiner Hosentasche. Ich seufze und wische mir den Schweiß von der Stirn. Es ist eine Nachricht von Prince. Kein Text. Nur ein Bild. Mein Atem stockt. Es ist ein Dick-Pic. Sein Penis, halb steif, liegt auf seinem dunklen Oberschenkel. Auch im halb erregten Zustand wirkt er massiv, bedrohlich, die Adern wie ein Labyrinth auf der dunklen Haut. Die Erinnerung an den Keller schlägt wie ein Peitschenhieb in meinen Kopf. Das Gefühl in meinem Mund, wie er meinen Rachen dehnte, der Geschmack, die Erstickung. Ein heißer Schauer läuft mir über den Rücken, und ich spüre, wie sich meine Nippel unter dem engen Stoff des Sport-BHs hart aufrichten. Mein Gesicht glüht. Ich schaue mich panisch um, aber Jack ist am anderen Ende der Werkstatt und schweißt an etwas. Er hat nichts bemerkt. Ich stecke das Handy schnell weg, mein Herz rast, und mein Körper fühlt sich fremd und heiß an.

Ein paar Tage später ist es wieder so weit. Ich liege am Strand, die Sonne steht hoch, und es ist fast niemand da. Meine Hand vibriert. Eine Nachricht von Prince. „Zeig mir.“ Nur diese zwei Worte. Ich weiß sofort, was er meint. Mein Herz beginnt zu hämmern, ein wilder, panischer Takt. Ich schaue mich um. Nur ein altes Paar weit am anderen Ende des Strandes. Sie sind zu weit weg, um etwas zu erkennen. Meine Finger zittern, als ich die Schnüre meines String-Bikinis löse. Ich bin nervös, meine Hände sind feucht. Ich ziehe den Stoff langsam nach unten, meine Haut fühlt sich kühler und freier an. Mit zittrigen Händen halte ich mein Handy herunter, richte die Kamera auf mich. Die kleinen Metallkugeln des Piercings glänzen in der Sonne. Ich drücke auf den Auslöser. Das Bild ist scharf, intim, ungeschönt. Ich starre es einen Moment an. Das Mädchen auf dem Foto ist eine Fremde. Eine, die so etwas tut. Mit einem Kloß im Hals und einem Kribbeln, das eine Mischung aus Angst und einer dunklen, aufgeregten Lust ist, drücke ich auf „Senden“. Seine Antwort kommt sofort: „Perfekt. Mein kleiner Freak.“ Das Wort lässt mich erschaudern, aber es fühlt sich auch an wie eine Medaille, die ich mir verdient habe.

Nach eineinhalb Wochen ist es fertig. Der Van. Mein Zuhause. Jack und ich stehen davor, er checkt jede Schraube, jede elektrische Verbindung. Er nickt anerkennend. „Solide Arbeit, Jette. Wirklich solide.“ Ein Stolz, den ich noch nie so gefühlt habe, bläht meine Brust. Er geht zu einer Ecke der Werkstatt und kommt mit einem massiven, verchromten Stahlbügel zurück. „Hier“, sagt er und lächelt. „Für die echten australischen Straßen. Ein Kuhfänger.“ Er montiert ihn mit kräftigen Handgriffen an der Front meines Vans. Dann holt er noch zwei starke Zusatzscheinwerfer und befestigt sie darüber. Mein Van sieht nicht mehr aus wie ein umgebauter Transporter. Er sieht aus wie ein Abenteurer. Ein Krieger. Er ist bereit.

Jack reicht mir die Hand. „Pass auf dich auf, Mädchen.“ Ich nicke, die Worte bleiben mir im Hals stecken. Ich steige ein, schließe die Tür und die Stille umgibt mich. Es ist meine Stille. Der Geruch von neuem Holz und frischem Kühlschrank erfüllt die Luft. Ich drehe den Schlüssel im Zündschloss. Der Motor springt an, ein tiefer, zufriedener Sound. Die neuen Scheinwerfer werfen ein helles, klares Licht in die abgedunkelte Halle vor mir.

Ich fahre los, verlasse das Industriegebiet. Meine Reise kann beginnen. Die Nächte im Hostel sind vorbei, die ständige Angst, gesehen oder gestört zu werden, ist verschwunden. Es sind nur noch ich, der Van und die unendlichen Straße vor mir. Auf dem Navi habe ich keine Adresse eingegeben. Ich fahre einfach nur nach Norden, dem warmen Wetter entgegen.

Als die Dunkelheit hereinbricht, fahre ich von der Hauptstraße ab, auf einen kleinen, unbefestigten Weg, der in die Buschlandschaft führt. Nach ein paar hundert Metern stoppe ich. Der Motor stirbt ab. Und dann ist da die Stille. Nicht die erdrückende Stille eines vollen Hostelzimmers, sondern die weite, majestätische Stille der australischen Nacht. Draußen zirpt und quietscht es, ein ganzes Orchester von unsichtbaren Tieren. Ich schalte das kleine Licht über meinem Bett ein. Es ist warm und gemütlich. Ich kuschele mich in meine neue Bettdecke, mein Kopf ruht auf meinem neuen Kissen.

Ich bin allein. Ganz allein. Und zum ersten Mal seit meiner Ankunft fühlt sich diese Einsamkeit nicht wie eine Bedrohung an, sondern wie die größte Freiheit der Welt. Ich bin Jette aus Norddeutschland. Ich bin die Frau mit dem „Hammer“-Po, den zwei neuen Tattoos und dem geheimen Piercing. Ich bin der Freak, der ein Bild seiner Pussy an einen Mann geschickt hat, den sie kaum kennt. Und ich bin die schüchterne Fußballerin, Abenteurerin in ihrem eigenen Van, die bereit ist, alles zu entdecken, was dieses Land und sie selbst zu bieten hat. Mit einem Lächeln auf den Lippen schließe ich die Augen und schlafe ein.

Das erste echte Abenteuer?

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