What's next?
[POV Stiefschwester] Wenn Kontrolle zu Zerstörung wird
Der Schaum auf meinem Iced Matcha Latte war längst in sich zusammengefallen, ein unappetitlicher, wässriger Rand am Glas. Um uns herum pulsierte die Schönhauser Allee im Spätsommerlicht: klirrendes Besteck, das gleichmäßige Rauschen der Straßenbahn, Gelächter von den Nebentischen. Eine heile, banale Welt.
Ich nahm davon nichts wahr. Mein Blick war wie festgekrallt an das kalte Glas meines iPhones.
Die Aufnahme aus Kabine drei brannte sich in meine Netzhaut. John, zusammengekauert auf den widerlichen Fliesen des Instituts, der Blick ins Leere gerichtet, völlig entkernt. Und darunter das Detailfoto: der Zylinder in der absolut engsten Raste.
Im ersten Moment war da wieder dieser vertraute, berauschende Rausch gewesen. Eine feuchte, pochende Hitze, die mir tief in den Unterleib schoss. Ich liebte es. Gott, wie sehr ich es liebte, diese Fäden in der Hand zu halten. Zu wissen, dass mein schüchterner, wohlbehüteter Stiefbruder daheim vor meiner Mutter im Staub kroch, die Hose auf Halbmast, ausgeliefert an jede winzige Bewegung ihrer Füße, nur weil *ich* es so bestimmt hatte. Es war wie eine Droge, die mich seit jenem Nachmittag im Sommer beherrschte, als ich ihn in seinem Zimmer erwischt hatte. Ich war süchtig danach, sein Maßstab zu sein, der einzige Fixpunkt in seiner Welt, die Quelle seiner Scham und seiner Unterwerfung.
Doch als ich mit zitternden Fingern das Bild vergrößerte, zersprang der Rausch wie dünnes Eis.
Die Haut um den Schambeinring war nicht bloß gerötet von devoter Erregung oder Reibung. Sie war teigig geschwollen, dunkelblau unterlaufen, beinahe schwarz an den Rändern, wo das Metall unbarmherzig einschnitt. Und der Bolzen saß schief. Emma hatte ihn nicht mit kühler Präzision gesetzt. Sie hatte ihn hineingeprügelt, mit der ganzen Verbitterung einer Frau, die ihre eigene Demütigung an jemandem abladen wollte, der sich nicht wehren konnte.
„Er kann kaum noch gerade stehen. Hab ihm klargemacht, wer hier das Sagen hat“, stand darunter.
Ein eiskalter Schauer kroch mir die Wirbelsäule hinauf, der mir die Kehle zuschnürte. Das war keine Führung. Das war keine kunstvolle, erotische Zähmung.
Das war blinde Zerstörung.
In meinem Kopf kippte ein Schalter um, und mit einem Mal war ich nicht mehr im Café, sondern wieder zehn Jahre alt, zusammengekauert auf dem Treppenabsatz in der Villa meines Vaters. Ich roch wieder den schweren Rotwein, hörte das dumpfe Krachen der Zimmertür, das Weinen meiner Mutter, das immer leiser geworden war, bis von ihr nur noch eine leblose Hülle übrig geblieben war. Patrik hatte nicht dominiert – er hatte zertreten.
Ich hatte mir geschworen, niemals so zu werden. Ich hatte mir eingeredet, dass mein Sadismus anders sei. Feiner. Kontrolliert. Ein Spiel, das beiden Seiten einen Kick gab, ein Band des absoluten Vertrauens, in dem er mir gehörte, weil er es *wollte*. Doch das Bild auf meinem Display starrte mich an wie ein Urteil: Ich war dabei, genau dieselbe Grenze zu übertreten. Ich hatte die Kontrolle abgegeben, hatte zugelassen, dass ein Frustventil aus der Uni meinen Jungen verstümmelte.
„Loona? Hörst du mir überhaupt zu?“
Nadjas Stimme riss mich aus dem Abgrund. Sie lehnte sich über den Tisch, die Stirn in feine Falten gelegt. Ohne zu fragen, zog sie mir das Telefon aus den Fingern und warf einen Blick darauf. Ihr sonst so spöttischer, lockerer Blick wurde mit jeder Sekunde dunkler.
