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Familienservice
Der Duft von geröstetem Knoblauch und frischem Rosmarin zog durch die Küche, durchbrochen vom gleichmäßigen, rhythmischen Klacken meines Messers auf dem Holzbrett. Das Schneidebrett lag penibel im rechten Winkel zur Kante der Kochinsel, exakt so, wie Loona es haben wollte.
„Feiner, John. Die Zucchini müssen hauchdünn sein, sonst garen sie ungleichmäßig“, ertönte ihre Stimme hinter mir.
Ich spürte ihre Anwesenheit, noch bevor sie die Hand auf meine Hüfte legte. Loona trug bequeme Leggings und einen weiten Strickpullover, die Haare locker mit einer Spange hochgesteckt. Nach dem gestrigen Nervenkitzel mit Nadja wirkte sie vollkommen gelöst, fast häuslich. Doch als ihre Finger sanft über den Bund meiner Trainingshose strichen und kurz den festen Ring des Harzkäfigs ertasteten, zog sich mein Magen augenblicklich zusammen.
„Na, wie fühlt es sich heute an?“, fragte sie leise, mit diesem warmen, leicht spöttischen Unterton, der mir mittlerweile vertrauter war als jede elterliche Ermahnung. „Gestern war ganz schön aufregend für dich, mmh? Hast dich aber wirklich tapfer geschlagen. Brav geblieben, obwohl Nadja direkt nebenan saß.“
„Es… es war intensiv“, brachte ich hervor und konzentrierte mich angestrengt auf das Gemüse.
Loona kicherte leise, griff nach meinem linken Handgelenk und drehte mein Handgelenk zu sich heran, um das Display meiner Apple Watch zu aktivieren. Mit geübtem Daumen strich sie über die Ringe.
„Acht Komma zwei Kilometer heute Vormittag. Pace fünf Minuten dreißig. Herzfrequenz stabil im aeroben Bereich.“ Sie nickte anerkennend und tippte mir spielerisch mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze. „Sehr vorbildlich, Kleiner. Der Kalorienverbrauch passt perfekt zum Plan.“
Sie ließ mein Handgelenk los, öffnete den Kühlschrank und stellte mir eine abgewogene Schüssel mit Quinoa und magerem Hähnchenfilet hin, während sie sich selbst ein Glas Weißwein einschenkte und die Pfanne mit den Garnelen schwenkte.
„Du isst erst, wenn der Tisch fertig eingedeckt ist. Die Gläser aufpolieren, kein Wasserfleck, verstanden?“
„Ja, Loona.“
Ich nickte mechanisch, holte das Leinentuch und begann, die Weingläser gegen das Deckenlicht zu halten. Es war beängstigend, wie schnell diese totale Fremdbestimmung zur Normalität geworden war. Vor wenigen Wochen hätte ich mich gegen jeden einzelnen dieser Befehle gewehrt. Jetzt empfand ich bei ihrem beiläufigen Lob ein erbärmliches, warmes Gefühl von Erleichterung. Sie kontrollierte meinen Schlaf, mein Essen, meine Schritte – und durch das unnachgiebige Harz zwischen meinen Beinen jeden einzelnen unwillkürlichen Gedanken.
Als alles bereitstand, servierte ich ihr den Teller. Loona setzte sich an den Esstisch, schlug ein Bein über das andere und deutete mit der Gabel auf den Hocker schräg gegenüber.
„Setz dich, John. Guten Appetit.“
Ich nahm Platz, nahm meine eigene Gabel zur Hand und aß schweigend. Es war eine trügerische Ruhe, eine fast schon friedliche Idylle unter Geschwistern. Doch die Illusion hielt nur so lange, bis Loona ihr Glas abstellte, sich zurücklehnte und mich mit ihren klaren, funkelnden Augen musterte.
„Ach übrigens“, sagte sie beiläufig, während sie mit dem Stiel ihres Glases spielte. „Ich habe vorhin mit {reader:Emma} geschrieben. Sie kommt morgen Nachmittag vorbei.“
Mein Bissen blieb mir im Hals stecken. Ich schluckte mühsam und sah auf. „{reader:Emma}? Warum?“
{reader:Loonas} Lippen verzogen sich zu einem amüsierten, vielsagenden Lächeln. „Sie bringt die Zusammenfassungen für deinen Biologie-Kurs vorbei. Und… sie wollte sich unbedingt noch für neulich entschuldigen. Sie klang am Telefon erstaunlich zahm, fast ein bisschen verzweifelt darauf bedacht, einen guten Eindruck bei mir zu hinterlassen.“
Sie beugte sich ein Stück vor, stützte das Kinn auf die Hand und zwinkerte mir zu. „Ich habe ihr gesagt, dass sie herzlich willkommen ist. Wir beide sollten ihr morgen zeigen, wie die Dinge hier ab jetzt laufen, findest du nicht auch?“
Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken, während der Keuschheitskäfig unter dem Tisch bei der bloßen Erwähnung von {reader:Emmas} Namen warnend gegen mein Fleisch drückte.
