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Zu Spät am ersten Tag

Chapter 2 by vaelinalsorna

Max blieb noch einen Augenblick regungslos sitzen.

Der Schlosshof vor ihm wirkte wie aus einer anderen Zeit. Alte Natursteinmauern umschlossen den weitläufigen Innenhof, in dessen Mitte ein gewaltiger Brunnen stand. Über den Dächern kreisten einige Eulen, während irgendwo in den oberen Stockwerken ein Fenster geöffnet wurde und lautes Gelächter nach draußen drang.

„Na dann...“, murmelte sein Vater und stellte den Motor ab.

„Jetzt gibt es wohl kein Zurück mehr.“

Max nickte langsam.

„Ich glaube... jetzt werde ich wirklich nervös.“

Sein Vater lächelte.

„Gut.“

„Gut?“

„Wer vor etwas Großem nicht wenigstens ein bisschen nervös ist, nimmt es nicht ernst.“

Sie stiegen aus.

Alexander holte den Koffer aus dem Kofferraum und stellte ihn vor seinen Sohn.

Für einen kurzen Moment schwiegen beide.

„Pass auf dich auf, Max.“

„Mach ich.“

„Schreib deiner Mutter regelmäßig.“

„Ich werde es versuchen.“

„Nicht versuchen.“

„Schon gut... ich werde schreiben.“

Sein Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Und vergiss nie, wer du bist.“

Max grinste.

„Der Typ, der am ersten Schultag beinahe gegen einen Berg gefahren wäre?“

Alexander lachte.

„Ganz genau der.“

Die beiden umarmten sich herzlich.

„Bis bald, Papa.“

„Bis bald, Max.“

Langsam stieg Alexander wieder in den Wagen. Kurz darauf rollte der Range Rover über den Hof, verschwand durch die unsichtbare Barriere – und war fort.

Zum ersten Mal in seinem Leben stand Max vollkommen allein in der Zauberwelt.

„Na wunderbar...“

„Prinz Maximilian Ludwig VII. zu Schönhohenhausen?“

Die Stimme war ruhig.

Kühl.

Und so präzise ausgesprochen, als hätte jedes einzelne Wort zuvor eine Generalprobe absolviert.

Max drehte sich um.

Vor dem gewaltigen Eingangsportal stand eine hochgewachsene Frau in einer tiefgrünen Professorenrobe.

Ihre Haltung war makellos.

Ihre eisblauen Augen ruhten auf ihm, als könnten sie seine Gedanken lesen.

„Äh... Max reicht vollkommen.“

„Das bezweifle ich.“

Sie trat langsam die breite Freitreppe hinab.

„Professorin Helena Delphi.“

„Schulleiterin von Schloss Schwarzbrunn.“

Max streckte instinktiv die Hand aus.

Professorin Delphi sah kurz auf seine Hand.

Dann wieder in sein Gesicht.

Die Hand blieb unbeachtet.

„Herr zu Schönhohenhausen.“

„Wissen Sie, wie spät es ist?“

Max räusperte sich.

„Nicht... ganz genau.“

„Elf Minuten nach Unterrichtsbeginn.“

„Das... war der Verkehr.“

Professorin Delphi hob eine Augenbraue.

„Im Schwarzwald?“

„...Nein.“

„Ein bemerkenswertes Phänomen. Vielleicht sollte ich die deutsche Muggelregierung informieren.“

Max seufzte innerlich.

Das lief hervorragend.

„Sie erscheinen an Ihrem ersten Schultag zu spät. An einer Akademie, an der Pünktlichkeit keine Empfehlung, sondern eine Selbstverständlichkeit ist.“

Sie machte eine kurze Pause.

„Da dies Ihr erster Tag ist, belasse ich es bei einer ausdrücklichen Ermahnung.“

Ihre Stimme wurde noch eine Spur kälter.

„Ein zweites Mal werde ich diese Nachsicht nicht zeigen.“

„Verstanden, Frau Professor.“

„Gut.“

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um.

„Folgen Sie mir.“

Max griff hastig nach seinem Koffer.

Schon nach wenigen Schritten wusste er nicht mehr, wo oben und unten war.

Die Eingangshalle allein hätte vermutlich als Rathaus einer Kleinstadt genügt.

Gewaltige Marmorsäulen trugen eine mehrere Stockwerke hohe Decke.

An den Wänden hingen unzählige Porträts ehemaliger Schulleiter.

Einige nickten Professorin Delphi respektvoll zu

Andere musterten Max neugierig.

Einer der alten Herren flüsterte sogar seinem Nachbarbild etwas zu, worauf beide gleichzeitig schmunzelten.

„Nicht beachten“, sagte Professorin Delphi, ohne sich umzudrehen.

