What's next?

Die Falle schließt sich

Chapter 60 by Levantin Levantin

Die folgenden Tage verschwammen zu einem einzigen, dumpfen Albtraum aus grellem Bildschirmlicht, Formeln und Schlafentzug. Mein Zimmer roch nach kaltem Kaffee und abgestandener Luft. Während Loona tagsüber an der Universität war und Vanessa ihre Termine wahrnahm, verbrachte ich jede freie Minute nach der Schule vor dem Rechner. Meine Finger tippten mechanisch Messreihen zur Wellenoptik ab, erstellten millimetergenaue Diagramme und formulierten seitenlange theoretische Herleitungen.

Dazu kam {reader:Loonas} unerbittlicher Trainingsplan, den sie jeden zweiten Tag mit eiserner Härte kontrollierte. Liegestütze bis zum Muskelversagen, Kniebeugen, Planks – mein Körper veränderte sich unter dem permanenten Druck rapide. Wenn ich mich morgens hastig im Badezimmerspiegel musterte, zeichneten sich über meinem schmalen Becken längst die harten, definierten Konturen der Bauchmuskeln ab; der Ansatz eines Sixpacks trat unübersehbar hervor, geformt aus Drill und lückenlosem Gehorsam. Doch dieser Fortschritt schenkte mir keinen Stolz. Er war lediglich der sichtbare Beweis dafür, wie reibungslos Loona mich formte, wie mein eigener Körper zu einem Instrument unter ihrer Regie geworden war.

Jede Speichersequenz am Schreibtisch brannte sich in mein Gedächtnis ein: Loona kontrollierte jeden Abend den Fortschritt des Physik-Ordners. Wortlos steckte sie ihren schwarzen USB-Stick ein, zog die Rohdateien samt Metadaten, Bearbeitungsverläufen und Zeitstempeln auf ihr Laufwerk und zog den Stick wieder ab. Sie hinterließ keine Spuren, gab mir keine Bestätigung – nur einen knappen, prüfenden Blick, der mich daran erinnerte, dass jede Zeile eine doppelte Schlinge bildete.

Am Montag der zweiten Woche war die Frist abgelaufen. Der schwere, matt-schwarze Schnellhefter lag vor mir auf der Schulbank. Vierzig Seiten, lasergedruckt, mit sauber getrennten Abschnitten, fehlerfreien Berechnungen und einem Deckblatt, auf dem in eleganter Schrift bereits Emmas Name prangte. Nur die letzte Seite war noch unberührt: die verbindliche Eigenständigkeitserklärung.

In der großen Pause kam Emma auf mich zu. Sie trug eine teure Lederjacke, das Haar perfekt frisiert, die Lippen in jenem glänzenden Rosaton geschminkt, den ich ihr vor zehn Tagen auf der Tauentzienstraße besorgen musste. Leon stand ein paar Meter entfernt an den Fenstern und unterhielt sich mit zwei Mitschülern.

„Zeig her“, verlangte Emma ohne Umschweife. Ihre Hand streckte sich fordernd aus, kaum dass sie an meinem Tisch stand.

Ich schob den Hefter über das Holz. Sie riss ihn an sich, schlug die Klarsichtfolie zurück und blätterte mit schnellen, ungeduldigen Fingern durch die Seiten. Ihre Augen huschten über die Grafiken, die detaillierten Versuchsaufbauten und die langen Formelblöcke. Ein schmales, herablassendes Lächeln stahl sich auf ihre Züge.

„Geht doch“, murmelte sie leise, fast enttäuscht darüber, keinen Makel zu finden. „Herr Seidel wird Augen machen, wenn die Vertretung ihm den Ordner ins Krankenhaus nachreicht. Das sind locker vierzehn Punkte.“

Sie zog einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche, schlug zielstrebig die letzte Seite auf und setzte die Mine auf die gestrichelte Linie unter dem vorgedruckten Text.

„Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe.“

Sie zögerte keine Sekunde. Mit einer schwungvollen, fast arroganten Geste setzte sie ihren vollen Namen darunter, zog den Strich schwungvoll nach und klappte den Hefter mit einem satten Knall zu.

„Wenn irgendwas davon falsch ist, John, ziehe ich dir das Fell über die Ohren“, sagte sie leise, drehte sich auf dem Absatz um und ging hinüber zu Leon, dem sie triumphierend die Mappe zeigte.

In meinem Magen zog sich alles zusammen. Die Falle war zugeschnappt, genau wie Loona es vorausgesagt hatte.

Als ich am Nachmittag nach Hause kam, war die Wohnung merkwürdig still. Das leise Summen der Fußbodenheizung begleitete meine Schritte durch das Entree. Ich streifte die Straßenschuhe ab und trat auf leisen Socken in den Flur.

