What's next?
Verhandlungen mit der Baronin
Für James begann ein anstrengendes Wochenende. Die Ratsmitglieder in ihren dämlichen Kostümen und Perücken wurden zuerst von einem Praioten angelobt und gesegnet, bevor der elendslangweilige Sitzungsalltag begann. Stundenlang wurde über Formulierungen von Petitionen gestritten, welche dann abgelehnt wurden. Wenn etwas beschlossen wurde, so musste der Kaiser dies nicht einmal kommentieren, geschweige denn umsetzen. Er lernte hier jede Menge verschiedenster Persönlichkeiten kennen, welche ihn im späteren Leben auf die gute oder die andere Weise behilflich sein könnten. Sein größter Vorteil auf diesem Parkett war sein eidetisches Gedächtnis; er vergaß kein Gesicht, keine Namen und kein Wort, egal ob geschrieben oder gesprochen. Nach Sitzungsende, spät am abend ging er in den Rajah Tempel, dort betete er um den Beistand der Göttin für seine Freundin und er versuchte diesem Begehren mit einer ordentlichen Spende Nachdruck zu verleihen.
Vicky erwachte früh, aber sie trödelten absichtlich; die dreißig Meilen zum Schloss hätten sie auch bis Mittag schaffen können, aber sie waren nicht scharf darauf, zu früh anzukommen, denn der Etikette war auch Genüge getan, wenn sie erst bei Sonnenuntergang ankämen.
Sie gingen nochmals durch, was sie sich ausgemacht hatten, Vicky betete und opferte an jedem Schrein, an dem Sie vorbeikam und die Rahjastunde über, flehte sie die berauschende Göttin und ihre Geschwister um ihren Beistand an.
Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichten sie das Schloss, in dem Vicky ihre Jugend verbracht hatte und das ihr auf einmal so fremd vorkam. Lola meldete sie an, immerhin war sie ja James Vertreterin und sie wurden sogleich auf ihr Zimmer geführt, die Baronin würde sie in einer Stunde beim Abendessen erwarten. Das Zimmer stellte sich als das heraus, das James vor zwei Wochen bewohnte, was sie als gutes Zeichen werteten, aber dass es die Baronin nicht eilig hatte, sie zu sehen, wunderte sie doch. Sie machten sich frisch, Vicky legte ein schlichtes, nicht zu reizvolles grünes Kleid an. Den Keuschheitsgürtel hatte sie kaum gespürt, aber er verlieh ihr nicht nur Sicherheit für das Kommende, durch ihn konnte sie James fühlen, als wären es seine Hände, die sie bedeckten. Lola blieb in ihrer Rüstung, sie war in offiziellem Auftrag hier und als Absolventin einer Kriegerakademie wäre ein Kleid für sie unpassend gewesen. Konzentriert und gefasst schritten sie die Treppen hinunter in den Speisesaal. Bevor sie den Saal betraten, sprachen sie gemeinsam ein Gebet und Lola erinnerte Vicky nochmals an die wichtigsten Punkte, ehe sie der Baronin gegenübertreten wollten.
Der Wein der berauschenden Göttin milderte seine Ängste, doch als man ihm den dritten Becher verwehrte, machte sich James auf der Suche nach Ablenkung, auf ins Hafenviertel.
“Da sind ja unsere Ehrengäste”, war Lisa es, die sie als Erste erblickte. Lola voran, schritten sie zur Baronin, welche am linken Ende des Tisches mit ihrer Begleitung saß. Lola beugte ihr Knie, während Vicky hinter ihr einen tiefen Knicks machte.
“Erhebt Euch, meine Lieben. Und ihr stellt Euch bitte vor”, gab sich die Baronin ganz locker. Sie trug ein Kleid aus feinem, schwarzem Leder; sie war gut geschminkt und zeigte für ihr Alter sehr viel Haut, alles wie immer. Lola und Vicky erhoben sich.
“Ich bin Lola Tommersdottier aus Grangor, James hat mich beauftragt, an seiner Stelle Vicky hierher zu geleiten, mit Euch die Abfindung für ihre Ausbildung zu erledigen und sie wieder zurückzubringen. Ich habe die Vollmacht dabei...'', sie wollte ihre Brieftasche hervorkramen, aber die Baronin winkte ab.
“Und was hat den Lehnsherren abgehalten?”
"Dieses Wochenende findet die konstituierende Sitzung des Reichsrates in Vinsalt statt und da James seine Verpflichtungen sehr ernst nimmt, hat er mich geschickt.”
