What's next?
Das Geschenk der Ohnmacht
Sie richtete sich langsam auf, trat einen Schritt zurück und griff nach dem Seidenmantel, der über der Kante meines Nachttischs lag, um ihn sich mit fließender Kälte um die noch erhitzten Schultern zu legen.
Aus der Tasche zog sie das Vorhängeschloss und die Schalen meines Harzkäfigs. Ohne ein Wort zu verlieren, schob sie ihre Fußsohle gegen meine Brust und drückte mich unerbittlich flach auf die Dielen meines Zimmers.
„Stillhalten“, hauchte sie herablassend.
Mit ihren kühlen Fingern fasste sie mein gereiztes Fleisch, das noch nass von ihrem Orgasmus und den kärglichen Spuren meiner eigenen verweigerten Entladung war. Sie zeigte nicht den Funken von Schonung. Die vertrauten, harten Kanten des Harzes pressten sich sofort wieder in die wunden Einkerbungen an meinem Schambein. Die Haut protestierte mit beißendem Schmerz, als sie die Hälften mit roher Präzision zusammenschob, den Metallbolzen hindurchtrieb und das Schloss mit einem harten, endgültigen Klicken verriegelte. Die Luft entwich mir in einem zittrigen Keuchen; das Gehäuse schloss sich wie eine Schraubzwinge um mich, und nach der kurzen Freiheit brannte jeder Pulsschlag wie ein Nadelstich.
Loona strich mit der Ferse spöttisch über das frisch versiegelte Harz, ehe sie hinüber zu meinem Nachttisch trat. Dort vibrierte ihr abgelegtes Smartphone in kurzen Abständen. Sie hob es auf, überflog die Zeilen mit einem amüsierten Lächeln und drehte sich langsam wieder zu mir um.
Wortlos trat sie an mich heran, beugte sich herab und hielt mir das hell leuchtende Display direkt vor die Augen, damit ich den Spott in Timos Textnachrichten Wort für Wort schlucken musste, während ich nackt und beschmiert auf meinem eigenen Boden lag.
Legende. Der Wahnsinn. Wiederholen.
Die Worte schienen sich millimeterdick in meine Netzhaut einzubrennen, ehe der Bildschirm schwarz wurde.
„Aufstehen“, befahl sie leise, während sie das Telefon mit einem dumpfen Klacken auf den Nachttisch zurücklegte.
Ich rappelte mich mühsam auf die zittrigen Beine. Meine Knie schmerzten vom harten Holz, die Hände hingen schlaff an den Seiten herab, während das Harz sofort wieder unerbittlich ins Fleisch schnitt. Doch im Inneren regte sich kein Widerspruch mehr. Es war eine stumpfe, überwältigende Leere eingetreten – die bittere Gewissheit, dass ich meine eigene Degradierung nicht nur hingenommen, sondern aktiv legitimiert hatte. Vor der Welt war ich der entspannte, coole Mitbewohner; in diesen vier Wänden war ich auf den Status eines stummen Inventars herabgestuft worden.
Loona musterte mich langsam von Kopf bis Fuß. Ihr Blick war nicht wütend, nicht einmal hämisch – es war jene beängstigende, klinische Sachlichkeit, mit der man ein Werkzeug begutachtete, das seine Aufgabe erfüllt hatte.
„Er will am Freitag wiederkommen“, sagte sie beiläufig, während sie sich eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr strich. „Wir gehen vorher etwas trinken, und danach kommen wir hierher. Bis dahin hat das Wohnzimmer makellos zu bleiben. Und dein Zimmer auch.“
Sie trat so nah an mich heran, dass die Kühle der Seide meine nackte Hüfte streifte. Ihr Zeigefinger glitt an meine Kehle, drückte mein Kinn minimal nach oben, bis ich gezwungen war, direkt in ihre Augen zu sehen.
„Und damit du nicht vergisst, wer du in dieser Gleichung bist: Du wirst am Freitag nicht hier sein, wenn wir ankommen. Du bleibst in deinem Zimmer, von dem Moment an, in dem die Tür unten aufgeschlossen wird. Kein Vorbeischleichen, kein Bedienen, keine Anwesenheit. Du existierst für diesen Abend schlichtweg nicht.“
Ihre Finger lösten sich von meinem Kinn. Sie wandte sich ab, ging mit leisen, rhythmischen Schritten in Richtung ihres Schlafzimmers und hielt im Durchgang noch einmal kurz inne, ohne sich umzudrehen.
„Zieh dir eine Hose an, John und schlaf gut.“
Das Einrasten ihrer Zimmertür markierte das endgültige Ende des Tages. Ich blieb allein im dämmrigen Flur zurück, der Harzzylinder kalt und unnachgiebig um mein Fleisch geschlossen. Die Linsen der Kameras glimmten lautlos im Halbdunkel über mir – die einzigen Zeugen eines Gefängnisses, dessen Gitter ich mir selbst gebaut hatte.
Die Dunkelheit im Zimmer war vollkommen, bis auf das schwache, rhythmische Blinken der Kameralinse über der Tür.