Vanessa saß im Wohnzimmer auf dem cremefarbenen Sofa, vertieft in ein Magazin. Ihre Beine lagen angewinkelt auf dem weichen Polster, die nackten Fußsohlen dem Raum zugewandt. Es hatte sich in den vergangenen zwei Wochen fast unmerklich eingebürgert: Nach ihren besonders anstrengenden, langen Tagen im Yoga-Studio erwartete sie ganz selbstverständlich, dass ich mich um ihre müden Füße und Waden kümmerte. Sie belohnte mich danach zwar jedes Mal mit ein paar Scheinen aus der Haushaltskasse – dem hart verdienten Geld meines Vaters –, doch genau diese Bezahlung machte die Erniedrigung nur noch perfider. Es war das Geld meines eigenen Vaters, mit dem meine Stiefmutter meine Unterwerfung entlohnte, als wäre ich ein bezahlter Dienstbote im eigenen Heim.

Als sie das leise Knarren des Parketts hörte, blickte sie auf und lächelte sanft.

„Da bist du ja, John“, sagte sie mit ihrer gewohnt ruhigen Stimme. „Komm kurz rein. Loona ist gleich fertig im Bad.“

Ich trat zögernd näher, die Schultasche schwer an der Schulter hängend, und blieb zwei Schritte vor dem Sofa stehen. Mein Blick fiel unweigerlich auf ihre nackten Füße, deren gepflegte Haut im warmen Deckenlicht schimmerte.

„Leg deine Tasche ab“, forderte Vanessa mich mit sanfter, aber unumstößlicher Selbstverständlichkeit auf. Sie deutete mit einer kleinen Handbewegung auf den Teppich vor ihren Füßen. „Die Doppelstunde im Studio heute war unheimlich fordernd. Du weißt ja genau, welche Punkte an den Fersen und Waden am meisten verspannt sind.“

Kein Befehl, keine Drohung – nur die absolute, gefestigte Gewissheit, dass mein Platz zu ihren Füßen war. Ich ließ die Tasche zu Boden gleiten und kniete mich langsam auf den dichten Flor. Das dumpfe Reiben des Harzes im Schritt erinnerte mich bei jeder Beugung an meine Begrenzung. Meine Hände griffen vorsichtig nach ihren Füßen, die Wärme ihrer Haut drang durch meine Finger, und ich begann mit kreisenden Bewegungen, ihre Fersen und die festen Wadenmuskeln zu lockern.

Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür zum Flur. Loona trat herein. Sie trug eine schlichte schwarze Hose und ein weißes Seidenhemd, das Haar streng zurückgebunden. Sie blieb im Durchgang stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah auf mich herab. Ihr Blick strich kühl über meine kniende Haltung, über {reader:Vanessas} entspannten Ausdruck und bohrte sich dann direkt in meine Augen.

„Sie hat unterschrieben?“, fragte Loona mit leiser, beiläufiger Stimme, so formuliert, dass es für ihre Mutter wie eine belanglose Nachfrage über Schulangelegenheiten klang.

Ich schluckte schwer, während meine Hände weiter über {reader:Vanessas} Fußrücken glitten. „Ja. Heute Vormittag.“

Vanessa schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück in die Polster, während meine Finger in gleichmäßigem Rhythmus über ihre Fußsohlen und die gespannte Muskulatur ihrer Waden glitten. Sie wirkte vollkommen losgelöst, eingelullt von der Vertrautheit dieses Rituals, das längst keiner Absprache mehr bedurfte. Es gab keinen Raum für Scham oder Zögern; meine Hände funktionierten wie ein präzises Werkzeug.

Loona stand ungerührt daneben. Sie beobachtete jede Bewegung meiner Finger, registrierte das feine Zittern in meinen Unterarmen und den Schweißfilm auf meiner Stirn. Dann trat sie noch einen Schritt näher an das Sofa heran, sodass der Saum ihrer dunklen Stoffhose fast meine Knie auf dem Teppich berührte.

„Mama“, sagte Loona mit beiläufiger Sanftheit, ohne den Blick von mir abzuwenden. „Du solltest ihm heute etwas mehr geben. Er hat sich in den letzten zwei Wochen wirklich nützlich gemacht. Sowohl hier als auch bei seinen schulischen Aufgaben.“

Vanessa gab ein leises, wohliges Seufzen von sich, öffnete blinzelnd die Augen und griff nach ihrer Handtasche, die auf dem Beistelltisch stand. Sie zog ihr Portemonnaie hervor, fingerte zwei gefaltete Zwanzig-Euro-Scheine heraus und legte sie direkt neben mein rechtes Knie auf den Flor.

„Natürlich, Schatz“, murmelte meine Stiefmutter mit einem matten Lächeln. „Du bist wirklich ein Schatz, John. Fleißig und zuverlässig. Nimm es dir nachher. Dein Vater würde sich freuen zu sehen, wie gut du deine Zeit nutzt, um dir etwas dazuzuverdienen.“

Die Worte trafen mich wie ein Hieb in die Magengrube. Die Scheine lagen stumm auf dem Teppich, bedruckt mit dem Geld, das mein Vater monatlich auf das gemeinsame Haushaltskonto überwies. Vanessa bezahlte mich für meine eigene Erniedrigung mit den Mitteln meines Vaters, der Tausende Kilometer entfernt im Glauben lebte, sein Sohn würde behütet und gleichberechtigt in einer modernen Familie aufwachsen.

