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ein Schatten der Vergangenheit

Chapter 89 by Geilspecht99 Geilspecht99

Vicky graute es davor, mit Lothar alleine in einem Raum zu sein. Dabei ärgerte sie ihre damalige Enttäuschung nun doch deutlich weniger, als sie eigentlich erwartet hätte. _Was wollte die Gräfin mit diesem ach so zufälligen Treffen bezwecken? _Aber sofort merkte sie, dass es nicht nur ihr unangenehm war. Während sie sich nur ein Glas Wasser nahm, füllte Lothar das seine bis zum Rand mit dem schweren Rotwein, bevor er sich ihr gegenübersetzte. Einige unangenehme Minuten vergingen, ohne dass sich einer der beiden etwas zu sagen getraut hätte. Gerade als sich Vicky mit der Stille angefreundet hatte und ihre Gedanken weg von Lothar, hin zu den Verhandlungen, die Lola führte, lenkte, da räusperte er sich.

“Es tut mir leid”, flüsterte er zaghaft.
“Es muss dir nichts leid tun, es ist alles gut, so wie es ist”, seltsamerweise war dies keine reine Lüge mehr, wie noch vor ein paar Wochen.
“Ich hätte es versucht, aber mein Vater hat mich in die Akademi gesteckt.”
“Du hast dir nichts vorzuwerfen”, antwortete sie diplomatisch, auch wenn das Gegenteil aus ihrer Sicht eher der Wahrheit entsprochen hätte. Lothar konnte nicht sagen, ob sie ehrlich war oder ob nur der Trotz aus ihr sprach und eine weitere Pause entstand.

“Wie ich mitbekommen habe, hat einer der Fünfe vor, dich aus den Diensten der Baronin freizukaufen. Du schaffst es doch noch, von hier wegzukommen”, versuchte er wieder ein Gespräch aufzunehmen.
Zu spät, die Zeit mit dir und die in der Folge zerstörte Hoffnung haben mich erst richtig in die Arme der Baronin und ihres Kultes getrieben, hätte sie am liebsten geantwortet. So aber sagte sie einfach:
“Ich werde als Vögtin James neues Lehen verwalten.”
“Ich wünsche Euch das Beste”, diese Aussage schien von Herzen zu kommen, aber im Schloss el Draco vertraute sie niemandem.
“Vielen Dank!” So sehr sie ihm auch glauben wollte und ihn für einen ehrliche Haut hielt, so wenig glaubte sie an Zufälle. Sie erwartete insgeheim, dass Lothar mit der Baronin unter einer Decke stecken würde und nur mit ihr allein war, um sie zu testen. Ihr Gewissen drängte sie dazu, den jungen Lothar vor der Baronin zu warnen, doch wenn sie dies tat, würde sie alles riskieren. Selbst wenn Lothar einer der Guten war, so musste sie davon ausgehen, dass sie von Eingeweihten beobachtet und belauscht wurden. Wieder einmal entschied sie sich, kein Risiko einzugehen, das ihre Zukunft gefährden würde, wenn auch schweren Herzens. Um ihm zu demonstrieren, dass die Ereignisse der Vergangenheit bei ihr keine Spuren hinterlassen hätten, begann sie nun nachzufragen. Im Zuge des Gespräches wurden beide lockerer und so erfuhr Vicky einiges über Lothar. Er war in der Kriegerakademie in Arivor aufgenommen worden und hatte sich im Bürgerkrieg bewiesen können. Und wie es der Zufall so wollte, hatte er eine Woche Urlaub und damit auch zum ersten Mal die Gelegenheit, hierher zurückzukommen. Vicky war weiterhin skeptisch, denn dann hätte er sie auch nach drei Jahren noch nicht vergessen. Zum Glück war ihr Herz bereits vergeben, sonst hätte sie ihre romantische Ader eventuell doch noch leichtgläubig werden lassen.