“Ihr seid eine hübsche Frau, ich nehme an, ihr verbergt Euch nicht ohne Grund in dieser Rüstung?”
“Ich bin Absolventin der Kriegerakademie zu Vinsalt, daher habe ich bei offiziellen Anlässen Rüstung und Waffe zu tragen.”
“Ich dachte, dort werden nur Zöglinge von altem Blut angenommen und in Eurem Namen kam kein ‘von’ vor?”
“Ich wurde auf Bitte der Rondrakirche geprüft und angenommen.”
“Dann müsst ihr ja wirklich gut sein. Aber ich würde vorschlagen, wir essen und regeln im Anschluss das Geschäftliche, damit ihr aus dem unbequemen Stahl rauskommt. Helena, bring das Essen!”
Lola und Vicky setzen sich auf die ihnen zugewiesenen Plätze am Tisch. Vicky war so konzentriert und auf die Baronin fixiert gewesen, dass sie deren Begleitung gar nicht wahrgenommen hatte, was sich nun schlagartig änderte, als die Baronin nochmals das Wort an Lola richtete.
“Wie unhöflich von mir. Ich muss Euch ja noch meine Abendbegleitung vorstellen, mein lieber Freund Baron Lothar vom Grautann.” Erst als Vicky den Namen hörte, schaute sie sich ihn an und erkannte ihn sofort, davor hatte sie ihn zu wenig beachtet. Obwohl alles in ihr danach schrie, ihm die Augen auszukratzen, behielt sie die Fassung und ließ sich nichts anmerken.
“Ihr beiden kennt Euch ja noch,” meinte die Baronin an die sich gerade gegenseitig abschätzenden Vicky und Lothar gerichtet. Das war ein Tiefschlag, auf den sie nicht vorbereitet war, sie musste vorsichtig bleiben, aber noch war nichts passiert.
Das Essen wurde von der Gräfin genutzt, um mehr über Vickys neues Aufgabengebiet und Lola zu erfahren, wobei zwischenzeitliche Anspielungen auf einen Vorfall zwischen Lothar und Vicky nicht ausblieben. Die Anspielungen waren so vage, dass Lola von alledem nichts mitbekam. Lothar versuchte sie zu überspielen, Vicky blieb auch sachlich und ließ sich zu keinen unbedachten Regungen hinreißen. Die Baronin zeigte sich als interessierte und bemühte Gastgeberin, allerdings ließ sich Lola nur zum Schein von ihr einlullen und sie entsagte dem Wein, während Lothar und Vicky nicht an der Teilnahme am Tischgespräch interessiert waren, Lothar aber dem Wein durchaus zugetan war. Nach der Nachspeise führte die Baronin Lothar und Vicky in den Blauen Salon, sie selbst ging mit Lola in ihr Büro, um dort die Verhandlungen zu führen.
“Kaffee, Tee, oder doch was härteres?", fragte die lächelnde Baronin Lola, nachdem diese platzgenommen hatte. Es war ein beeindruckendes Büro, Bilder von Ahnen und Jagdbeute an den Wänden, überall weiche Teppiche und diverser Prunk, der hier zur Schau gestellt wurde. Ein gewaltiger Schreibtisch aus schwarzem Tropenholz, vor dem Lola sich, in ihrem bequemen Stuhl sitzend, klein vorkam und sich auch beeindrucken hätte lassen, wäre sie nicht genau darauf vorbereitet gewesen.
“Eine Tasse Tee wäre wundervoll, Baronin!” Lola hatte nicht damit gerechnet, dass die Baronin selbst aufstand, um ihr Tee zu machen. Noch während sie den Tee ziehen ließ, begann die Schacherei.
“Ich hoffe James ist sich ihres Wertes bewusst, die Kleine ist nicht nur hübsch, sondern mindestens genau so schlau. Und es hat mich lange Jahre gekostet, sie zu erziehen."
“James weiß sehr gut, welchen Wert Vicky für ihn hat und ist gewillt, Euch dementsprechend zu entschädigen.”
“Das ist gut zu hören. Sie liegt auch mir am Herzen, daher würde ich es begrüßen, wenn sie zu jemandem kommt, der sie heiratet und glücklich macht. Aber ich weiß nicht, ob es schon an der Zeit dafür ist.”
“Was wollt ihr damit sagen?”
“Ich möchte Euch vorschlagen, dass Vicky mein Mündel bleibt, aber ich sie, sagen wir für ein Jahr, James überlasse. Quasi als Verlängerung der Probezeit.”