„Danke, Vanessa“, brachte ich hervor. Meine Stimme klang hohl, fast fremd in meinen eigenen Ohren.

„Gut“, sagte Vanessa, zog langsam ihre Beine an und strich ihren Seidenrock glatt. „Ich gehe kurz duschen, bevor wir das Abendessen bestellen. Lass die Beine bitte noch fünf Minuten ruhen, John, und räum dann den Tisch ab.“

Sie erhob sich geschmeidig vom Sofa, trat barfuß an mir vorbei und verschwand mit leisen Schritten den langen Flur hinunter in Richtung ihres Schlafzimmers. Das Geräusch der schließenden Badezimmertür schnitt die letzte Hülle scheinbarer Normalität ab.

Kaum war das Klicken des Schlosses verklungen, veränderte sich die Atmosphäre im Raum schlagartig. Die sanfte, familiäre Fassade fiel von Loona ab wie eine abgetragene Maske. Sie blickte auf mich herab, ihre dunklen Augen blitzten kalt und fokussiert.

„Steh auf“, befahl sie leise.

Ich gehorchte sofort. Meine Knie knackten leise, als ich mich vom dichten Teppichboden aufrichtete. Das dumpfe Gewicht im Schritt erinnerte mich bei jeder Streckung daran, wer hier das Kommando führte. Ich ließ den Kopf gesenkt, vermied ihren Blick, doch Loona machte einen Schritt auf mich zu, hob ihre Hand und legte zwei kühle Fingerspitzen unter mein Kinn, um mein Gesicht nach oben zu zwingen.

„Schau mich an, John.“

Ich blickte in ihre Augen. Da war kein Spott, sondern pure, kalkulierte Entschlossenheit.

„Emma fühlt sich sicher“, sagte sie mit schneidender Präzision. „Sie hat die Arbeit unterschrieben. Der Physik-Ordner liegt jetzt im Fach der Vertretungslehrerin. Für Emma ist die Sache erledigt – sie glaubt, sie hat dich gebrochen und ein perfektes Abiturzeugnis zum Nulltarif erpresst.“

Sie ließ mein Kinn los, wandte sich ab und griff nach ihrem Smartphone, das auf der Konsole lag. Mit ein paar schnellen Wischbewegungen öffnete sie eine Datei.

„Aber sie ist gierig geworden. Und wer gierig ist, wird nachlässig. Ich habe vorhin eine Nachricht von ihr bekommen. Sie plant für nächsten Samstag eine exklusive Vor-Abitur-Party in der Villa ihrer Eltern, während die übers Wochenende am Wannsee sind. Sie hat mich eingeladen – und sie hat mich gebeten, dich mitzubringen. Als Helfer. Für die Garderobe, zum Gläserabräumen und um Leons Clique zu bedienen.“

Ein Kälteschauer jagte über meinen Rücken. „Sie will mich vor allen bloßstellen.“

„Natürlich will sie das“, entgegnete Loona kühl, und ein feines, grausames Lächeln umspielte ihre Lippen. „Sie glaubt, sie besitzt dich. Sie will ihren Freundinnen zeigen, wie zahm mein Stiefbruder geworden ist. Aber genau dort ziehen wir die Falle zu.“

Sie steckte das Telefon ein und sah mich wieder fest an.

„Ich habe auf meinem Laptop nicht nur deine Entwürfe und die Zeitstempel gesichert. Gestern Abend hat Emma mir im Chat stolz erzählt, wie einfach es war, dich dazu zu bringen, und dabei ein Foto des Hefters geschickt, auf dem sie mit dem Stift über der Erklärung posiert. Sie hat mir schwarz auf weiß geliefert, was wir brauchen. Aber das reicht mir noch nicht. Auf dieser Party holen wir uns den Rest.“

„Was für einen Rest?“, fragte ich heiser, unfähig, das Pochen in meinen Schläfen zu beruhigen.

„Emma hat Geheimnisse vor Leon“, flüsterte Loona, und ihre Stimme senkte sich zu einem lauernden Ton. „Und vor ihren Eltern erst recht. Es gibt Dinge auf ihrem Zweithandy, von denen niemand an der Schule erfahren darf. Am Samstag wirst du für sie den perfekten, devoten Laufburschen spielen. Du wirst jedem ihrer Wünsche folgen, jedes Glas abräumen und jede Demütigung schlucken. Und während sie damit beschäftigt ist, vor ihren Freunden zu triumphieren, sorge ich dafür, dass ihr gesamtes Leben in meine Hände wandert.“

Sie trat noch einen Schritt näher, legte ihre Hand flach auf meine Brust und spürte das harte Pochen meines Herzens durch den dünnen Stoff meines T-Shirts. Ihre Finger strichen prüfend über die definierten Ansätze meiner Bauchmuskeln, kühl und unbarmherzig wie ein Richter, der den Zustand seines Eigentums begutachtet.

„Du hast gut trainiert, John“, hauchte sie leise. „Dein Körper lernt schnell. Jetzt muss nur noch dein Kopf begreifen, dass du diesen Weg bis zum bitteren Ende gehst. Am Samstag gehört Emma uns.“

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