What's next?
Montag an der Charité
Der Wecker klingelte am Montagmorgen um Punkt sechs Uhr.
Einen kurzen Augenblick lang lag ich völlig regungslos im Bett, doch die Realität holte mich mit dem ersten Atemzug ein. Die rechte Flanke brannte dumpf. Unter der atmungsaktiven Folie pochte das frisch gestochene Dreieck bei jedem Herzschlag, heiß und gereizt über der Knochenkante des Beckens. Direkt daneben lag der fugenlose Ring des Chirurgenstahls, dessen kalte Kanten sich unnachgiebig in mein Fleisch drückten.
Ich schlug die Decke zurück und stand vorsichtig auf. Das bloße Anwinkeln der Beine beim Aufstehen spannte die Haut über dem Beckenkamm so straff, dass ein stechender Schmerz durch meine Seite fuhr.
Im Badezimmer zog ich vorsichtig eine frische, weiche Unterhose an, bedacht darauf, dass der elastische Saum nicht an den Rändern der Folie scheuerte. Dann schlüpfte ich in eine dunkle Stoffhose mit weitem Bund. Kein Reißverschluss, der drückte, kein fester Gürtel, der einschnitt. Darüber ein schlichtes, dunkles Hemd, dessen Saum ich locker über die Hose fallen ließ.
Zwei Stunden später betrat ich das historische Gelände der Charité in Mitte. Der Geruch nach Desinfektionsmitteln, feuchtem Herbstlaub und dem abgestandenen Kaffee aus den Automaten schlug mir im Foyer entgegen. Um mich herum eilten Studenten, Ärzte und Dozenten durch die Gänge, vertieft in Gespräche über Testate und Visiten. Ich streifte meinen weißen Klinikkittel über, schloss die Knöpfe und ging langsam die Stufen zum Hörsaal hinauf.
Jeder Schritt war eine kleine Zerreißprobe. Wenn ich das rechte Bein nach vorn schwang, rieb der Stoff der Hose ganz leicht über das sterile Pflaster. Es brannte wie ein frischer Sonnenbrand, und mein Gehirn meldete bei jeder Bewegung Alarm: bloß nicht hängenbleiben, bloß die Ränder nicht aufrollen.
Im Hörsaal war die zweite Reihe bereits besetzt. Mira saß an ihrem gewohnten Platz. Ihr dunkelblondes Haar war zu einem sauberen Knoten hochgesteckt, die Ärmel ihres schwarzen Rollkragenpullovers hatte sie bis zu den Ellenbogen geschoben. Als sie mich bemerkte, strahlte sie mich mit jenem offenen, unkomplizierten Lächeln an, das mir schon im letzten Semester so vertraut geworden war.
„Morgen, John“, sagte sie gut gelaunt und räumte ihre Tasche vom Nachbarsitz. „Du bist pünktlich. Ich dachte schon, du hängst wieder in der Ringbahn fest.“
„Guten Morgen, Mira“, erwiderte ich, bemüht, meine Stimme vollkommen neutral klingen zu lassen.
Ich schob mich langsam in die schmale Holzbank. Als ich mich setzte und die Hüfte abknickte, stauchte sich der Stoff meiner Hose genau auf der Höhe des rechten Beckenknochens zusammen. Der Druck traf die gereizte Wunde mit voller Wucht. Ein scharfer, schneidender Schmerz fuhr mir in die Seite. Ich presste die Zähne aufeinander, atmete zischend durch die Nase ein und hielt mich am Rand des Pultes fest, um keinen Laut von mir zu geben.
Miras Blick, der eben noch auf ihren Notizen auf dem Tablet gelegen hatte, schoss sofort zu mir herüber. Ihre Augen verengten sich zu jenen scharfen Schlitzen, mit denen sie sonst Laborbefunde sezierte.
„Alles gut bei dir?“, fragte sie stirnrunzelnd und legte den Kopf leicht schief. „Du hast dich gerade hingesetzt, als hättest du eine akute Appendizitis. Dein ganzes Gesicht ist weiß geworden.“
„Nur… etwas verhoben beim Sport am Wochenende“, log ich hastig und griff nach meinem Notizblock, um meine Hände zu beschäftigen. „Die Lendenwirbel sind ein bisschen blockiert. Zieht ziemlich fies in die rechte Hüfte.“
Mira musterte mich lange. Ein amüsiertes, fast diebisches Schmunzeln trat auf ihre Lippen. Sie lehnte sich ein Stück zu mir herüber, stützte das Kinn auf ihre Handfläche und musterte meine steife Haltung von der Seite.
„Sport also“, sagte sie leise, und in ihrer Stimme lag jener spielerische Spott, der mich sofort ins Schwitzen brachte. „Du bist in letzter Zeit ganz schön aktiv, Herr Kollege. Letzte Woche der Krampf beim Ultraschall, davor die angebliche Salbe, und heute die Hüfte. Sag mal, machst du Extremsport, von dem ich nichts weiß?“
„Ganz normales Training“, presste ich hervor und vermied es tunlichst, mich nach rechts zu neigen.