“James hat mich ausdrücklich damit beauftragt sie bei Euch auszulösen. Eine weitere Verlängerung der Probezeit ist nicht in seinem Sinn.”
“Nun gut und was für eine Art von Handel schwebt James vor?”
“Ihr übergebt die Vormundschaft an James und werdet dafür angemessen entschädigt.”
“Das wäre natürlich eine Möglichkeit, aber wenn er ihr in ein paar Jahren überdrüssig ist, was geschieht dann? Lässt er sie dann irgendwo verschwinden, weil sie zu viel weiß”
“Das wird so nicht geschehen!”
“Wie könnt ihr das nur sagen? Wisst ihr nicht, wie die Menschen sind, Männer im Speziellen?”
Lola blieb still.
“Ich bin bereit, auf einen Teil der Ablöse zu verzichten, wenn ich sie zu einer Freien Bürgerin erkläre und sie damit selbst ihres Glückes Schmied wird.”
Mit diesem Vorschlag seitens der Baronin hatte sie nicht gerechnet, aber da James dies ohnehin vorhatte, erweckte sie den Eindruck darüber nachzudenken, ehe sie erfreut zustimmte.
“Ich denke, soweit sind wir uns einig.”
“Das freut mich zu hören. Bevor ich Ihnen den Preis nenne, möchte ich noch darauf hinweisen, dass Vicky mit einer Garderobe für wirklich alle Gelegenheiten ausgestattet wurde. Alleine Ihre Unterwäsche kostete mich Hunderte Dukaten.”
“Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Wie viel?"
“Seit letztem Jahr macht sie meine Steuern, das hat mir 400 Dukaten gespart.”
“Damit hat sie die Wäsche ja schon bezahlt.”
“Ihr seid unverschämt”, entgegnete die grinsende Baronin.
“Unverschämt wäre es, den Preis zu hoch zu treiben!”
Die beiden Frauen starrten sich an, aber beide hatten ein Lächeln auf den Lippen. Das Duell brachte keinen Sieger, denn die Baronin machte den Tee fertig.
“Honig? Milch? Zitrone?”
“Honig und Zitrone, bitte.”
Die Damen nahmen ihre Plätze ein und genossen den Tee, dann wollte Lola endlich eine Zahl hören.
“Wieviel?”
“Tausend Dukaten!”
“Das kann nicht Euer Ernst sein.” Ich möchte noch auf die Freundschaft von James mit dem Grafen und Herrn des Hauses el Draco hinweisen und, dass er diese Transaktion mehr als nur gutheißt. Und bevor ich euch nochmals frage, kann ich Euch von James Stillschweigen über alles, was Vickys Ausbildung betrifft, zusichern, wenn sich das im Preis entsprechend niederschlägt.”
“Ihr schreckt vor gar nichts zurück?”, doch die Stimme der Gräfin klang anerkennend.
“Wenn ihr das sagt.”
“Fünfhundert, bei aller Freundschaft”
Lola erhob sich und musste sich strecken, um in die Reichweite der Baronin zu kommen, um ihr die rechte Hand hinzuhalten.
“Bei Phex! So soll es sein!”
“So soll es sein!” sprach die Baronin und schlug ein.
“Dann kommen wir zur Bezahlung”, Lola zog ihre Brieftasche hervor und packte den Scheck des Grafen aus.
“Ich hoffe der Scheck ist gedeckt”, sagte die Baronin und reichte Lola eine Feder. Lola schrieb den Betrag in Worten auf das Schriftstück und wartete bis sie Tinte trocken war. Dann hielt sie der neugierigen Baronin den Scheck hin.
“Toche! Gut gespielt, ihr hättet auch gleich sagen können, dass Alphonso zahlt.” Die Baronin versuchte, sich als gute Verliererin darzustellen.
”Hat Euch das Spiel keine Freude gemacht?”, versuchte Lola ihren Sieg auszukosten.
“Durchaus, aber ich bevorzuge andere Spielchen“, sagte die Baronin, ging zur Bar und füllte sich ein Glas.
“Seit ihr jetzt auch soweit?”, fragte sie und deutete auf ein zweites Glas.
“Sobald ihr Vicky offiziell freigebt, gerne.”
“Aber natürlich”
Die Baronin stellte rasch das Dokument aus, welches Vicky in den Stand einer freien Bürgerin erhob. Die Damen gönnten sich noch zwei Gläser Hochprozentigem, ehe sie Vicky dazu holten.
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