What's next?
Unter der Haut
Die Fahrt durch das abendliche Berlin verlief in fast vollständiger Stille. Draußen zogen die Lichter der Stadt an den Scheiben vorbei, während mein Entschluss tief in mir nachhallte. Es gab kein Zurück mehr. Ich hatte mein Einverständnis gegeben.
Sowohl Loona als auch Nadja hatten sich für diesen Abend kompromisslos in Schale geworfen – ein düsterer, atemberaubender Gothic-BDSM-Stil, der ihre Macht und ihren Anspruch mit jedem Detail unterstrich und den Kontrast zu meiner eigenen Wehrlosigkeit ins Unerträgliche steigerte.
Loona trug ein maßgeschneidertes, tiefschwarzes Kleid aus schwerem Mattleder mit hochgeschlossenem Stehkragen und silbernen Ringschließen entlang der Flanken, das jede Kurve ihrer schmalen Taille betonte. Ihre langen Beine steckten in blickdichten, seidenmatten Strümpfen, die in kniehohen, scharf geschnittenen Schnürstiefeln mit messerscharfen Stilettoabsätzen und silbernen Schnallen endeten. Ihr tiefschwarzes Haar lag in einem straffen Zopf am Hinterkopf, die Lippen waren fast schwarz geschminkt, und ihr vertrauter, schwerer Vanilleduft erfüllte den Wagen wie ein herrschaftliches Siegel.
Nadja verkörperte eine ebenso düstere, aber noch verspieltere Variante dieses Looks: ein eng anliegendes Samtkorsett über einem asymmetrischen Mesh-Top mit zerrissenen Säumen, dazu ein kurzer Faltenrock aus tiefschwarzem Lack und overkneehohe Plateaustiefel aus poliertem Leder, deren Schnallen bei jeder kleinsten Bewegung leise klirrten. Ein breiter Lederchoker mit einem massiven O-Ring lag eng um ihren Hals, ihre dunklen Locken fielen wild um die Wangen, und der schwere, herbe Duft von Patschuli und Leder strömte bei jeder ihrer Gesten aus. Beide Frauen wirkten wie Gestalten aus einer elitären, unantastbaren Schattenwelt – bereit für einen exklusiven Abend, an dem ich nicht mehr als das mitgeführte Ausstellungsstück war.
Der Wagen hielt schließlich in einer ruhigen Seitenstraße vor einer alten Gewerbe-Einfahrt. Hinter den hohen Fenstern des Studios brannte kein helles Verkaufslicht mehr; das offizielle Neonschild war ausgeschaltet und die Jalousien waren fast vollständig herabgelassen. Ein dezenter Schriftzug an der Glastür wies das Studio aus, doch der reguläre Betrieb war für heute längst beendet.
Wir stiegen aus. Als wir vor der Tür standen, klopfte Nadja mit ihren manikürten Fingernägeln schwungvoll gegen das Sicherheitsglas.
Nur Sekunden später löste sich eine Gestalt aus den Schatten des Studios. Ein Schlüssel drehte sich hörbar im Schloss, die schwere Tür glitt auf, und uns schlug der herbe Geruch von Desinfektionsmittel, Maschinenöl, kaltem Espresso und schwerem Aftershave entgegen.
Im Türrahmen stand ein Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er mochte Anfang dreißig sein, hochgewachsen und von athletischer, ausgeprägt muskulöser Statur. Ein schlichtes schwarzes Muskelshirt betonte seine breiten Schultern und die definierte Brust, während dunkle, schwere Silberketten an seinem Hals im Halbdunkel aufblitzten. Seine gebräunten Arme waren von den Fingerknöcheln bis hinauf zum Nackenansatz dicht mit dunklen, kontrastreichen Tattoos überzogen. Der Fremde strahlte jene unverschämte, selbstgefällige Männlichkeit aus, die keinen Zweifel daran ließ, dass er gewohnt war, im Mittelpunkt zu stehen und sich zu nehmen, was er wollte.
