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Nach dem Tattoo

Die Fahrt zurück nach Steglitz verlief zügig. Der kalte Fahrtwind strich an den Scheiben vorbei, während auf meiner rechten Flanke jeder Herzschlag als dumpfes Pochen widerhallte. Die transparente Folie spannte straff über dem geschwollenen Gewebe, und bei jeder Kurve drückte der Saum der Jeans gegen die frische Wunde.

Vor dem Altbau hielt der Wagen. Wir stiegen aus und gingen die knarrenden Stufen hinauf in die Wohnung. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, wandte sich Loona im dämmrigen Flur um.

„Schuhe aus, Jacke an die Garderobe“, wies Loona mich ruhig an. „Dann ins Bad. Ich will sehen, wie Ben gearbeitet hat und ob die Folie dicht hält.“

Ich zog die Schuhe ab und ging mit steifen Schritten voran in das geflieste Badezimmer. Das grelle Neonlicht über dem Spiegel schmerzte in den Augen. Ich öffnete den Gürtel, schob die Jeans und die Unterwäsche bis zur Mitte der Oberschenkel herab und stellte mich vor das Waschbecken.

Loona trat hinter mich. Im Spiegel begegneten sich unsere Blicke. Ihr dunkles Mattlederkleid und das strenge Styling verliehen ihr eine kühle Eleganz, die in starkem Kontrast zu meiner Blöße stand. Neben ihr lehnte sich Nadja an den Türrahmen, die Arme vor dem Samtkorsett verschränkt, die hohen Plateaustiefel locker aufgestellt, und beobachtete die Szene mit einem amüsierten Lächeln.

Loona beugte sich hinab, ihre kühlen Fingerspitzen tasteten behutsam die Ränder der Suprasorb-Folie ab. Sie strich vorsichtig über die intakte Haut direkt neben den feinen, violett unterlaufenen Linien.

„Kein Austritt von Wundflüssigkeit, die Ränder kleben fest“, stellte Loona sachlich fest. Sie richtete sich auf, legte die Hände auf meine Schultern und sah mich im Spiegel fest an. „Du weißt, was das bedeutet, John. Das hier ist kein Spielzeug, das man nach Belieben an- und ablegt. Es ist eine Wunde. Drei Tage bleibt diese Folie unberührt. Keine Seife direkt auf die Stelle, kein heißes Wasser, kein Reiben. Und vor allem: absolute Schonung.“

„Ich passe auf“, brachte ich heiser hervor.

Nadja lachte leise auf, stieß sich vom Türrahmen ab und trat näher an mich heran. Ihr Blick glitt über die dunkle Tinte, die sich nun unveränderlich unter der Folie abzeichnete, und wanderte dann weiter zu der stählernen Hülse zwischen meinen Beinen.

Während Nadja sprach, glitt Loonas Hand langsam an meiner Hüfte hinab. Ihre Finger fanden den Basisring, umfassten ihn mit ruhigem Druck und drehten ihn einmal sacht, gerade so weit, dass der Stahl gegen die gereizte Haut arbeitete. Sie ließ nicht los, während sie mich weiter im Spiegel musterte.

„Jetzt sag mal ehrlich, John“, begann Nadja mit einem heiteren Glänzen in den Augen und legte den Kopf schief. „Wie fühlt es sich an? Du hast jetzt ein permanentes Symbol für weibliche Führung fest in deiner Haut sitzen. Kein Schlüssel der Welt kann das wieder aufschließen. Was geht in deinem Kopf vor, wenn du daran herabblickst?“

Ich starrte auf mein Spiegelbild, unfähig, ihrem forschenden Blick auszuweichen. Mein Herz schlug spürbar gegen meine Rippen. Loonas Finger zogen den Ring noch einmal millimetergenau nach unten und ließen ihn dann wieder gegen das Schambein federn.

„Es ist… überwältigend“, gestand ich leise, während die Röte mir in die Wangen stieg. „Es fühlt sich an, als gäbe es ab heute keine Ausflüchte mehr. Den Käfig konnte ich mir immer noch als eine Phase oder ein Arrangement schönreden. Aber das hier… das bin jetzt ich. Für immer gezeichnet.“

„Ganz genau“, erwiderte Loona sanft, und ihre Finger glitten von meinen Schultern an meinen Hals, wo sie den Rand des Samt-Chokers kurz berührte. Die andere Hand blieb am Stahl, der Daumen strich langsam über die Kappe, während sie weitersprach. „Es nimmt dir die Last, so tun zu müssen, als wärst du da draußen derselbe Mann wie früher. Aber sag uns: Wie war es drüben bei Ben für dich? Du warst kreidebleich auf dieser Liege.“

Die Erinnerung an das Studio schnürte mir augenblicklich die Kehle zu. Loonas Finger schlossen sich fester um den Zylinder und hielten ihn still, als wolle sie die Antwort am Metall selbst spüren.

„Es war die Hölle“, presste ich hervor und senkte für einen Moment den Kopf. „Vor euch beiden… daran habe ich mich auf eine seltsame Weise gewöhnt. Aber vor Ben… vor einem anderen Mann, der genau in meinem Alter ist, der völlig frei ist, breit gebaut, tätowiert… nackt vor ihm zu liegen, während er meinen Käfig begutachtet und mit den Fingern dagegenklopft… ich habe mich noch nie so wertlos und lächerlich gefühlt.“

Nadja kicherte amüsiert und tauschte einen kurzen, verschwörerischen Blick mit Loona aus.