Die Wohnungstür fiel mit einem lauten Knallen ins Schloss. Kurz darauf hallten federnde, rasche Schritte über das Parkett des langen Flurs, und aus dem Eingangsbereich klang das leise Klatschen von Schuhen, die hastig auf den Boden geworfen wurden.
„Hallo ihr beiden! Riecht das herrlich hier!“, rief eine helle, melodische Stimme.
Um die Ecke der offenen Wohnküche bog Vanessa. Sie kam direkt aus ihrem Yoga-Studio, in dem sie mehrmals die Woche unterrichtete. Ihre dunklen Haare waren zu einem lockeren, leicht zerzausten Dutt hochgesteckt, einzelne feuchte Strähnen klebten an ihren Schläfen. Sie trug ein hautenges, aschgraues Funktions-Top und farblich passende High-Waist-Leggings, die jeden Muskel ihrer durchtrainierten Silhouette gnadenlos betonten. Ein feiner Glanz lag auf ihrem Dekolleté, und mit jedem Schritt trug sie diesen unverkennbaren Mix aus Wärme, Vanille-Deo und leichter körperlicher Anstrengung in den Raum.
Rein optisch hätte sie problemlos als {reader:Loonas} ältere Schwester durchgehen können. Jedes Mal, wenn sie so unbeschwert durch die Wohnung lief, geriet mein Puls unweigerlich ins Stolpern – ein Umstand, der mir in meiner jetzigen Verfassung den Schweiß auf die Stirn trieb.
„Hey Mum“, begrüßte Loona sie mit einem strahlenden Lächeln, während Vanessa herantrat und ihrer Tochter einen Wangenkuss gab.
Dann wanderte {reader:Vanessas} Blick mit sichtlicher Begeisterung über die dampfenden Pfannen auf der Kochinsel und meinen noch halb vollen Teller. „Gott, mir knurrt der Magen. Ich hatte nach den zwei Kursen heute absolut keine Energie mehr zum Kochen. Habt ihr noch eine Kleinigkeit übrig?“
„Klar doch“, antwortete Loona prompt, ohne eine Sekunde zu zögern. Sie warf mir einen blitzschnellen, amüsierten Blick zu. „John war ohnehin gerade fertig. Er achtet doch so penibel auf seine Linie.“
Bevor ich auch nur den Mund aufmachen konnte, tippte Loona mit dem Fingernagel fordernd gegen meinen Unterarm. „Steh auf, John. Lass Mum sich setzen. Und bringst du Vanessa bitte direkt ein Glas gekühltes Zitronenwasser?“
„Ich… ja, natürlich“, murmelte ich hastig.
Ich erhob mich sofort vom Stuhl, bemüht, die Beine so zu halten, dass der Harzkäfig unter dem Stoff meiner Sporthose unsichtbar blieb. Kaum war die Sitzfläche frei, ließ sich Vanessa mit einem wohligen Seufzer genau dort nieder, wo ich eben noch gesessen hatte. Die Leggings spannten sich über ihre Oberschenkel, als sie die Gabel nahm und sich sofort an den Resten bediente.
„Mmmh, Wahnsinn“, schwärmte sie mit vollem Mund und schloss kurz genießerisch die Augen. „Das schmeckt fantastisch. Wenn das so weitergeht, Loona, muss ich mir deinen Stiefbruder wohl auch mal ausleihen. So einen aufmerksamen Service könnte ich unten in meinem Trakt auch jeden Tag gebrauchen.“
Loona fing meinen Blick auf, während ich mit zittrigen Fingern das Glas an der Spüle füllte. Auf ihren Lippen lag dieses unverschämt selbstgefällige, überlegene Grinsen, das mir das Blut in den Ohren rauschen ließ.
„Glaub mir, Mum“, sagte Loona mit honigsüßer, vollkommen unschuldiger Stimme und prostete ihrer Mutter mit dem Weißweinglas zu, „John braucht einfach eine feste Hand und klare Aufgaben. Dann läuft er wie ein Uhrwerk.“
Ich stellte das kühle Glas neben Vanessa ab, die mir mit einem warmen Lächeln über den Handrücken strich. „Danke, mein Lieber. Du bist ein Schatz.“
Die beiläufige Berührung, ihr Duft und die hautenge Sportkleidung direkt vor meinen Augen trafen mich wie ein Schlag. Unter dem Bund spannte sich mein Körper augenblicklich an – und stieß sofort mit stechendem Schmerz gegen das unnachgiebige Gehäuse. Ich musste die Zähne zusammenbeißen, um mir nichts anmerken zu lassen, während Loona mich vom Tisch aus mit funkelnden Augen musterte und genüsslich an ihrem Wein nippte.
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