„Wenn du meinst“, murmelte sie, doch ihre Augen funkelten vor Neugier. Sie schlug die Beine schwungvoll übereinander. Die Spitze ihres schicken Stiefels landete dabei ganz beiläufig nur wenige Zentimeter neben meinem Schienbein, wippte sanft auf und ab und schien mich stumm daran zu erinnern, wie nah sie meinem Geheimnis in den letzten Wochen schon gekommen war.
Mir fiel auf, dass sie die Stiefel jetzt fast jeden Tag trug. Das weiche Leder schmiegte sich eng an ihre Waden, und die schmale Spitze schien sie mit einer Selbstverständlichkeit zu bewegen, als gehöre sie längst zu ihrem Alltag an der Charité. Ich zwang mich, den Blick wieder auf mein Tablet zu richten, doch die Bewegung ihrer Fußspitze blieb am Rand meines Sichtfelds.
„Du trägst die Stiefel in letzter Zeit ziemlich oft“, sagte ich nach einem Moment, bemüht, beiläufig zu klingen. „Die stehen dir wirklich gut. Fallen sie dir nicht irgendwann auf die Nerven, wenn du den ganzen Tag damit herumläufst?“
Mira lachte leise und ließ die Spitze noch einmal sachte kreisen, bevor sie antwortete.
„Eigentlich nicht“, erwiderte sie und zuckte leicht mit den Schultern. „Ich finde sie einfach bequem, und sie passen zu fast allem, was ich im Semester trage. Außerdem mag ich, wie sie sich anfühlen, wenn ich damit gehe. Es ist ein bisschen so, als würde man den Tag etwas aufrechter angehen. Du wirkst allerdings so, als würdest du sie öfter bemerken als die meisten anderen hier im Hörsaal.“
„Ich… ich achte halt auf Details“, brachte ich hervor und spürte, wie mir die Wärme in die Wangen stieg. „Berufskrankheit, schätze ich.“
„Wenn du meinst“, sagte sie erneut, diesmal mit einem etwas längeren Blick auf meine Haltung. „Pass bloß auf, dass du dich nachher im praktischen Teil im Untersuchungskurs nicht wieder so verrenkst. Wenn wir die Lymphknoten palpieren, brauche ich einen Partner, der nicht bei jeder Berührung von der Bank springt. Und falls deine Hüfte wirklich so blockiert ist, solltest du vielleicht mal jemanden draufschauen lassen, bevor du dich in der nächsten Woche noch mehr verhedderst.“
„Ich werde es im Hinterkopf behalten“, antwortete ich und nickte knapp. „Aber es wird schon besser werden. Es ist nur eine vorübergehende Sache.“
Mira ließ den Blick noch einen Moment auf mir ruhen, dann wandte sie sich wieder ihrem Tablet zu und tippte etwas in ihre Notizen. Die Spitze ihres Stiefels blieb neben meinem Schienbein, und sie bewegte sie von Zeit zu Zeit ganz leicht, als würde sie nebenbei nachdenken.
Der Vormittag an der Charité zog sich zäh dahin. Bei jeder noch so kleinen Drehung des Oberkörpers schickte die brennende Knochenhaut stechende Impulse durch mein Nervensystem. Und immer, wenn ich aufstand oder mich bückte, um meine Tasche aufzuheben, spürte ich Miras forschenden Blick im Rücken – wach, aufmerksam, aber ohne jede Feindseligkeit. Es war, als würde sie ein medizinisches Rätsel beobachten, dessen Lösung sie Schritt für Schritt einkreiste.
Die Tage vergingen in dieser hochgespannten Mischung aus bürgerlicher Pflichterfüllung und der stummen Folter unter meiner Kleidung.
Am Donnerstagabend, fast eine Woche nach dem Termin bei Ben, war der Moment schließlich gekommen.
Ich kniete auf den kalten Fliesen unseres Badezimmers in Steglitz. Loona stand hinter mir, eine schmale Schere, ein Papiertuch und eine weiße Tube Wund- und Heilsalbe auf dem Rand des Waschbeckens bereitgelegt. Sie trug eine bequeme Seidenhose, ihr schwarzes Haar locker hochgesteckt, und strahlte jene ruhige, unnahbare Autorität aus, die ihr eigen war.
„Hose und Unterwäsche ganz ausziehen, John“, wies sie mich mit leiser, bestimmter Stimme an. „Hände flach auf die Oberschenkel. Und halt absolut still.“
Ich gehorchte ohne ein Wort. Die kühle Luft des Raumes legte sich auf meine nackte Haut.
Loona beugte sich hinab. Ihre Finger, kühl und geschmeidig, tasteten den Rand der Suprasorb-Folie ab. Mit zwei Fingernägeln löste sie die oberste Ecke an meinem Rippenbogen.
„Jetzt ganz ruhig durchatmen“, sagte sie sachlich.
