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Die Schlinge

Chapter 59 by Levantin Levantin

Der graue Freitagmorgen schluckte jedes Licht über dem Schulhof. Mein Schritt war schleppend, jeder Tritt über den nassen Asphalt erinnerte mich durch das dumpfe Reiben des Harzes an die gestrige Nacht im Wohnzimmer. Der Geruch von {reader:Vanessas} Jasmin-Öl schien mir noch immer in den Poren zu hängen, untrennbar verbunden mit dem Gefühl, vor ihr auf den Knien gelegen zu haben. Doch in der Gesäßtasche meiner Jeans lag ein kleiner, trügerischer Puffer: zwei gefaltete Fünfzig-Euro-Scheine.

Emma stand am gewohnten Pfeiler nahe den Spinden. Leon lehnte lässig neben ihr, eine Daunenweste über den breiten Schultern, während er auf seinem Smartphone herumtippte. Als Emma mich bemerkte, glitt jenes eingeübte, zuckersüße Lächeln über ihre Lippen, das längst jede Wärme verloren hatte.

„Guten Morgen, John“, trällerte sie laut genug für die Umstehenden, ehe sie einen Schritt auf mich zumachte und die Stimme senkte. „Schön pünktlich. Ich brauche heute den großen Iced Matcha mit Hafermilch und zwei warme Schokocroissants aus dem Bistro drüben. Leon nimmt auch einen doppelten Espresso.“

Kein Bitte, keine Nachfrage. Eine bloße Ansage.

Ich nickte stumm, zog meine Ledergeldbörse hervor und schlug sie auf. Ich wollte rasch den ersten Schein herausziehen, doch genau in diesem Moment beugte sich Emma mit gespielter Neugier vor. Ihre hellen Augen verengten sich schlagartig, als ihr Blick auf das Geldscheinfach fiel. Dort blitzte nicht nur ein einzelner Schein auf – unübersehbar lagen zwei makellose Fünfziger nebeneinander.

„Na sieh mal einer an“, flüsterte Emma. Der Tonfall kippte augenblicklich von süßlicher Beiläufigkeit in schneidende Gier. Ihre Finger schossen blitzschnell nach vorn, strichen fast zärtlich über den Rand des Leders und zogen beide Scheine mit einer fließenden Bewegung heraus. „Gestern machst du so ein Drama, als wärst du am Verhungern, und heute läufst du hier mit einem Hunderter herum?“

„Emma, das… das ist nicht alles für—“, setzte ich hastig an, doch sie schnitt mir mit einem eiskalten Lächeln das Wort ab.

„Pst. Sei leise“, zischte sie und steckte einen der Fünfziger wie selbstverständlich in ihre eigene Manteltasche. Den anderen wedelte sie zwischen zwei Fingern hin und her. „Wenn du plötzlich so flüssig bist, John, dann müssen wir unsere Abmachung wohl ein bisschen anpassen. Da geht noch mehr.“

Leon sah kurz von seinem Display auf, warf einen gleichgültigen Blick auf das Geld und grinste träge. „Wenn der Kleine spendabel ist, soll er uns nachher gleich noch die Tickets fürs Autokino heute Abend am Ku’damm besorgen. Die VIP-Plätze. Und Tankfüllung ist auch fällig.“

Emma lachte hell auf, wandte sich wieder mir zu und drückte mir den verbliebenen Schein in die Handfläche. Ihre Fingernägel bohrten sich dabei schmerzhaft in meinen Handballen.

„Du hast Leon gehört. Bistro zuerst. Und in der großen Pause gehst du rüber in die Parfümerie und holst mir den Lippenbalsam von Dior, den mit dem rosa Deckel. Und wehe, du bringst die falsche Nuance mit.“

Ich stand wie festgewurzelt da, den zerknitterten Fünfziger in der feuchten Handfläche. Mein mühsam erkaufter Freiraum war innerhalb von zwei Minuten pulverisiert worden. In meinem Kopf hämmerte ein dumpfer Schwindel, während sich kalte Übelkeit in der Magengegend zusammenballte. Ich war gefangen zwischen ihren Launen hier auf dem Schulflur und dem eisernen Regiment daheim. Der Druck des Harzes an meinen Oberschenkeln schien mit jedem Atemzug enger zu werden, eine physische Mahnung meiner absoluten Machtlosigkeit: Ganz gleich, wie sehr ich mich abrackerte, wie viel Geld ich auf Knien herbeischaffte oder wie viele Aufgaben ich übernahm – es würde niemals genug sein. Ich nickte nur mechanisch, unfähig, auch nur ein einziges Wort des Protests hervorzubringen, drehte mich auf dem nassen Asphalt um und ging mit gesenktem Kopf hinüber zum Bistro.