„Und trotzdem hast du stillgehalten wie eine Eins“, spottete Nadja neckend. „Und gib es ruhig zu: Als er angefangen hat, ganz offen mit mir zu flirten, während er dich mit einer Hand am Boden festnagelte… das hat dir den Rest gegeben, stimmt’s? Du lagst da, konntest kein Wort herausbringen und musstest zusehen, wie er ganz selbstverständlich den Ton angibt.“

Ich biss mir auf die Lippe. Die Demütigung brannte wieder heiß in mir auf. Loona ließ den Zylinder einmal langsam zwischen den Fingern rollen, ohne den Blick von meinem Gesicht im Spiegel zu nehmen.

„Ja“, antwortete ich tonlos. „Zu sehen, wie leichtfüßig er mit dir geredet hat, während ich nur das Objekt auf seiner Liege war… das hat wehgetan. Aber es hat mir auch brutal klargemacht, wo mein Platz ist. Dass ich kein Recht mehr habe, mitzureden.“

Loonas Lippen teilten sich zu jenem samtigen, tief zufriedenen Lächeln, das immer dann erschien, wenn ich ihre Erwartungen vollkommen erfüllte. Sie strich mir mit der Kuppe ihres Zeigefingers über das Kinn, hob mein Gesicht leicht an und sah mir tief in die Augen, während ihre andere Hand den Stahl noch einen letzten, festen Moment festhielt, bevor sie ihn losließ.

„Das hast du gut erkannt, John“, sagte sie leise. „Du hast dich diesem Schmerz und dieser Scham gestellt, ohne davonzulaufen. Ben hat hervorragende Arbeit geleistet. Er hält dich für ein zahmes Spielzeug, und du hast ihm keinen Grund gegeben, an deiner Fügsamkeit zu zweifeln. Du hast deine Lektion für heute gelernt.“

Nadja musterte mich noch einmal mit sichtbarem Vergnügen, ehe sie auf ihre Uhr sah.

„Er sieht fast ein bisschen enttäuscht aus, Loona“, wandte sich Nadja wieder ihrer Freundin zu und lachte hell auf. „Dachtest du etwa, wir nehmen dich heute Nacht in diesem Zustand mit ins KitKat, John? Mit einer frischen Tätowierung, die bei jedem Schritt aufscheuern würde?“

„Ganz sicher nicht“, stellte Loona unmissverständlich klar. Ein feines, überlegenes Lächeln trat auf ihre Lippen. „Ein Medizinstudent sollte die Grundlagen der Wundheilung eigentlich selbst kennen. Du bleibst heute Nacht genau hier.“

Sie trat einen Schritt zurück, griff nach ihrer kleinen Tasche und musterte mich noch einmal von Kopf bis Fuß.

„Zieh dir eine weite Baumwollhose an, mach die Küche sauber und geh ins Bett. Du wartest hier auf uns, bis wir zurück sind. Wenn wir morgen früh nach Hause kommen, ist die Wohnung aufgeräumt und der Kaffee fertig. Hast du mich verstanden?“

„Ja, Loona“, antwortete ich und neigte den Kopf.

Bevor sie sich abwandte, deutete sie mit einem kurzen Blick auf ihre Schuhe. Ich verstand, sank auf die Knie und beugte mich vor. Zuerst berührten meine Lippen die matte Spitze ihres Absatzes, dann die von Nadjas Plateaustiefeln. Beide hielten still, während ich beide Schuhe küsste, den Atem flach, den Stahl noch immer zwischen den Schenkeln.

„Sehr brav“, sagte sie, strich mir ein einziges Mal flüchtig über die Wange und wandte sich ab. Ein feines, spöttisches Lächeln blieb auf ihren Lippen, als sie hinzufügte: „Vielleicht bringen wir dir aus dem Club noch etwas mit. Einen kleinen Nachtisch. Meine Pussy, frisch gefüllt von jemand anderem. Den Creampie kannst du dir dann verdienen, wenn die Wohnung morgen früh sauber ist.“

„Viel Spaß beim Warten, Mediziner“, verabschiedete sich Nadja mit einem neckenden Zwinkern.

Die Absätze der beiden Frauen klackten über die Dielen des Flurs. Kurz darauf hörte ich das Öffnen der schweren Wohnungstür, ein gedämpftes Lachen im Treppenhaus und schließlich das metallische Ins-Schloss-Fallen des Riegels.

Dann war es still.

Eine drückende, vollkommene Stille legte sich über die Altbauwohnung.

Ich blieb allein vor dem großen Badezimmerspiegel stehen. Das grelle Licht beleuchtete jedes Detail: die blasse Haut meiner Flanke, die Rötung um das Dreieck, die schwarze Fineline-Spitze mit dem integrierten Venussymbol, die sich scharf und unmissverständlich knapp über dem Beckenkamm abzeichnete. Direkt daneben lag der matte, kalte Chirurgenstahl – fest verschlossen, unverrückbar, stumm.

Ich hob vorsichtig die Hand und ließ die Fingerkuppen über die glatte Plastikschicht der Folie gleiten. Darunter brannte das Fleisch wie Feuer.

Zum ersten Mal begriff ich die ganze Tragweite dieses Abends: Die beiden Frauen waren unterwegs in die Berliner Nacht, frei, ausgelassen und unberührt von den Geschehnissen, während ich hier in der leeren Wohnung zurückblieb – dauerhaft markiert, eingesperrt im Stahl und gebunden an eine Ordnung, aus der es ab heute kein Zurück mehr gab.

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