„Die ehemaligen Schulleiter halten sich für ausgesprochen witzig.“

„Tun sie das?“

„Ja.“

„Sind sie es?“

„Nein.“

Max musste sich ein Grinsen verkneifen.

Sie durchquerten zahllose Flure.

Treppen bewegten sich langsam von selbst.

Eine Ritterrüstung verbeugte sich vor der Schulleiterin.

Ein Besen flog eilig an ihnen vorbei und verschwand um die nächste Ecke.

Max versuchte sich jeden Gang einzuprägen.

Nach spätestens fünf Minuten gab er auf.

„Falls Sie glauben, sich den Weg merken zu können...“

Professorin Delphi blieb nicht einmal stehen.

„...ersparen Sie sich die Mühe.“

„War es so offensichtlich?“

„Ja.“

„Schade.“

Schließlich blieb sie vor einer schlichten Holztür stehen.

Ein Messingschild trug die Aufschrift:

Klasse der Spätentdeckten

Professorin Delphi öffnete die Tür.

Sofort richteten sich neun Paar Augen auf Max.

„Ah...“

Adrian grinste breit.

„Der Letzte.“

Charlotte lächelte freundlich.

Elias rückte unauffällig seine Brille zurecht.

Emilia winkte ihm sofort fröhlich zu.

Sophia nickte ihm ruhig zu.

Helena saß kerzengerade an ihrem Platz.

Johanna musterte ihn neugierig.

Clara schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.

Theresa rückte ihren Stuhl ein Stück zur Seite, damit Max mit seinem Koffer leichter vorbeikam.

„Danke.“

„Gern.“

Max setzte sich auf den einzigen freien Platz.

Professorin Delphi schloss lautlos die Tür.

Mit verschränkten Händen stellte sie sich vor die Klasse.

Mit einem einzigen Blick brachte sie sämtliche Gespräche zum Verstummen.

„Willkommen.“

Ihre Stimme erfüllte den kleinen Klassenraum mühelos.

„Sie alle verbindet eine Besonderheit.“

„Sie haben Ihre magischen Fähigkeiten erst ungewöhnlich spät entwickelt.“

Sie ließ ihren Blick langsam durch den Raum wandern.

„Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Sie Sonderrechte besitzen.“

Ihre Augen blieben einen Moment auf Max ruhen.

„Wie Herr zu Schönhohenhausen bereits eindrucksvoll demonstriert hat, gelten Regeln auch am ersten Schultag.“

Ein leises Kichern ging durch die Klasse.

Max rutschte etwas tiefer auf seinem Stuhl.

„Pünktlichkeit.“

„Respekt.“

„Disziplin.“

„Eigenverantwortung.“

Mit jedem Wort schien die Luft im Raum etwas schwerer zu werden.

„Dies sind keine Vorschläge.“

„Es sind Voraussetzungen.“

Niemand sagte ein Wort.

Selbst Adrian, der eben noch gegrinst hatte, saß plötzlich kerzengerade.

„Sie werden Fehler machen.“

„Viele Fehler.“

„Sie werden Zauber misslingen lassen.“

„Sie werden Gegenstände zerstören.“

„Sie werden vermutlich mindestens einmal einen Professor unfreiwillig verzaubern.“

Einige Schüler lächelten vorsichtig.

Professorin Delphi jedoch nicht.

„Das ist akzeptabel.“

„Nicht akzeptabel sind Nachlässigkeit, Überheblichkeit oder Rücksichtslosigkeit.“

Sie machte eine kurze Pause.

„An Schloss Schwarzbrunn beurteilen wir niemanden nach seiner Herkunft, seinem Familiennamen oder seinem Vermögen.“

„Ob Sie aus einer alten Zaubererfamilie stammen, aus einer Bäckerei, einem Schloss oder einer Mietwohnung – innerhalb dieser Mauern beginnen Sie alle auf derselben Stufe.“

Für einen kurzen Moment traf ihr Blick erneut Max.

„Manche müssen lediglich zuerst lernen, dass ein Prinzentitel keinen Freibrief für Verspätungen darstellt.“

Dieses Mal konnte selbst Theresa ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Max hob ergeben die Hände.

„Ich verspreche, ich arbeite daran.“

Professorin Delphi nickte kaum merklich.

„Das werden Sie.“

Sie ließ den Blick noch einmal durch den Raum schweifen.

„Und nun beginnen wir damit, aus neun Spätentdeckten verantwortungsvolle Hexen und Zauberer zu machen.“

Im Klassenraum wurde es vollkommen still.

Für jeden Einzelnen von ihnen hatte an diesem Morgen ein neues Leben begonnen.

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