Der Rest des Schultages glich einem Spießrutenlauf. In der großen Pause rannte ich mit brennenden Lungen über die nasse Tauentzienstraße, stand mit klopfendem Herzen am Counter der Parfümerie und legte die restlichen Euro auf den Tresen, um Emmas geforderten Designer-Lippenbalsam zu bezahlen. Auf dem Rückweg krampfte sich mein Magen zusammen: Von den hundert Euro, die ich mir am Vorabend mühsam erarbeitet hatte, war nach Bistro, Lippenbalsam und dem ersten Fünfziger in Emmas Tasche kein einziger Cent mehr übrig. Und für Leons Kinotickets und den Sprit fehlte jede Deckung.

Als ich ihr das glänzende Tütchen am Spind überreichte, nahm sie es ohne ein Wort des Dankes entgegen und riss die Folie auf.

„Geht doch“, murmelte sie, ehe ihr Blick schneidend wurde. „Und jetzt zum Wichtigen: Herr Seidel fällt für den Rest des Halbjahrs aus. Der Schulleitung reicht die Vertretung nicht mehr, deshalb gibt es keine reguläre Klausur. Wir müssen stattdessen eine Klausurersatzleistung abgeben. Einen kompletten Physik-Ausarbeitungsordner mit Versuchsreihen, Fehlerrechnungen und theoretischem Teil. Das Ding zählt die halbe Semesternote.“

Sie trat einen Schritt näher, senkte die Stimme und sah mich unbarmherzig an.

„Ich habe keine Lust, mir für eine Sechs mein Abitur zu zerschießen. Du schreibst mir diesen Ordner, John. Bis ins kleinste Detail. Deckblatt, Gliederung, Quellen und die Eigenständigkeitserklärung lege ich dann selbst bei. In zwei Wochen will ich den fertigen Schnellhefter auf meinem Tisch haben. Wenn da eine Note unter elf Punkten rauskommt, reden wir beide ganz anders miteinander.“

Mein Mund war trocken wie Sand. Ein kompletter Physik-Ordner auf Oberstufenniveau – neben meinen eigenen Aufgaben, dem Sport und den Pflichten zu Hause. Es war eine maßlose Dreistigkeit, ein handfester akademischer Betrug, für den sie mich ohne mit der Wimper zu zucken einspannte.

Eine dumpfe, drückende Schwere legte sich auf meine Brust, als ich am Nachmittag die Wohnungstür öffnete. Ich fühlte mich innerlich ausgehöhlt, wie ein bloßes Werkzeug, das von allen Seiten herumgestoßen und ausgenutzt wurde. Doch unter dieser Erschöpfung pulsierte ein seltsam zersetzendes Gefühl: der ständige Zwang zur Unterordnung, das Wissen, dass ich nirgendwo mehr die Kontrolle besaß, hatte mich in einen Zustand permanenter, nervöser Anspannung versetzt. Ich war ausgeliefert – und jede Faser meines Körpers hatte verlernt, wie man sich wehrte.

Durch die hohen Flügeltüren drang leises Lachen. In der offenen Küche saßen Loona und Vanessa an der Marmorinsel. Auf der Arbeitsplatte standen zwei Gläser Weißwein und eine Schale Oliven. Vanessa trug einen eleganten Kaschmirpullover, wirkte entspannt und lächelte, während Loona mit aufrechtem Rücken an ihrem Glas nippte.

Vanessa saß mit überschlagenen Beinen auf dem Barhocker. Ihre Füße waren nackt, nur locker in weiche, offene Hausschuhe geschlüpft. Während sie sprach, ließ sie den oberen Schuh von den Zehen gleiten, sodass er lose an ihrem großen Zeh baumelte und bei jeder kleinen Bewegung sacht vor- und zurückschwang. Der Anblick ihrer gepflegten, nackten Haut weckte sofort die Erinnerung an das Mandelöl, an die Wärme ihrer Beine und an meine Knie auf dem Wohnzimmerteppich. Ich versuchte wegzusehen, doch mein Blick blieb wie magnetisch an ihrem Fuß hängen, unfähig, sich von dem trägen Wippen des Schuhs loszureißen.

„Da bist du ja, John“, sagte Vanessa warm und drehte sich um. Ein wohlwollender Ausdruck lag auf ihren Zügen. „Ich habe Loona vorhin noch erzählt, wie gut mir deine Massage gestern getan hat. Du hast wirklich ein Gespür für Verspannungen.“

„Danke, Vanessa“, brachte ich leise hervor, riss meinen Blick mühsam vom Boden los und blieb im Durchgang stehen.

Loona sah mich an. Ihre Augen waren ruhig, dunkel und vollkommen undurchdringlich. Es gab keine schroffen Befehle, keine offene Zurschaustellung von Macht vor ihrer Mutter. Stattdessen lag in ihrem Blick ein feines, fast unsichtbares Einverständnis – eine lautlose Dominanz, die viel schwerer wog als jedes laute Wort.