„Na, endlich“, sagte der Mann mit tiefer, rauer Stimme und lehnte sich lässig gegen den Türrahmen. Ein selbstsicheres Grinsen trat auf seine Züge, als sein Blick direkt an Nadja hängenblieb. „Ich dachte schon, du versetzt mich heute Abend. Siehst verdammt heiß aus, Kleines.“
„Als ob ich dich jemals warten lassen würde“, entgegnete Nadja mit einem koketten Lachen. Sie trat schwungvoll vor, stellte sich dicht vor ihn und gab ihm ein angedeutetes Bussi auf die Wange, bei dem ihre Fingerspitze ganz beiläufig über den harten Bizeps seines Oberarms strich. „Wir hatten noch etwas Wichtiges zu besprechen. Du weißt doch, wie gründlich wir sind.“
Der Tätowierer lachte leise auf, musterte ihren Körper in dem knappen Lackrock und den Stiefeln mit unverhohlenem Interesse und schüttelte amüsiert den Kopf. „Bei dir weiß ich das ganz genau. Komm rein.“
Er trat einen Schritt zur Seite, um Nadja und Loona den Vortritt zu lassen. Als ich als Letzter die Schwelle übertreten wollte, wanderte sein Blick zu mir herab. Das charmante Grinsen auf seinen Lippen wich sofort einem kühlen, herablassenden Schmunzeln. Er taxierte mich von Kopf bis Fuß – meinen ordentlichen Mantel, den bürgerlichen Schnitt meiner Haare, meine sichtlich angespannte Haltung.
„Und das ist der Kandidat?“, fragte der Tätowierer trocken über meine Schulter hinweg an die beiden Frauen gewandt. „Sieht ja fast ein bisschen blass um die Nase aus.“
„Er ist perfekt vorbereitet“, stellte Loona mit schneidender Gelassenheit klar, während sie ihren Mantel ablegte, das enge Lederkleid glattstrich und sich mit übereinandergeschlagenen Stiefelbeinen auf die Couch im Wartebereich setzte. „Mach einfach deine Arbeit.“
Der Mann schloss die Tür hinter mir ab. Das metallische Klicken des Riegels schnitt jeden Fluchtweg ab.
Drinnen war das Studio weitläufig und modern eingerichtet: Sichtbeton, alte Fabriklampen, mehrere sterile Arbeitsplätze mit Liegen aus schwarzem Leder und beleuchtete Vitrinen.
Auf dem Arbeitstisch hatte er bereits seine Utensilien hergerichtet. Er zog sich ein Paar schwarze Nitrilhandschuhe über die tätowierten Hände, ließ das Latex mit einem trockenen Schnalzen an seinen Handgelenken anliegen und wandte sich wieder an Nadja.
„Ich hab mir deinen Entwurf angeschaut“, sagte er, während er Nadja ein vielsagendes Zwinkern zuwarf. „Ziemlich eindeutige Linienführung. Gefällt mir. Schön sauber, minimalistisch, aber wer die Szene kennt, weiß sofort Bescheid. Du stehst eben auf klare Verhältnisse.“
„Immer“, erwiderte Nadja amüsiert, lehnte sich an die Kante seines Zeichentischs und verschränkte die Beine, sodass ihre Plateaustiefel und der Lackrock perfekt zur Geltung kamen. „Halbe Sachen sind langweilig, das weißt du doch am besten.“
Die Mundwinkel des Tätowierers zuckten. Er beugte sich ein Stück zu ihr vor, seine Stimme wurde eine Nuance dunkler: „Wenn du das sagst. Wir sollten nachher noch einen Drink nehmen, wenn wir hier durch sind. Nur wir beide.“
„Mal sehen, wie brav du arbeitest, Ben“, entgegnete Nadja mit einem heiteren Glänzen in den Augen und erwiderte seinen Flirt vollkommen ungeniert.
