What's next?
Kaffeeklatsch
Der Samstagnachmittag tauchte das Penthouse in trügerisch warmes Herbstlicht, doch in den weitläufigen Räumen herrschte eine beklemmende Stille. Mein Vater war übers Wochenende zu einem Kongress nach Frankfurt gereist, und seine Frau hatte sich für den Tag mit Freundinnen verabredet. Die Wohnung gehörte ganz Loona – und damit auch mir als ihr einzig verbliebener Verfügungsmasse.
Gegen fünf Uhr summte die Gegensprechanlage. Mein Magen zog sich reflexartig zusammen.
Als die Flügeltür aufglitt, stand Emma im Flur. Sie trug eine enge dunkle Jeans, weiße Sneaker und eine kurze beigefarbene Daunenjacke, die Wangen noch leicht gerötet von der kühlen Luft. Sie strahlte diese mühelose, selbstbewusste Frische aus, die jeden Raum sofort vereinnahmte.
„Hey Loona!“, rief sie fröhlich, schlüpfte aus den Schuhen und trat ohne jede Scheu ein, als ginge sie in ihrem eigenen Elternhaus ein und aus.
Loona kam aus dem Wohnbereich, im cremefarbenen Kaschmirpullover und schwarzer Hose, die Arme verschränkt. Ein schmales, zufriedenes Lächeln lag auf ihren Zügen. „Pünktlich. Sehr gut. Komm rein.“
Emma warf mir beim Vorbeigehen einen flüchtigen Blick zu, musterte meine graue Jogginghose und die nach unten gerichteten Augen mit einem kaum merklichen Zucken der Mundwinkel. „Na, John. Hast du den Deutschunterricht gut überstanden?“
Ich brachte nur ein heiseres „Hallo“ heraus.
Im Wohnzimmer machten die beiden es sich auf der großen Wohnlandschaft bequem. Emma zog die Beine an, klappte ihr iPad auf und legte mehrere Ausdrucke auf den Glastisch, während Loona sich mit einem Kissen im Rücken zurücklehnte. Es sah aus wie ein entspannter Nachmittag zweier Freundinnen, die gemeinsam lernten – doch die Rollen waren längst in Stein gemeißelt.
„John“, ertönte {reader:Loonas} Stimme, ruhig und ohne jede Anstrengung. „Eistee für Emma. Zitrone, frische Minze, viel Eis. Und bring mir einen Espresso. Schnell.“
„Bin schon unterwegs“, murmelte ich, drehte auf dem Absatz um und lief in die Küche. Das Harzgehäuse scheuerte bei jeder Wendung an der noch immer empfindlichen Haut im Schritt. Meine Hände zitterten leicht, als ich die Eiswürfel in das Kristallglas füllte und die Maschine anstellte.
Als ich mit dem schweren Tablett zurück ins Wohnzimmer trat, verstummten die beiden kurz. Ich stellte das Glas vor Emma ab, platzierte den Espresso neben Loona und wollte mich gerade wieder in Richtung Flur zurückziehen.
„Halt“, sagte Emma sanft. Sie nahm einen Schluck durch den gläsernen Strohhalm, schloss kurz genießerisch die Augen und blickte dann zu Loona hinüber. „Sehr lecker. Aber er steht ein bisschen fehl am Platz herum, findest du nicht?“
Loona lachte leise auf – ein trockenes, amüsiertes Geräusch, das mir die Nackenhaare aufstellte. „Allerdings. Auf die Knie, John. Genau da zwischen den Tisch und das Sofa. Wir wollen nicht, dass du im Weg herumstehst.“
Mein Herz klopfte bis zum Hals. Vor zwei Mädchen, in unserem eigenen Wohnzimmer, mitten am Nachmittag. Doch der messerscharfe Blick meiner Stiefschwester duldete nicht das geringste Zögern. Ich senkte den Kopf, ließ mich langsam auf den weichen Teppich herab und kniete mich hin. Durch die gebeugte Haltung grub sich der harte Rand des Käfigs tief in meine Schenkelbeuge, spannte das Fleisch ein und hielt mich in stummer, unbarmherziger Starre gefangen.
Emma überflog ihre Notizen, tippte mit einem langen, lackierten Fingernagel auf das Display und wandte sich vollkommen unbeeindruckt von meiner Präsenz an Loona: „Also, nächste Woche wird stressig. Am Dienstag brauche ich die Zusammenfassung für Geschichte. Vier Themenblöcke, inklusive Zeitstrahl. Und am Donnerstag die Vorbereitung für das Chemie-Protokoll.“
„Kein Problem“, antwortete Loona gelassen, nippte an ihrem Espresso und warf mir einen beiläufigen Blick von oben herab zu. „John hat unter der Woche abends ohnehin nichts Besseres vor. Er tippt das für dich ab. Formatierung nach deinen Vorgaben, pünktlich um sieben Uhr morgens vor der ersten Stunde.“
„Perfekt“, schnurrte Emma. Dann ließ sie beiläufig ihren Arm vom Sofapolster sinken, sodass ihre Fingerspitzen ganz nah an meiner Wange ruhten, fast wie ein stummer Spott. „Und Freitag ist ja die Feier bei Till. Leon holt mich ab, aber wir brauchen vorher noch Vorräte. Wäre super, wenn du da ein bisschen aushilfst, John.“
Ich starrte auf die Glasplatte des Tisches, mein Atem ging stoßweise. Schon wieder Geld. Schon wieder mein Taschengeld. Und diesmal nicht nur für einen Kaffee, sondern für die Einkäufe eines ganzen Abends.
