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Chapter 3 by Daemony Daemony

What's next?

Wie ein Stein, der ins Wasser fällt

Ohne Verstehen, wie viel Zeit verstrichen war, wurde Jasmin sich gewahr, dass sie den Mann auf ihrer Schwelle hatte stehen lassen.

Der Morgen war inzwischen heller geworden. Das Licht fiel seitwärts auf seine markante Silhouette und zeichnete sein Gesicht in harten Schatten: zur Hälfte hell wie der Tag, zur anderen schwarz wie die Nacht. Jedoch wollte es ihr scheinen, als brächte dieser Besucher einen eigenen Schatten mit sich, der nicht gänzlich dem Spiel der Sonne gehorchte.

Sie zögerte. Weshalb? Sie wusste es selbst nicht recht. Weise Klugheit oder grundloses Misstrauen?

Sie widerstand dem Impuls, die Tür sofort zu schließen. Ihr war, als würde sie ansonsten eine Antwort aussperren, von der sie noch gar nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt danach suchte.

„Nun“, sagte sie und räusperte sich leicht, „wenn Sie sich schon die Mühe gemacht haben, mich persönlich aufzusuchen, Herr Kordt, dann sollte ich Sie wohl nicht vor meiner Tür stehen lassen.“

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, fragte sie sich, weshalb sie dies getan hatte. Ein vorsichtigerer Mensch hätte ihn nicht ins Haus gelassen. Eine junge Pastorin, neu in ihrer Gemeinde und allein im Haus, hätte allen Grund gehabt, vernünftig zu sein, anstatt sich von unbestimmten Gefühlen leiten zu lassen. Und doch trat sie zur Seite.

„Mein Büro befindet sich am Ende des Ganges.“

Matthias Kordt neigte stumm den Kopf. Hob einen Fuß. Hielt kurz inne, als prüfe er, ob es einen Widerstand gebe. Dann überschritt er die Schwelle.

Es war ein ganz gewöhnlicher Vorgang. Und doch verspürte Jasmin dabei ein kaum erklärliches Herzklopfen, als habe sich mit diesem Schritt etwas verändert, dessen Bedeutung sie noch nicht ermessen konnte.

Sie führte ihn durch den Flur. Unwillkürlich nahm sie wahr, wie geräuschlos seine Schritte dabei waren. Als wolle er dem Haus seine Anwesenheit nicht offenbaren.

Sogleich schalt sie sich für solche Gedanken. Was war nur in sie gefahren, dass sie solchermaßen über ihn dachte? Sie sollte jedem Menschen gleich unbefangen gegenübertreten. Sie war eine studierte Theologin, keine abergläubische Dirne aus einem Dorfmärchen.

In ihrem schlichten Büro angekommen, wies sie auf einen der Besucherstühle. Matthias setzte sich. Jasmin nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz.

„Also“, begann sie, „Sie untersuchen einen Vorfall, der sich in unserer Gemeinde zugetragen haben soll.“

„Menschen“, korrigierte er. „Ich betrachte die Menschen innerhalb der Gemeinde.“

Seine dunklen Augen ruhten auf ihr. Unbewegt.

Jasmin versuchte, dem Blick standzuhalten, was ihr mit jedem Atemzug schwerer wurde. Schließlich schlug sie die Bibel auf, die immerzu griffbereit auf ihrem Tisch lag, obwohl sie nicht die geringste Absicht hatte, darin zu lesen. Als könne sie eine Barriere errichten zwischen sich und diesem Mann. Ohne darüber nachzudenken, nahm sie die Worte aus dem Buch der Bücher wahr:

Und es geschah in den stillen Stunden des ersten Lichts, dass ein Schatten an die Tür der Frau trat. Er sprach mit sanfter Stimme und nannte ihren Namen. Und während er redete, ward ihr Herz unruhig, denn seine Rede war voller Verheißung und seine Augen glichen tiefen Wassern, in denen kein Grund zu sehen war. Da fühlte die Frau zugleich Furcht und Verlangen, und sie wusste nicht, welchem von beiden sie mehr trauen sollte.

Schweigen breitete sich im Raum aus wie die Ringe auf tiefem Wasser, nachdem ein Stein hinein geworfen ward.

Jasmin merkte, dass sie den Besucher genau betrachtete. Seine Hände. Die scharf gezeichneten Gesichtszüge. Die dunklen Augen unter den schweren Brauen.

Nichts an ihm entsprach dem Bild eines Mannes, das sie gewöhnlich als anziehend bezeichnet hätte. Und doch ging eine eigentümliche Kraft von ihm aus. Keine körperliche Schönheit. Etwas Tieferliegendes. Etwas, das auf unerklärliche Weise ihre Aufmerksamkeit in Beschlag nahm. Sie ertappte sich dabei, länger hinzusehen, als es angemessen war.

Sofort wandte sie den Blick ab.

Was tust du da?

Für einen Augenblick dachte sie an Robert. An das übliche Küsschen am Morgen. An den vertrauten Duft seines Rasierwassers, der rasch verflog, nachdem er das Haus verließ.

Der Gedanke an ihn war da. Einfach vertraut. Aber er blieb seltsam blass. Wie eine Erinnerung an etwas Vergangenes. Das erschreckte sie mehr, als sie sich eingestehen wollte.

„Sie wirken angespannt, Frau Pastorin.“

Die Stimme des Mannes riss sie aus ihren Gedanken.

„Das bilden Sie sich nur ein." Jasmin richtete sich auf und straffte die Schultern. „Und wenn es so wäre: Sie erscheinen unangekündigt in meinem Haus und erzählen mir von verschwundenen Geistlichen, mit denen ich etwas zu tun haben soll. Was erwarten Sie denn, wie ich darauf reagieren sollte?“

Zum ersten Mal zeigte sich ein Anflug von Vergnügtheit in seinem Gesicht.

„Misstrauen“, sagte er. „Das wäre vernünftig.“

Seine Augen hielten die ihren fest.

Wieder war da dieses Gefühl. Diese unerklärliche Spannung. Als stünde sie am Rand einer undurchsichtigen Wasserfläche und wisse nicht, ob sie hineinspringen oder fortgehen sollte. Sie stand auf, mehr um sich selbst zu entkommen als aus irgendeinem anderen Grund.

„Möchten Sie einen Kaffee?“

Es war weniger ein höfliches Angebot als ein Versuch, dem Unbehagen zu entkommen, das sie befallen hatte.

Matthias erhob sich nicht. Lediglich sein Blick folgte ihr.

„Gerne. Wenn es Ihnen recht ist, warte ich hier.“

Sie nickte.

Doch als sie sich zur Tür wandte, überkam sie die sonderbare Gewissheit, dass er sie nicht nur beobachtete, sondern tiefer schaute. Als stünde sie nackt vor ihm. Der Gedanke war so unsinnig, dass sie ihn sofort verwarf.

Und dennoch kroch eine Kälte von ihrem Nacken nach unten, wie eine eisige Hand, die über ihren Rücken strich bis zu ihrem...

Sie keuchte auf.

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