Während die beiden diesen leichten, selbstverständlichen Schlagabtausch führten, stand ich wie ein Fremdkörper daneben, und mein Kopfkino begann augenblicklich zu rotieren. Die Demütigung brannte heiß und schneidend in meinen Adern. Hier stand dieser Ben – muskulös, ungehemmt, attraktiv, frei von jeder Fessel –, der ganz offen mit Nadja flirtete und auf mich herabblickte wie auf ein minderwertiges Werkstück. Und ich? Ich war ein angehender Arzt, doch hier drin war ich nichts weiter als ein disziplinierter Körper, eingesperrt in fünfunddreißig Millimeter Chirurgenstahl, vollkommen ausgeliefert vor einem Mann, der all das verkörperte, was ich niemals sein würde.
Ben wandte sich schließlich mir zu. Seine Miene wurde wieder rein geschäftsmäßig, getragen von jener beiläufigen Überlegenheit, die mich noch kleiner machte.
„Mantel aus, Jacke aus“, befahl Ben knapp. „Hose und Unterwäsche runter bis zu den Knien. Auf die Liege, seitlich hinlegen, rechtes Bein gestreckt.“
Meine Hände zitterten leicht, als ich den Reißverschluss meiner Jacke öffnete. Mein Mund war trocken wie Sandpapier. Vor den Augen der beiden in schwarzem Leder und Samt hergerichteten Frauen und unter dem abfälligen Blick des Tätowierers öffnete ich meinen Gürtel. Der Denim meiner Jeans glitt zu Boden, gefolgt von dem Stoff darunter.
Die kühle Luft des Studios legte sich auf meine makellos glatte, vollkommen haarlose Haut. Und dort, grell beleuchtet von der Arbeitslampe, lag der Neuköllner Chirurgenstahlkäfig unbarmherzig frei. Das Vorhängeschloss, die feinen Streben und das M10-Gewinde an der Frontplatte spiegelten das Licht wider.
Ben hielt einen Moment inne. Seine Augenbrauen wanderten nach oben, und ein spöttisches, heiseres Lachen entwich seiner Kehle.
„Sauber verarbeitet“, kommentierte Ben trocken und tippte mit dem behandschuhten Zeigefinger beiläufig gegen das kühle Metall über meinem Schambein. Ein helles, metallisches Klingen hallte durch den Raum, das mir wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder fuhr. „Nicht schlecht. Da hat jemand ganze Arbeit geleistet. Sitzt bombenfest, was?“
Loona nippte ungerührt an dem Espresso, den Ben ihr hingestellt hatte, und lächelte kühl von der Couch herüber. „Er hat keinen Millimeter Spielraum. Und genau so soll es bleiben.“
„Gefällt mir“, meinte Ben achselzuckend, packte mich an der Schulter und drückte mich ohne jede falsche Rücksichtnahme seitlich auf das schwarze Leder der Liege. „Nicht zappeln, Mediziner. Je ruhiger du hältst, desto schneller hast du es hinter dir.“
Er griff nach einer Sprühflasche mit Desinfektionsmittel. Der eiskalte Nebel traf meine empfindliche Haut knapp über dem rechten Beckenkamm und lief in dünnen Tropfen bis dicht an den Rand des stählernen Basisrings hinab. Ben rieb die Stelle mit einem Papiertuch grob ab. Dann nahm er das feine Pauspapier mit dem Motiv zur Hand: das nach unten weisende Dreieck mit dem integrierten Venuselement.
Loona erhob sich nun mit geschmeidiger Ruhe von der Couch. Das Leder ihres Kleides knarrte leise, und das Klacken ihrer Stilettoabsätze auf dem Betonboden klang wie der Takt einer Hinrichtung. Sie trat an die Liege heran, stellte sich direkt neben Ben und beugte sich vor, sodass ihr schwerer Vanilleduft den sterilen Geruch des Desinfektionsmittels vollkommen verdrängte. Ihre kühlen Finger strichen beiläufig, aber besitzergreifend über meinen freiliegenden Brustkorb, ehe sie Ben prüfend über die Schulter sah.