Sie zog die Folie langsam, in einem flachen Winkel von meiner Haut ab. Das klebrige Material leistete Widerstand; es ziepte empfindlich über den gereizten Poren und dem Beckenknochen, als die Wunde nach Tagen zum ersten Mal wieder mit der Außenluft in Berührung kam. Ein brennender Schmerz flammte auf, doch ich biss mir auf die Lippe und rührte mich nicht.
Als die Folie mit einem leisen Reißen vollständig abgelöst war, warf Loona das Plastikstück in den Treteimer.
Sie trat einen Schritt zurück, neigte den Kopf zur Seite und begutachtete das Ergebnis im grellen Neonlicht des Badezimmers.
Auf meiner hellen, glatten Haut stand das Tattoo: Das nach unten weisende Dreieck mit dem integrierten Venuselement zeichnete sich gestochen scharf, tiefschwarz und ohne jede Verwischung ab. Die Rötung der ersten Tage war vollkommen verschwunden; die zarten Linien lagen makellos und ebenmäßig auf der Knochenkante, unmittelbar neben dem starren Basisring des Käfigs.
„Ben hat exzellente Arbeit geleistet“, urteilte Loona mit einem feinen, zufriedenen Lächeln auf den Lippen. „Präzise, dezent und absolut klar.“
Sie griff nach der Tube mit der Panthenolcreme, drückte einen kleinen Strang der dicken, weißen Paste auf ihre Zeigefingerkuppe und kniete sich vor mich hin.
Ihr Blick hielt meine Augen fest, während ihre Hand langsam zu meiner Flanke glitt. Als ihre Fingerspitze die frische Tätowierung berührte, zuckte mein Körper unwillkürlich zusammen. Die Creme war kühl, doch der Druck auf den Knochen ließ die Nervenenden aufblitzen.
„Nicht zappeln, mein Kleiner“, flüsterte Loona mit sanfter, unerbittlicher Strenge.
Mit langsamen, kreisenden Bewegungen begann sie, die Salbe über die feinen schwarzen Linien zu massieren. Ihre Fingerkuppe strich über die Spitzen des Dreiecks, fuhr das zarte Venussymbol nach und glitt ganz beiläufig immer wieder knapp an den stählernen Ring heran, der mein Schambein einfasste.
Jeder ihrer Züge brannte sich in mein Bewusstsein ein: Sie pflegte mich. Sie versorgte die Wunde, die sie selbst für mich bestimmt hatte. Es war eine intime, fast liebevolle Fürsorge, die mich in ihrer totalen Selbstverständlichkeit tiefer an sie band als jeder Befehl.
„Das gehört jetzt zu dir, John“, sagte sie leise, während sie die letzten Reste der Creme transparent auf meiner Haut verrieb. Ihre Augen musterten das Symbol mit unverhohlenem Besitzanspruch. „Ab heute gibt es keine Zweifel mehr daran, wer du bist und wohin du gehörst. Selbst wenn du im Kittel an der Charité stehst, neben deiner braven Mira – dieses Siegel trägst du unter jeder Schicht Stoff.“
Sie klopfte mir mit der flachen Hand ganz leicht gegen die Wange, erhob sich mit eleganter Ruhe und wusch sich am Waschbecken die Hände ab.
„Zieh dich wieder an, John“, sagte sie mit einem entspannten Lächeln und trocknete sich die Finger an einem Handtuch ab. „Die Haut ist geschlossen, die Salbe zieht ein. Und das passt zeitlich wirklich perfekt.“
Ich zog vorsichtig die Baumwollhose über die gecremte Flanke, richtete mich langsam auf und sah sie fragend an. „Wie meinst du das?“
Loona lehnte sich an die Kante des Waschbeckens und musterte mich amüsiert von oben bis unten.
„Nadja hat vorhin geschrieben“, erklärte sie mit samtener Stimme. „Sie schmeißt nächsten Freitag 'nen gemütlichen Abend bei sich. Nur 'n paar Leute aus ihrem engeren Kreis, gute Drinks, bisschen Musik. Und sie hat uns beide eingeladen.“
Ein leiser Hauch von Erleichterung stieg in mir auf, doch Loonas Mundwinkel zuckten genau in jenem Moment zu einem spöttischen Schmunzeln, das mir sofort wieder den Magen zuschnürte.
„Allerdings gehst du da natürlich nicht als Gast hin, mein Kleiner“, fuhr sie leise fort und tippte mit dem Zeigefinger gegen meinen Brustkorb. „Nadja fand die Idee herrlich, dass du den Abend über den Service übernimmst. Du wirst für uns und ihre Freundinnen die Drinks mixen, Gläser abräumen und dafür sorgen, dass es den Mädels an nichts fehlt. Schön unauffällig im Hintergrund, brav und aufmerksam. Du weißt ja inzwischen, wie man ordentlich bedient.“
Sie griff nach ihrer Kosmetiktasche und wandte sich zur Tür.
„Und das Beste ist, dass du bei Nadja kein braves Bild abgeben musst wie an der Charité. Ihre Mädels wissen genau Bescheid. Freund dich also schon mal mit der Vorstellung an, wie du da mit frischem Tattoo und fest verschlossenem Stahl durch ihre Freundinnenrunde wuselst.“
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