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Chapter 14 by vaelinalsorna

Die Tage vergingen, ohne dass sich etwas änderte.

Jeder Morgen begann mit derselben langen Schlange vor der Essensausgabe. Jeder Abend endete mit dem flackernden Schein unzähliger Lagerfeuer, die das Flüchtlingslager in ein Meer aus orangefarbenem Licht tauchten.

Für Darian verschwammen die Tage zunehmend miteinander.

Das Lager hatte seinen eigenen Rhythmus entwickelt.

Noch vor Sonnenaufgang wurden die Menschen von den Rufen der Wachen geweckt. Wasser musste geholt, Feuer neu entfacht und die wenigen Habseligkeiten gesichert werden. Kurz darauf bildeten sich lange Reihen vor den Ausgabestellen, an denen Brot, dünner Eintopf und Wasser verteilt wurden.

Niemand erhielt mehr als seine Ration.

Und dennoch versuchten es manche.

Eines Morgens geriet ein älterer Mann mit einem jungen Flüchtling aneinander. Beide behaupteten, der andere habe sich vorgedrängt. Aus lautem Streit wurde schnell ein Gerangel.

Innerhalb weniger Augenblicke griffen die Stadtwachen ein.

Sie trennten die Männer nicht mit Worten.

Sondern mit ihren Knüppeln.

Mehrere harte Schläge genügten.

Beide Flüchtlinge gingen zu Boden und blieben benommen im Schlamm liegen.

Die Schlange rückte weiter vor.

Niemand protestierte.

Die Menschen senkten nur schweigend die Blicke.

Darian beobachtete die Szene lange.

„Sie haben Angst, dass das Lager außer Kontrolle gerät“, murmelte Aldren.

Darian nickte.

Er konnte die Wachen verstehen.

Und dennoch tat der Anblick weh.

An einem anderen Tag entstand Aufregung auf dem kleinen Platz nahe des Hauptweges.

Ein Pranger war errichtet worden.

Zwei junge Männer wurden unter Bewachung dorthin geführt.

Man warf ihnen vor, mehreren Familien in der Nacht Brot und Decken gestohlen zu haben.

Sie wurden festgekettet.

Vor den Augen des gesamten Lagers.

Einige beschimpften sie.

Andere gingen schweigend vorbei.

Darian blieb einen Moment stehen.

Er fragte sich unwillkürlich, wie viele Menschen noch zu Dieben werden würden, wenn der Hunger weiter zunahm.

Denn obwohl Eichstätt die Flüchtlinge versorgte, wurden die Rationen mit jeder Woche etwas kleiner.

Niemand sprach offen darüber.

Doch jeder bemerkte es.

Mit der Zeit änderten sich auch die Gespräche im Lager.

Anfangs hatten die Menschen fast ausschließlich über ihre verlorenen Höfe und Familien gesprochen.

Nun kreisten die Unterhaltungen immer häufiger um den König.

„Er soll bald hier eintreffen.“

Darian hörte den Satz zum ersten Mal an einer Feuerstelle.

„Mit seiner ganzen Familie.“

„Vielleicht bringt er endlich ein Heer.“

„Oder eine Entscheidung.“

Die Nachricht verbreitete sich rasch.

Schon bald sprach fast jeder davon.

Doch mit den Hoffnungen kamen auch neue Gerüchte.

Sie schienen sich schneller auszubreiten als jedes Feuer.

Eines Abends setzte sich ein alter Flüchtling zu Darians Feuer.

„Habt ihr es schon gehört?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter.

„Man sagt, beim Sturm auf Nordwacht seien nicht alle getötet worden.“

Darian hob den Blick.

„Tausende sollen überlebt haben.“

Der Mann senkte die Stimme.

„Als Sklaven.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Darian dachte an die Straßen der Stadt.

An das Lazarett.

An all jene Menschen, die sie hatten zurücklassen müssen.

Er wusste nicht, ob das Gerücht stimmte.

Doch allein der Gedanke ließ ihn frösteln.

In den folgenden Tagen tauchten weitere Geschichten auf.

Mit jeder Erzählung wurden sie düsterer.

Die hartnäckigste handelte von den Friedensverhandlungen.

Man sagte, der König wolle persönlich mit den dreizehn Orkhäuptlingen verhandeln.

Man sagte, die Orks hätten Forderungen gestellt.

Und man sagte vieles darüber, welche diese Forderungen seien.

Ein Händler behauptete, das gesamte Land nördlich von Eichstätt solle endgültig an die Orkstämme fallen.

Andere widersprachen.

Doch ein Gerücht hielt sich besonders hartnäckig.

Es hieß, die dreizehn Orkhäuptlinge verlangten dreizehn junge adlige Frauen als Geiseln oder Sklavinnen, darunter sogar eine Tochter des Königs.

Niemand wusste, ob daran etwas wahr war.

Niemand konnte sagen, woher diese Geschichte stammte.

Und doch wurde sie mit jedem Tag weitererzählt.

Mal flüsternd.

Mal voller Überzeugung.

Mit jeder neuen Erzählung veränderte sich die Stimmung im Lager.

Die Menschen wurden gereizter.

Misstrauischer.

Wütender.

Vor den Essensausgaben hörte Darian immer häufiger bittere Bemerkungen.

„Für uns ist kein Platz hinter den Mauern.“

„Aber für den König wird sich schon ein Palast finden.“

„Er hat den Norden aufgegeben.“

„Jetzt verkauft er den Rest.“

Aldren warnte mehrfach davor, jedes Gerücht für bare Münze zu nehmen.

„Wir wissen nicht, was wirklich geschieht.“

Doch seine Worte gingen oft im Stimmengewirr unter.

Nicht die Gewissheit bestimmte inzwischen das Lager.

Sondern die Angst.

Und aus Angst wuchs Zorn.

Darian saß eines Abends schweigend vor dem kleinen Feuer ihrer Gruppe und blickte hinauf zu den Mauern Eichstätts.

Hinter ihnen bereitete sich die Stadt offenbar auf die Ankunft ihres Königs vor.

Vor ihnen saßen Tausende entwurzelter Menschen, die Tag für Tag neue Geschichten hörten, ohne Antworten zu erhalten.

Er musste nicht jedes Gerücht glauben, um zu erkennen, was geschah.

Etwas Gefährliches war im Lager entstanden.

Nicht Hunger.

Nicht Verzweiflung.

Sondern eine Wut, die sich immer deutlicher gegen den König richtete.

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