„Ein Stück tiefer, Ben“, dirigierte Loona mit ruhiger, unmissverständlicher Bestimmtheit. „Direkt auf die Knochenkante. Genau so, dass es knapp über dem Hosenbund hervorblitzt, wenn er den Kittel ablegt. Ich will, dass er es jeden Tag spürt.“
„Geht klar, Chefin“, antwortete Ben mit einem schiefen Grinsen, akzeptierte ihre Führung ohne Umschweife, drückte die Schablone fest auf meine Haut und zog das Trägerpapier ab. Die violetten Linien standen gestochen scharf auf meinem Fleisch. „Perfekt.“
Nadja beobachtete das Ganze amüsiert von der Seite, nippte an ihrem Glas und lächelte mir spöttisch zu, während Loona ihre Hand noch einen Moment auf meinen Rippen ruhen ließ, ehe sie wieder einen Schritt zurücktrat.
Ben trat an sein Pedal, griff nach der Tätowiermaschine und setzte eine frische Nadel ein. Er tauchte die Spitze in das winzige Farbtöpfchen mit tiefschwarzer Tinte.
Das hochfrequente, aggressive Surren der Tattoomaschine zerschnitt die Stille des Raumes.
Mein Puls raste, mein Herz schlug bis zum Hals. Vor meinen Augen lief der Film ab, den ich mir vorhin noch in Gedanken ausgemalt hatte: Ich lag nackt und wehrlos vor einem anderen Mann, der mich wie ein Tier markierte, während die Frau, die mich beherrschte, den Ton angab und ihre Freundin daneben saß, flirtete und meine endgültige Entmachtung besiegelte.
„Halt still“, sagte Ben mit rauer Ruhe. Seine freie Hand legte sich schwer und unerbittlich auf meine Hüfte, drückte mich flach auf die Liege und spannte die Haut über dem Knochen.
Die vibrierende Nadel senkte sich herab. Der erste Stich traf mich wie eine glühende Klinge. Ein brennender, schneidender Schmerz fraß sich direkt in das Periost meines Beckenknochens. Mein ganzer Körper bäumte sich unwillkürlich auf, meine Schenkel spannten sich krampfhaft gegen das stählerne Gehäuse, doch Bens eiserner Griff hielt mich regungslos am Boden.
„Ganz ruhig atmen, Mediziner“, spottete Ben leise über dem Surren der Maschine, während die feinen schwarzen Linien unumkehrbar unter meine Haut gezogen wurden. „Du wolltest es doch genau so.“
Jeder einzelne Stoß der Nadel fühlte sich an wie ein feiner, brennender Draht, der sich unbarmherzig in das Periost meines rechten Beckenknochens schnitt. Doch der körperliche Schmerz war nichts im Vergleich zu der eisigen, lähmenden Schmach, die mich auf dieser Liege förmlich erstickte.
Ich lag seitlich auf dem schwarzen Leder, die Beine angewinkelt, die Jeans und Unterwäsche bis zu den Knien herabgestreift. Völlig schutzlos. Völlig entblößt. Vor Frauen wie Loona, Vanessa oder den Kosmetikerinnen im Salon entkleidet zu werden, war eine Sache gewesen – eine verquere, perverse Dynamik, an die sich mein Verstand in einer Mischung aus Scham und dunkler Faszination gewöhnt hatte. Aber das hier war eine völlig neue, grausame Dimension.
Zum ersten Mal in meinem Leben lag ich so vor einem anderen Mann.
Ben stand über mir. Er verkörperte jeden Zentimeter jener unverschämten, unverwundbaren Männlichkeit, die mir selbst mit jedem Tag ein Stück weiter aberkannt worden war: breitschultrig, durchtrainiert, locker im Muskelshirt, die Haut bedeckt mit massiven Tattoos, frei und souverän in jeder seiner Bewegungen. Ein Kerl, der sich nahm, was er wollte. Und genau dieser Mann hielt mich jetzt mit seiner schweren, tätowierten Hand auf der Liege nieder wie ein Stück Vieh auf der Schlachtbank, während seine andere Hand die surrende Nadel über meinen Knochen führte.
Das grelle, sterile Licht der Arbeitslampe brannte gnadenlos herab. Es fing den matten Schimmer des Neuköllner Chirurgenstahls ein. Die fünfunddreißig Millimeter. Die flache Frontkappe mit dem herausragenden M10-Gewinde. Der asymmetrische Basisring, der sich tief in meine Dammnaht grub. Mein eigenes Fleisch, völlig verkümmert und zusammengequetscht, auf Daumengröße reduziert. All das lag offen da, keine Handbreit von Bens behandschuhten Fingern entfernt.