„Heilige Scheiße“, murmelte sie, schüttelte den Kopf und sah mich direkt an. „Das ist nicht dein Ernst, Loona.“
„Er brauchte eine Lektion“, presste ich hervor, doch meine Stimme klang dünn, brüchig. Ich griff nach meiner Tasche, nestelte eine Zigarette hervor, doch meine Finger bebten so heftig, dass das Feuerzeug zweimal abrutschte. „Er hat im Seminar gewackelt. Er muss verstehen, dass die Uni kein Schutzraum ist.“
„Loona, mach die Augen auf!“, zischte Nadja und beugte sich so weit vor, dass ihre Haare über die Tischkante fielen. Sie packte mein Handgelenk, fest und fordernd. „Das da ist kein Spielchen mehr. Emma hat ihm das Fleisch abgeklemmt. Schau dir die Schwellung an! Wenn er kollabiert, wenn das Gewebe nekrotisch wird – was glaubst du, was dann passiert? Willst du seiner Mutter erklären, warum er ins Krankenhaus muss? Willst du, dass sein Vater dir den Kopf abreißt?“
„Ich habe die Zügel in der Hand!“, wehrte ich mich verzweifelt, doch der Rauch schmeckte nach Asche und Galle.
„Nein, hast du nicht!“, konterte Nadja unbarmherzig. „Du hast einer Furie deinen Schlüssel gegeben. Du wolltest, dass John dein Haustier wird, dein treuer Diener, der dich anbetet. Aber was du da gerade machst, bricht ihn nicht – es radiert ihn aus. So sah deine Mutter aus, bevor sie damals die Koffer gepackt hat. Willst du wirklich Patrik werden? Ist das dein Ziel?“
Der Name traf mich wie ein Faustschlag in den Magen. Mir wurde speiübel. Die Kälte in mir verwandelte sich in blanke Panik, unmittelbar gefolgt von einer schneidenden, besitzergreifenden Wut.
Nadja hatte recht. Wenn John aufhörte zu fühlen, wenn er nur noch Schmerz und Betäubung spürte, dann gab es kein Spiel mehr. Dann war da keine Erregung mehr, kein heimliches Erröten, keine Hingabe – nur noch ein Opfer. Und vor allem: Emma hatte sich an *meinem* Besitz vergriffen. Niemand legte Hand an ihn, ohne dass ich es autorisierte. Niemand durfte ihn brechen außer mir.
Ich riss die Zigarette aus dem Mund, drückte sie im Aschenbecher aus und schnappte mir das Telefon zurück.
„Ich fahr nach Hause“, sagte ich heiser.
Nadjas Griff lockerte sich, ihr Blick wurde weicher, fast ein wenig mitleidig. „Hol dir den Schlüssel zurück, Loona. Nimm ihn in Schutz. Wenn du ihn behalten willst, musst du dafür sorgen, dass er dir wieder vertrauen kann.“
Ich stand auf, warf einen Geldschein auf den Tisch und hastete zur U-Bahn-Station.
Im schwankenden Waggon der U2 starrte ich auf die Kidslox-App. Mein Daumen zitterte über dem Display. Der ursprüngliche Plan – der Rock, die Zurschaustellung im Treppenhaus – war reiner Wahn gewesen. Es hätte ihm in diesem Zustand den Rest gegeben. Er war bereits am Limit.
Ich löschte den vorbereiteten Befehl. Meine Gedanken rasten, während ich die Nachricht neu formulierte. Die Härte musste bleiben, die Hierarchie durfte nicht wackeln, aber die Richtung änderte sich radikal. Ich musste ihn vorbereiten – und ich musste das Tribunal heute Abend nutzen, um vor seinen Augen die Fronten ein für alle Mal zu klären.
Mit klopfendem Herzen tippte ich die Zeilen ein:
„Vanessa verlässt um 19:30 Uhr die Wohnung. Wenn die Tür zugeht, ziehst du die Jeans komplett aus. Du bleibst in der Spitze und dem Stahl. Du wartest kniend im Flur. Emma kommt heute Abend um 19:50 Uhr zu uns herauf, um dich zu mir ins Zimmer zu bringen. Stell dich darauf ein, dass wir beide auf dich warten. Wehe, du rührst dich von der Stelle.“
Ich drückte auf Senden. Der Bildschirm schaltete um, die Nachricht war unumkehrbar auf seinem Sperrbildschirm fixiert.
Ich steckte das Handy in die Manteltasche und presste die Hände zu Fäusten zusammen, bis die Knöchel weiß hervortraten. Er fürchtete sich jetzt sicher zu Tode vor dem, was Emma und ich mit ihm anstellen würden. Er wusste nicht, dass Emma ihr Urteil bereits unterschrieben hatte.
Die Bahn bremste quietschend an meiner Station. Als ich die Rolltreppe hinauf in den Berliner Abend stürmte, war da kein Platz mehr für Zweifel: Ich würde mir meinen Schlüssel zurückholen. Und ich würde John beweisen, dass die einzige Hand, die ihn quälen durfte, auch die einzige Hand war, die ihn vor dem Abgrund bewahren konnte.
0 comments
No comments yet
The story has no discussion yet. Leave a note here when a branch gives you something to say.
No chapter comments yet
No one has commented on this branch yet. Add the first note above.