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Ablenkung

Chapter 15 by vaelinalsorna

Die Tage wurden zu Wochen.

Anfangs hatte jeder im Lager geglaubt, nur wenige Nächte außerhalb der Mauern Eichstätts verbringen zu müssen. Man sprach davon, dass der König bald entscheiden würde, dass ein Heer ausgehoben oder zumindest eine Lösung gefunden werde.

Doch mit jeder weiteren Woche verschwand diese Hoffnung ein wenig mehr.

Das Flüchtlingslager begann sich zu verändern.

Die schmalen Trampelpfade zwischen den Zelten wurden zu richtigen Wegen. Aus notdürftig gespannten Planen entstanden kleine Hütten aus Holz und Lehm. Hier und da wurden Brunnen ausgehoben, Feuerstellen mit Steinen eingefasst und einfache Zäune errichtet.

Man konnte beinahe den Eindruck gewinnen, das Lager wolle bleiben.

Als hätte es aufgehört, nur ein Zufluchtsort zu sein.

Auch innerhalb der Stadt hatten manche Menschen erkannt, dass mit den Tausenden Flüchtlingen neue Möglichkeiten entstanden waren.

Schon bald wurden unmittelbar hinter den Toren und an den erlaubten Handelsplätzen außerhalb der Mauern einfache Schankstuben errichtet. Aus groben Brettern zusammengezimmert, mit schiefen Dächern und rauchgeschwärzten Schornsteinen, boten sie dünnes Bier, heißen Eintopf und für wenige Stunden die Illusion eines normalen Lebens.

Darian kam bei seinen Wegen zur Essensausgabe oft an ihnen vorbei.

Bereits am helllichten Tag drangen lautes Gelächter, Würfelklappern und manchmal auch Streit nach draußen.

Einige dieser Tavernen hatten schon nach wenigen Tagen einen zweifelhaften Ruf.

Man erzählte sich von gezinkten Würfeln, gestohlenen Beuteln und Schlägereien, die häufiger mit blutigen Nasen als mit versöhnten Männern endeten.

Mehr als einmal musste die Stadtwache eingreifen.

Und doch fiel Darian etwas auf.

Die Wachen gingen anders vor als noch vor wenigen Wochen.

Wo früher Knüppel die erste Antwort gewesen waren, versuchten sie nun oft zunächst, Streitende auseinanderzubringen oder die Menge zu beruhigen.

Nicht immer gelang es.

Doch sie schienen begriffen zu haben, dass jeder unnötige Funke das gesamte Lager entzünden konnte.

Aldren bemerkte eines Abends ebenfalls die Veränderung.

„Sie kämpfen inzwischen gegen etwas anderes.“

„Wogegen?“, fragte Darian.

Der Veteran blickte über die unzähligen Feuerstellen des Lagers.

„Gegen Verzweiflung.“

Darian verstand.

Verzweiflung ließ sich nicht mit Mauern aufhalten.

Sie schlich sich langsam in jedes Zelt.

In jede Familie.

In jeden Gedanken.

Mit ihr kamen Geschichten, über die kaum jemand offen sprach.

Man hörte sie nur flüsternd.

An den Wasserstellen.

Zwischen den Zelten.

Oder spät am Abend am Feuer.

Es hieß, einige Frauen hätten begonnen, ihren Körper gegen eine warme Mahlzeit, einen sicheren Schlafplatz oder den Schutz einer stärkeren Gruppe einzutauschen.

Nicht aus Gier.

Nicht aus Leichtsinn.

Sondern weil sie keinen anderen Ausweg mehr sahen.

Darian wusste nicht, wie viele dieser Geschichten wahr waren.

Doch wenn er durch das Lager ging und in die erschöpften Gesichter blickte, fiel es ihm schwer, sie für unmöglich zu halten.

Der Krieg hatte den Menschen längst mehr genommen als ihre Häuser.

Er hatte ihnen ihre Würde streitig gemacht.

Nicht allen.

Aber immer mehr.

An diesem Abend saßen die fünf Überlebenden aus Nordwacht wie gewöhnlich um ihr kleines Feuer.

Niemand sprach viel.

Aldren flickte schweigend einen Riemen seiner Rüstung, während die anderen ihre kargen Essensrationen verteilten.

Nur Corvin – einer der jüngeren Soldaten, der den Sprung in den Weißquell ebenfalls überlebt hatte – wirkte ungewöhnlich unruhig.

Er stieß Darian leicht mit dem Ellenbogen an.

„Komm heute mit.“

Darian sah ihn fragend an.

Corvin nickte in Richtung der Lichter am Rand des Lagers.

Dort, wo die improvisierten Tavernen standen.

„Du hast mich jetzt schon eine Woche lang jedes Mal abgewiesen.“

Ein müdes Grinsen huschte über sein Gesicht.

„Ein Krug Bier macht die Welt vielleicht nicht besser.“

Er zuckte mit den Schultern.

„Aber für einen Abend vergisst man sie vielleicht.“

Darian schwieg.

Er blickte zu den flackernden Lichtern der Schankstuben.

Von dort drangen Gelächter, Stimmen und das Klirren von Krügen herüber.

Zum ersten Mal seit dem Fall Nordwachts klangen sie fast wie ein Stück normales Leben.

Fast.

Corvin erhob sich bereits und klopfte den Staub von seiner Hose.

Dann drehte er sich noch einmal zu Darian um.

„Also?“

Er wartete.

Und Darian spürte, dass auch diese Entscheidung – so klein sie im Vergleich zu den vergangenen Wochen erscheinen mochte – etwas darüber aussagen würde, wie er mit dem überlebte, was hinter ihm lag.

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