Er sah es. Er sah alles. Jeder Mann versteht den Ur-Instinkt des eigenen Geschlechts – und Ben sah hier keinen Rivalen, keinen Medizinstudenten der Charité, keinen bürgerlichen Erben. Er sah einen Kerl, der sich von zwei Frauen an die Kette hatte legen lassen. Der sich freiwillig das letzte Stück Würde absperren ließ.
„Musst nicht so verkrampfen, Mediziner“, murmelte Ben mit tiefer, amüsierter Stimme, ohne den Blick von den feinen Linien abzuwenden. Seine Finger drückten sich schwer in meine Hüfte, um die Haut straff zu ziehen. „Je mehr du dich anspannst, desto mehr suppt die Tinte. Schön locker lassen. Geht gleich an die Spitze des Dreiecks.“
Sein Tonfall war nicht einmal offen hasserfüllt – und genau das machte es so unerträglich. Es war die beiläufige, gelassene Herablassung eines Mannes, der auf ein minderwertiges Werkstück herabblickt. Für ihn war ich kein richtiger Mann mehr. Ich war eine lebende Kuriosität, ein zahmes Spielzeug, das zwei schicke Frauen im Schlepptau hatten.
Ein paar Meter hinter der Liege klirrte feines Glas.
„Wie schlägt er sich denn, Ben?“, erklang Nadjas heitere, unbeschwerte Stimme. Sie saß mit übergeschlagenen Beinen auf dem Sofa, ihre kniehohen Plateaustiefel wippten im Takt der Musik, und sie prostete Ben mit dem Rotweinglas zu. „Er ist sonst immer so furchtbar diszipliniert an der Uni. Verzieht er wenigstens mal das Gesicht?“
„Er zittert wie ein nasser Hund, Kleines“, lachte Ben leise auf, während die Nadel in kurzen, präzisen Zügen über meine Knochenkante vibrierte. „Aber stillhalten kann er. Hat wohl gelernt, brav zu sein.“
„Das hat er allerdings“, schaltete sich Loona mit samtener, kühler Gelassenheit ein. Sie saß neben Nadja, eine Königin im schwarzen Mattlederkleid, und musterte das Geschehen mit jener unnahbaren Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, wer hier über wen verfügte. „Er weiß ganz genau, was passiert, wenn er unruhig wird.“
Ben warf Nadja über die Schulter hinweg ein freches, vielsagendes Zwinkern zu. „Harte Schule. Gefällt mir. Wenn du nachher mit mir was trinken gehst, musst du mir unbedingt erzählen, wie ihr zwei den Burschen so handzahm gekriegt habt.“
„Vielleicht verrate ich es dir bei einem Drink“, gab Nadja mit einem koketten Lachen zurück, lehnte sich zurück und ließ ihren Blick amüsiert über Bens breiten Rücken wandern. „Kommt ganz darauf an, wie sauber das Tattoo wird.“
Ich schloss krampfhaft die Augen, doch ich konnte mich der Szene nicht entziehen. In meinen Adern kochte eine Mischung aus bodenloser Verzweiflung und brennender Demütigung. Die beiden Frauen verhandelten vor meinen Ohren ganz offen über einen Flirt mit diesem Typen. Ben flirtete hemmungslos mit Nadja, während er mich mit einer Hand fixierte und mir das Symbol für weibliche Führung in die Flanke brannte.
Und mein eigener Körper? Er verriet mich auf die abscheulichste Art.
Statt mich vor Wut aufzubäumen, schoss bei jedem Wortwechsel, bei jedem herablassenden Lachen dieses Mannes eine dunkle, fiebrige Erregung durch mein Becken. Die Schmach, von einem anderen Mann in diesem Zustand gesehen, angefasst und belächelt zu werden, während die Frauen zusahen und sich amüsierten, war so absolut, dass mein eingesperrtes Fleisch unwillkürlich gegen den Käfig drängte. Die Schwellkörper suchten nach Raum, den es nicht gab, und prallten sofort mit schneidendem Schmerz gegen die fünfunddreißig Millimeter Chirurgenstahl. Der Druck zerrte an den verödeten Haarwurzeln meiner Scham, während das Vorhängeschloss bei jedem Zittern leise gegen die Streben schlug.