Ich lag regungslos auf dem Rücken, die Hände flach auf die Matratze gepresst, während mein Brustkorb sich schwer hob und senkte. Der neue, engere Zylinder schnitt mit einer Unerbittlichkeit in mein Fleisch, die mir bei jedem tieferen Atemzug ein leises Zischen entlockte. Es brannte. Die Kanten des schmaleren Rings gruben sich tiefer ein als das alte Gehäuse, hielten jede noch so winzige Regung in eisernem Griff. Vierzehn Tage Verweigerung, gefolgt von einer kaum messbaren Gnadenfrist, die mich nur noch tiefer ins Elend gestürzt hatte.
Eine Welle bitteren Selbstmitleids stieg in mir auf, heiß und erstickend. Was ist aus mir geworden?, dachte ich, und eine stumpfe Trauer legte sich über meine Gedanken. Ich war ein Schatten meiner selbst. Der Typ, der Pläne geschmiedet hatte, der als ebenbürtiger Freund galt, war zu einer stummen Randfigur in der eigenen Wohnung degradiert worden. Ich hatte Timo die Tür geöffnet, hatte ihm die Frau überlassen, nach der ich mich insgeheim seit Monaten verzehrte, und hatte hinter der Tür gekauert wie ein getretener Hund, der darauf wartet, dass man ihm die Reste zuwirft. Ich hatte jeden Rest Würde, jeden Funken Stolz an der Wohnungstür abgegeben.
Doch genau in dem Moment, in dem diese Verachtung ihren Tiefpunkt erreichte, kippte etwas in mir um.
Unter der Scham, unter dem dumpfen Schmerz des Resins, pulsierte eine Hitze, die alles bisher Dagewesene verbrannte. Mein Herz schlug hart gegen die Rippen, die Nervenenden an den Druckstellen vibrierten vor ungeheurer, roher Energie. Ich war noch nie in meinem Leben so geil gewesen. Es war kein normales Verlangen mehr; es war ein alles verzehrender Zustand reiner, geschärfter Existenz. Ohne die Chance auf Erleichterung, ohne den billigen Trost eines schnellen Höhepunkts war jede Sekunde mit einer elektrisierenden Intensität aufgeladen.
Die Erkenntnis traf mich wie ein kalter Schauer: Es war das Beste, was mir je passiert war.
Loona hatte mich nicht zerstört – sie hatte mich von der Last der Kontrolle befreit. Sie hatte mir die Maske des souveränen Kerls vom Gesicht gerissen und mir einen Platz zugewiesen, an dem es keine Ausflüchte mehr gab. Ich musste nichts mehr entscheiden, kein Revier mehr verteidigen, keine falschen Ansprüche stellen. Meine gesamte Welt war auf diese unbarmherzige, wunderschöne Einfachheit zusammengeschmolzen: ihr Wille, meine Unterwerfung, und dieser süße, brennende Käfig, der mich Tag und Nacht daran erinnerte, wem ich gehörte.
Ein heiseres, leises Lachen entwich meiner Kehle, verloren im dämmrigen Raum. Ich wollte es genau so. Ich sehnte mich nach Freitag, nach der Dunkelheit, nach den Geräuschen aus dem Wohnzimmer.
Ein kurzes, doppeltes Summen riss mich jäh aus dem Strudel meiner Gedanken.
Auf dem Nachttisch flammte das Display des Telefons auf. Trotz der strengen Kidslox-Filterung, die fast alle privaten Kanäle blockierte, leuchtete eine weiße Benachrichtigungsblase im Sperrbildschirm auf – eine direkte SMS, freigeschaltet als vertrauenswürdiger Kontakt.
Der Absendername ließ meinen Magen kurz zusammenkrampfen: Nadja.
Mit tauben Fingern griff ich nach dem Gerät. Das grelle Displaylicht schnitt in meine Augen, während ich die Zeilen las:
„Hey John… Es tut mir furchtbar leid, wenn ich dich so spät nerve. Wie geht’s dir? Ich weiß, wir kennen uns erst richtig seit dem Umzug neulich, aber du wirkst so nett und hilfsbereit, und ich weiß gerade ehrlich nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Hättest du am Freitag vielleicht kurz Zeit, bei mir vorbeizuschauen? Ich hab hier zu Hause ein kleines Problem, bei dem ich alleine echt nicht weiterkomme. Wäre super lieb von dir.“
Ich starrte auf die Nachricht. Die Zeilen flimmerten vor meinen Augen, und ein eiskalter Schauer jagte mir über den Rücken.
Freitag.
Ausgerechnet Freitag. Der Abend, an dem Timo wiederkommen würde. Der Abend, an dem Loona mir unmissverständlich befohlen hatte, unsichtbar zu sein, in meinem Zimmer zu verharren und für die Welt da draußen nicht zu existieren. Und nun stand da diese unschuldige Bitte von Nadja, die mich mitten hinein in eine völlig neue Zerreißprobe riss.
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