Dann ging es ganz schnell. Helena kam herein und führte sie ins Büro der Baronin. Zuerst sah sie nur das zufriedene Gesicht der Baronin und befürchtete schon das Schlimmste, erst dann sah sie auch Lola lächeln und entspannte sich. Die Baronin kam zu ihr und umarmte sie wie eine alte Freundin, Vicky ward zur Salzsäule erstarrt, so absurd war der Moment für sie. Dann wurde ihr die Urkunde überreicht, die sie zu einer freien Bürgerin machte und nur wie durch einen Schleier nahm sie wahr, dass sie Stillschweigen über ihre Ausbildung bewahren musste und sich außerdem noch all ihre Kleidung mitnehmen durfte. Schließlich wurde sie auch von Lola umarmt, was sich weit besser anfühlte. Der Handel wurde nochmals gemeinsam mit einem Schnaps gefeiert, bei dem auch Lothar gratulierte. Dann sprach die Baronin eine Einladung für eine nächtliche Unterhaltung gleich im Anschluss aus, wobei sie aber vage blieb. Lola war erst nicht sicher, was gemeint war und auch Lothar war, zwar schon angeheitert, aber doch motiviert für weitere Aktivitäten. Doch Vicky sagte in eindeutigem Ton, dass sie ihre Tage hatte und sie damit ein weiches Bett jeglicher Unterhaltung vorziehen würde. Lola schloss sich ihr umgehend an und da Vicky nicht dabei war, verlor auch Lothar das Interesse. Ganz so einfach wollte sich die Baronin doch nicht geschlagen geben und füllte abermals die Gläser. Als die Baronin fragte, wie sich die anderen beiden unterhalten hatten, leitete Vicky das Thema geschickt zu Lothars Ausbildung in der Akademie zu Arivor. Das wiederum war für Lola interessant und sie begann mit Lothar zu palavern, was die Baronin wiederum nutzte, um mit Vicky ein paar private Worte zu wechseln. Erst wollte sie Vicky doch noch überreden, an der nächtlichen Orgie teilzunehmen. Immerhin wäre sie jetzt ja mehr als nur ein hübsches Stück Frau, ihr Rang würde sie von der Gefolterten zur Folternden machen, wenn sie dies wünsche. Sie hätte doch sicher noch ein paar offene Rechnungen mit dem Gesinde, die Baronin versprach ihr heute Abend freie Hand. Vicky wollte gar nicht darüber nachdenken, was diese Formulierung zu bedeuten hätte und schob alle alten Rachegelüste beiseite. Die Baronin trieb es noch weiter auf die Spitze und bot ihr sogar an, sich an Lothar rächen zu dürfen. Aber Vicky meinte, sie hätte mit ihm anderes im Sinne und deutete damit ein unbestimmtes Übel an. Damit gab sich die Baronin zufrieden und meinte noch, Vicky sollte sich jetzt mal an den Ernst des Lebens gewöhnen und es trotzdem genießen, sie würde sich noch früh genug bei ihr melden. Vicky lächelte freundlich, aber dieser letzte Halbsatz bedeutete genau das, was Vicky befürchtet hatte: Es war nicht vorbei, es begann nur ein neues Kapitel.


James begann eine Zechtour durch die Hauptstadt, um zu vergessen, was alles schief gehen könnte.


Die dritte Nachfüllung konnten Lola und Vicky mit vereinten Kräften abwehren und sie gingen schon einigermaßen beduselt ins Bett. Lothar trank noch eine Runde mit der Baronin, aber er würde auch nicht mehr lange wach bleiben können.

Im Zimmer sperrte die offensichtlich noch zurechnungsfähige Lola ab, blockierte die Türe und verschloss die Fensterläden. Dann brachte sie noch ein paar Glöckchen geschickt so an, dass keiner unbemerkt einen Zugang öffnen konnte. Die schwer beeinträchtigte Vicky fragte Lola, ob ihr der Alkohol gar nichts ausmache, woraufhin diese erwiderte, dass sie auf der Akademie nicht nur das Kämpfen gelernt hatte und sie reichte ihr ein volles Glas Wasser. Vicky machte sich noch frisch, was ihr angesichts des Alkohols gar nicht so leicht fiel und fand Lola immer noch in Rüstung auf ihrer Bettseite liegen. Sowohl Schwert als auch Schild waren griffbereit, am Nachtkästchen lag ein Langdolch. Der verwunderten Vicky wurde erklärt, dass Lola sich im Dienst befinde und sie ihre Aufgabe ernst nehme. Die Verhandlungen waren zu einfach gelaufen und sie vermutete (zu Recht), dass sie etwas Wichtiges übersehen hatte, daher wollte sie besonders vorsichtig bleiben. Vicky war im Nu eingeschlafen und auch Lola machte es sich bequem, um zu ruhen. Von der Bestrafung Helenas bekamen sie beide nichts mit, was auch daran lag, dass sie in einem anderen Trakt des Schlosses vonstattenging.


Wenn nicht Reinbrechts in der gleichen Kneipe abgesoffen wäre, hätte es übel ausgehen können, aber als James endgültig umkippte, brachte ihn der Zwerg in den Palast zurück. Reinbrecht machte aber nochmals kehrt, um selbst noch bis in den Morgen weiter zu zechen.


Das Morgengrauen zeichnete sich schon am Himmel ab, da schreckte Lola auf, Vicky kreischte wie wild und schlug um sich. Offensichtlich hatte sie einen intensiven Alptraum, es war nicht einfach, sie zu wecken und zu beruhigen. Vicky verneinte die Frage Lolas, ob sie sich an den Inhalt des Traumes erinnern könne. Ihre Antwort war eine blanke Lüge, wie könnte sie nur vergessen, dass die Baronin im Traum von ihr verlangte, James in ihrer Hochzeitsnacht umzubringen.

Dass die Baronin bei alledem nichts Wichtiges, (was sind schon ein paar Hundert Dukaten,) verloren hatte, konnten Lola und James nicht wissen.
Vicky dachte zu dem Zeitpunkt noch nicht daran, dass die Baronin von ihr, in ihrer neuen Position, profitieren wollen würde und daher mit den Entwicklungen eigentlich sehr zufrieden war. Dieser Punkt war Vickys Damoklesschwert,von dem sie noch nicht einmal wusste. Die Baronin hatte sie in der Hand, weshalb sie auch keine Angst vor Vicky haben musste und sich im Zweifel auf sie verlassen konnte.

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