Ben spürte die Bewegung unter seinen Händen. Er hielt die Maschine für den Bruchteil einer Sekunde an, wischte das überschüssige Blut und die Tinte mit einem groben Zellstofftuch ab und tippte mit dem Zeigefinger seiner Handschuhe gegen den Zylinder.
Ein trockenes, metallisches Klingen hallte durch das Studio.
„Na sieh mal einer an“, spottete Ben leise, kaum lauter als ein Flüstern, doch jedes Wort traf mich wie eine Ohrfeige. Er beugte sich ein Stück näher zu mir herab, sein Blick haftete direkt auf dem eingesperrten Zylinder. „Da will wohl jemand aufmucken. Scheint dir ja fast zu gefallen, Mediziner, so vor mir zu liegen, was? Kriegst kaum Luft da unten, aber der Puls geht durch die Decke.“
Ich biss mir so fest auf die Unterlippe, dass ich das Blut schmeckte. Ich konnte nichts erwidern. Ich konnte mich nicht wehren. Ich lag da, ein angehender Arzt, reduziert auf eine hilflose, stählerne Röhre.
„Halt ihn fest, Ben“, sagte Loona von der Couch herüber, und ihre Stimme schnitt durch den Raum wie geschliffenes Glas. „Er soll jede Sekunde spüren.“
„Keine Sorge, Chefin“, erwiderte Ben mit rauem Schmunzeln und setzte die Nadel wieder an.
Das Surren der Maschine riss erneut auf, und der nächste Nadelstich bohrte sich tief in meine Haut – das unauslöschliche Zeichen meiner Unterwerfung, gestochen von einem Mann, der mich zutiefst verachtete, vor den Augen der Frauen, denen ich bedingungslos gehörte.
Das schrille Surren der Maschine lief in gleichmäßigen, unbarmherzigen Intervallen weiter.
Bens Hand hielt meine Hüfte wie eine stählerne Zwinge nieder, während er den Wischlappen über die brennende Knochenkante zog und die letzte, feine Linie des Dreiecks schloss. Der Schmerz war stechend und heiß, doch die eigentliche Lähmung saß tiefer: Das Bewusstsein, von diesem durchtrainierten, völlig freien Mann in jedem Detail meiner Unmündigkeit gesehen worden zu sein, brannte sich tiefer ein als die schwarze Tinte unter meine Haut.
„Fertig“, sagte Ben schließlich trocken und nahm den Fuß vom Pedal.
Das plötzliche Verstummen der Nadel hinterließ eine dröhnende Stille im Studio. Ben griff nach einer Sprühflasche mit grünlicher Seifenlauge, sprühte meine Flanke großzügig ein und wischte die Reste von Blut und überschüssiger Farbe mit festem Druck ab. Jeder Zug brannte wie Feuer.
„Saubere Arbeit, wenn ich das mal so sagen darf“, meinte Ben, drehte sich zur Seite und warf Nadja ein selbstgefälliges Grinsen zu. „Feinste Linien. Wer den Code kennt, sieht sofort, wer hier das Sagen hat.“
Loona erhob sich mit geschmeidiger Ruhe von der Couch. Das Leder ihres Kleides knarrte leise, als sie an die Liege herantrat. Ihre Stilettoabsätze klackten mit bedachter Langsamkeit auf dem nackten Betonboden. Sie stellte sich neben Ben, neigte den Kopf leicht zur Seite und begutachtete die frische, gerötete Tätowierung auf meiner rechten Beckenkante.
Das minimalistische Dreieck mit dem integrierten Venussymbol stand gestochen scharf auf meiner hellen, rasierten Haut – direkt an der Knochenlinie, nur zwei Fingerbreit neben dem asymmetrischen Basisring des Chirurgenstahls.
