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Unsichtbare Fäden

Chapter 56 by Levantin Levantin

Drei Tage waren seit jener Nacht vergangen, und mein Alltag hatte eine neue, beängstigend feste Umlaufbahn eingenommen. Die Wundsalbe hatte die offenen Stellen beruhigt, doch das ständige, unerbittliche Gewicht des Harzkäfigs erinnerte mich mit jedem Schritt daran, wer die Kontrolle besaß. Am Handgelenk maß die Apple Watch jeden unruhigen Pulsschlag, während Loona mich morgens mit beiläufiger Sanftheit musterte und mich mit stummen Blicken daran erinnerte, brav meine Runden zu drehen.

Es war Donnerstagvormittag, dritte Stunde, Doppelstunde Deutsch. Draußen drückte ein zäher Frühherbstregen gegen die hohen Fenster des Klassenzimmers. Der Raum roch nach nassen Jacken, Kreidestaub und stickiger Heizungsluft.

Ich saß in der vorletzten Reihe. Das Sitzen auf dem harten Holzstuhl war nach zwei Stunden reine Folter; die Kanten des Rings drückten punktgenau auf die Leiste, sobald ich mich nur um ein paar Zentimeter verlagerte. Vor mir stand der Laptop mit gedimmter Helligkeit. Offiziell sollte ich Notizen zu einer Gedichtanalyse verfassen.

In Wahrheit lag neben der Tastatur ein abgegriffener Collegeblock mit Emmas zittriger Handschrift. Emma saß zwei Reihen weiter vorn, direkt am Fenster, ihr langes Haar fiel locker über die Schultern, während sie sich beiläufig mit ihrer Banknachbarin über eine Party am Wochenende unterhielt. Sie beteiligte sich mit keinem Wort am Unterricht – sie musste es auch nicht. Den Teil überließ sie mir.

Meine Finger flogen lautlos über die Tasten. Ich gliederte ihre chaotischen Gedanken zur Epik, korrigierte die Grammatik und fügte Zitate ein. Bei jeder schnellen Bewegung der Beine rieb der Stoff der Jeans gegen das Gehäuse. Eine dumpfe, permanente Erregung pulsierte im Takt meines Herzschlags gegen den Kunststoff. Es war absurd und demütigend: Ich opferte meine eigene Unterrichtszeit, schwitzte über ihren Notizen, und mein Körper dankte es mir mit einem schmerzhaften Pulsieren, das mich fast um den Verstand brachte.

Vorne drehte sich Herr Weber zur Tafel um, um ein Tafelbild anzuschreiben.

Plötzlich drehte sich Emma um. Nicht hastig, sondern mit dieser langsamen, gelangweilten Eleganz, die sie perfekt beherrschte. Sie stützte das Kinn auf die Handfläche und sah mich an. Ihre Mundwinkel zuckten minimal nach oben – jenes warme, charmante Lächeln, das jeder im Raum für reine Freundlichkeit halten musste.

Doch als sie ihr Smartphone mit dem Gehäuse nach oben auf den Tischrand legte, blitzte für den Bruchteil einer Sekunde das Display auf. Sie hielt die Kamera unauffällig leicht schräg, direkt auf meinen Tisch gerichtet. Ein kaum hörbares Klicken ging im Kratzen der Kreide an der Tafel unter.

Emma tippte blitzschnell mit den Daumen über den Bildschirm, warf mir noch einen Blick zu, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, und drehte sich wieder nach vorn.

Zwei Sekunden später vibrierte mein Handgelenk.

Ein kurzer Blick auf das kleine Display der Apple Watch reichte aus. Eine Push-Nachricht von Loona, weitergeleitet direkt aus ihrem Chat mit Emma: Ein Foto von mir, mit gesenktem Kopf, den Fingern auf der Tastatur und Emmas Block daneben.

Darunter {reader:Loonas} Worte, messerscharf und präzise:

Sieht sehr fleißig aus, Kleiner. Emma meint, du machst das fast freiwillig. Zeig ihr nachher, wie dankbar du für die Arbeit bist.

Mein Puls schoss schlagartig in die Höhe. Die Uhr registrierte es sofort mit einem feinen, warnenden Summen. Ich starrte auf den Satz, unfähig zu atmen. Emma hatte das Bild vor drei Sekunden gemacht, und bereits jetzt wusste Loona zu Hause Bescheid. Die Verbindung zwischen beiden funktionierte geräuschlos, wie ein unsichtbarer Faden, der von meinem Tisch mitten in Loonas Penthouse führte.

Als die Pausenglocke schrillte, packte ich hastig meine Sachen. Vor der Tür wartete Emma bereits. Sie stand im Gang, eine Hand lässig in der Manteltasche vergraben, die andere um ihren schweren Rucksack geschlungen.

John, super, dass du fertig bist“, sagte sie laut und mit zuckersüßer Freundlichkeit, sodass zwei Mädchen aus der Parallelklasse zu uns herübersahen. Sie reichte mir ihren Rucksack mit einer selbstverständlichen Bewegung. „Du bist doch so lieb und nimmst den eben mit runter in den Spindtrakt, oder? Mein Rücken bringt mich heute um.“

Es klang wie eine harmlose Gefälligkeit unter Schulfreunden. Niemand schöpfte Verdacht. Niemand sah die Schärfe in ihren Augen.

Ich nahm den Rucksack schweigend entgegen, schulterte die zusätzliche Last und spürte, wie das Gewicht mich leicht nach vorn zog – genau gegen den harten Rand des Käfigs.

„Danke, du bist echt ein Schatz“, säuselte Emma, trat ganz nah an mich heran und strich mir mit zwei Fingern scheinbar kumpelhaft über die Schulter. Ihr Flüstern war so leise, dass es nur für mich bestimmt war: „PDF ist bis heute Abend in meinem Postfach. Und vergiss nicht, Loona zu grüßen.“

Sie drehte sich auf den Absätzen um und spazierte leichtfüßig davon, während ich mit zwei Taschen bepackt durch den vollen Flur trottete. Der Käfig brannte, der Rucksack schnürte mir die Schultern ab, und mit jedem Schritt wurde mir klarer: Selbst hier draußen, umgeben von Hunderten Menschen, gab es kein einziges Versteck mehr.

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