Loona schien meine Gedanken wie ein offenes Buch zu lesen. Sie beugte sich leicht vor, griff mit zwei kühlen Fingern unter mein Kinn und zwang meinen Kopf sanft nach oben, sodass ich in ihre dunklen, funkelnden Augen blicken musste.
„Du hörst, was Emma sagt, Kleiner“, säuselte sie mit samtenem Spott. „Du wirst dich darum kümmern. Keine Ausreden, keine Verzögerungen. Emma hat Priorität, verstanden?“
„Ja, Loona“, presste ich mühsam hervor.
Emma kicherte leise, sichtlich berauscht von der Leichtigkeit, mit der sie mich gemeinsam mit Loona dirigierte. Zwei Mädchen, die mein gesamtes Leben in zwei Hälften teilten – die eine kontrollierte meinen Schultag, die andere meine Nächte, meinen Körper und mein Zuhause.
Als Loona mein Kinn losließ und sich wieder Emma zuwandte, um über belanglose Schulthemen zu plaudern, blieb ich reglos vor ihnen kauernd auf den Knien.
„Weißt du was, Loona?“, sagte Emma plötzlich mit einem gedehnten Seufzen und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Auf der Couch sitzt man zwar gut, aber meine Beine sind vom ganzen Tag noch total schwer.“
Loona warf ihr einen wissenden Blick zu, musterte mich von oben herab und nippte gelassen an ihrem Espresso. „Da lässt sich doch Abhilfe schaffen. John, runter auf alle Viere. Hände flach auf den Teppich, Rücken gerade.“
Mein Magen krampfte sich zusammen. Mitten im Wohnzimmer, zwischen Glastisch und Polstermöbeln. Doch der Tonfall meiner Stiefschwester duldete nicht den Hauch eines Zögerns. Ich senkte den Oberkörper, setzte die Handflächen auf den weichen Teppich und ging in den Vierfüßlerstand. Durch die Haltung spannte sich der Stoff meiner Jogginghose straff, und der harte Kunststoff des Käfigs presste sich unbarmherzig gegen mein Becken.
Emma ließ sich nicht zweimal bitten. Da sie ihre Sneaker schon im Flur ausgezogen hatte, hob sie ohne Umschweife die Beine an und legte ihre Füße in den weißen Socken mitten auf meinen unteren Rücken. Die Fersen drückten spürbar durch den Stoff in meine Lenden, während ihre Zehen sich fast beiläufig bewegten, als teste sie die Stabilität ihrer neuen Unterlage.
„Oh, das ist perfekt“, murmelte Emma und lehnte sich zufrieden mit dem iPad in den Kissen zurück.
Loona schmunzelte kühl, schlüpfte mit einer fließenden Bewegung aus ihren leichten Hausschuhen und hob ebenfalls die Beine. Ihre gepflegten, kühlen Füße legten sich quer über meine Schulterblätter, nah an meinem Nacken.
Das kombinierte Gewicht der beiden drückte mich schwer nach unten. Meine Arme begannen nach wenigen Augenblicken leicht zu zittern, während die Kanten des Gehäuses bei jedem mühsam kontrollierten Atemzug gegen meine Leiste scheuerten. Ich war kein Bruder, kein Mitschüler und kein gleichwertiger Mensch mehr in diesem Raum – ich war buchstäblich zum lebenden Fußschemel degradiert worden, auf dem sie sich entspannten, während sie ungerührt über Termine, Referate und Partys sprachen.
Jedes Mal, wenn eine von ihnen die Beine minimal bewegte oder das Gewicht verlagerte, fuhr ein Ruck durch meinen Körper. Und doch breitete sich unter der brennenden Demütigung eine lähmende, berauschende Hilflosigkeit in mir aus. Die Kontrolle über mein Leben war nun endgültig nahezu lückenlos geworden. Es gab keinen Winkel mehr, keine Sekunde des Tages, an der ich nicht von einer der beiden überwacht, gelenkt oder benutzt wurde – und das Schlimmste daran war die dunkle, unausweichliche Gewissheit, wie vollkommen ich mich diesem Schicksal bereits ergeben hatte.
0 comments
No comments yet
The story has no discussion yet. Leave a note here when a branch gives you something to say.
No chapter comments yet
No one has commented on this branch yet. Add the first note above.