„Perfekt platziert“, urteilte Loona leise. Ein Anflug von eiskalter Zufriedenheit lag auf ihren dunkel geschminkten Lippen. Sie streckte zwei Finger aus und strich ganz sanft über die intakte Haut direkt neben den Schwellungen, ehe sie ihren Blick auf mein schweißnasses, rotes Gesicht richtete. „Klein, präzise und für immer da. Du hast tapfer stillgehalten, John.“
Nadja kam ebenfalls herübergeschlendert, das Glas in der Hand, die hohen Plateaustiefel leise klirrend. Sie lehnte sich an die Kante der Liege, beugte sich so tief hinab, dass ihr herber Duft mir die Sinne benebelte, und kicherte heiter.
„Sieht großartig an dir aus, John“, sagte Nadja mit funkelnden Augen und tippte mit ihrem lackierten Fingernagel neckend an den Rand der Schwellung. „Ein echtes Kunstwerk. Und wenn du morgen im Kittel an der Charité stehst, weiß kein Mensch auf der Welt, was unter deiner Hose lauert – außer uns.“
Ben schüttelte amüsiert den Kopf, zog eine Rolle transparente Suprasorb-Folie hervor und schnitt ein passendes Stück ab.
„Stillhalten, Mediziner“, wies Ben mich an, strich die atmungsaktive Folie glatt über die frische Wunde und drückte die Ränder fest an. „Das bleibt drei Tage drauf. Nicht kratzen, nicht dran rumspielen. Aber das mit dem Nicht-Spielen beherrschst du ja sowieso schon meisterhaft.“
Ein heiseres Lachen entwich seiner Kehle, während er die Nitrilhandschuhe mit einem lauten Schnalzen von den Händen riss und in den Mülleimer warf.
„So“, sagte Ben, wandte mir endgültig den Rücken zu und sah mit unverhohlener Vorfreude zu Nadja. „Mein Teil des Deals steht. Was ist mit unserem Drink, Kleines?“
„Ein andermal vielleicht, Ben“, entgegnete Nadja mit einem koketten Lächeln, zwinkerte ihm charmant zu und strich sich eine dunkle Locke aus der Stirn. „Wir haben heute noch einen langen Abend vor uns. Du weißt doch: Wenn man ein neues Ausstellungsstück hat, will man es nicht gleich verstecken.“
Bens Augenbrauen hoben sich kurz, dann grinste er schulterzuckend. „Schade. Aber lasst euch nicht aufhalten.“
„Anziehen, John“, befahl Loona mit sachlicher Kälte und trat einen Schritt zurück. „Hose hoch, Gürtel zu. Wir brechen auf.“
Mit zitternden Knien richtete ich mich von der Liege auf. Mein Becken brannte, die Folie spannte über dem Knochen, und als der feste Denim meiner Jeans über den Chirurgenstahl und die frische Markierung glitt, fuhr ein schneidender Schmerz durch meine Flanke. Ich schloss den Gürtel, zog meine Jacke über und trat mit gesenktem Kopf neben die Frauen.
Ben begleitete uns zur Glastür, schloss auf und nickte den beiden Frauen zum Abschied zu. Als sein Blick mich ein letztes Mal streifte, lag darin jenes herablassende, amüsierte Grinsen, das mir die Schamesröte erneut in die Wangen trieb.
„Mach’s gut, Mediziner“, spottete Ben leise. „Pass gut auf deine Kette auf.“
Die schwere Studiotür fiel hinter uns ins Schloss. Das metallische Klicken des Riegels besiegelte die Nacht, während die kühle Berliner Abendluft mir ins Gesicht schlug.
Draußen am Straßenrand stand der Wagen bereit. Das Zeichen war in mein Fleisch gebrannt, unumkehrbar und ewig. Und während ich hinter Loona und Nadja herging, spürte ich bei jedem Schritt das Reiben des Stahls und das Brennen der Tinte – die stumme, absolute Gewissheit, dass die bürgerliche Welt, an die ich mich so verzweifelt geklammert hatte, ein weiteres Stück unwiederbringlich verloren war.
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