„Du siehst geschafft aus, John“, bemerkte Loona mit samtener, beiläufiger Stimme. „Die Schule verlangt dir im Moment wohl einiges ab. Aber das ist gut so. Herausforderungen formen den Charakter.“

Sie wandte sich kurz an ihre Mutter, lächelte sanft und sprach dann scheinbar beiläufig weiter: „Wenn du gleich deine Sachen abgestellt hast, könntest du doch kurz die frischen Handtücher aus dem Trockner holen und drüben ordentlich zusammenlegen. Und schau doch bitte noch im Arbeitszimmer nach, ob meine Unimappen vollständig auf dem Schreibtisch liegen. Du weißt ja, wie wichtig mir Ordnung ist.“

Es klang wie eine höfliche Bitte unter Geschwistern, doch der feste Tonfall und die Art, wie sie mich fixierte, ließen keinen Zweifel daran, dass es ein unmissverständliches Diktat war.

Vanessa nickte zustimmend, während der Schuh an ihrem Zeh noch einmal kurz nachwippte, ehe sie ihn wieder auffing. „Ja, mach das kurz, John. Es ist so schön, wie reibungslos ihr beiden euch hier ergänzt.“

Die totale Hilflosigkeit brannte mir in der Kehle. Vor der Fassade des friedlichen Familienlebens spielte sich meine lückenlose Unterwerfung ab, und ich nickte nur ergeben. „Natürlich. Mache ich sofort.“

Erst als ich zwei Stunden später die Arbeiten erledigt hatte und an meinem Schreibtisch saß, öffnete sich meine Zimmertür leise.

Loona trat herein. Sie schloss die Tür behutsam hinter sich und lehnte sich mit verschränkten Armen dagegen. Der kühle Ernst war auf ihr Gesicht zurückgekehrt.

„Ich habe deine Nachricht gelesen“, flüsterte sie, und ihre Stimme schnitt durch den Raum. „Das Geld ist also restlos weg. Und was wollte Emma heute noch?“

Ich starrte auf meine Tastatur, während mir die Scham erneut das Blut in die Wangen trieb. „Herr Seidel fällt langfristig aus. Keine Klausur in Physik. Emma verlangt von mir, dass ich eine komplette Klausurersatzleistung für sie erstelle. Einen wissenschaftlichen Ordner mit Protokollen, Versuchen und Auswertungen. Wenn sie den abgibt, zählt das die halbe Semesternote.“

Einen Moment lang herrschte vollkommene Stille.

Dann trat Loona langsam an meinen Schreibtisch heran. Ein schmales, berechnendes Lächeln glitt über ihre Züge. Ihre Augen funkelten vor eiskalter Genugtuung.

„Eine Klausurersatzleistung in Physik?“, wiederholte sie leise, fast andächtig. „Mit Unterschrift unter der Eigenständigkeitserklärung?“

„Ja. Sie will ihn in zwei Wochen fertig gebunden haben.“

Loona beugte sich zu mir herab, stützte die Hände auf die Kante meines Schreibtischs und sah mir tief in die Augen.

„Sie ist dümmer, als ich dachte“, flüsterte sie mit kaum verhohlener Verachtung. „Sie glaubt wirklich, sie kann sich durchs Abitur erpressen und mein Spielzeug für ihre eigene Faulheit missbrauchen. Das ist kein kleiner Gefallen mehr, John. Das ist vorsätzlicher Betrug. Wenn das auffliegt, bekommt sie null Punkte, fällt durch das Semester und verliert die Zulassung.“

Ich hielt den Atem an. „Und… was soll ich tun?“

„Du wirst diesen Ordner erstellen“, instruierte sie mich mit schneidender Klarheit. „Jede einzelne Seite. Du recherchierst, du rechnest, du formulierst auf höchstem Niveau. Aber du tust das ausschließlich an diesem Rechner. Ich will jeden einzelnen Entwurf, jede Versionsgeschichte und die finalen Dokumente mit deinem Benutzeraccount und den Zeitstempeln auf einem externen Datenträger gesichert haben. Bevor Emma auch nur ein einziges Blatt Papier in die Hand bekommt, gehört das Original mir.“

Sie richtete sich wieder auf, und in ihrer Haltung lag die absolute, unanfechtbare Kontrolle, die mich gleichermaßen lähmte und gefangen hielt.

„Lass sie glauben, dass sie gesiegt hat“, schloss Loona mit einem leisen, grausamen Ton. „Gib ihr die Ausarbeitung, lass sie unterschreiben und einreichen. Emma gräbt sich gerade ihr eigenes Grab – und sie hat nicht den Hauch einer Ahnung, wer am Ende die Schaufel in der Hand hält.“

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